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2021 8 Juni

Roter Mohn vor dem Impfzentrum

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Die schlaksige Frau, die, wie ich, zum zweiten Mal geimpft wurde, fand auch Gefallen an dem roten Mohn, und sagte mir, ich solle erst mal das grosse lila Mohnfeld in Kruckel bestaunen. Ein Meer voller Mohn. Also nahm ich das gerne als kleines Abenteuer wahr, und fuhr, an Orten der Kindheit vorbei, in den kleinen Vorort im Süden. Allein ich fand das Mohnfeld nicht, und musste einen Alteingesessenen fragen, der mich auf ein Feld hinter einem Bauernhof hinwies, gar nicht weit von der Eisenbahnbrücke entfernt, die ich mit sieben Lenzen überquerte, auf dem grössten Langstreckenlauf meines Lebens. Ich folgte seiner Beschreibung, fand drei Höfe, kein Mohnfeld, und liess „Coral Island“ aus den Lautsprechern strömen, das ganze wundersame Album. Ich kam später in Burscheid an der Stelle vorbei, an der ich vor Wochen geknipst wurde, zum zweiten Mal in zwölf Monaten, und wieder mal an einem harmlosen, niemanden gefährdenden Punkt im Nirgendwo – im September darf ich meinen Führerschein einen Monat lang abgeben. Come on, baby, drive my car! 

 

Der Sommer hat es endlich auch nach Berlin geschafft! Dass die gefühlt endlose graue Berliner Jahreszeit in ihre Sommerpause geht, war in früheren Jahren auch schon mal einige Wochen später der Fall; selten allerdings war der Wetteraufschwung so ersehnt und willkommen wie in diesem Jahr – die ebenfalls gefühlt endlose Corona-Tristesse hat uns hier über die letzten Monate zunehmend zugesetzt. Ein paar Sommermonate, bevor es vielleicht schon im September wieder in die nächste Corona-Isolation geht – fürs beanspruchte Gemüt also eine selten wertvolle Stimmungsspritze. [Da wir keiner Risikogruppe zugehören und keinen für eine baldige Impfung hilfreichen Berufsstatus haben, vertrösten uns mehrere Hausärzte und mittlerweile auch wieder der allseits geschätzte Herr Spahn ja auf eine Erstimpfung voraussichtlich im September … was dann zu Weihnachten auch uns den von den Impfluencern (und vielen jüngeren Freunden in den Vereinigten Staaten oder Israel) sozialmedial hochgehaltenen „Geimpft“-Status bescheren dürfte. Wir freuen uns also schon darauf, in den (leider sehr kurzen) Weihnachtsferien dann einen Urlaub planen zu können.] Die mittlerweile zahlreich und anhaltend durch Reisebeschränkungen verunmöglichten Job- und Projektangebote schmerzen dennoch – eben auch, weil das nun dummerweise wohl auch noch den Spätsommer und Herbst beeinträchtigen wird.

Nie zuvor in meinem Leben habe ich so viel Rotwein gekauft (und getrunken) wie in diesem Corona-Winter. Aber keine Sorge: Trotz Stimmungsverstimmungen habe ich keinerlei Neigung zum Alkoholiker; mehr als zwei Gläser trinke ich eh nicht, von einer Geburtstagsfeier abgesehen. Zuletzt habe ich hingegen auch mal einen Koffein-Entzug durchgemacht. Das war nicht lustig – aber hilfreich. Ein kleiner Espresso alle zwei Tage am Vormittag reicht seither locker, um bis spät abends angeregt und angenehm wach zu sein. Anlässlich dieses Sommeranfangs möchte ich dann auch mal wieder aus meiner Blogabstinenz herauskriechen, das eingerostete Schreiben wieder hochfahren und ein paar Alben empfehlen, die mich gut durch die letzte Zeit gebracht haben.

Ganz wunderbar: das intensive Ambient-Album „Sutro von Christina Chatfield, acht Tracks, rund 66 Minuten, gibt es leider nicht in physischer Form, daher habe ich mir die Bandcamp-Dateien auf CD gebrannt, ganz altmodisch, denke aber, dass das auch als Kopfhörer-Album super funktioniert. Mich zieht das episch schwebende Album der kalifornischen Elektronikmusikerin bereits seit März stetig in den Bann und zählt zu den von mir am häufigsten gehörten Alben in diesem Jahr. Es lässt sich hervorragend von dieser sanften Energie hinfort treiben.

 

 

 

 

Ebenfalls aus Nordamerika, aber aus einer vollkommen anderen Ecke (und Szene) und erst jüngst erschienen: Allison Russells erstes Soloalbum Outside Child. In Montréal geboren und aufgewachsen, lebt die Musikerin nach jahrelangen traumatischen Erfahrungen mittlerweile in Nashville. Als Schwarze in der Country-Hochburg sticht sie heraus – ebenfalls in Tennessee lebt ja die gleichaltrige Valerie June, deren neues Album mir, erwartungsgemäß, ebenfalls sehr gefällt; es ist stilistisch ähnlich lose und frei, eingängig und stimmungswechselhaft, doch Allison Russells Themen hier sind weitaus aufwühlender, und die Mischung aus dunklem Blues und Americana und Soul passt da hervorragend. Eine eindringliche Liedersammlung, deren Tiefe und Komplexität sich langsam entfaltet und lange nachwirkt.

Zwei Alben mit langen, gedichthaft und leidenschaftlich gesprochenen Texten – beide zudem aus England, beide so unterschiedlich wie nur vorstellbar, auch in der Art des Vortrags, sind, erstens, die derzeit von mir am liebsten gehörte Debüt-LP des Quartetts Dry Cleaning, produziert von John Parish, seit Jahren stets eine sichere Bank für klasse Alben: drei junge Männer aus London, die mit einem recht reduzierten Instrumenten- und Stilarsenal einen frappierend wandelbaren IndieRock vorlegen, der hier und da an die von mir stets geschätzten Sonic Youth erinnern, andere denken wohl u.a. an Wire – und dann haben sie mit einiger Überredungskunst eine befreundete Illustratorin, bildende Künstlerin und Lyrikerin dafür gewonnen, zu dieser Musik auf trockene Weise latent surreale Texte darzubieten. „Deadpan“ wird diese Art des Vortrags gerne genannt, nicht wenige sehen bzw. hören Parallelen zu Kim Gordon und Laurie Anderson, was ich gut nachvollziehen kann, beim Hören allerdings denke ich daran nie. Toll, wie diese Band über zehn Stücke mit feinen Tempo- und Stimmungswechseln die Energie und Intensität des gemeinsamen Performens steuert und variiert. Die Texte sind durchaus fesselnd und spannungsreich in ihrer Musikalität, vergleichbar gelingt es Kate Tempest eine Grenze von Lyrikvortrag und Rap auszuloten.

Apropos, zweitens, das neue Album des karibischstämmigen, in England hochgeschätzten Poeten und Romanciers Anthony Joseph, der auch kreatives Schreiben lehrt, knüpft da sehr gut an. Entdeckt habe ich sein Werk, als die von mir sehr verehrte Meshell Ndegeocello sein famoses Album „Time“ produziert (und darauf mitgespielt) hat, seine bislang vier Soloalben tauchten seither zuverlässig in meinen Jahresbestenlisten auf. Auf diesem neuen präsentiert der Mittfünfziger seine Musik weniger all over the place oder opulent als etwa auf den exzellenten Vorgängern „Caribbean Roots“ und „People of the Sun“, hat eine kompakte, jazzige Band zusammengestellt, die ordentlich Zunder gibt, auch Shabaka Hutchings ist wieder dabei, und seine Texte gehen gewohnt vom Persönlich-Poetischen übers Gesellschaftskritische ins Politische, wie sein diesmal flammender Albumtitel bereits ankündigt: The Rich are Only Defeated when Running for their Lives. Auch Anthony Joseph sollte jene, die etwa Kate Tempests Energie oder die Eindringlichkeit des famosen Werks von Moor Mother schätzen, ohne Probleme ebenfalls ansprechen, mich erinnert er allerdings immer wieder auch an Wadada Leo Smith, wegen der Präsenz und der engagierten Themen und gerade auch wieder aufgrund der „sprechenden“ Titel. Wadada hat im übrigen aktuell sogar zwei neue Alben bei seinem Hauslabel, dem finnischen TUM Records, parat, beides 3-CD-Alben, eines davon mit Bill Laswell und Milford Graves, das andere komplett solo. Bislang kenne ich nur letzteres, es trägt den allernaheliegendsten Titel, Trumpet, und es wurde im Sommer 2020 in einer alten Kirche im Süden Finnlands aufgenommen, wo wir vor haargenau zehn Jahren, im Juni 2011, auch ein improvisiertes Konzert gefilmt haben, mit Frode Haltli, Maja Ratkje und zwei Finnen. Im fertigen Film wurde es zwar nicht verwendet, aber es hat mich jüngst gefreut, die Beiheftfotos mit Wadada in und vor dieser Kirche zu sehen, auch weil ich das Angebot hatte, im Mai eine Albumsession mit ihm und Andrew Cyrille in Brooklyn filmisch zu begleiten, was aufgrund der Corona-Beschränkungen leider nicht möglich war.

Sehr speziell — um nicht gar zu sagen: ein Album, in das man sich einarbeiten muss — ist Maxwell Sterlings Turn of Phrase. Ich habe die LP „blind“ bestellt [bzw. müsste man korrekterweise eigentlich sagen: „taub“ gekauft…], nachdem ich eine enthusiastische Rezension mit der Überschrift „Modern Classical trifft auf IDM auf einem wahrlich atemberaubenden Album“ las. An sich zwei Genres, die mich üblicherweise nicht hinter dem Ofen hervorlocken – hinter „Modern Classical“ verbirgt sich allzu oft Pseudo-Tiefgründiges bis Banales im Minimalismus-Gewand, das mich oft langweilt, in der IDM-Schublade erwarte ich vorwiegend Musik im WarpRecords-Stil der 1990er — wovon ich zwar sehr vieles kenne, aber über 20 Jahre nach Ende der Neunziger (und seither konstant gelungenen bis großartigen Autechre-Alben) nicht wirklich Bedarf verspüre, neue Veröffentlichungen im Revival-Stil zu erwerben. Mr Sterling, dessen vorige LP ich nicht mehr erwischte, indes macht durchaus ein völlig eigenes Ding, und die oben zitierte Überschrift trifft in der Tat den Nagel auf den Kopf: eine solche Verzahnung, Verschmelzung der beiden Klangwelten kommt einem nicht alle Tage unter. Das erinnert mich wieder einmal daran, wie bedauerlich es doch ist, dass Mira Calix (Südafrika+Suffolk) nach ihren genialen Arbeiten auf diesem Terrain seit so vielen Jahren als veröffentlichende Komponistin verstummt ist. Speziell ihr drittes Album Eyes set against the Sun (2007)  ist ein Klassiker dieser Stil-Verbindung, die nach meiner Kenntnis nicht viele empfehlenswerte Platten hervorgebracht hat, 2018 – Teil meiner damaligen Top 3 – auch Lageos von Actress (Darren Cunningham) und dem LSO.

Sterlings „Turn of Phrase“ arbeitet zwischendurch mit Detroit-Anleihen, verfremdeten Sprachsamples und manch anderen schwer zu verortenden Klangelementen; ein ziemlich großartiges Stück ist dann kurz vor Schluss die acht Minuten lange Kollaboration Tenderness mit der mysteriösen Poetin Leslie Winer, die einst mit Burroughs und Basquiat zu tun hatte und seither immer mal wieder auf Avantgarde-Alben auftaucht (u.a. Carsten Nicolai, CM von Hausswolff, Jon Hassell oder auch dem 1987er, nach wie vor 5-Sterne-Debüt von Sinéad O’Connor).

Abschließend noch zwei kleine (Lese-)Empfehlungen ohne viele Worte am Rande: Ein Hinweis auf das neue, wahrlich afrofuturistische Album der schillernden Dawn Richard, das im „New Yorker“ schön gewürdigt wurde. Und sehr gefreut hat mich der wertschätzende Text zum 40. Geburtstag von „The Fox“, Elton Johns gar nicht typischem „lost gem“ aus den Jahren, als er weder noch mit seinen „Klassikern“ der Siebziger beschäftigt war, noch bereits in den MTV-Achtzigern angekommen war, die mit dem 1983er Revival „I’m still standing“ begannen.

2021 7 Juni

Strandgut

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Lange bevor Hartmut Rosa sein Buch Unverfügbarkeit auf den Markt brachte (das übrigens ausgezeichnet ist – danke, Lajla), kannte ich den Begriff schon von dem französischen Philosophen Alain Badiou und seinem bonmot vom „unverfügbaren Wahrheitsereignis“ (danke, Slavoj Zizek). Daran musste ich neulich denken, als ich nach langer Album-Abstinenz und tiefer Hingabe an Gitarren-Workouts von Songs der Taylor Swift bei einer Entspannungsübung aufgrund einer lädierten Halswirbelsäule endlich mal zur Plattform Deezer griff. Auf dem Rücken liegend wie Kafkas Käfer versuchte ich, der zervikalen Symptomatik Herr zu werden. Die Rückenlage hat sich musiktechnisch seit langem bewährt, ich höre dadurch intensiver. Der Algorithmus ist ja kein Analphabet und so spülte er mir wundersam das Passende an Land: Terrain vom Portico Quartet. Genial, wie die hohen Töne mit meinem Tinnitus ein Konzert eingingen und ein Hörerlebnis brachten, dass nicht nur der Musik wegen grandios war. In einem Zuge durchgehört, nicht die Spur von Langeweile oder Gewohnheit, wollte ich gleich mehr vom Guten. Das besagte berechnende Zufallsprinzip bot mir Another Land vom Dave Holland Trio an. Es ging aus höchsten Höhen hinab zu einem satten, wuchtigen und völlig zeitgemässen Bassspiel (sag mal, wie alt ist der Typ eigentlich, sowas von frisch). Zunächst nahm ich den Gitarristen gar nicht wahr, sehr zurückgenommen, erkannte dann aber schnell Kevin Eubanks, dessen Präsenz auf dem Holland-Album Extensions wir einst feierten. Eubanks hat mich auch beeinflusst, weil er sehr funky spielt und die Saiten zupft. Anklänge an Walter Becker, John Abercrombie und Marc Ducret sind bei ihm zu finden. „Das ist ja Jimi Hendrix goes Funk, Jazz and Fusion!“ So war mein Gedanke, den ich am nächsten Tag in einer Rezension auch genauso wiederfand. Da dachte ich an Kant und seine Urteilskraft. Womit der Kreis sich schliesst, wir wieder bei den Philosophen wären.

 
 

You may have an answer for the title question, but it may be more difficult here:  what does drug withdrawal have in common with a broken heart? Why is the enemy of memory not time, but other memories? How can a blind person learn to see with her tongue or a deaf person learn to hear with his skin? Why did many people in the 1980s mistakenly perceive book pages to be slightly red in colour? Will we one day be able to control a robot with our thoughts, just as we do our fingers and toes? Why do we dream at night, and what does that have to do with the rotation of the planet?

These are just some of the questions David Eagleman will be answering when he comes to Intelligence Squared for this exclusive online event on July 5. Eagleman is a leading neuroscientist, as well as one of the world’s most dynamic and engaging science communicators. He specialises in brain plasticity – the idea that our brains are constantly changing and reconfiguring the world around us. The more experiences we have, the more the brain absorbs and the more it adjusts.

In conversation with musician and producer Brian Eno, Eagleman will discuss his latest findings which he outlines in his new book, Livewired: The Inside Story of the Ever-Changing Brain. And he will show that far from getting less malleable as we get older, our brains can continue to learn and absorb information quickly, if we keep on providing them with stimuli and new experiences. Join us for an evening of dazzling insights, ideas and anecdotes as Eagleman takes us on a tour of the astonishing plasticity and interconnectedness of our brains.

 

2021 6 Juni

Kate (2)

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Ihr seht, ich gebe mein Bestes. Alles ist vorbereitet für einen Juli-Abend, um einem Album meine ganze Aufmerksamkeit zu widmen, das manche für den Gipfel der 80er Jahre halten, und mich damals – keine Ahnung, ob es an oberflächlichem Hören, dem Sound, oder einfach meiner subjektiven, aber fundierten Meinung lag – schlicht langweilte. Nicht nervte. Laaaaaangweilte. HOUNDS OF LOVE. Interessant immerhin, dass ich ihr Debut mochte, und AERIAL sowie das Album mit den 50 Wörtern für Schnee liebte. Trotz der Mitwirkung von Elton John. Und einige Alben von ihr kenne ich gar nicht. Jetzt habe ich mir das MOJO-Heft über Kate Bush on-line besorgt. Zu den Alben von Kate B. ist meine Haltung immerhin noch ambivalent, andere Klangkünstler*innen und Songschmiede*innen lassen mich konsequent kalt, die hier von einigen Manas hoch geschätzt werden – da will ich jetzt kein grosses Fass aufmachen. Ich werde beizeiten hier meine Besprechung von HOUNDS OF LOVE abliefern, und ich werde die remasterte Version auflegen – denn schliesslich ist das die von Lady Bush abgesegnete. Selten aber wurde die Wahrnehmung einer viel jüngeren Version meines Ichs von seinem älteren alter ego ausgehebelt. Das ist mir mal bei einigen Alben von Yes passiert, die lange bei mir auf der Allergie-Liste standen – die veränderte Wahrnehmung war Surround-Abmischungen von Steven Wilson geschuldet, dessen eigene Alben mich übrigens auch komplett kalt lassen.

 

 
 

Man könnte es ja auch eine Geistergeschichte nennen, und die gesammelten psychedelischen Pilze dazurechnet, die in solch einem Dschungel beheimatet sind, würde jeder Film, jede Dokumentation, auf Farbenpracht setzen. Wer nun in Xpujil und um Xpujil umherstreift, und daraus Klänge filtert, hat so viele Chancen zu scheitern. Man denke nur an die neueren Dokumentarserien von Richard Attenborough, etwa „Blue Planet 2“, die ohne Frage beeindruckend sind, aber hinsichtlich des Soundtracks stets auf Nummer sicher gehen, und beispielsweise Hans Zimmer daran zimmern lassen: da setzt die Hollywoodisierung der Wahrnehmung ein, und leicht lässt man sich gängeln von 1:1-Relationen zwischen Bild, Sound & Emotion. Die fremdeste Unterwasserwelt wird so in einen vertrauten Horizont der Ohren übertragen. Wie anders sind  da Nova Materia mit ihrem Trip durch einen von den Überresten der Maya-Kultur geprägten Dschungelabschnitt umgegangen, auf ihrem Ende Juni erscheinenden Album „Xpujil“ – hier wird nicht geraunt, geschwelgt, gewabert, in grellen Farben aufgetragen.

 
 

 
 

Wieder und wieder traut man seinen Ohren nicht, und kann nicht anders – da in Momenten der Ergriffenheit  die Sprache einfach wird, fast schon Halt sucht in einfachsten Wortreflexen – als diese Musik von Caroline Chaspoul und Eduardo Henriquez „unheimlich schön“ zu nennen, unheimlich und schön. Anbei zu hören, was Eduardo und Caroline mir über das Cover erzählten. In voller Länge von 40 Minuten ist diese Arbeit zu hören in der Radionacht Klanghorizonte am 19. Juni. Versuche am besten gar nicht, vorher im Netz irgendwelche Kostproben zu finden, lass dich am besten unvorbereitet auf diese Reise ein! Ich gebe dem Album fünf Sterne.

2021 5 Juni

Aus der Erinnerung

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Niemals habe ich solche Menge an Gedichtbänden gelesen wie in meinen Studentenjahren. Es waren mindestens so viele wie die stolze Zahl der Thriller und Spionageromane von Eric Ambler und Partricia Highsmith, deren schwarzgelbe Buchrücken wohl einen knappen Meter auf meinem Bücherbord einnahmen. Meist lagen diese schmalen Werke, die ich vorzugsweise morgens im Café oder abends vor dem Einschlafen las,  vor dem Plattenspieler auf dem Boden, hautnah an  den Songalben von Eno oder frischen ECM-Lieferungen aus der Gleichmannstrasse  10. Da, wo sich heute BluRays und Dvds tummeln.  In  den Jahren von 1975 bis 1982 habe ich alles von Jürgen Becker gelesen, was ich in die Hände bekam, auch seine ganz frühen Bücher, und er wurde zu meinem Lieblingsdichter. Seltsam schüchtern war ich, als – Vorsicht, Repertoirestory! – er mir einmal im Fahrstuhl des Deutschlandfunks begegnete, in dem er lange als Redakteur arbeitete. Eher von draufgängerischer Art, war mir diese Anwandlung fast fremd, aber ich konnte sie mir hinterher gut erklären: meine Zeit mit seinen Gedichten stammte aus einer fast entrückten Vergangenheit, und was sollte ich  ihm in aller Enge eine kleine Anekdote der Begeisterung auftischen?! In jenen Jahren meiner Lyriklust verbrachte ich auch etliche Abende mit Friederike Mayröcker, die nun in hohem Alter den Planeten gewechselt hat. Am liebsten schrieb sie morgens, so lange die Träume nachwirkten, wie Meike Fessmann heute in ihrem feinen Nachruf in der SZ anmerkt, und ich bin damals so gerne in den Sog ihrer Gedichte geraten. Sie war mit Ernst Jandl verbandelt, und es brach ihr das Herz, als er so früh starb. An einen stärkeren Text über Abwesenheit als „Und ich schüttelte einen Liebling“ kann ich mich nicht erinnern. Das Lesen von Gedichtbänden ist eine Art  zu meditieren – die Tänze und Wirbel ihrer Sprache, ihres Sounds, haben mich oft an andere Orte transportiert. Und irgendwann, als die Erforschung der Träume mich mehr und mehr fesselte, wurde mir klar, wie nah die Deutung von Gedichten und die Deutung von Träumen beieinander liegen. Ich kann Menschen leicht beibringen, sich an ihre Träume zu erinnern. Gelingt mir das in einer Einzeltherapie, im übertragenen Sinn, ist die Lösung der seelischen Blockaden auf einem guten Weg. Beim Schreiben von Gedichten, und in der Therapie, geht es darum, jede Menge Gerümpel aus dem Weg zu räumen.

2021 5 Juni

„Caring“

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„Paying attention to how the music works on the body. And paying attention to how time is inhabited. Where is the Joy, where are the moments of sadness? it’s about really caring about feelings, you know, and often as musicians, we we find ourselves caring about other things like accuracy, for example, you know, which is not a feeling. It’s not a feeling, and it doesn’t elicit a feeling in anybody else. That’s just this kind of like demon who lives inside of us, who tells us we’re not good enough, you know.“  

 

(Vijay Iyer, speaking about the making of their latest album „Uneasy“ that, with a kind of „power trio at work“, no doubt, cares about emotions)

2021 5 Juni

„Birdhouse In Your Soul“

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Ich erinnere mich an frühe Radiojahre, in denen viele Schallplatten und Cds ungefragt in meinem Postkasten landeten, und 70 % davon waren kompletter Mist. Aber es gab eben auch Entdeckungen, wie die Musik von They Might Be Giants, ein Bandname, der wohl auch ein selbstironischer Kommentar zu ihrer Stellung in der „independant music scene“ war. Ich mochte ihre Schrägheit, ihren Humor, ich war kein so grosser Freund ihres Sounds. Aber als heute Herr Pitchfork, namentlich Quinn Sowieso, seine Liebeserklärung an diese Band veröffentlichte – der Aufhänger war ihr Album „Flood“ aus den frühen  Neunzigern – kramte ich das Teil aus dem Archiv hervor. Und, da staune ich gerne – obwohl ich immer noch kein Freund dieses hallig-dichten Klangbildes mit viel „Casio“ bin, verlieren sich diese Bedenken mit der Zeit, und das ganze Album behält eine seltsame Strahlkraft. Eine Art fast vergessene, heimliche Liebe. Bin mir ziemlich sicher, dass Wayne Coyne von den Flaming Lips ein grosser Fan des Duos ist. Ich zitiere Quinn. (m.e.)

 

Nirgendwo ist die Vorstellungskraft tiefgründiger als bei dem skurrilen Hit des Albums, „Birdhouse in Your Soul“, der aus der Sicht eines Nachtlichts geschrieben wurde. Über einer gleichmäßigen Snare und einem schrillen Arrangement, das stark von den Lovin‘ Spoonful inspiriert ist, schüttet dieser leuchtende Erzähler einen Bewusstseinsstrom aus, der sich unter anderem auf seinen Stammbaum bezieht. „Obwohl ich das sehr respektiere, würde ich gefeuert werden, wenn das mein Job wäre“, sagt er zu seinem Leuchtturm-Vorfahren – „nachdem er Jason und unzählige schreiende Argonauten getötet hat“. Obwohl die schwungvolle Melodie nach außen hin fröhlich wirkt, hat „Birdhouse“ etwas subtil Bedrohliches an sich, vom bissigen Trompetensolo bis zur schwankenden Bridge: „Ich bin dein einziger Freund/Ich bin nicht dein einziger Freund/Aber ich bin ein kleiner leuchtender Freund/Aber eigentlich bin ich nicht dein Freund/Aber ich bin es.“ Es ist brillant, es ist atemlos, und Junge, es ist bizarr.

Natürlich gibt es eine Geschichte der „Konkreten Musik“, die aus Geräuschen eine eigenartige Klangwelt filtert, oder sich inspirieren lässt von Geräuschen, Naturklängen, mitunter aussterbenden Geräuschen einer bestimmten Tier- und Pflanzenwelt – aber so erfinderisch, so verwegen, habe ich in den letzten Jahren kaum eine Musik wahrgenommen, die eine Bio-Sphäre erforscht, durch Recherchen und Studien vor Ort, um später im Studio aus all den Fundstücken ein Album zu entwickeln, das alle gängige Esoterik erhabener New Age-Sounds so vollkommen abstreift wie nüchtern-akademische Feldforschung. Gab es Vorbilder für diese Musik, und ihre einzigartige „Psychedelik“?

 

 


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