Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2016 20 Jul

Besuch zweier Welten

von: Hans-Dieter Klinger Filed under: Blog | TB | Tags: , 28 Comments

Samstag 16. Juli 2016 – München, Gasteig
 
Keith Jarrett, piano solo
 
Ich habe Jarrett am 23. Oktober 1992 im Gasteig zu München live gehört und damals beschlossen, kein Konzert Jarretts mehr zu besuchen. Warum?

Jenem Konzert drohte der Abbruch. Es stimmt schon, in den ersten 10 Minuten wurde gehustet wie in einer Lungenheilanstalt. Jarrett hörte auf zu spielen, wandte sich zunächst freundlich ans Publikum: „can we cough all together at the same time?“, worauf es lange ruhig blieb bis eine weitere Ermunterung ein paar bemühte Verhüstungen hervorrief. Es dauerte nicht lange bis zum nächsten Einhalt. Diese Unterbrechung war jedoch ernster, unangenehmer, denn Jarrett verließ die Bühne, Ende der Vorstellung? Es schien so, denn es dauerte lange, bis er zurück kam. Zuhören mit einer Schlinge um den Hals, die bei jedem Husten im Saal sich enger zusammen zieht, ist nicht mein Ding.

Mit einem solchen Vorfall hatte ich nicht gerechnet. In jenen Zeiten des Praeinternetikums war die Kunde von Jarretts Publikumsbelehrungen noch nicht bei mir eingetroffen. Im Oktober 1992 besuchte ich das zwölfte Mal ein Konzert von bzw. mit Keith Jarrett. Nur einmal erlebte ich eine Unterbrechung. Das war beim Auftritt seines Amerikanischen Quartetts 1976 bei Jazz-Ost-West in Nürnberg, wo er nach wenigen Sekunden sich an die Herde von Fotografen wandte: „If you don’t know when to take pictures – I don’t want any pictures – we stop immediately“. Einverstanden. Es sei gesagt, dass es das sog. Ambiente Konzert war, bei dem simultan im Großen Saal, im Foyer und im Kleinen Saal der Meistersingerhalle Bands spielten und die Besucher nach gusto hin und her wanderten. Es gab Unruhe die Fülle als Jarrett, Redman, Haden und Motian eine fantastische Performance der „Survivors’ Suite“ spielten – ohne weitere Unterbrechung!

Nun habe ich doch noch einmal ein Jarrett Konzert live erlebt. Leise muss es da zugehen.
 
 
 
Jarrett2016
 
 
 

Dieses Ticket war ein Geschenk, das mir zwei Tage vor dem Event zugefallen ist. Natürlich ist mein 1992 gefasster Vorsatz obsolet geworden. Aber was ihn auslöste spielt freilich eine Rolle, zumal medial vermittelte „Erkenntnisse“ über Jarretts gelegentlich sogar unflätige Belehrungen des Publikums, über seinen neurotisch anmutenden Zwang, mangelnde Konzentrationsfähigkeit des Publikums zu beklagen etc. den zum künstlerischen Hochamt Pilgernden begleiten. Die frischen Nachrichten kamen aus Wien – vom 9. Juli 2016.

Keith Jarrett tritt nicht auf, um Mühselige, Beladene oder Gutgelaunte zu erquicken. Er verlangt dem Publikum Einiges ab, wobei die einfachste Übung darin besteht, SmartPhones still zu legen und auf schlecht belichtete SmartPhotos zu verzichten – eine Aufgabe, an der mindestens 2 Wiener scheiterten. In München – und wie ich erfahren habe auch in Wien – gab sich der Veranstalter alle Mühe, das Publikum auf Jarretts Ansprüche vorzubereiten, niemand sollte versehentlich einen Eklat provozieren. Auf jedem Sitz lag ein Infoblatt mit Verhaltensregeln, zu denen auch ein Fotografierverbot während des Schlussbeifalls (!) zählte. Der Saal wurde verdunkelt, die Seitentür zur Bühne öffnete sich, und es trat auf … ein abhängig Beschäftigter der Veranstalterfirma, welcher den Text des Infoblattes vorlas, das Blatt wendete und alles in English wiederholte.

Ich bin trotzdem auf das Schlimmste gefasst, aber es kommt ganz anders. Das Publikum ist lautlos still und bleibt es nach dem einleitenden sperrigen Jarrett’schen Impromptu. Eine lange Generalpause, dann Jarretts erste kurze Ansprache: man möge ruhig applaudieren, wenn einem danach ist – Erleichterung auf beiden Seiten. Das zweite Stück ist von düsterer Art. In den anschließenden Miniaturen erklingen hellere Farben, fassliche Melodien, es folgen glitzernde Passagen, pianistische Bravourstücke, impressionistische Klänge. Gelöst und ohne jeden Hinweis auf einen Verfall der guten Atmosphäre geht es durch den zweiten Teil.

Zu Jarretts Konzerten gehören offenbar Ansprachen, dem Vernehmen nach meistens Belehrungen oder gar Beschimpfungen. Er hält im zweiten Teil eine längere Vorlesung, sie handelt von den Herausforderungen an einen Improvisator, der sich nicht wiederholen, der nicht in Routine verfallen will, davon, warum er nach weit über 100 Solokonzerten immer noch die Anstrengungen von Solo Recitals auf sich nimmt – „who else will do it?“

Er schließt, sich gut gelaunt entschuldigend, mit „Why am I giving a lecture?“ Ich höre ein „thank you“ und halte das für mehr als eine höfliche Floskel der Art thank-you-for-listening

Zurück zum Pianoforte für einen stilisierten Blues und ein paar schöne Préludes vor herrlichen Zugaben: „Answer Me, My Love“, eine zweite, die mir kein Standard zu sein schien, und „Somewhere over the Rainbow“. Standing Ovations nach jeder Zugabe, ich hatte den Eindruck, es könne sogar ein viertes Encore geben. Es war ein großartiges Konzert. Dann ist es doch passiert – ein paar SmartPhlitzlichter …

 

Ferdinand Ries

 

Dieser Marsch veranlaßte übrigens das Gute, daß Graf Browne gleich die Composition dreier Märsche zu vier Händen, welche der Fürstinn Esterhazy gewidmet wurden (Opus 45), von Beethoven begehrte.
Beethoven componirte einen Theil des zweiten Marsches, während er, was mir noch immer unbegreiflich ist, mir zugleich Lection über eine Sonate gab, die ich Abends in einem kleinen Concerte bei dem eben erwähnten Grafen vortragen sollte. Auch die Märsche sollte ich daselbst mit ihm spielen.
Während Letzteres geschah, sprach der junge Graf P…. in der Thüre zum Nebenzimmer so laut und frei mit einer schönen Dame, daß Beethoven, da mehrere Versuche, Stille herbeizuführen erfolglos blieben, plötzlich mitten im Spiele mir die Hand vom Clavier wegzog, aufsprang und ganz laut sagte: „für solche Schweine spiele ich nicht.“
Alle Versuche, ihn wieder an’s Clavier zu bringen, waren vergeblich; sogar wollte er nicht erlauben, daß ich die Sonate spielte. So hörte die Musik zur allgemeinen Mißstimmung auf.

 

 (vorgefallen im Jahr 1803)

 

 

Montag 18. Juli 2016 – München, Tollwood Festival

 

Jamie Cullum

 

Der Besuch eines Jamie Cullum Konzerts ist bei uns ein Familienausflug, dreimal schon hat das stattgefunden. Da geht es ganz schön laut zu. Ich habe mich nicht vorne in Nähe der Bühne aufgehalten, sondern hinter dem Geviert der Licht- und Tontechnik. Vielleicht ist dort der Sound der bestmögliche im Tollwood-Zelt. Eine Schalldruckanzeige verrät präzise, wann es ratsam wird, die Ohren zu schützen. So weit kam es nicht, 103 dB war der einmalige Spitzenpegel. Außerdem gab es kühlende Ventilatoren für die Belegschaft und einen großen Flachbildschirm – ich hatte also beste Sicht auf die Bühne und Jamie Cullums Finger.

 
 
 

 Cullum2016

 
 
 

Jamie Cullum tritt auf, um viele Gutgelaunte zu erquicken. SmartPhotos ohne Blitzlicht, gedacht für den Privatgebrauch sind erlaubt – so die Durchsage des Veranstalters. Jazz mit Popschminke, Pop mit Jazzschminke unterhalten mich glänzend. Jamie, das Energiebündel, ist ein wirklich guter Klavierspieler und Crooner mit einer perfekten Band. Große Überraschungen gibt es nicht und bald fühle ich mich wie im Fußballstadion, umgeben von Fangesängen, die Songs werden mit Jubel begrüßt wie Kicker, wenn sie in die Arena einziehen. Jamies Intros funktionieren, wie Ansagen des Stadionsprechers. Beim nächsten Familienausflug bin ich bestimmt wieder dabei.

 

fast vergessen: Jamie Cullum ist ebenfalls in Wien aufgetreten.

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28 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Was für ein schöner Bericht. In Nürnberg 76 war ich dabei. Grossartig, bis auf seine Belehrung. Der Mann muss etwas einsam sein. Fast wären wir uns über den Weg gelaufen. Bei mir im Electric Cinema benimmt sich Jarrett immer vorbildlich, auch wenn er, etwas peinlich, in der Carnegie Hall den kompletten Applaus mitschnitt. Ich mag sogar sein Stöhnen, schon immer.

    Jamie Cullum würde ich mir nicht anhören. Nicht meine Welt.
    Aber so als Familienspass, klar doch!

  2. Hans-Dieter Klinger:

    Ja, ja, im Electric Cinema kann K.J. nicht abbrechen. Dafür gibt es im Electric Cinema auch keine Ansprachen. Wenn die DVD „Mr. Jarretts gesammeltes Sprechen“ erscheint, werde ich sie einsammeln.

  3. Hans-Dieter Klinger:

    Ferdinand Ries war Schüler Beethovens. Das berühmte Zitat habe ich aus

    H.C. Robbins Landon
    BEETHOVEN
    Sein Leben und seine Welt
    in zeitgenössischen Bildern und Texten

    Bei ZEITonline gibt es einen sog. FREITEXT, verfasst von Clemens Setz, Titel:
    Wie ich Keith Jarretts Feind wurde
    Er wurde mit zahlreichen kontroversen Kommentaren bedacht. Der bis dato letzte mit No. #70 wurde von mir dort abgestellt und zitiert Ferdinand Ries‘ Erinnerungen.

    Empfehlenswert auch Kommentar #69 in Form eines Links zu einer scharfen „Abrechnung“ mit Clemens Setz.

  4. Michael Engelbrecht:

    In der Nahaufnahme der Radionacht Klanghorizonte am 20. August geht es um Parallelen der Veröffentlichungen von ECM anno 1976 und anno 2016. interessanterweise finde ixh keine Discografie, welche die Veröffentlichungen von 1976 listet, es geht mir nicht tum die Aufnahmedaten, sondern die veröffentlichten Platten.

    Natürlich habe ich da was zur Hand, aber so eine klare Übersicht. 1976 erschien Jarretts grandioses Doppelsoloalbum STAIRCASE (glaube ich jedenfalls), das werde ich ggf. mit Jon Balkes WARP und evtl. der einfachen, speziellen, und sinnlichen Solopianoplatte von Glauco Venier koppeln.

    Hast du einen Link zu dem Jahr 1976, Rosato? Und eas da bei ECM auf den Markt kam?

  5. Michael Engelbrecht:

    P.S. Nahaufnahme und Zeitreisen werden am 20. Aufust im DLF sowieso ein „Trip in die 70er“ es geht u a. Um Pionierarbeiten der Dub-Kultur aus Jamaika, aus de Studio 1, um Joni Mitchells Hinwendung zum Jazz zwischen COURT AND SPARK (ein Lieblingsalbum von Brian Eno) und MINGUS. Und dann, was somst. Van Morrison und das Caledonia Soul Orchestra anno 1973.

    Hejira – mein Inselalbum von Frau Mitchell.

  6. Michael Engelbrecht:

    Wird der Auftritt in München wohl 2017 veröffentlicht? Deine Meinung. War er so speziell?

  7. Michael Engelbrecht:

    Kannst du das Infoblatt mit den Verhaltensanweisungen zur allgemeinen Erheiterung hier als Foto posten?

  8. Uwe Meilchen:

    Die „FAZ“ war in der gestrigen Printausgabe (leider nicht online nachzulesen) auch ganz hmynisch begeistert von Keith Jaretts Konzert in Muenchen

    Eine „ECM Records Discography: 1975-1976“ gibt es
    hier: http://www.jazzdisco.org/ecm-records/discography-1975-1976/

    :)

  9. Michael Engelbrecht:

    Da irrst du dich,Uwe. Ich su he ja die Schallplatten, die 1976 unters Volk kamen, nicht die, welche 1976 produziert wurden. Davin erschien nur ein Teil im gleichen Jahr.

  10. Rosato:

    Link:
    https://www.ecmrecords.com/catalogue

    Verschiedene Sortierkriterien, gut geeignet „DATE“ (steigend oder fallend).
    Es gibt Lücken. Beispiel: ECM 1004 Marion Brown, Afternoon of a Georgia Faun ist nicht gelistet (war meine erste ECM Scheibe)

    Ein click auf das Cover zeigt:
    – Release date
    – evtl. Featured Artists
    – evtl. Track List

    Schön gestaltete Seite, aber es kostet Zeit, sich durchzuhangeln. Ich werde zuarbeiten …
    Es scheint, dass 1976 gar nicht so viel herausgebracht wurde.

  11. Rosato:

    Staircase

    rec. May 1976

    rel. 30.04.1977

  12. Michael Engelbrecht:

    Ah, shit!

  13. Michael Engelbrecht:

    Ich glaub, ich seh das entspannter, und nehme auch 76er Produktionen dazu.

    Es ist faszinierend, dass in diesem Jahre mindestens genauso fesselnde Werke veröffebtlicht wurden wie einst im goldenen Jahrzehnt, Mitte der 70er.

    Selbst Tord Gustavsen, der mich sonst eher langweilt, hat die Platte seines Lebens gemacht.

    Und, ich glaube daran: Keith Jarett: The München Concert 2016, to be released in sprng 2017. Reine Spekulation:)

  14. Michael Engelbrecht:

    Insofern kann ich mich an Uwes Link doch gut orientieren!!

  15. Rosato:

    Das ist mir gerade eben von einem Freund zugestellt worden
    _________________________________

    Da kommt einiges auf das Instrument zu

    Der Pianist Keith Jarrett beendet seine Europa-Tournee mit einem atemraubenden Konzert in München

    Wenn sich improvisierter Jazz doch nur einrahmen und ins Museum hängen ließe! Im MoMA der Tonkunst könnte man die Werke dann für immer bewundern: Charlie Parkers längst verklungene Bebop-Fanfaren bei spontanen Sessions in Minton’s Playhouse von New York, präsentiert im barocken Goldrahmen. Oder die Stenogramme aus der gestopften Trompete von Miles Davis im Pariser Olympia anno 1957, angemessen cool gefasst im Metallrahmen der neuen Sachlichkeit. Oder John Coltranes dynamische Klangfiguren, auf die Leinwand geklatscht wie die Aktionsmalerei von Jackson Pollock.
    In dieser imaginären Kunstgalerie nähme das Konzert, mit dem Keith Jarrett jetzt seine Europa-Tournee in der Münchner Philharmonie beendete, sicherlich einen privilegierten Platz ein. Der Großmeister der freien Improvisation hat schon viele spektakuläre Solokonzerte gegeben, seit er 1972 zum ersten Mal diese Form der musikalischen Selbstentäußerung bei den Heidelberger Jazztagen erprobte. Aber ein Konzert wie dieses jetzt im restlos ausverkauften Konzertsaal des Gasteigs hat man so vielleicht noch nie erlebt. Es war eine Offenbarung.
    Jarrett überschwemmte den Flügel gleich zu Beginn mit einer wahren Sintflut aus Tönen, als wollte er sich schnell mit allen Winkeln des Instruments vertraut machen – bis man bestürzt erkennen musste, dass es hier offenbar nicht der Pianist war, der sich einspielte, vielmehr der Flügel selbst, um seine Tauglichkeit für die unbegrenzte Phantasie des Künstlers zu erweisen. Jarrett war auf einen ebenbürtigen Partner getroffen. Und das lag auch am Klavierstimmer des Hauses, den man nicht hoch genug loben kann, weil er, als ein Künstler eigenen Rechts, die Stimmgabel zu einer unglaublich abgestuften Intonation verwendete und dabei auch noch im Ohr gehabt haben muss, was bei Jarretts unnachahmlichen voicings, seinen typischen Auffächerungen der Akkorde, auf das Instrument zukommen würde. Eine solch reiche Klangfarbenpalette, bei einer ans Wunderbare grenzenden Ausgewogenheit der Timbres, meint man noch nie so gehört zu haben. Man spürte förmlich die Lust, mit der Jarrett hier die feinsten Nuancen des Flügels auslotete und mit einer Souveränität durch die Tonarten wanderte, als müsste er noch einmal den Nachweis Bachs erbringen, dass in der wohltemperierten Stimmung keine Wolfsquinten mehr zu hören sind. Und in den tonal freien Passagen gab es keine scharfen Kanten, keine avantgardistischen Zickzackmelodien und doch ein Verständnis für die Ausweitung der Harmoniezone, die die Klangsensualisten Claude Debussy und Alexander Skrjabin mit Paul Cezanne und dessen Farbkompositionen in subtilen Hell-Dunkel-Schattierungen verbindet.
    Keith Jarrett war immer ein Hochvirtuose und ein Asket zugleich. Von den aberwitzigsten Polyrhythmen und rasenden Fingertänzen zur melodischen Schlichtheit des folk tunes und der radikalen Dichte des Blues war es bei ihm immer nur ein Gedankenblitz. Auch in München konnte man sie jetzt wieder bewundern, die hymnischen Gospels und stampfenden Ostinati, die traumverlorenen Rubati und nachhallenden Klangnebel wie in einer Mondnacht von Schumann. Nur wurde nicht so hartnäckig an ihnen festgehalten wie in so vielen trance-ähnlichen Konzert-Séancen der Vergangenheit.
    In München, wo sich Jarrett offensichtlich eher zu Hause fühlt als in anderen Städten hierzulande, stimmte auch die Dramaturgie bis in die letzte der drei Zugaben, Harold Arlens „Over the Rainbow“. Ein Konzert als perfektes Kunstwerk: Wer dabei war, wird es in Erinnerung behalten. Wer es versäumt hat, muss darauf hoffen, dass er es eines Tages für sein Ersatz-MoMA erwerben kann, das wenigstens einen Bruchteil improvisierter Musik konserviert: als Tonträger für den Plattenschrank.

    (W.S. – Quelle: what do you think)

  16. Michael Engelbrecht:

    Werner Stiefele?

  17. Michael Engelbrecht:

    Da wird man ja schon beim Lesen leicht betrunken.

    Schreibt der Stiefele sonst nicht ruhiger, oder hat er hier vorher einen Joint durchgezogen?

  18. Rosato:


    mir ist jetzt nach kalauern …

    Ein Gang ohne Stiefele durch Sand

  19. Rosato:

    Ich hab noch einen Freund. Er hat mir bei der Rekonstruktion von Jarretts Ansagen geholfen. Er hat auch das Infoblatt eingepackt, was ich versäumt habe.
    Heute abend, oder später, kann ich es zeigen.
    _________________________________

    Die längere Rede nach dem ersten Stück des zweiten Teils, ungefähr & ohne Gewähr:

    Manchmal spielt man mittendrin Stücke, die sich eigentlich für das Ende des Konzerts gut eignen würden. Da ist es schwer, in zwanzig Sekunden zu entscheiden, wie man weitermachen könnte. Ich hoffe, niemand wird das, was ich mache, in Zukunft versuchen. Es ist total verrückt, so etwas zu machen. Aber manchmal lohnt es sich. Ich werde mich nicht wiederholen, sondern immer aus dem Augenblick heraus improvisieren. Es ist jedes Mal anders. Ich selber habe mich ja auch tausend Male geändert. … Warum gebe ich eigentlich gerade eine Vorlesung? Jedenfalls: Ich habe ein Publikum, es gibt also Leute, die empfinden wie ich. Dafür möchte ich Ihnen danken

    Nach den Zugaben, ungefähr & ohne Gewähr:

    I’m not gonna talk about those assholes, who have their cellphones on. I’m not gonna talk about those flashing assholes. But I’d like to ask a question to those assholes that I never asked before: Why did you come?

     
     
     

     
     

  20. Michael Engelbrecht:

    Ja, klar, Wolfgang Sandmer. Hätte mir sofort einfallen müssen!! Das Barock-Blumige! Der schreibt öfter so, als hätte er stets ein gut gefülltes Glas Rotwein neben sich als treuen Begleiter.

  21. Michael Engelbrecht:

    I think this passage with Jarrett talking about the assholes would be a good finish of the official release, really, no joking.

  22. Michael Engelbrecht:

    Vielleicht könnte Heiner Goebbels aus Handkes Publikumsbeschimpfung und Jarretts gesammelten Ansprachen eine tolle Soundcollage machen, mit John Zorn am Aktsaxofon und Arto Lindsay an der E-Gitarre!

  23. Michael Engelbrecht:

    Ich hatte ja auch kein Problem, hier einen wahrscheinlich Stuttgarter Kulturarbeiter als Asshole zu bezeichnen, der sich erdreistete, moralinsauer und kritikerkasterhaft über mich abzulästern, statt sich mal im städtischen Rotlichtbezirk einen blasen zu lassen.

    Aber könnten die drei Knipser nicht eine Beleidigungsklage auf den Weg bringen?:)

  24. Rosato:

    I think this passage with Jarrett talking about the assholes would be a good finish of the official release, really, no joking.

    Encore No. 4

    ____________________________________________

    Heiner Goebbels et alt.:
    was für eine großartige idee !!!
    hmm, Harth, Anders & Cutler wären auch nicht schlecht.

    liner notes by M.E.

  25. Michael Engelbrecht:

    Es liegt ja in diesen Belehrungen und Verunglimpfungen jede Menge unfreiwilliger Humor, der durch musikalische Anreicherung zusätzliche doppelte Böden erhalten würde.

    Ich wollte, als ich als Journalist anfing, e i n m a l liner notes für eine ECM-Platte machen, und das passierte, in Interviewform, sehr früh, auf Steve Tibbetts Platte BIG MAP IDEA.

    Aber hier wäre ich gern ein zweites Mal mit von der Partie. Wir sprechen allerdings von einem Opus aus der Reihe GREAT UNMADE ALBUMS.

  26. Michael Engelbrecht:

    Dem Web zufolge, gibt es im Herbst erstmal eine an die Sun Bear Concerts erinnernde Riesendosis Solo Jarrett. Zitat:

    – As announced via a flyer distributed at recent solo concerts in Europe: “A Multitude of Angels” is the title of a new set with recordings from a series of solo concerts in Italy in October 1996. It documents Keith Jarrett’s long-form improvisations from Modena, Ferrara, Torino and Genova.” “A Multitude of Angels” will officially be released in October 2016

    20 years ago. Anyone been there?

  27. Rosato:

    Keith Jarrett – Ein Blick in die Rezeptionsgeschichte I



     

     
     

    Der dreiunddreißigjährige Keith Jarrett, Pianist, Organist, Sopransaxophonist und Komponist, gehört nicht zu den Musikern, die durch zeitlichen Abstand, jahrzehntelanges Wirken und abgelagerte Reife in die Reihe der „Unsterblichen“ der Jazzgeschichte eingegangen sind. Eher ist man geneigt, ihn zu den Jungen, den eben erst Entdeckten, zum Nachwuchs zu zählen. Und doch – überblickt man sein reichhaltiges Plattenwerk, seine Stellung als Anreger der „solistischen Welle“ und Anführer der „neuen Sensibilität“, die emotionellen Impulse, die von ihm ausgingen, sein stupendes pianistisches Können und seinen Rang als Improvisator, so ist es zu riskieren, ihn in unsere Reihe „Das Jazzporträt“ aufzunehmen. Thomas Rothschild legt in dieser 19. Folge den Schwerpunkt auf den Solopianisten. Gleichzeitig besprechen wir im Rezensionsteil die neueste Veröffentlichung Jarretts, die voluminöse Zehnplattenkassette ,,Sun Bear Concerts“, die in Japan live aufgenommen wurde. (Red.)
     
    Manfred Sack, Redakteur der „Zeit“, fühlt sich aus dem Kreis der Eingeweihten ausgeschlossen. Doch er ist eine der ganz wenigen Ausnahmen. Selten herrschte in der Jazzgeschichte solche Übereinstimmung unter Kritikern. Selten konnte sich ein Jazzmusiker – wohlgemerkt: einer, der auf Kompromisse mit der Rockmusik verzichtet -eine Gemeinde von solchem Umfang und auch solcher Gläubigkeit (die ist es, die Sack ironisch kommentierte) erspielen. Die Auszeichnungen, Preise und ersten Plätze auf den Umfragelisten der großen Jazzzeitschriften in aller Welt häufen sich. Keith Jarrett ist mehr als nur ein Musiker, er ist ein Phänomen.
     
     
    Musikalische Faszination
     
    Aber er ist eben auch ein Musiker. Das unterscheidet ihn so angenehm von den vielen, die in unserer marktschreierischen mediengeilen Kulturwelt nur ein Phänomen sind und nichts sonst. Anders als bei anderen Kultfiguren der modernen Musikszene, die diesen Kult auch verdienen, anders also als etwa bei Bob Dylan oder bei Wolf Biermann, ist es bei Keith Jarrett nicht die persönliche Ausstrahlung, die fesselt. Das Wort Charisma ist auf ihn nicht anzuwenden. Er überzeugt ausschließlich durch seine Musik, es sind ganz allein die Tonfolgen, die bei jedem seiner Konzerte Hunderte in Bann schlagen und ihnen den Atem stocken lassen. Diese Veranstaltungen sind im Grunde von einem Purismus, bar jeder Show, daß es sich lohnt, genauer nach den Ursachen der musikalischen Faszination zu forschen, die Keith Jarrett ausübt.

    Was es in Jarretts Konzerten zu sehen gibt, ist ein sich windender, aufbäumender, die Knie unter die Klaviatur pressender Pianist. Aber diese eher verkrampft als ekstatisch wirkenden Verrenkungen lassen keinen Moment den Verdacht aufkommen, sie seien einstudiert wie all der gestisch-mimische Unsinn vom Discogewackle der Glieder bis zur Pseudospontaneität routinierter amerikanischer Entertainer. Vielmehr versinnlichen sie optisch einen wesentlichen Charakterzug von Jarretts Musik: Sie ist in höchstem Maße körperlich. Und zwar nicht durch übergroße Lautstärke, die die Knochen mitvibrieren läßt, sondern durch einen unaufhaltsamen Fluß der musikalischen Bewegung, die unter Auskostung aller dynamischen Möglichkeiten beständig vorwärtsdrängt und sich unwillkürlich umsetzt in Motorik. Die Metapher vom erhebenden Gefühl kann wörtlich genommen werden, sie trifft ziemlich genau das, was Jarretts Musik beim Hörer auslöst.
     
     
    Improvisation
     
    Wer von Jarretts Musik spricht, muß vom Improvisieren reden. Improvisation, so erklärt das Fremdwörterbuch, ist „an feste Form gebundenes Spiel aus dem Stegreif über ein Thema“. Entgegen einem großen Bereich der Praxis wird Improvisation nach wie vor als konstituierender Bestandteil des Jazz überhaupt benannt. Die gegebene Definition kann man für den frühen Jazz auch noch gelten lassen. Zunehmend aber spaltete sich die Entwicklung des Jazz: Auf der einen Seite wurden Improvisationen schriftlich festgehalten – und glichen somit den fixierten Improvisationen Johann Sebastian Bachs über ein Thema von Friedrich II. von Preußen, die unter dem Titel „Ein musikalisches Opfer“ von zahlreichen Ensembles interpretiert werden. Praktisch wichen solche kodifizierten Improvisationen der Komposition. Auf der anderen Seite befreiten sich die Improvisationen immer mehr von einem vorgegebenen Thema, orientierten sich nur an einer vereinbarten Folge von Harmonien, bis sie, im Free Jazz, auch dieses Gerüst verließen. Bei Keith Jarrett entsteht die Musik in dem Moment, da sie gespielt wird. Seine Schallplattenaufnahmen von Solokonzerten in Bremen, Lausanne, Köln und fünf japanischen Städten halten Augenblicke für die Ewigkeit fest, die-so-kein zweites Mal wiederkehren. Erfindung und Interpretation fallen zusammen, werden identisch. Diesen doppelten Prozeß der vereinigten Produktion und Reproduktion darf der Hörer in nuce miterleben, von hier geht die Faszination aus.
     
     
    Abenteuer des Schöpferischen
     
    Dabei macht es Keith Jarrett seinen Hörern nicht leicht. Seine Musik ist nicht auf Kommunikation angelegt. Man muß nicht Jarretts mystisch-religiöse Auffassung teilen, daß die Musik immer schon vorhanden sei, daß sie außerhalb von ihm bestehe und er sie bloß vermittle, daß sich Gott durch ihn – wie durch einen musikalischen Propheten – äußere, man muß derlei Bekenntnisse nicht allzu ernst nehmen, um doch zu erkennen, daß Jarrett seine Improvisationen erst im Verlauf des Spielens „empfängt“. Den vollen Genuß erlangt jener Zuhörer, der sich in den Prozeß des Erfindens hineinbegibt, der im eigenen Kopf die Intervalle und Harmonien abtastet, die Jarretts Vorgabe ermöglicht, um dann zu beobachten, welche davon der Pianist wählt. Das vollzieht sich in ungeheurer Schnelligkeit, mit jedem Ton, jedem Akkord ist der vorangegangene im Hegelschen Sinne doppelt aufgehoben und der folgende als Möglichkeit bereits vorgeformt. Jarrett erfordert ein aktives Zuhören.
    Wer sich darauf einläßt, gewinnt das Abenteuer des Schöpferischen, die Lust des Ausprobierens, die Dialektik von Determination und Freiheit. Ob man nun, wie Jarrett, ein göttliches Prinzip, oder, wie ich es vorziehen möchte, neurophysiologische Vorgänge als Urheber annimmt: Das Entstehen von Neuem im Augenblick, die jeweilige spontane Auswahl aus dem Reichtum, die so zwingend und zugleich zufällig erscheint, die Überführung des Möglichen ins Notwendige ist immer wieder aufregend und, das sei hinzugefügt, zutiefst human.

    Wieviele Musiker – die Frage sei einmal dazwischengeschoben – könnten wohl alleine zwanzig Plattenseiten im Zusammenhang füllen? Jarrett hat das auf seiner nun als Schallplattenkassette vorliegenden Japantournee getan, und es fällt ihm leicht. Denn seine stilistischen Möglichkeiten sind vielfältig. Sie reichen von der betörenden sanghaften Ballade über swingende, stark synkopierte Passagen und meditative Lyrismen bis hin zu gelegentlichen sich überschlagenden Free-Jazz-Eskapaden. Zwar herrscht die Tonalität vor, aber stellenweise löst sich Jarrett auch von tonalen Bindungen, oder er eröffnet eine Improvisation mit einer atonalen Passage, aus der sich allmählich und eindringlich eine Melodie herausschält.
     
     
    Musik der leisen Töne
     
    In seiner Bevorzugung der leisen Töne, aus denen sich dann eine minimale Steigerung bereits mit unerhörter Dynamik hervorhebt, setzt Jarrett einen Kontrapunkt zu der vorherrschenden Mode der eskalierenden Phonzahlen. Falls es in der Entwicklung der Musikrezeption so etwas wie Pendelbewegungen gibt, liegt hier sicher eine der Ursachen, warum Jarrett gerade auch unter ganz jungen Leuten Anhänger findet, die mit Rockmusik weit eher als mit Jazz aufgewachsen sind. Gewiß ist Jarretts Musik nicht Ausdruck von Revolte oder Aggression. Die Etiketten Romantik und Innerlichkeit wollen mir aber auch nicht so recht behagen. Jarretts Musik ist nicht eigentlich dramatisch. Es fehlt ihr jeglicher Schwulst, jegliche effekthascherische Verlogenheit, die doch (man möge mich für diese Ansicht nicht lynchen) für Teile der Musik des 19. Jahrhunderts charakteristisch und in der heutigen Schlager- und Filmmusik viel eher als bei Jarrett anzutreffen sind. Und wenn beim Begriff Innerlichkeit solche Assoziationen wie Selbstmitleid und Seelenentblößung mitschwingen, so scheint mir das Klavierspiel Jarretts zu asketisch und objektiv, um diese Benennung zu verdienen.

    Sollte man einen zweiten Pianisten nennen, der es in ähnlichem Maße vermochte, das Erlebnis des Schöpferischen zu vermitteln, so fiele einem allenfalls der Chick Corea der „Piano Improvisations“ ein. Geht es aber um die Qualität des Anschlags, dürfte Jarrett im Bereich des Jazz ohne Konkurrenz sein. Nur Friedrich Gulda, der ja seine Beethoven-Erfahrung in seine Jazzversuche einbrachte, behandelt das Klavier, das man heute schon ausdrücklich als akustisch kennzeichnet (als spräche man von einem optischen Zimmer im Gegensatz zu einem beleuchteten Zimmer!), in ähnlich differenzierter Weise. Wer müde ist, den oft zu einem Brei vermanschten Einheitsklang der elektrisch verstärkten Instrumente über sich ergießen zu lassen, kann hier (wieder) entdecken, wie unterschiedlich eine Saite ertönen kann, die von einem Filzhämmerchen angeschlagen wird. Nun sind die Soloimprovisationen gewiß die mit Abstand größte Stärke Keith Jarretts. Aber sie machen nur einen Teil des veröffentlichten Werks aus. Zu ihnen führte ein Weg mit mehreren wichtigen Stationen. Der 1945 in Pennsylvania geborene Jarrett fing schon mit drei Jahren an, das Klavierspiel zu erlernen. Er studierte unter anderem an der renommierten Berklee School of Music. Bald spielte er mit Art Blakey und mit Miles Davis, der so viele aus der jüngsten Generation sowohl des Jazz wie auch der anspruchsvollen Rockmusik inspiriert hat. So gibt es etwa Aufnahmen, wo man Jarrett im Kollektiv mit Herbie Hancock, John McLaughlin, Steve Grossman, Michael Henderson, Billy Cobham, Airto Moreira und eben Miles Davis hören kann-fürwahr einem illustren Ensemble. Einige seiner schönsten Aufnahmen machte Jarrett mit dem geistesverwandten Vibraphonisten Gary Burton. Gerade mit Burton und einigen anderen inzwischen hochgeschätzten Musikern entwickelte Jarrett eine bemerkenswerte Kombination von „funk“ und tänzerischer Zartheit. In dieser Gruppierung wurde ein kammermusikalischer Stil vorgeführt, der doch ganz und gar den Atem einer jungen und modernen Musik hat. Neben den Soloaufnahmen, unter denen die Improvisationen an der Barockorgel von Ottobeuren besonders erwähnt werden müssen, gibt es gegenwärtig zwei Schwerpunkte in Jarretts Schaffen: das Spiel in verschiedenen Combos und die Komposition für größere Ensembles. Was die Orchesterkompositionen angeht, wollen wir es kurz machen: Ihnen mangelt die Originalität, die Jarrett ansonsten auszeichnet, sie sind tatsächlich ein verspäteter Abklatsch spätromantischer Konzertmusik. Anders die Arbeit in kleinen Gruppen. Lange Zeit spielte Keith Jarrett mit Dewey Redman (ts), Charlie Haden (b) und Paul Motian (dr), bis sie sich vor knapp drei Jahren trennten. Musiker entwickeln sich, wie andere Menschen auch, auseinander; oft sind die Gründe ihrer Trennung für Außenstehende nicht einsichtig, ihre Musik aber kann die Formation überleben. Die Musik, die Jarrett mit seinem Quartett machte, ist zeitlos, in einem jazzigen Sinne klassisch, ihre Frische und unprätentiöse Spielfreude bleibt auch dem heutigen Hörer vollständig erhalten. (Es ist diese Gruppe – Redman, Haden, Motian, gelegentlich geringfügig erweitert -, mit der Jarrett, übrigens auch als Bläser und Percussionist, eine Reihe von Aufnahmen auf dem abc-lmpulse-Label einspielte, die nun im Ariola-Vertrieb, neuerdings mit Bestellnummern aus der Serie der deutschen Ariola-Produktion, hierzulande leicht erhältlich sind.)

    Die idealen Partner allerdings fand Jarrett in dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek, der nach übereinstimmender Meinung der Fachleute als der bemerkenswerteste Meister seines Instruments seit John Coltrane gilt, und in dessen Kollegen, dem Bassisten Palle Danielsson und dem Schlagzeuger Jon Christensen. Die erste Platte dieses Quartetts hieß „Belonging“ und war so erfolgreich, daß die vier kurzweg Belonging-Quartett genannt wurden. Die Platte erhielt 1975 den Deutschen Schallplattenpreis in der Kategorie Jazz, und das Quartett wurde im internationalen Vergleich zum Ensemble des Jahres gekürt. Die auf dieser LP vorgestellte Komposition „The Windup“ zählt zu den flottesten und geistreichsten Jazzthemen der letzten dreißig Jahre.
     
     
    Freie Musik
     
    Keith Jarrett selbst lehnt die Bezeichnung Jazz für seine Musik ab. Wie Manfred Eicher, sein engagierter Produzent bei ECM, wo die eine Hälfte seiner Einspielungen erschien (die andere Hälfte – sieht man von ein paar Einzelaufnahmen bei CBS, WEA u.a. ab – kam auf dem Impulse- bzw. abc-Label heraus), verachtet er alle Kategorisierungsversuche, die das Kontinuum Musik durch künstliche Grenzen zerteilen, und spricht lieber von improvisierter Musik. Bedenken, die von anderer Seite gegenüber der Jazzhaftigkeit von Jarretts Musik laut wurden, sind jedoch eher auf dem Hintergrund des Free Jazz zu verstehen. Die Jahre aber, da man denken konnte, der Free Jazz schreibe die Richtung vor, in die der Jazz überhaupt zu gehen habe, sind endgültig vorbei. Und es wäre allzu linear gedacht, wollte man diese Entwicklung als Rückschritt interpretieren. Es hat sich eben herausgestellt, daß Freiheit nicht notwendigerweise gleich Bindungslosigkeit (von Harmonien, Tonalität etc.) ist. Freiheit, zeigt sich, ist eine relative, keine absolute Größe. Sie bemißt sich am Maßstab der Ordnung, der Struktur, der Regelhaftigkeit, die sie überwindet. In diesem Sinne ist Keith Jarretts Musik freie Musik.
     
     
    Konzentriertes Zuhören
     
    Es kommt vor, dass Keith Jarrett in einem Konzert sein Spiel plötzlich unterbricht und die ständig blitzenden und blickenden Fotografen ersucht, diese Störung einzustellen. Das ist ihm als Arroganz ausgelegt worden. Tatsächlich sind die Fotografen bei Jazzkonzerten eine Landplage geworden. Es ist unvorstellbar, dass sie sich bei einem Konzert von Rudolf Serkin oder Svjatoslav Richter ähnlich aufdringlich verhielten. Warum soll dem Jazzpublikum verweigert werden, was bei E-Musik selbstverständlich ist: die Möglichkeit zu konzentriertem Zuhören. Und auch Jarrett selbst, der sich so vollständig in seine Arbeit versenkt, hat Anspruch auf Rücksichtnahme.
    Viele Seiten, vor allem in amerikanischen Magazinen, sind über Jarrett vollgeschrieben worden. Dankbar griffen Journalisten nach jeder seiner Aussagen über sich, die Musik, Gott und die Welt, auch wenn sie noch so seicht waren. Das Phänomen hat viel Druckerschwärze verbraucht. Jetzt ist der Musiker dran. Ihm sollten wir zuhören.
     
    Thomas Rothschild
     
    HiFi 2/79
    147/148

  28. Rosato:

    Die Zahl der Kommentare ist nunmehr ungewöhnlich hoch. Ich hoffe, es wird nicht als Übertreibung empfunden, dass am Ende dieser Liste derart umfangreiche Zugaben stehen. Jarretts großartiger Abend im Gasteig animierte mich, tief in mein Archiv kostbarer Ausgaben von HiFi Stereophonie einzutauchen – ich habe mir wohl einen Tiefenrausch zugezogen …
     
     

    Keith Jarrett – Ein Blick in die Rezeptionsgeschichte II

     

    Keith Jarrett – Sun Bear Concerts
     
     
    Part I und II (Kyoto)
    Part I und II (Osaka)
    Part I und II (Nagoya)
    Part I und II (Tokyo)
    Part I und II (Sapporo)
    Keith Jarrett (p); aufgenommen im November 1976
    Produzent Manfred Eicher; Toningenieure Okihiko Sugano, Shinji Ohtsuka
    ECM 1100 (10 LP)

    Musikalische Bewertung 9-10
    Repertoirewert 8
    Aufnahme-, Klangqualität 9
    Oberfläche 9

     
    Diesem Plattenwerk habe ich mit den größten Befürchtungen entgegengesehen. Zunächst: Umfang und Qualität. Kann diese gigantische Einspielung – zehn Platten mit fast sieben Stunden Musik, fünf vollständige Konzertabende mit Soloklaviermusik – die durch die Konzerte in Bremen, Lausanne und Köln gesetzten Maßstäbe erneut erreichen? Dann: ist Jarrett selbst so weit der Alte geblieben, daß er über die Inspiration von 1973 bzw. 1975 noch verfügt, oder haben inzwischen seine ambitiösen Bestrebungen (siehe die Orgel- und Streicherwerke) oder seine Egozentrik die Oberhand gewonnen? Schließlich: wird der Markt das Mammutwerk aufnehmen, oder ist der Käufer übermüdet bzw. überfordert? Die Antwort ist in allen drei Fällen positiv. Die zwanzig Plattenseiten enthalten eine Menge phantasievoller, teilweise mitreißender Musik, Jarrett ist als Solopianist der Alte geblieben, und die Käufer reagieren, soweit abzusehen ist, positiv – immerhin ist der Markt seit Jahren auf dem Schallplatten- und Buchsektor für größere Objekte und insbesondere Kassetten recht aufnahmefähig. Das eigentliche Phänomen dieser Ausgabe ist, daß das Improvisationsvermögen von Jarrett in einem bisher nicht geahnten Umfang sichtbar gemacht und dokumentiert wird. Es ist nahezu unfaßlich, wie sich da jemand an fünf Abenden innerhalb von zwei Wochen ans Klavier setzt und ein Material improvisiert, das sich kaum wiederholt. Man wohnt dem Entstehen von Musik bei, erlebt, wie jemand aus dem Vollen schöpft ohne technischen Aufwand, Verstärker und Show. Ein Mann und ein Klavier – und ein Saal, in dem ein gebanntes, hochsensibles Publikum die Schwingungen aufnimmt, die hier ausgestrahlt werden. Diese Improvisationen sind nicht dahingespielte Ersatzideen, Zweitrangiges mangels Masse, vorklischierte Jazzfloskeln, sondern echte Spontankompositionen. Ein Kopist könnte da getrost ein Dutzend Themen herausschreiben, deren Tragfähigkeit sich in der Wiederholung oder in Arrangements für größere Besetzungen erweisen würde. Was zudem das Jarrettsche Endprodukt über den Stand des ,,Improvisierten“ im landläufigen Sinne hinaushebt, ist seine Fähigkeit, trotz spontaner Spielweise an den Aufbau, die Form, an die Spannungskurven zu denken und damit Strukturen zu schaffen. Hier findet also eine Vereinigung von unbewußtem und bewußtem Musizieren statt: Die Intuition arbeitet, und der (Kunst-)Verstand kontrolliert gleichzeitig. Wie bisher ist in dieser Musik etwas Schwärmerisch-Schwelgendes, Pathetisches, phantasievoll Ausschweifendes, ist Romantik (Schubert, Schumann) und Impressionismus (Debussy), kein Barock, sind Soul, Gospel und Stomp, kein Bebop, ist die Einfachheit von Kinderliedern, die rhythmische Vitalität des Jazz und das geschärfte Bewußtsein eines Zeitgenossen, der nach vielen Dissonanzen das Schöne wieder schön nennt. Neu hinzugekommen ist ein verstärktes Einbeziehen der modernen Musik, so Passagen mit aktionistischer, punktueller Atonalität und vor allem minimale periodische Musik im Sinne von Steve Reich. Gerade die letzte ist mehr und mehr ein wesentlicher Bestandteil des Jarrettschen Stils geworden: Oft entwickelt sich ein Thema stufenweise aus scheinbar gleichbleibenden Figuren heraus, wie ein Spektrum des Regenbogens, in dem zu Beginn neben Rot alle Farben da sind und zum Schluß nur noch Rot. (Man beachte den provozierenden Schluß von Sapporo Part IIb: die perkussive Behandlung einer Note bis zur Erschöpfung.) Dieses Aufzählen von disparat scheinenden Stilelementen könnte zu dem Schluß verführen, Jarrett sei ein Imitator. Das Gegenteil ist richtig: Er ist inzwischen selbst zu einem Stilbildner und Beeinflusser ersten Ranges geworden. Das moderne Klavierspiel ist ohne ihn und seine Impulse nicht mehr denkbar. Deshalb enthält die Kassette nicht nur die erwähnten stilistischen Väter, sondern vor allem Jarrett selbst. Einwände, so könnte ich mir denken, sind von drei Seiten her möglich.

    Erstens: es gibt Hörer, die können, obwohl sie musikalisch sind, mit dem ganzen Phänomen nach wie vor nichts anfangen.
    Zweitens: diese Kassette enthält auch spannungslose Augenblicke.
    Drittens: Jarrett präsentiert zuviel heile Welt.

    Zu 1: unabänderlicher Zustand, so ist das Leben.
    Zu 2: richtig. Es gibt da impressionistisches Raunen und verspielte Fingerübungen, wo den Verlockungen des Instruments (auf freilich technisch brillante Weise) nachgegeben wird. Aber 403 Minuten konzentrierte Musik wäre wohl zuviel verlangt. Man sollte in den Ansprüchen beim Menschenmöglichen bleiben.
    Zu 3: das Argument ist noch etwas schlechter als der Vorwurf, die moderne Musik enthalte zuviel kaputte Welt.

    Damit bleibt nur noch ein abschließendes Wort zur Präsentation. Fertigung und Klang sind – soweit ich das aus den Musterpressungen ersehe – ordentlich, es standen in allen fünf japanischen Städten gute Flügel zur Verfügung. Jarrett „singt“, stammelt und juchzt oft begleitend zu seinem Spiel, was mich in diesem Fall nicht stört, weil die ekstatische Ergriffenheit des Musikers mehr bringt als Unversehrtheit des ästhetischen Klangs. Die Kassette hat einen sandfarbenen Einband aus holzhaltiger Pappe (wohl demonstrativ umweltfreundlich), ein paar Fotos aus Japan und keinen Einführungstext (weil Jarrett den geplanten deutschen nicht wollte und Eicher den empfohlenen amerikanischen nicht, weshalb Eicher ganz verzichtete, was ich als honorig empfinde). Wer sich den Kaufentscheid durch eine Hörprobe erleichtern will und kann, dem empfehle ich zum Anhören den Beginn von „Tokyo“ Seite 2, Part lb als Beispiel für eine starke Stelle und „Tokyo“ Seite 1, Part la als Beispiel für eine schwache.

    Herbert Lindenberger

    HiFi 2/79

     
    HiFi Stereophonie war ein glanzvolles Magazin. Ich habe es sehr bedauert, als es sich gegen Stereoplay (von dem es verschlungen wurde – allerdings nur das Logo, der anspruchsvolle Inhalt wurde sofort ausgespuckt) und AUDIO nicht behaupten konnte und eingestellt wurde. Rezensionen von der Qualität, wie die hier zitierte der Sun Bear Concerts finde ich in den zeitgenössischen HiFi-Magazinen nicht – ich sollte, denke ich an K. Lippegaus, fairerweise sagen: selten. Über den Technik- und Rezensionsteil hinaus wurden ästhetische Fragen von kompetenten Autoren, darunter auch Musikwissenschaftler, behandelt. In der Ausgabe Februar 1979:
     
    . Die Unvollendbarkeit des (Un)Vollendeten – Schuberts Sinfonie h-Moll
    . Darf man Alban Bergs Oper ‚Lulu‘ vollenden?
    . Zum Finale der neunten Symphonie von Anton Bruckner (Annäherung an einen Torso)
     


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