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Archives: Montag, 26. September 2011

2011 26 Sep.

Aufgabe der Literatur

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Im Sommer dieses Jahres galt mein Hauptinteresse dem großartigem Buch Stichwort Liebe von David Grossmann. Hierzulande ist Grossmann mit seinem Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden, es erschien 2010, dem Jahr, in dem er auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. 2008 erschien ein Aufsatzband Grossmanns, der die wichtigsten Stellungnahmen zu Politik und Literatur aus den letzten Jahren beinhaltet. In dem Artikel Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse finden sich folgende bedenkenswerte Sätze zur Aufgabe der Literatur:

„ … Die Literatur hat keine einflussreichen Repräsentanten in den Machtzentren dieser von mir beschriebenen Welt, und es fällt mir schwer zu glauben, dass sie sie verändern kann. Doch sie vermag alternative Wege aufzuzeigen, wie man in dieser Welt nach einem inneren Rhythmus und mit einer inneren Kontinuität leben kann, die unseren natürlichen, seelischen und geistigen Bedürfnissen viel mehr entsprechen als das, was uns mit Gewalt von äußeren Systemen aufgezwungen wird.

Ich weiß, dass ich bei der Lektüre eines guten Buches ein inneres Aufklaren durchlebe: Das Gefühl meiner Einzigartigkeit als Mensch wird deutlicher. Die differenzierte, präzise Stimme, die von außen zu mir vordringt, bringt Stimmen in mir zum Sprechen, die vielleicht stumm waren, bis jenes bestimmte Buch kam und sie weckte. Auch wenn Tausende von Menschen in einem bestimmten Moment das gleiche Buch lesen wie ich, steht schließlich jeder von uns allein davor. Für jeden Einzelnen von uns ist das Buch ein Lackmuspapier von einer anderen Sorte.

Das gute Buch – und es gibt nicht viele gute Bücher, denn auch die Literatur ist selbstverständlich den Verführungen und Hindernissen der „Massenmedien“ ausgesetzt – macht den Leser einzigartig und befreit ihn aus der Menge. Es gibt ihm die Möglichkeit zu spüren, wie aus unbekannten Regionen Seeleninhalte, Erinnerungen und Existenzmöglich-keiten in ihm auftauchen und an die Oberfläche steigen, die ihm allein gehören und nur ihm. Die ausschließlich die Frucht seiner Persönlichkeit sind. Das Ergebnis seiner intimsten Schlussfolgerungen. Denn im alltäglichen Leben, in der Vulgarität des Alltags, in der allgemeinen Beschmutzung des Intellekts, der flachen, undifferenzierten Sprache, haben diese Seelenstoffe es schwer, aus jenen inneren Tiefen aufzusteigen und zu Wort zu kommen.

Im Idealfall kann die Literatur unser Schicksal und das Schicksal anderer, die weit von uns entfernt leben und uns völlig fremd sind, verbinden. Sie kann uns zuweilen zum Staunen darüber bringen, dass wir nur mit knapper Not dem Schicksal fremder Menschen entgangen sind, oder Trauer darüber in uns auslösen, dass wir diesen Fremden nicht wirklich nah sind, nicht die Hand nach ihnen ausstrecken und sie berühren können. Ich sage nicht, dass diese Gefühle uns sofort zu irgendeiner Handlung motivieren, doch ohne sie ist sicher keine Solidarität, Verbindlichkeit und Verantwortung möglich.

Im Idealfall kann die Literatur uns die Gnade gewähren, die Kränkung der Entmenschlichung ein wenig zu überwinden, die das Leben in großen, anonymen, globalisierten Gesellschaften uns antut: die Kränkung, selbst in einer „groben“ Sprache beschrieben zu werden, in Klischees, Verallgemeinerungen und in Stereotypen; die Kränkung unserer Verwandlung in einen – wie Herbert Marcuse sagte – eindimensionalen Menschen.

Und die Literatur gibt uns auch das Gefühl, es gäbe einen Weg, die brutale Willkür unseres Schicksals zu bekämpfen: Selbst, wenn am Ende von Kafkas Prozess die Behörden Josef K. „wie einen Hund“ erschießen. Auch wenn Antigone hingerichtet wird, auch wenn Hans Castorp im Zauberberg am Ende stirbt, haben wir, die wir sie in ihrem Kampf begleitet haben, die Macht des Einzelnen entdeckt, menschlich zu bleiben, auch unter schwierigsten Bedingungen. Das Lesen – die Literatur – gibt uns unsere Selbstachtung zurück und unser ursprüngliches Gesicht, unser menschliches Antlitz, bevor es in der Masse verschwamm und ausradiert wurde. Bevor wir von unserem Selbst enteignet, vergesellschaftet und als Massenware zum billigsten Preis verkauft wurden.“
 
 

David Grossman, Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse, in:David Grossman, Die Kraft zur Korrektur – Über Politik und Literatur, Frankfurt a.M. 2010, S.95ff

 

2011 26 Sep.

Brederode avec Becker

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Gegensätze befruchten sich gegenseitig. Nicht nur in Beziehungen (women from venus, men from mars); in der Biologie; in Wissenschaft und Philosophie (These – Antithese), sondern auch, wer hätte das gedacht – in der Musik.

Als Heiner Goebbels noch zusammen mit Alfred Harth musizierte, sagte er während eines Konzertes einmal, sinngemäß und ungefähr erinnert: „In meiner Musik versuche ich, Gegensätze zu vereinen. So entsteht Schönheit. Ohne das Böse; das Häßliche; das Brutale; das Kaputte wäre das Schöne (Wohlklingende) einfach nur fad.“

Dies ist wohl der Grund, warum mir die Arbeiten Goebbels´ ebenso wie die David Sylvians; John Zorns; Gary Thomas´ (Saxofonist, werden nur Wenige kennen) und Tim Bernes so attraktiv erscheinen – und ich auch zu jenen gehöre, die Mozarts Musik nie mochten.

Nun begab sich das Folgende am Wochenende in der niedersächsischen Landeshauptstadt: ein schreibfauler, dort residierender Manafonista dachte sich, er müsse endlich mal (wieder?) eine anständige Plattenbesprechung posten, denn die Manafonistas seien schließlich in erster Linie ein Musik-Blog. Und da ihm das Wolfert Brederode Quartett nach erstem, flüchtigen Eindruck gut gefiel – nicht zuletzt, weil der Schlagzeuger auch Qualitätskriterium von Colin Vallons „Rruga“ war, hörte er´s in Ruhe an.

Erinnerungen an Oregon kamen auf; das Piano klang ein bischen wie auf einer alten, verlassenen Dorfschule, aus dem Nebenraum aufgenommen (die ECM-Klasse). Man stelle sich ländliche Gefilde vor: Stille herrscht Allerorten vor. Vielleicht nach langer Wanderung betritt man den leeren Saal dieser Schule – und drückt eine Klaviertaste: pure Magie.

Und trotzdem wurde das Brederode-Hören, so etwa ab Track Zehn, etwas fade. Schade. „Anderes muß her, ein Kontrastprogramm, zur Wiedergutmachung, zur Beseitigung des tendenziellen Schläfrigwerdens!“ Der Zufall wollt´ es so: der Niedersachsen-Manafonista wählte Walter Beckers Circus Money. Es war die Offenbarung.

Noch nie vorher erschien ihm diese Scheibe so gelungen. Delikate Klänge, wie gesampled. Zitate einer grandiosen Jazz, Soul, Fusion – Ära. Dass Viele sich am Gesang Beckers stören: geschenkt. Herrlich schräg, abgedreht, schizo. Diesen angereiften Steely Dan – Genossen stelle man sich in der Harald Schmidt Show vor. Zuckergußzyniker unter sich.

Lacan-Leser werden wissen: ein Essay trug den Titel Kant avec Sade. Ebenso gilt Brederode avec Becker; Les Fleurs avec le Mal; romantische Landidylle avec L.A. – und das Gute ist: es funktioniert.

Post Scriptum: eine „anständige“ Plattenbesprechung ist es nun wieder nicht geworden.


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