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Weil wir bei The Chosen gerade so schön beim Thema waren: Bei The Pope’s Exorcist ( USA, 2023) von Julius Avery mit Russell Crowe – lief im Tagesprogramm, natürlich nachts, weil da ja gewohnheitsmässig der Teufel kommt – fallen mir drei Dinge auf:

1. Eine bemerkenswerte Entlastung der katholischen Kirche:

Der Film erklärt die Gräuel der spanischen Inquisition damit, dass ein Dämon in die Kirche eingedrungen ist – quasi ein externes Problem und nicht dem kirchlichen System inhärent. Damit das schon mal klar ist.. Damit wird historische Schuld erfolgreich externalisiert.

2. Die psychologische Konstruktion:

Der Dämon greift bevorzugt die Schuldgefühle der beiden Priester auf, verdrängte Schuld, Scham und traumatische Erinnerungen werden zu Einfallstoren des Bösen, der Dämon übernimmt damit die Rolle eines grausamen Über-Ichs. Er kennt die intimsten Selbstanklagen und benutzt sie zu Konfrontation und Ich – Zerstörung. Nur wird der innerpsychische Konflikt anschließend wieder in einen äußeren Kampf zwischen Gut und Böse verwandelt und damit ziemlich ubiquitär.

3. Russell Crowe im gemütlichen Opa – Habitus als erstaunlich weltlicher Priester:

Sein Pater Amorth ist humorvoll, trinkt gern, fährt Motorroller und hat durchaus psychologisches Verständnis. In der Anfangsszene erklärt er sogar, dass er einem psychisch kranken Menschen mit einer Art therapeutischem Theater geholfen habe übrigens das Erfolgsrezept der Schamanen. Dieser Amorth ist kein fanatischer Gotteskrieger, sondern ein sympathischer, lebenskluger Mann, versteht etwas von Psychiatrie und geht nicht auf jeden Leim den ihm der Teufel aufstreicht. Die Figur beruht lose auf einem tatsächlich existierenden Exorzisten gleichen Namens. Parallele zu The Chosen: Religion wird modernisiert, vermenschlicht und sympathisch gemacht, während ihre spirituellen Voraussetzungen und Dogmen unangetastet bleiben. Aber was für ein Fundus für Gruselgeschichten…

Filmisch ist das Ganze allerdings ziemlich konventionell: Viel Geschrei, Verrenkungen, dämonische Stimmen und digitale Schauereffekte; ideologisch windet man sich um die Frage der institutionellen Schuld herum wie weiland die Schlange im Paradies um den Apfelbaum: Es gibt zwei verschiedene Anspielungen auf sexuellen Missbrauch im Film – der Dämon beschuldigt den jungen Pater Esquibel, mit Frauen aus seiner Gemeinde zu schlafen.  Er hatte eine Liebesbeziehung mit Adella und sie über seine Absichten belogen. Der Film behandelt das vor allem als Zölibatsbruch, nicht ausdrücklich als sexuellen Missbrauch. Er bezeichnet sie später als die Liebe seines Lebens. Rosaria ist eine junge Frau aus Amorths Vergangenheit. Sie berichtete, der Teufel würde sie nachts sexuell missbrauchen. Amorth hielt sie für psychisch krank und überließ sie anderen Behandlern. Rosaria nahm sich später das Leben. Erst nach ihrem Tod hörte Amorth Gerüchte über sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung im Vatikan, also haben die Padres immerhin auf gut bayrisch Dreck am Stecken und dergleichen darf jetzt immerhin schon ins Kino. Adella verkörpert den verdrängten sexuellen Wunsch des Priesters – Rosaria die verdrängte institutionelle Schuld, beides wird vom Dämon zur Sprache gebracht –  dann verschwindet das Thema praktisch wieder. Die Kirche darf sich ihrer Schuld kurz bewusst werden, aber der Film untersucht weder Täter noch institutionelle Verantwortung. Stattdessen stehen die Schuldgefühle der beiden Priester im Mittelpunkt, die durch die Beichte pro forma bewältigt werden,  man könnte dergleichen Abwehroperationen  als eine Art symbolische Schuldanerkennung bei gleichzeitiger Abwehr ihrer Konsequenz deuten: Missbrauch wird nicht geleugnet. Aber er wird in eine Geschichte persönlicher Schuld, Reue und Vergebung überführt, ist nicht systemisch anzukreiden. Und die Opfer bleiben weitgehend stumm. Das ist gerade angesichts der tatsächlichen Missbrauchsskandale der katholischen Kirche eine ziemlich interessante dramaturgische Entscheidung. Der Film lässt die Kirche beichten, ohne dass sie sich verantworten muss. Die dämonische Besessenheit ist die perfekte Konstruktion, um die menschliche Triebhaftigkeit des Priesters zu verleugnen, am Ende könnte sich ja das Unfehlbarkeitsdogma und sonstige sakrale Überhöhungen auflösen und sich herausstellen dass auch in den hohen Rängen der Kirche ganz normale triebhafte und nicht selten ziemlich gestörte und verlogene Mannsbilder sitzen, da ist der Kunstgriff mit dem Teufel doch ne Stufe besser, das hat die gewünschte Grandiosität, den katholischen Glorienschein, die narzisstische und moralische Rettung dieser Institution und der Priester bleibt Repräsentant des Heiligen und tapferer Gotteskrieger im Kampf gegen das Dunkle und es gibt jede Menge Raum für romantischen Heroismus – man erinnere sich an den wohligen Schauder der einen im Kino bei The Exorcist ( 1976 ) überlief als Pater Karras es geschafft hatte sich den Dämon selbst einzuverleiben und damit aus dem Fenster zu springen um ein Mädchen zu retten. Was letztlich überhaupt nichts nützt solange der Dämon dann doch wieder frei herumläuft – die überleben ja Fensterstürze – aber Exorzismus und Logik widersprechen sich sowieso immer irgendwie..

Später würde der Alte aus Wien das Spaltung und Projektion nennen und damit mal ziemlich recht haben. Das führt zu einer ziemlich hübschen Umkehrung: Vielleicht braucht nicht nur der Mensch den Teufel, um seine Sünden zu erklären, sondern die Institution braucht den Teufel, um ihre Heiligkeit zu bewahren und die als Opfer darzustellen die immer schon Täter waren. Ihre Sünden kann die Kirche mittlerweile nicht mehr leugnen – der Kampf um die Deutungshoheit wird noch weiterhin brav geführt – so wie beim Schach, wenn der Sieg schon unmöglich scheint, aber man verzweifelt versucht noch ein Remis hinzubasteln – oder wenigstens ein Ausgleichstor während das Publikum schon heimgeht.

Neu ist das alles nicht, aber immer wieder klammheimlich erfreulich im Kino zu sehen…diese Anstrengung einer Institution beim Dauerexternalisieren dessen was nicht zum Heiligenschein passt.

Reminiszenzen entstehen zu Friedkin’s Exorcist 1976, Ein Streifen über die Besessenheit eines pubertierenden Mädchens. Er lässt sich individuell als Ausdruck männlicher Angst vor der erwachenden, selbstbestimmten weiblichen Sexualität lesen, kollektiv war es damals die Antwort auf die in den Siebzigerjahren erstarkende Frauenbewegung, als die männliche Welt sich wohl fragte ob jetzt endgültig der Teufel in die Weiber gefahren sei, befürchtet hatte man das ja schon im Mittelalter.

https://www.manafonistas.de/2022/04/18/trotz-ostern-william-friedkin-der-meister-des-abgruendigen/

Allerdings stehen nun die Schuldgefühle der Priester im Fokus, nicht mehr die verführerische Frau, deren Reiz stärker ist als alles andere – was man ihr nie verziehen hat. Das wäre tatsächlich ein bemerkenswerter kulturgeschichtlicher Wandel. Missbraucht werden Kinder übrigens auch hier – aber nicht von Priestern sondern vom Dämon selbst der ihre Körper benutzt wie reale Priester Kinderkörper benutzt haben. Damit wäre auch das Letzte in diesem Film noch zumindest thematisiert, wenn auch nicht ausgesprochen und bearbeitet sondern wieder dem Teufel in die Schuhe geschoben – und der fängt langsam an einem leidzutun. Ist ja schliesslich auch nurn Mensch….

Und jetzt hör ich auf bevor mir auch noch die Hörner durch die Schädeldecke brechen…..

                             

This entry was posted on Freitag, 30. Oktober 2026 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

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