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Archives: Montag, 29. Dezember 2025

Was das Herz begehrt (USA, 2003) von Nancy Meyers

 
 

 
 

Dieser Film gebärdet sich zunächst augenfällig als Hollywood-Feelgood-Movie: Ein Haus am Meer, helle Räume, diskreter Luxus und gutaussehende Menschen in vorwiegend heiterer Stimmungslage, die auch mal etwas hypomanisch sein darf – zumindest was die Hauptdarstellerin betrifft. Schon bald kristallisiert sich heraus, wer das finale Paar sein wird – klar, wir sind im luftigen Reich der Komödie und ihrer Vorhersehbarkeit – solide Wohlfühlware. Grosses Herumrätseln und open ends finden andernorts statt. Jack Nicholson agiert in gewohnter Profiroutine als Harry Sanborn: ein Verführer, dessen beste Tage schon verflossen sind und der im Konsumieren junger Frauen die Garanten für seinen Selbstwert und seine narzisstische Regulation findet. Diane Keaton als die Schriftstellerin Erica Barry agiert hier ebenfalls nicht als romantische Projektionsfläche, sondern als alternde alleinstehend Frau mit Format und dem Hintergrund einer langen Zeit der Selbstgenügsamkeit. Demgemäss durchzieht diese Humoreske eine leise dunkle Unterströmung der Themen, die eine Altersliebe unwiderruflich begleiten: Melancholie, Pessimismus, Verletzbarkeit und Scham über einen sich verändernden Körper, dargestellt insbesondere in der ikonisch gewordenen Duschszene, die alle Elemente von Scham, Flucht und Wunsch in einem raschen Schlagabtausch in sich vereint: Sehen, Nichtsehen, Verbergen, Erschrecken, Schützen und Gesehenwerdenwollen.

Harry erleidet bereits zu Anfang einen Herzinfarkt … das Herz ist also hier offensichtlich nicht der Ort des Entflammens und metaphorischer Topos der Gefühle, sondern der Beschädigung und der Kapitulation des Körpers; Erica muss Harry in ihrem Landhaus pflegen – der Verführer ist damit ausgeknockt: Pflege schafft Nähe, aber auch ein Machtgefälle, das macht es Erica möglich sich zu öffnen. Harrys Zusammenbruch ist daher weniger medizinisch als existenziell: Es bringt ihn in die Nähe zu einer Frau, die er bisher gemieden hat – einer Altersgenossin. Und plötzlich ist er auch nicht mehr der Regisseur seiner Begegnungen, sondern Erica ausgeliefert. Boden für Neues!

 
 

               

 
 

Der Film schafft es trotzdem, erotische Spannung zu evozieren, aber auch anrührende Momente zu schaffen, indem er charmant die Probleme eines älteren Paares aufzeigt, das morgens nicht aus dem Bett springt wie das Weissbrot aus dem Toaster, sondern erst mühsam versucht, ohne ihre Lesebrillen den Wecker zu entziffern.

Der Film verzichtet auch auf das Ausschlachten der Dreieckskonstellation beim Hinzukommen des deutlich jüngeren Arztes Julian; dieser fungiert weniger als Rivale und romantischer Gegenpol von Harry, sondern als narzisstische Spiegelung für Erica – er sieht sie, ohne sie zu entwerten – aber diese Option bleibt seltsam leblos und zum Scheitern verurteilt. Die Wahl von Erica wird verständlich: Verlieben im Alter braucht nicht nur Attraktion, sondern gelebtes Leben, gleiche Wunden, ähnliche Verletzbarkeit, Peinlichkeit und vergossene Tränen – und die gleiche Angst – nicht umsonst schreibt Erica lieber Romane über die Liebe, anstatt sie zu leben: Nähe bleibt beherrschbar, so lange sie fiktional bleibt. Ein Film über die Zumutung, sich noch einmal berühren zu lassen, wenn man schon längst gelernt hat, sich zu schützen und das vielleicht sogar überstrapaziert.

 
 

                 

 
 

So könnte man sagen, Erica und Harry landen in einer reifen Objektbeziehung, wenn der Film nicht noch eine kleine freche Arabeske gesetzt hätte – der Griff Harrys an Ericas Hintern bei einem noblen Familienessen samt Enkelkind. Kein harmloser Gag, eher ein Symptom beziehungsweise ein Rückfall Harrys in die Modi der sexuellen Reviermarkierung – Besitz statt Beziehung, Zugriff statt Dialog. Wird das gutgehen? Dem Charme des Drehbuchs und der Schauspieler und dem gelungenen Austarieren von Schwere und Leichtigkeit ist es zu verdanken, dass man diese Geste nicht übelnimmt, sondern mit einem grossen Grinsen aus dem Kino geht und am liebsten mit dem Sitznachbarn High Five machen und einen bechern gehen würde. Darf auch ruhig etwas älter sein …

 

2025 29 Dez.

Ein frischer Gilligan

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„Pluribus“ bedeutet viele, die Vielen (so zumindest meldet es das autobiografische Gedächtnis einem alten Lateiner) oder wie Hauptdarstellerin Rhea Seehorn alias Carol Sturka sie nennt: „The Others“, the afflicted. Die neue Staffel des Drehbuchautors Vince Gilligan folgt den bahnbrechenden Fernsehserien Breaking Bad und Better Call Saul. Hier steht aber nicht die Gewalt von Drogenkartellen im Vordergrund, sondern eine seltsame Veränderung der Menschen, denen die Individualität abhanden kam. Dies bietet eine Fülle von Assoziationen zur gegenwärtigen Lage: Propaganda-Medien, digitale Verdummung (der leider verstorbene französische Philosoph Bernard Stiegler nannte es die „Entropie durch den Gebrauch digitaler Medien“), sich einschleichende Gängelung durch Algorithmen. Der Drehort bleibt Albuquerque, in New Mexico gelegen, der an sich schon eine Show ist und auch sonst kommt das Sehvergügen (Thanks to tough Mrs. Seehorn!) nicht zu kurz. Gerade jetzt zur Winterszeit bietet also Pluribus auch eine günstige Alternative für all jene, die nicht den Flieger in die Karibik nehmen konnten, mittels Streaming-Abo doch noch dem Winterblues zu weichen. Auch zeigt sich wieder einmal der typisch-geniale und lang vermisste Gilligan-Witz, der in seiner eigenen Liga spielt. Erzählt wird nämlich nicht nur wie üblich eine Geschichte. Neben der Handlung mit Helden und Happy End (oder schlechtem Ausgang) sprechen nämlich hier erneut die Dinge für sich auf eine Weise, die auf das eigene Gehirn wie Dopamin wirkt. Staffeln wie Trüffel: auf das sie niemals enden mögen! Und so bleibt, ganz der zauberhaften Landschaft und dem weitem Lichthimmel von New Mexico angemessen, am Ende, wenn der Vorhang fällt und alle Fragen offen bleiben, mindestens Eines: gute Laune.

 


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