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Archives: Dienstag, 28. Februar 2012

… (einem viel zu süßen Pfannkuchen gewidmet, den ich in Berlin gegessen habe, im Mai 2006, und einem Schlüssel, der sieben Stockwerke tief in einen Haushof fiel) …
 

Als ich die neue Arbeit von Andrew Bird erstmals hörte, stutzte ich bei einem wunderbaren Song, denn ich hatte das Gefühl, der „spirit“ des 2006 tragisch früh gestorbenen Grant McLennan (von den geliebten Go-Betweens) sei da auf seltsame Weise anwesend. Später las ich eine Besprechung, in der ein Kollege (s.u.) eine ähnliche Beobachtung machte. Gerne würde ich den pfeifenden Violinisten fragen, ob Grant ihn direkt inspiriert habe, oder, rückblickend, vielleicht unbewusst, oder, das wäre auch interessant, überhaupt nicht, weil die Musik der Go-Betweens womöglich Andrew Bird gänzlich unbekannt ist. Vielleicht aber kommt durch diese kleine Erwähnung am Rande, die wahrscheinlich bloß auf einem seltsamen Zufall basiert, ein Leser dieser Zeilen, auf die Idee, sich diesen Song runterzuladen, weil dieser Leser einfach ein Go-Betweens-Fan ist, und er oder sie einfach zu gerne einen Song hören möchte, in dem der erwähnte „spirit“ tatsächlich spürbar ist. Es kann natürlich geschehen, dass dieser potentielle Downloader die Beobachtungen der zwei Musikkritiker ins Reich der Fabeln und Privatassoziationen verbannt, aber eine CD entdeckt, die er oder sie richtig gut findet. Und Andrew Bird ist richtig gut!

 
… ‘Lazy Projector’ and ‘Sifters’ are the most moving inclusions here; the former a sweet damning of memory – “That forgetting, embellishing, lying machine”  – which plays cousin to the upper echelons of the works of Grant McLennan, the latter carrying a set of lyrics so tear-inducingly open, well-observed and worldly that it’s best not to regale you with them here. You can hear them when you buy the record.

2012 28 Feb.

Emily, allein

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Dienstags kam er immer, der lange, graue, fast fensterlose Bücherbus. An diesem Tag war von 14:00 bis 16:00 Uhr auf einer gekennzeichneten Stelle eines Parkplatzes in Hannover-Kirchrode absolutes Halteverbot, nur dieser, mit lesbaren Schätzen beladene Bus durfte hier stehen. Der Busfahrer, zugleich Bibliothekar, öffnete vorne die Tür und herein durften wir Kinder, in der Hand die braune Ausleihkarte, in der Autoren, Büchertitel und Leihfrist eingetragen wurden. Der Datumsstempel, der das Ende der Leihfrist angab, wurde stets auch auf die letzte Seite eines Buches gesetzt. Was für ein festliches Gefühl, wenn man ein stempelloses Buch erwischt hatte, eines, das noch nie jemand gelesen hatte … All das ging mir durch den Kopf als ich das neue Buch Emily, allein von Stewart O´Nan aufschlug. O´Nan widmet dieses Buch seiner Mutter, das wäre nun wirklich nicht ungewöhnlich, wenn da nicht ein Zusatz stünde Für meine Mutter, die mich immer zum Bücherbus mitnahm. Glücklich die Kinder, die von ihren Eltern auch heute noch mit zum Bücherbus genommen werden.

Und natürlich ist auch Emily, allein ein echter Stewart O´Nan. Der 1961 in Pittsburgh/ Pennsylvania geborene Schriftsteller ist nicht nur ein Meistererzähler, ein Meister auch darin, Menschen, die gemeinhin niemand sonderlich beachtet, ein Denkmal zu setzen. Dieser zutiefst menschliche Autor wendet sich immer wieder – im Grunde auch schon in seinem Erstlingswerk Engel im Schnee von 1993 – Menschen zu, die sich durch nichts besonders auszeichnen, die aber um ihr Leben und das ihrer Mitmenschen kämpfen. Jetzt ist es also Emily. Stewart O´Nan-leser werden sich erinnern: die Personen dieses Buches kennen wir aus dem großen Familienroman Abschied von Chautauqua (2005)

Hier in Chautauqua hatte die Familie ein Sommerhaus, damals wollte sich die ganze Familie nach dem Tode von Vater Maxwell noch einmal dort treffen, bevor das Haus verkauft werden würde. Und nun, sieben Jahre nach Abschied von Chautauqua, erzählt O´Nan weiter, im Mittelpunkt seines neuen Roman steht Emily, die Witwe, die allein in einem Haus voller Erinnerungen lebt, die sich zu trennen versucht von Dingen, die ihre Bedeutung längst verloren haben. Sie lebt auf Weihnachten, auf Ostern und Thanksgiving hin, weil dann ihre Kinder – Kenneth und Margaret, wir kennen sie bereits aus Abschied von Chautauqua – kommen, ihre Enkel, die sie verwöhnen möchte. Viel mehr gibt es nicht mehr in ihrem Leben. Und manchmal holt Emily sich die Vergangenheit mit Hilfe von Fotos zurück und bleibt doch nicht dort stehen:

 

„Während sie die klebrigen, mit Plastikfolie umhüllten Seiten umblätterte und sich mit krauser Dauerwelle oder in grell bedruckter Bluse sah, fand sie es immer wieder beeindruckend, wie lang das Leben dauerte und wie viel Zeit verstrichen war, und wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen und sich bei allen, die ihr nahe standen, entschuldigen, ihnen sagen, dass ihr inzwischen vieles klar geworden sei. Das war unmöglich, und doch ließ das Bedürfnis, zurückzukehren und ein anderer Mensch zu sein, niemals nach, sondern wurde immer stärker.“ (S.103)

 

Und so begleitet der Leser Emily während eines Jahres und wird sich vielleicht fragen, wie seine letzten Jahre aussehen, wird es genügend Dinge geben, für die zu leben es lohnt?


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