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Archives: Dienstag, 23. Februar 2016

2016 23 Feb.

Abschiedslektion mit Bruce

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Ich bin 23, es ist lange her, ich wohne in Gerbrunn bei Würzburg, und meine Verlobte verlässt mich. Das Wort „Verlobte“ hört sich heute wie tiefes 19. Jahrhundert an. Ich habe definitiv Liebeskummer, und lese „Westwärts 1&2“ von Rolf Dieter Brinkmann. In jener Zeit stosse ich im „Spiegel“ auf einen Artikel zu Bruce Springsteen, der zum „neuen Dylan“ erklärt wird. Naja. Es ist Hochsommer, und ich habe verdammt noch mal Liebeskummer. Ich komme mit einer gutaussehenden Apothekerin ins Gespräch und  frage sie, ob wir uns treffen können. Sie sagt, dass sie einen Freund habe. Ein halbes Jahr später höre ich, dass sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Ich kaufe „Darkness On The Edge Of Town“, und es wird, rückblickend, aus der Erinnerung, meine Lieblingsplatte von Bruce S. werden. Ich höre die Platte oft, und versuche meine verlorene Liebe zurückzugewinnen. An einem Nachmittag. Wie gesagt, Hochsommer. Ich besuche sie mit dem Auto in Veitshöchheim, oder ist es doch ein anderer Ort am Rande von Würzburg? Sie wohnt in einem Appartment, blickt vom Dachgeschoss auf ein kleines Schwimmbad und eine Weide mit Schafen. Sie ist unheimlich schön (eine 10!), und ich bekomme keine Chance mehr. Alles ist Schmerz. Ich liebe sie noch (oder auch nicht), habe einen Ständer und sehe die Schafe im Abendlicht. Ich habe die Platte tatsächlich dabei, es ist die letzte Musik, die wir zusammen hören, und als ich leer zurückfahre, wird mir erst die Ironie des Titels deutlich: „Darkness On The Edge Of Town“. Seit damals habe ich das Album nicht mehr gehört.

Ich bin eine Gebirglerin. Ich besitze ein kleines Theater, das ich auf ausgesuchten Plaetzen aufstelle. 30 Personen finden darin Platz. Zum Einlass muss ein Organ gespendet werden, quasi als kleiner Obolus. Die gezeigten Auffuehrungen haben meist den grotesken Koerper zum Thema. Die Vorstellungen sind auf Wochen ausverkauft.

Einmal weinte eine Theaterbesucherin, weil sie ihr Herz als Eintrittspreis abgegeben hatte. Sie wollte es einer halbgelaehmten Schauspielerin schenken, die den gewuenschten Sex mit dem Armamputierten nicht erfuellen konnte. Manche Zuschauer erklaeren ihre innerliche Befindlichkeit auf Tafeln, die sie um den Hals tragen. Darauf stehen kleine Erklaerungen:
 
„Meine Leber gebe ich gerne.
Meine Sehnsucht ist die Ferne.“

 
oder
 
„Let me be your Trickster.“
 
Ich trage ein starkes Nervenkostuem. In meinen Genen sind Spuren von Till Eulenspiegel.
Das Buehnenbild wird uebrigens nie ausgewechselt. Immer zeigt es den „Garten der Lueste“ von Hieronymus Bosch. Das Publikum mag das Leihen und Borgen der Organe, am begehrtesten ist natuerlich das Herz. Aber der Darm ist auch sehr beliebt. Er bringt eine erstaunliche Dynamik in den Spielablauf. So kann es vorkommen, dass ein Schauspieler seine Koerpersaefte hasst und von der Buehne herunter bittet: „Wer hat eine Blasé fuer mich?“ Ist es nicht in zweierlei Hinsicht geradezu grotesk, jetzt Sloterdijk vorzustellen, wie er selbst in seiner Blasé sitzt mit einem Jongen an seinem Ruecken haengend.

Unerklaerlicherweise sind in den Theaterstuecken immer die Halbmenschen die Guten. Die Bad Boys sind meist die Zerstueckelten. Sie sind immer so laut und uebertoenen das ganze Ensemble mit ihren Urschreisuchen nach ihren abgehackten Gliedern. Manchmal mische ich mich in den Pausen unter das Publikum. Ich hoere dann, wie Vergleiche zu David Cronenberg’s Filmen gezogen werden. Ich verstehe das nicht. Ich kann dazu nichts sagen. Ich bin nur eine Theaterbesitzerin.

Neuerdings besitze ich auch eine Maschine. Sie ist nicht schwer, aber leider sperrig. Sie wird in den neuesten Stuecken gebraucht. Deformierte Koerper werden manchmal an sie angeschlossen. So wie in diesem neuen Tschechow Stueck. Diese daemonische Nase wagt sich einfach zu weit in die Welt hinaus. Sie wird dann mit Hilfe dieser Maschine wieder zurueckgefahren. Uebrigens komme ich alle drei Monate durch Ihre Stadt.
 
„Entrez Mesdames et Messieurs!“


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