Manafonistas

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Archives: Mittwoch, 11. Oktober 2023

2023 11 Okt.

Do you know me now?

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And if you think you knew me then
You don’t know me now …

 

 

Als Blemish 2003 erschien war ich völlig unzureichend darauf vorbereitet, was mich erwarten würde. Verzerrte Sounds, eine weitgehende Dekonstruktion denkbarer Songstrukturen, ein Auseinanderfallen vertrauter musikalischer Muster nur noch durch die Stimme David Sylvians zusammengehalten. Ein Befreiungsschlag und Signatur des Schmerzes einer Trennung in einem, eine zaghafte Suche einen nicht mehr durch die Vorgaben der Musikindustrie geprägten Klangraum zu finden, ein sperriges und verstörendes Werk, zu dem ich erst langsam Zugang fand und es inzwischen wirklich immer wieder gerne höre. Jetzt sind alle 10 Alben, die David Sylvian zwischen 2003 und 2014 auf seinem eigenen Label Samadhisounds veröffentlicht hat in einer Box mit neuer Gestaltung und einem umfangreichen Begleittext wiederveröffentlicht worden: Do You Know Me Now?

 

 

 

 

    1. Blemish (****)
    2. The Good Son vs. the Only Daughter (Blemish Remixes) (***)
    3. Snow Bone Sorrow (Nine Horses) (*****)
    4. Do you know me now? (Sakamoto/Nine Horses/Solo) (****)
    5. When loud Weather Buffeted Naoshima (*)
    6. Manafon (*****)
    7. Died in the Wool (*****)
    8. When We Return You Won’t Recognize Us (***)
    9. Uncommon Deities (w. Jan Bang/Erik Honoré) (**)
    10. There’s A Light That Enters Houses With No Other House In Sight (Sylvian/Fennesz/Wright) (**)

 

 

Die Veröffentlichung von Manafon war ja nun konstituierend für unseren Blog und nicht zuletzt der Namensgeber. Über die Zusammenführung von verschiedensten Sessionfragmenten, die jede bisherige Hörgewohnheit (selbst wenn man sie an Scott Walker geschult hat) in einen permanenten Orientierungsmodus kippte und etwas konsequent Neues schuf, das dennoch auf befremdliche Weise, wenn man sich mal darauf eingelassen hat, sich als ausgesprochen hörbar erwies, schuf Sylvian einen Meilenstein im Songwriting. Wahrscheinlich ist kein Album hier häufiger aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet und gewürdigt worden, ist oft wieder- und umbewertet worden, übermäßig gehört, überhört oder nach Probehören abgelehnt worden oder durch die Perspektive der weiteren musikalischen Entwicklung Sylvians neu eingeordnet worden. Dem kann ich kaum einen neuen Blickwinkel hinzufügen. Leider brach das kreative Schaffen David Sylvians nach Died In The Wool – Manafon Variations deutlich ein, man hörte immer weniger Eigenes, noch ein paar kleinere Kooperationen von ihm und dann, seit 2014: Schweigen. Zugegeben wüsste ich auch nicht, wohin es nach einem Album wie Manafon musikalisch weitergehen könnte, aber es bleibt mir ein leises Warten.

Seit meiner Pubertät waren zuerst Japan und dann die vielen Soloalben, auch seiner Japan-Bandkollegen, wichtiger emotionaler Bestandteil meiner Musiksozialisation. Sylvian war bei mir immer synchron, seine musikalischen Aussagen, auch wenn sie fremder und eigenwilliger wurden, fühlten sich relevant an, bedeuteten mir etwas. Ausser den ganz alten Alben von Japan, sagen wir ab Quiet Life höre ich sie auch immer wieder, teils durchaus mit nicht zu verleugnender Melancholie, die dieser Musik ja auch immanent ist, irgendwo präsent ist, selbst bei den Kooperationen mit Robert Fripp und auf Dead Bees On A Cake. Auch die Ambientalben mit Holger Czukay und die frühen Soloinstallationen sind wundervolle Einladungen eine Stille zwischen den Tönen neu zu erkunden. Nun ist der Teil, in dem David Sylvian die größte Schaffensfreiheit hatte, wieder als Ganzes verfügbar, auch wenn das Label Samadhisound inzwischen Geschichte ist.

 

 

“Although I personally maintain samadhisound is the home of my best work it was produced during a very turbulent period that precipitated some devastating changes in my life. I can’t gloss over this fact as it’s incorporated into, and informs the material in many ways. Maybe that’s why, after all this time, outside of any possible musical innovation, it remains so important to me.”

 

… And if you think you knew me then
You don’t know me now

I was happy, satiated
I was satisfied

 

But I still don’t know you …

2023 11 Okt.

Leben im Bardo

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Christian Petzoldt inszenierte Filme über „Gespenster“ – im weitesten Sinne: Menschen, die unverortet und aus der Zeit gefallen scheinen, in Zwischenbereichen leben, in einer Vergangenheit existieren, die nie zu enden scheint und nie in eine Gegenwart oder Zukunft aufbrechen können. Personifizierte Relikte, seltsam deplaciert. Auch wenn man Petzold nicht mag, ist dieses Thema reizvoll.

Beim Betrachten der Filme von iranischen Regisseuren (hier: Ashgar Farhadi, Jafar Panahi, Susan Gordanshekan) fällt mir auf, wie auch deren Protagonisten in einer Art Bardo leben, einer mühsam errungenen Moderne, in die die überwunden geglaubte Vergangenheit immer wieder bedrohlich und zerstörerisch hineintritt – und dies im Wortsinne: auch ihre Figuren geistern in einer Art Nirgendwo.

Hier sind es Filme über Zeit und die Klebkraft von Vergangenheit(en), Traditionen und frühen Programmierungen. Somit sind es auch Filme über die Schwierigkeiten, politische und gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen, auch im eigenen Inneren.

In Die defekte Katze geht ein in Deutschland lebendes iranisches Pärchen (Arzt und studierte Elektrotechnikerin) – mit konservativen Betonköpfen als Eltern gesegnet, aber westlich-modern sozialisiert – eine arrangierte Ehe ein, obwohl sie durchaus andere Möglichkeiten hätten. Die westlichen „Freiheiten“ mit ihrer Tinderkultur scheinen sie zu ängstigen, so dass auf konservativ-starre Schemata zurückgegriffen wird. Zu zweit kommt man besser durch eine feindliche Welt, das bewiesen schon Hänsel und Gretel – und um eine so gestaltete Beziehung handelt es sich hier auch. Die junge Frau mit abgeschlossenem Technik-Studium findet keine Arbeit oder gibt vor keine zu finden. Sie verkriecht sich zunächst zu Hause, legt sich eine Katze mit einem „Gendefekt“ zu, die martialisch aussieht, aber jämmerlich klagt, wenn man sie alleine lässt. Ein Bild für … ja, für was? Die Beziehung? Die Einsamkeit des jeweils einzelnen, der den anderen nicht liebt aber existenziell braucht?

Junge Menschen, die nicht einlösen können, was sie sich vorgenommen haben. Kiam, der Ehemann, reagiert aggressiv, als Mina einmal alleine tanzen geht. Am Ende versuchen sie eine Annäherung, überreissen, dass sie sich erst kennenlernen müssen: eine noch ungeformte Beziehung, die erst ihre Form finden muss. Im Hintergrund ein Riesenrad als Sehnsuchtssymbol? Oder ewige Umdrehung, ohne von der Stelle zu kommen? Ein nie erreichbares Leuchten?

In Le Passé (Farhadi) sind ebenfalls Verwirrungen der Vergangenheit unheilstiftende Kräfte. Genetischen Programmierungen war lange nicht zu entkommen – jetzt gibt es die CRISPR/Cas-Schere. Wie ist es mit Programmierungen durch archaische Traditionen, die offenbar doch so etwas wie Sicherheit vermittelten – oder würden sie andernfalls so heftig verteidigt werden, unter anderem auch von den Frauen früherer Generationen, obwohl die ja immer die Gelackmeierten waren?

In der Seele schnippelt sich’s nicht so leicht wie in den Eiweißsträngen – vor allem sieht man da beim Operieren nie was. Auch so eine Crux der Psychotherapie – jeder Chirurg würde wahnsinnig werden, wenn er blind operieren müsste, by the way. Uns wirft man’s vor, wenn wir mal daneben tapsen.

Wieviel Angst macht ihnen unsere westliche Freiheit, in der Gott schon lange tot ist, während in der vertrauten Kultur Allah sich schlechthin in alles einmischt – und eine vielleicht trügerische Art von Halt gibt? Und nach dem Tod das Shangri-La wartet?

Nader und Simin (Farhadi) sind ein „modern“ lebendes iranisches Ehepaar, das den Iran verlassen will. Naders dementer Vater ist für ihn ein Grund zu bleiben, seine Frau verlässt ihn und die gemeinsame Tochter.

Farhadi entfaltet ein polytraumatisches Familiendrama, in dem sich die Begriffe Recht und Unrecht, Schuld und Sühne zusehends auflösen. Verkettungen unglücklicher Umstände entfalten eine Art altgriechisches Drama, in dem Schuld ein komplexes und uneindeutiges Gebilde ist und nicht zwangsläufig mit dem Bösen oder böser Absicht verbunden, sondern mit Tragik, Zwangsläufigkeit und Unausweichlichkeit.

Farhadis Protagonisten werden samt und sonders aneinander schuldig, ohne wirklich Böses zu wollen. Wir begegnen hier der überwältigenden Kompliziertheit und Verwirrung des Lebens, in die vor allem Farhadi seine Figuren stürzt. Was nützen hier noch 10 Gebote oder die Entsprechungen im Koran? Schuld nimmt ihren Lauf und alle Dinge haben ihre Kehrseite.

Ebenso das Racheprinzip in The Salesman (Farhadi): Rache tobt sich auch hier aus, zuletzt sogar intrinsisch, wenn der Gewalttäter zum Schluss den vielleicht tödlichen Herzanfall erleidet und er plötzlich unser Mitleid erregt – und der Böse sich als „auch nur menschlich“ zeigt. Auch in A Hero (Farhadi) entfaltet der Regisseur ein komplexes Geflecht (beginnend mit einer im Grunde einfachen Geschichte – seine Spezialität) an gegenseitigen Missverständnissen, in denen man aneinander schuldig wird. Das grauen ist nicht auszurotten.

Was an der westlichen Freiheit gefürchtet ist, ist vielleicht ihre Komplexität und Vieldeutigkeit, das Nicht-mehr-Einordnen-können in die vertrauten Schemata, die nicht-säkularisierte Gesellschaften und Kulturen bieten. Gordanshekan und Farhadi zeigen, wie westliches Leben sein kann, wenn man noch anders verwurzelt ist.

Da wird die westliche Freiheit nicht jubelnd begrüsst, da warten erst die grossen Verunsicherungen und Kompliziertheiten: Freiheit hat ihren Preis, auch die des Lebens, Denkens, Fühlens. Bei Allah herrscht dagegen eine Art archaischer Ordnung. Das macht Religionen und Ideologien so gottverdammt attraktiv.

          Neue iranische Filme erzählen nicht mehr von Burka und Ehrenmorden sondern von der  Mühseligkeit des Hineinwachsens in eine ganz andere Welt.

 


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