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Remember ( D, 2015 ) v. Atom Erdoyan

Remember ist ein sehr düsterer, langsam erzählter Film über Identität, Schuld, Erinnerung und Selbsttäuschung: Der demente, eben verwitwete Zev, ehemaliger Auschwitz-Gefangener soll den ehemaligen Wachmann Rudy Kurlander, der Zevs Familie auf dem Gewissen hat aufspüren und töten. Und der Regisseur macht dabei etwas Raffiniertes: Die Demenz ist nicht bloß ein dramaturgisches Hindernis, sondern praktisch das Konstruktionsprinzip des ganzen Films, eine Geschichte kollektiven Vergessens und Verschwindens. Was Zev weiß, was er vergessen hat und was ihm andere über seine eigene Vergangenheit erzählen, wird immer unsicherer, jeden Morgen ruft er nach seiner verstorbenen Frau.

Nicht bloß „Wer ist dieser Mann, den ich suche, wirklich?“, sondern ein viel umfassenderes Verschwinden der Konturen. Zevs Gedächtnis zerfällt, damit auch seine Biographie und schließlich sein Ich. Die Menschen die er findet sind nicht der Gesuchte, sind selbst Opfer und tragen die Nummer noch auf dem Arm, Täter haben die Identität von Opfern angenommen um die Entnazifizierung zu überleben. Die Namen werden unsicher, die Personen austauschbar, die Vergangenheit zusehends nur noch in Fragmenten vorhanden. Selbst die historische Wahrheit, die doch scheinbar das Festeste sein müsste – Täter, Opfer, Schuld, Zeugenschaft –, wird durch die brüchigen Erinnerungen der alten Männer schwer greifbar. Und gleichzeitig verschwinden die letzten Menschen, die überhaupt noch aus eigener Erfahrung davon erzählen können. Man könnte nun denken: Was nicht mehr erinnert wird, verliert seine Macht. Bei Egoyan ist es umgekehrt. Das Vergessene wirkt weiter, vielleicht sogar ungehemmter, weil es nicht mehr bewusst eingeordnet werden kann – das kann jeder Traumatherapeut bestätigen. Der Film selbst wirkt dadurch wie ein Raum kurz vor dem Erlöschen. Alles löst sich auf – Erinnerung, Identität, Zeit, moralische Gewissheit, das Ich verliert nach und nach seine Fähigkeit, eine zusammenhängende Lebensgeschichte aufrechtzuerhalten – aber das Verdrängte hält sich erstaunlich hartnäckig. Nur weiß man irgendwann nicht mehr, wem es eigentlich gehört. Alles andere kann verschwimmen: Namen, Rollen, Biographien, Erinnerung, Schuldzuschreibung, selbst das eigene Leben. Nur die tätowierte Nummer der Häftlinge bleibt körperlich eingeschrieben. Sie ist kein Erinnerungsbild, sondern eine Spur, fast schon ein Dokument auf der Haut. Das ist die grausame Umkehrung: Der Mensch verliert seine Geschichte, aber die Entmenschlichung, die ihm angetan wurde, bleibt lesbar und verkörpert. Die Nummer reduziert den Menschen auf etwas Registriertes – und wird Jahrzehnte später ausgerechnet zum Retter.

Was passiert mit unserer Nazivergangenheit wenn der letzte Zeitzeuge verstorben ist, die Mahnmale ihre Bedeutung verlieren, die Bücher nicht mehr verlegt werden und die Museen nicht mehr besucht? Und die junge Generation kein Interesse mehr zeigt sich erinnern zu lassen? Und die Neonazis wieder von vorne auf fruchtbarer Erde anfangen können?

Der Film zeigt wie eine erinnerte Realität im Menschen sukzessive stirbt, das macht ihn beängstigend, aber auch gut. Leider entschloss sich der Regisseur ( Spoiler ) zu einem Schluss der ein Thriller – Ende mit einem unerwarteten Twist konstruiert – und das ist schlecht. Es zerstört den aufgebauten Gedankenraum und gibt dem Film noch einen reisserischen Schluss, in dem der Gesuchte tatsächlich gefunden wird und nicht einmal mehr eintätowierte Nummern als letztes materielles Zeugnis eine unbestreitbare Wahrheit formulieren.

 

Mein Vorschlag für ein besseres Ende: Zev findet den Gesuchten, zieht die Pistole, sieht dessen heutige Familie, die Tochter und die Enkelin und begreift: Rache würde nicht die Vergangenheit reparieren, sondern nur eine neue Gegenwart zerstören. Dann wäre die eigentliche Frage nicht mehr „Hat er den Richtigen erwischt?“, sondern: „Was schuldet man den Toten, wenn die Lebenden unschuldig sind?“ Und darf man auf Rache verzichten, ohne die Schuld zu relativieren? Ich töte dich nicht. Nicht wegen Dir — sondern für die an Deiner Seite die jetzt zusehen müssen. Das wäre bitterer und erwachsener als ein billiger Twist. Nicht: Das Erlittene muss gerächt werden, bis irgendwann „Gerechtigkeit“ hergestellt ist. Sondern: Hier endet die Kette. Ich verweigere die Wiederholung. Ich füge den Kindern und Enkeln nicht noch eine weitere Szene von Gewalt, Schrecken und Verlust hinzu. Ich werde nicht so handeln, dass dein Verbrechen noch einmal neues Leid erzeugt. Das wäre ein sehr starker Schlusspunkt gewesen: Die Erinnerung bleibt. Aber die Gewalt muss aufhören.

Wenn jemand nach dem Lesen jetzt eine klare Sicht des Filmes vermisst – hätte ich genau dessen Stimmung getroffen. Honig im Kopf und keine Gewissheit!

 

 

This entry was posted on Dienstag, 22. September 2026 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

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