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2012 28 Feb

Emily, allein

von: Gregor Mundt Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  | Kommentare geschlossen

Dienstags kam er immer, der lange, graue, fast fensterlose Bücherbus. An diesem Tag war von 14:00 bis 16:00 Uhr auf einer gekennzeichneten Stelle eines Parkplatzes in Hannover-Kirchrode absolutes Halteverbot, nur dieser, mit lesbaren Schätzen beladene Bus durfte hier stehen. Der Busfahrer, zugleich Bibliothekar, öffnete vorne die Tür und herein durften wir Kinder, in der Hand die braune Ausleihkarte, in der Autoren, Büchertitel und Leihfrist eingetragen wurden. Der Datumsstempel, der das Ende der Leihfrist angab, wurde stets auch auf die letzte Seite eines Buches gesetzt. Was für ein festliches Gefühl, wenn man ein stempelloses Buch erwischt hatte, eines, das noch nie jemand gelesen hatte … All das ging mir durch den Kopf als ich das neue Buch Emily, allein von Stewart O´Nan aufschlug. O´Nan widmet dieses Buch seiner Mutter, das wäre nun wirklich nicht ungewöhnlich, wenn da nicht ein Zusatz stünde Für meine Mutter, die mich immer zum Bücherbus mitnahm. Glücklich die Kinder, die von ihren Eltern auch heute noch mit zum Bücherbus genommen werden.

 
 
 

 
 
 

Und natürlich ist auch Emily, allein ein echter Stewart O´Nan. Der 1961 in Pittsburgh/ Pennsylvania geborene Schriftsteller ist nicht nur ein Meistererzähler, ein Meister auch darin, Menschen, die gemeinhin niemand sonderlich beachtet, ein Denkmal zu setzen. Dieser zutiefst menschliche Autor wendet sich immer wieder – im Grunde auch schon in seinem Erstlingswerk Engel im Schnee von 1993 – Menschen zu, die sich durch nichts besonders auszeichnen, die aber um ihr Leben und das ihrer Mitmenschen kämpfen. Jetzt ist es also Emily. Stewart O´Nan-leser werden sich erinnern: die Personen dieses Buches kennen wir aus dem großen Familienroman Abschied von Chautauqua (2005)

 
 
 

 
 
 

Hier in Chautauqua hatte die Familie ein Sommerhaus, damals wollte sich die ganze Familie nach dem Tode von Vater Maxwell noch einmal dort treffen, bevor das Haus verkauft werden würde. Und nun, sieben Jahre nach Abschied von Chautauqua, erzählt O´Nan weiter, im Mittelpunkt seines neuen Roman steht Emily, die Witwe, die allein in einem Haus voller Erinnerungen lebt, die sich zu trennen versucht von Dingen, die ihre Bedeutung längst verloren haben. Sie lebt auf Weihnachten, auf Ostern und Thanksgiving hin, weil dann ihre Kinder – Kenneth und Margaret, wir kennen sie bereits aus Abschied von Chautauqua – kommen, ihre Enkel, die sie verwöhnen möchte. Viel mehr gibt es nicht mehr in ihrem Leben. Und manchmal holt Emily sich die Vergangenheit mit Hilfe von Fotos zurück und bleibt doch nicht dort stehen:

„Während sie die klebrigen, mit Plastikfolie umhüllten Seiten umblätterte und sich mit krauser Dauerwelle oder in grell bedruckter Bluse sah, fand sie es immer wieder beeindruckend, wie lang das Leben dauerte und wie viel Zeit verstrichen war, und wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen und sich bei allen, die ihr nahe standen, entschuldigen, ihnen sagen, dass ihr inzwischen vieles klar geworden sei. Das war unmöglich, und doch ließ das Bedürfnis, zurückzukehren und ein anderer Mensch zu sein, niemals nach, sondern wurde immer stärker.“ (S.103)

Und so begleitet der Leser Emily während eines Jahres und wird sich vielleicht fragen, wie seine letzten Jahre aussehen, wird es genügend Dinge geben, für die zu leben es lohnt?

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 28. Februar 2012 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

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