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Archives: Donnerstag, 1. August 2019

L: Helma, du hast deine Doktorarbeit über den Jazz in der DDR geschrieben, Ende des Jahres kommt sie als Buch bei der Cambridge University Press heraus. Wie bist du auf dieses Thema gestoßen?

 

H: Ich wohne in New Orleans. Dort habe ich vor vielen Jahren James C. Booker getroffen. James war häufiger Gast in der DDR. Er hatte dort Ende der 70er Jahren bei Amiga Plattenaufnahmen gemacht. Die wirklich letzte Amiga LP ist ja: „Let’s make a better world“. Booker hat mich nie ganz losgelassen. Während meines PHD Programms kam ich dann auf die Idee, mich mit dem Jazz in der DDR auseinander zu setzen. Und zwar unter der Betrachtung der historischen Gegebenheiten. Der Titel meines Buches lautet auch deswegen: „A People’s Music: Jazz in East Germany 1945 – 1990.“

 

Wie sahen denn nun die Anfänge des Jazz in der DDR aus?

 

Amiga war das erste deutsche Jazz Label. Eigentlich war der Gründer Ernst Busch mit seiner Firma: Lied der Zeit. 1948 machte der amerikanische Trompeter Rex Stewart die ersten Plattenaufnahmen bei Amiga. Er war geschickt worden, um die amerikanischen Soldaten zu entertainen. Er trat u.a. im Delphi-Palast auf, damals ein großer Tanzpalast. Es spielten ausschliesslich schwarze Musiker in den amerikanischen Bands. Jazz galt bei den Staatsobrigkeiten als „amerikanische Unkultur“. Geschickt nutzten einige Jazzfans die Gunst des Zeitgeistes, allen voran Josh Sellhorn, einer der Pioniere des DDR Jazz, und proklamierten ihn um zum „proletarischen Ausdruck der unterdrückten Neger“.

 

Welche Jazzmusiker nutzten ihre Chance zu ihrer Entwicklung einer eigenen Szene im Osten?

 

Dazu gehörten sicherlich der eben erwähnte Sellhorn, dann Petrowsky (1968 in Montreux), Klaus Lenz, der als Meister des Modern Jazz galt. Klar, Manfred Krug, Gumpert, Uschi Brüning, Conrad Bauer, Baby Sommer, Joachim Kühn … Da kommen eine Menge zusammen. Zunächst wurde der Jazz als freie Musik und vorallem als kollektive Erfahrung empfunden. Das grosse Jazzfestival z.B. in Peitz (1972) im Spreewald wurde absolut als Nische empfunden, leider dann 1982 vom Staat verboten. Erstaunlicherweise  waren einige Musiker ziemlich priviligiert. Sie hatten Pässe und konnten somit reisen. Einige besaßen sogar Wohnungen im Westen. Trotzdem verließen einige ihre Heimat und wurden von den Dagebliebenen ziemlich vermisst, wie z. B. Manfred Krug.

 

Im Tal der Ahnungslosen – in Desden – konnte man wahrscheinlich auch schlecht die Radiosender AFN und RIAS empfangen. Der berühmte Maler A.R. Penck stammt ja aus Dresden. Er gründete eine Jazzband mit dem lustigen Namen „Archaik-Fri-Jazz“. Zu seinen Bildzeichen war sie eine herrliche Klangkulisse. Gab es andere Städte, wo sich eine eigene Jazzszene herausbildete?

 

Ja, besonders in Leipzig. Dort wurden schon früh kleine Jazzfeste organisiert. In den 70ern kam es dann zu den öffentlich angekündigten Leipziger Jazztagen. Natürlich darf der Boss vom Leipziger Jazzclub nicht unerwähnt bleiben. Bert Noglik. Bis 2007 war er künstlerischer Leiter der Leipziger Jazztage, später dann ja sogar vom Berliner Jazzfest.

 

In meinen Dresdner Arbeitsjahren waren seine Sendungen im Figaro, wie der MDR noch damals hieß, genüssliche Highlights.

 

Ja unvergessen seine Interviews mit Jazzmusikern, verewigt in „Jazz im Gespräch“ im Verlag Neue Musik Berlin 1980.

 

Noch eine letzte Frage. ECM feiert in diesem Jahr sein 50 jähriges Bestehen, Amiga ist bereits über 70 😊. Gab es zwischen den beiden Labels mal eine Gemeinschaftsproduktion?

 

Darüber ist mir nichts bekannt. Eher wohl nicht. Wenn ich an die getrennten Aufnahmen von ECM und Amiga vom Keith Jarrett Konzert in Köln 1975 denke …

 

Ha, ich frage jetzt nicht, welche Pressung die bessere ist. Helma, danke und viel Erfolg mit deinem Buch „A People’s Music: Jazz in East Germany 1945-1990.“

 

 
 

Video-Wallpapers? Ja, Videotapeten. Im Prinzip ist es ein politisches Projekt und es geht darum, Erwartungshaltungen (Konditionierungen) zu zerstören, die die konventionelle Dramaturgie der Mainstreamfilme im Fernsehen mit sich gebracht hat: Der Zuschauer (Konsument) hatte sich daran gewöhnt, still zu sitzen und ein bestimmten Mustern folgendes Verhalten von Menschen zu betrachten. „Ich bin an einer Arbeit interessiert, die nicht notwendig dieser Beziehung bedarf, sondern eine mehr statische, bildgebundene Arbeit ist, die man betrachten kann und von der man sich abwenden kann wie von einem Gemälde. Es bleibt stehen und man selbst bewegt sich.“ So beschrieb Brian Eno den Ansatz seiner Videoarbeiten. In der Juli-August-Ausgabe der Jazzthetik 1988 analysiert Peter Dietz diese Arbeit in einem klugen Essay mit dem Titel „Die Eno-tapes“. „Wenn ich mich recht entsinne“, schreibt Dietz, „war es Terry Riley, der seine minimalistischen Kompositionen mit den Ereignissen an einem bewölkten Himmel verglich.“ Der Mikrokosmos wird zum Makrokosmos. Dies sei auch das Prinzip von Enos Videokunst. Das Gesamtereignis solle wie ein optisch-akustisches Mantra wirken, bei dem man nach Belieben hinschauen oder auch mal zwischendurch ein Telefonat führen, einen Artikel lesen oder ein Essen zubereiten könne. Peter Dietz teilt Enos Videoarbeiten in vier Phasen ein, und stellt schließlich fest, dass der Bildschirm für Enos Konzept nicht das geeignete Medium ist, dass die Grundidee jedoch am besten bei den Manhatten-Tapes, Mistaken Memories of Mediaevel Manhatten, funktioniert. Probieren Sie es aus. Ich fand die Tapes mit ihrer Hintergrundmusik, über die Dietz schreibt, sie wolle die Fiktion eines Stillstands von Zeit suggerieren, durchaus interessant: es gibt hier viel Himmel zu sehen und verschiedene Sequenzen, Blicke auf Manhatten in der Zeit 1980/81, jeweils mit Standkamera betrachtet. Für einen öffentlichen Raum, einen Flughafen oder eine U-Bahn-Station vielleicht, stelle ich mir die Manhatten-Tapes als Dauer-Videotapete ziemlich cool vor. Für eine Party, die sich auf mehrere Räume verteilt, eignen sie sich sicherlich auch. Eine meiner Schulfreundinnen hatte einen Technikfreak als Bruder, der schonmal die Versorgung mit Videoclips übernahm, was dazu führte, dass immer ein Teil der Partygäste schweigend vor dem Bildschirm herumstand. Enos Manhatten-Tapes hätten wahrscheinlich zu mehr Bewegung und Gesprächen geführt. Für mein Wohnzimmer bevorzuge ich ein ruhiges, aber dennoch inspierendes Bild, das nie langweilig wird, zum Beispiel eine riesige Schwarzweißfotografie, die wahrscheinlich ebenfalls aus der Zeit der frühen Achtziger stammt: Der Blick auf einen Teil von Manhatten, als säße die Kamera auf einem sehr hohen Gebäude gegenüber dem Flat-Iron Building. Dieses Foto, das den Himmel nicht zeigt, sehe ich seit vielen Jahren jeden Tag. Es verändert sich mit dem Einfall des Lichts, ich entdecke in den Straßenzügen, den Schatten winziger Menschen und den Wassertanks auf den Dächern immer wieder neue Details und wenn ich die Häuser betrachte und die beleuchteten Fenster, weiß ich immer noch nicht, ob das Bild an einem frühen Morgen aufgenommen wurde oder bei Einbruch der Nacht.


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