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Archives: Donnerstag, 30. März 2023

2023 30 März

50+1st Anniversary Edition

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Gerade erschien [wie zuletzt lustigerweise wieder ein Jahr verspätet] die 50th Anniversary Edition von Honky Château, Elton Johns 1972er „Jump to the top“-Album. Beim Wiederhören (nicht, dass ich es besonders lange nicht gehört hätte…) begleiten mich die Details im neuen Beiheft – Fotos und Berichte von den Aufnahmen im Januar 1972. Gerade wenn man die Platte schon lange kennt, sind diese unveröffentlichten Fotos und Berichte sehr bereichernd und auch erhellend – und machen sehr lebendig, welchen Sprung dieser Moment in Elton Johns Biografie und Karriere bedeutete.

Auch nach über 50 Jahren ist Honky Château ein von vorne bis hinten ein famoses 5 star album. Und die „Session Demos“ der einzelnen Songs sowie die Berichte von den Sessions unterstreichen, wie rasant John und Texter Bernie Taupin diese zehn hervorragenden Songs in wenigen Tagen aus dem Ärmel schüttelten. Das als Aufnahmeort genutzte französische Château d’Hérouville (das den heiteren Albumtitel inspirierte) hatte da übrigens schon eine lange, interessante Geschichte hinter sich, von Balzac und Frederic Chopin bis zu Canned Heat und Grateful Dead.

Bekannt ist seither vor allem natürlich Rocket Man, und gerade auch die 50 Jahre lange Mainstream-Radiokarriere dieses Hits führt durchaus ein wenig in die Irre, wie vielseitig, rock’n’roll-lastig und humorvoll die Platte ist, weitgehend eingespielt von einem Quartett mit Piano, Bass, Gitarre und Schlagzeug – das erste Album von Eltons classic band, die im Wesentlichen bis heute so besteht.

Im Beiheft erfahre ich, dass Gitarrist Davey Johnstone, der hier neu zur Band kam (das restliche Piano-Bass-Schlagzeug-Trio hatte zuvor viel gemeinsam getourt; das rockige Livealbum 17-11-70 beispielsweise legt davon eindrucksvoll Zeugnis ab), vorher gar nicht elektrisch gespielt hatte, sondern in Folkbands seine Sporen verdient hatte. Das erklärt ein wenig den markanten Sound zwischen Rock’n’Roll, Blues, American Roots und Folknoten, etwa das Banjo in „Slave“ (ohne Piano!) und „Honky Cat“, Mandoline in „Mona Lisas and Mad Hatters“ (ohne Schlagzeug). Vereinzelt wurde geschickt ein ARP Synthesizer, die elektrische Violine von Jean-Luc Ponty (später Mahavishnu Orchestra, Mothers of Invention, Return to Forever) oder auch mal Ray Coopers Congas ergänzt, auch mal eine kleine energische Bläsertruppe. In anderen Songs, wie einem meiner Favoriten, „Susie (Dramas)“, spielt das nur das Kernquartett hart rockend und prägt damit den Sound des „neuen“ Hipster-Singer-Songwriters auf den Punkt.

 
 


 
 

Faszinierend scheint mir gerade der Blick in Dekadenschritten von damals bis heute; ein Querschnitt durch die typischen Elton-John-Facetten, die beim breiteren Publikum zweifelsfrei mancherlei Vorbehalte bekräftigten.

1982, mitten in seiner Kokain-Hochphase, veröffentlichte Elton John Jump Up, ein austauschbares Album unter vielen, weder so interessant wie ein Jahr zuvor das hit-freie The Fox noch ansatzweise so erfolgreich wie ein Jahr später das erste Comeback („I’m still standing“) mit Too Low for Zero. Wieder aufgenommen in Frankreich, die Songs jedoch kaum ein Schatten früherer Qualität, das Cover ein Quatsch von 80er-Design, Titel und Besetzung (Jeff Porcaro!) austauschbar, Songs und Texte teils peinlicher Nonsens. Immerhin: Pete Townshend gastiert auf einer netten Akustikgitarren-Nummer, und es gibt eine heartfelt Hommage für John Lennon.

Auch das nach dem Entzug und persönlichen Neuanfang 1992 erschienene Album The One dürfte abseits der Fans heute niemanden mehr interessieren, zu synthetisch der Sound, der noch aus dem Mainstream-Pop der 1980er herübergerettet wurde (kein Wunder, Chris Thomas, in den Siebzigern noch an  stilbildenden Alben von Roxy Music, Eno, Wings, Procul Herum, Bryan Ferry, John Cale oder Badfinger beteiligt, war seit 1982 häufiger mal Eltons Produzent, selten zum Vorteil des Endprodukts), zu austauschbar viele Songs, zu lang ohnehin die ganze CD, erstmals voll die Zeitspielraum der Silberlinge auskostend. Obendrein gab’s ein unfreiwillig(?) komisches Cover von Busenfreund Versace, auf dem Elton seine neuen Haare präsentierte. Immerhin: Eric Clapton singt und spielt auf einem netten MOR-Rocksong mit, und Dave Gilmore spielt ein schönes Gilmore-Solo auf einem dunklen, recht guten Elektropop-Stück. In dem Jahr war ich dann, in der Münchner Olympiahalle, auch erstmals Gast auf der Tournee; es war ein nachhaltig prägender Tagestrip mit meinem Vater.

Weitere zehn Jahre später war gerade das im September 2001 veröffentlichte Songs from the West Coast (wo Elton seither lebt) herausgekommen; ich habe es zufälligerweise damals tatsächlich selbst dort, bei Tower Records in L.A., gekauft. Es ist das erste künstlerische Comeback-Album, das den Sound der ersten Hälfte der 1970er wieder aufleben lässt. Die Songs sind durchweg stark und prägnant, und auch wenn die Kollektion vielleicht eine Spur zu lang erscheint, ist sie reich an Höhepunkten wie dem charmanten „Dark Diamond“ mit Gast Stevie Wonder, dem heiteren „Birds“ oder der Gospel-Rocknummer „The Wasteland“ mit einem starken Orgelauftritt von Billy Preston.

 
 


 
 

2012 befinden wir uns zwischen zwei nostalgisch-frischen, von T Bone Burnett produzierten Spätwerken: The Union (2010) ist ein vielleicht wieder etwas zu langes, aber ausgesprochen gelungenes Duoalbum mit Leon Russell, an dem auch Marc Ribot und Neil Young mitwirkten; mit seiner Mixtur aus Southern Rock, Rhythm & Blues und Gospel knüpft das Werk souverän an die früheren Jahre an, fügt zugleich aber auch eine markant eigene Note hinzu. Und 2013 eines von Elton Johns überhaupt besten Werken: The Diving Board, dem man allein ankreiden kann, dass es den Piano-(Impro-)Fokus nicht mutig genug ausschöpft  und einfach wahnsinnig schlecht abgemischt und/oder gemastert ist. Noch einmal zehn Jahre später liegt wieder ein albernes Cover vor – und eine Platte, die bewusst heterogen einen geradezu wahnwitzigen Querschnitt durch alle möglichen Pop-Aspekte der Gegenwart und Vergangenheit hinlegt, mit Kollaborationen all over the place. Super: die Zusammenarbeit mit Gorillaz und 6LACK. Gelegenheitshörer werden die 16 Songs umfassende Liedersammlung kaum durchstehen, zu viel Kram wird geboten. Gut aber sind Duos mit Lil Nas X, Eddie Vedder und dem 2017 verstorbenen Glen Campbell.

Ob man 2032 (der gute Mann wäre dann 85) noch ein letztes und vielleicht wirklich altersweises Spätwerk zu hören bekommt? Ich hoffe jedenfalls, dass er sich nach dem Ende seiner ewigen Abschiedstour doch wieder dem Schreiben und Aufnehmen von Songs widmen wird. Wäre toll, wenn doch noch einmal etwas kommt, das die Richtung von The Diving Board weiter vertieft, ein fragiles Spätwerk wie bei Cash oder Faithfull…

 

 

 

„DRIFTING ON MARGINS“


Lankum FALSE LANKUM (folk / drone / experimental)
     THUNDER Stephan Micus (meditation / global)
SUSS SUSS (country ambient)
PSYCHOGEOGRAPHY Jon Hassell THE LIVING CITY (coffee coloured classical)
Brian Eno FOREVER VOICELESS (ambient /  contemp.)
RARITIES Roger Eno (neo classical / ambient)
The Necks TRAVEL (where-am-i-music)
UNE AVENTURE DE VV Aksak Maboul (songspiel/ bricolage)
Benjamin Lew / Steven Brown:
LA DOUXIÈME JOURNÉE (1982, avant exotica)
THEORY OF BECOMING Evgueni Alperine (find a label, good luck)
Paul St. Hilaire  TIKIMAN VOL. 1 (dub)

 


including interview excerpts with Lankum,
Marc Hollander (Aksak Maboul), and
a passage from my 1990 Jon Hassell talk on
City: Works of Fiction
(the photo is from an area called, no kidding, „Little Africa“, on the
island of Sylt)


* 

 

 


This piece, „Bamakou ou Ailleurs“, is from a surreal trip  by Benjamin Lew and Steven Brown, from 1982. The album, „La Douxième Journée (la verbe, la parure, l’amour)“, a  classic for  the MADE TO MEASURE series will have a discreet appearance in  „Klanghorizonte“. It has been recently reissued on CD and vinyl, and it is (and has always been) a stunner!


* 

Working on this radio hour, I find myself  more and more like a collagist Aksak-
Maboul-style. You can be sure to enter quite different soundscapes (seasides included) all different from one
another, but internally connected by story, mood, birdsong (some), and drifting on margins. Nearly at the end
I got that fine LP RARITIES from Deutsche Grammofon Gesellschaft, and Roger Eno wrote me some lines about the growing of this dreamlike composition, „Still Day“, full of yearning, drifting, and distant echoes of Classical European Neo-Romantic.

 

 ‘Still Day’ was born of a chordal sequence I wrote, a loose framework to be improvised over. At that time I was working with Violinist Rosie Toll whose improvisation we hear on this recording – though not played here by her…… I sent a rough recording-recorded on a ‚hand held’ device to Max Knoth who, on the prompting of Christian Badzura, transcribed and arranged this for unison strings. So what you now hear is the work of  myself, Rosie, Max and Christian plus the musicians that played the transcription. Parts are added, uncertainty is encouraged and the end…well where does that happen? I like this how this very much how this process as through this the piece became exactly what I wished it to be – a thing not ‘designed’ by myself but one to be allowed to grow ‘organically’. There you go Michael. Roger and Out“

 


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