Manafonistas

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Die Nacht der Klanghorizonte am 19. Juni beginnt mit einem langen Musikstück, ich sage vorher kein Wort. Wenn man die ersten Minuten davon gehört hat, weiss man ohnehin, wo der Bartel den Most holt in dieser Nacht. Es gehört zu einem Genre, das gar nicht so fest umrissen ist, und von Nik Bärtsch „ritual groove music“ genannt wird. Damit verhindert er die üblicherweise ins Spiel gebrachten Wörter mit langen grauen Bärten, wie „Jazz“, „Minimalismus“, „Ambient“ und „Klassik“. Klassik hat den längsten Bart, historisch gesehen – um ihn zu stutzen, beschränken sich einige auf „Zeitgenössische Klassik“. Wörter wie „zeitgenössisch“ halten sich auch nur noch im Feuilleton wacker aufrecht, sie sind massiv einsturzgefährdet, so obsolet wie heutige Parteitage der von Gerhard Schröder abgewirtschafteten SPD, auf der man sich immer noch feuchtfröhlich als „liebe Genossinnen und Genossen“ anredet. Zur „ritual groove music“ könnte man leichterhand The Necks zählen, „Joshua Abrams & The Natural Information Society“, Nik Bärtschs Ronin sowieso, und das wunderbare Album, das meine Radionacht einleiten wird. Interessant, das ich bei dem ersten Stück der CD hier und da an die feinen repetitiven Wirbel der „ride cymbal“ von Eberhard Webers Album „Yellow Fields“ dachte! Ein Album, das man „organische Puls-Musik“ nennen könnte (wenn das nicht zu sehr nach veganem Lebensstil klingen würde), und bis heute nichts von seiner Magie verloren hat. Mein erstes Album der Nacht ist ein Werk, dem man daheim am besten von Anfang bis Ende lauscht. Es ist, nebenbei bemerkt, exzellent aufgenommen, und muss keineswegs laut gehört werden. Die Musiker leisten sich den Luxus, ihre Tableaus in oft recht hohen Tonlagen anzusiedeln, ohne schrill zu werden. Die Luft ist halt dünn in solch entlegenen Terrains (und Nachtlandschaften), über denen das  beste Opus, das diese Bande Gleichgesinnter je gemacht hat, schwebt, in all seinen aufregenden Perspektivwechseln, Eindunklungen, und Verwirrspielen. Ich verleihe dem Album 4 1/2 Sterne. Soviel, wie John Green in seinem tollen Essayband über das Anthropozän den Höhlenmalereien von Lascaux gibt. A strange, strange world, und, for sure, one my 33 favourite albums of 2021. Dim the lights, and follow the tapestries. 

 

2021 2 Juni

Madrid erwacht

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Neben dem kunstschatzreichen Prado haben mich vor allem die Straßen in Madrid interessiert. Ich wollte herausfinden, wie die Madrilenen den besonders harten Lockdown mit den heftigen Verlusten verkraftet haben.

Ich war noch nie in Madrid, habe die Stadt in Francozeiten gemieden, aber auch die harte Sprache hielt mich von ihr fern.

Ich wohne im Literatenviertel, mein Nachbar ist Cervantes – ist er wirklich so gut wie Goethe? Die schmalen Straßen im „Barrio der las Lettras“ sind beschaulich, ruhig. Wo sind die Autos der Bewohner der bis zu 10Stockwerk hohen Gebäuden? Hier geht man zu Fuß. Überall sind die Bars geöffnet, einige haben noch Entschuldigungsschilder hingehängt.

 

 

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Nur wenige sind noch am Saubermachen, weg mit dem Lockdown-Staub. Noch nicht entfernt sind die herzlichen Grüße an die Nachbarn.

 

 

 

 

Noch tragen die meisten Masken, aber in und vor den Bars herrscht wie ehedem Gesichtssicht. Sie sprechen viel und laut, sind Dauertelefonierer und tragen die besten Schuhe: boots of spanish leather. Ich sehe nicht wenige Frauen in ausgesprochenen Festtagskleidern. Es ist ein normaler Donnerstag. Sie scheinen ihren Frischluft-Catwalk zu genießen. Toll.

Ich reihe mich in eine endlose Schlange ein, weiss nicht so genau wofür. Am Ende steht man einem schwarzen Jesus gegenüber, dem die Menge für das Überleben in der Pandemie dankt und für die Verstorbenen betet.

 

 

 

 

Der 29. 5. ist nationaler Armeetag. Ich stehe mit Vielen an der Absperrung und vergesse vollkommen die Abstandsregelung. Freizeituniformierte schreien neben mir: VIVA Espagna, als die spärliche Garde mit ihren gestreckten Lanzen an uns vorbeimaschiert. Ich denke, dass nur 10 m weiter das große Picasso Gemälde „Guernica“ hängt. Ùber uns malt die Luftabwehr die leicht verschobenen Nationalfarben in den Himmel.

 

 

 

 

Auf dem Weg nach Chueca komme ich an einer ewig brennenden Flamme vorbei. Für wen flackert sie? Für alle an Covid Verstorbenen.

 

 

 

 

Chueca ist das angesagte Schwulenviertel von Madrid. Hier flaniert Mann mit Mann in gewagten Outfits. Ich sehe über eine weite Restaurantterrasse, wo nur Männer ihren Cortado trinken. Wir sind nicht in Arabien, aber in Tausendundeinernacht. Von so geballter Lebensfreude, solch hedonistischem Hochtreiben muss doch etwas an Energie in die Gesellschaft fließen. Was hier an Mut in der Tabulosigkeit geboten wird, ist frappierend. Sicher wurde hier während des strikten Lockdowns in jeder Besenkammer gefeiert. Ich lese im Internet über Chueca, dass es vormals ein kriminelles Prostituiertenviertel war, das von den Homos und Heteros „domistiziert“ wurde, nicht nur für die Epikureer. Feinschmecker kommen hier nur schwer an den einladenden Geschäften vorbei.

 

 

 

 

Buen provecho, schmeckt wie immer.

1 – Am Ende eines Gespräches

 

In my next radio night I will play a long track from Robert Ashley‘s masterpiece „Private Parts“. A special voice tells a story full of apparently marginal things (but nevertheless a meditation on life), accompanied by interesting „background music“. Recommended for your ears, Kurt, also,  because of the way you are working with  language on Showtunes.“

“The  name rings a bell, Michael. Special background music – that was the  case, too, when Bob Dylan read his speech for the Nobel Prize, just being accompanied by a piano.“

“A propos piano. In a review of Showtunes, I put your album alongside some other albums from different genres that, for me, have a similar kind of nakedness, intensity and intimacy. And one of them was a piano solo album by Paul Bley: „Open, to love“.  Go for that, Kurt, it‘s awesome midnight music.

„I will, Michael. I love ECM“.

 

(transcribed from memory, from yesterday‘s Zoom-interview with Kurt Wagner (Lambchop) in Nashville, Tennessee)

 

 

 

 

2 – Einige dieser Sommerabende

 

Der Sommer, der morgen beginnt, und obwohl er schon ein paar Tage offenkundig war, rasch wieder von einer Regenfront und kühlen Winden verprellt wird, hatte genug warme Wiesen parat, um sich darauf zu räkeln, in die neuen Kurzgeschichten von Haruki Murakami abzutauchen,  oder sich vom feinsinnigen Humor der Essays von John Green entführen zu lassen – und obendrein gab es die angenehm kühlen Abende mit verlangsamten Blicken zu den Restlichtern dieser Tage (Laternen, Abendrot, Grillkohle), sowie Alben, die, wie in alten Zeiten, zur Nacht hin, abwechselnd den Plattenteller blockierten: immer wieder „Showtunes“ von Lambchop, „Promises“ von Floating Points, und das Album mit mehr als einem Hauch einer alten Stadt der Mayas. „Every repetition is a form of change“ (Oblique Strategies, oder Heraklit, ganz wie man will).

 

 

3 – In bester Gesellschaft von „Showtunes“

 

Mark Hollis’ solo album, Joe Lovano’s „Trio Tapestry“, Nico‘s „The Marble Index“,  Paul Bley‘s „Open, to Love“, Brian Eno‘s  „Another Day On Earth“, Prefab Sprout‘s „I Trawl The Megahertz“, John Cale‘s „Music For A New Society“, and the last album of Jacques Brel, the one with a pale blue sky and pale white clouds

 

 

4 – Nachspiel

 

Trio Tapestry‘s sense of melody, space and  letting-go  is immaculate. I will always remember their first record, one of the jazz miracles of 2019. For me, it was the best album Joe Lovano ever made, with Manfred Eicher’s perfect sequencing of the tracks. Listen to the vinyl: suspense, sound and silence in perfect union. It is quite natural that this follow-up lives up to the high standard of the first meeting in New York. Now with a deeper touch of Provence pastel and colours at dusk. You can think of every jazz writing cliche of praise, from „filigree“ to „elemental“, and be sure that Lovano, Crispell and Castaldi are breathing new life into it. After the first three pieces of pure baladry (written by soul, not by the book), the appearances of sound take more and more adventurous side steps, from moments of pianistic unrest and upheaval, to an exploration of metal and sound in Castaldi‘s drum figures. A zen-like purity‘s bold pairing with an adventurous spirit. „Garden of Expression“ delivers everything with grace, selflessness and the most nuanced sense of  tempo, time standing still and a flow of undercurrents. If this sounds slightly over the top, let the music take over, dim the lights and follow the tapestries!

 

2021 30 Mai

Nachschlag

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Ohne Gegenmaßnahmen hätte die Coronavirus-Pandemie dem Imperial College in London zufolge in diesem Jahr mehr als 40 Millionen Menschen weltweit das Leben kosten können. Ein paar Unwägbarkeiten gibt es bei solchen Studien immer, aber natürlich stimmt die traurige Tendenz dieser grossen Zahl. Nun darf man sich auch ohne grosse mathematische Anstrengungen einen weiteren Fakt vor Augen führen: als die zweite Welle hierzulande noch recht langsam Fahrt aufnahm, wurde von vielen Wissenschaftlern eine Strategie namens „Zero Covid“ entwickelt, die, wäre die Bundesregierung ihr zeitnah gefolgt, Tausenden hierzulande das Leben gerettet hätte.

 

Allein die zähen Strukturen des Föderalismus und eine in der zweiten Welle lange Zeit erschreckend entscheidungssschwache Regierung führten zu permanenten Verzögerungen, bis die Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes und die „Bundesnotbremse“ mit Ach und Krach umgesetzt wurden. Was Drosten, Brinkmann, Lauterbach und Co. frühzeitig angemahnt hatten, wurde denunziert (etwa von der FDP), und so lange „ausgesessen“, bis man gar nicht mehr anders konnte. Das katastrophale Agieren der EU bei der Beschaffung von Impfdosen (in der ersten Phase) sorgte sogar dafür, dass Boris Johnson (ein von Grund auf antidemokratischer Politiker) bei Befürwortern des  Brexits fast zum Helden stilisiert wurde, und nun seine Ziele wie etwa die Zerschlagung der BBC und des kritischen Journalismus in England weiter verfolgen kann.

 

„Zero Covid“ hatte nie das naive Ziel, das Virus auf die Zahl 0 zu bringen, wie manche behaupteten, um den fehlenden Realismus des klugen und äusserst pragmatischen Papiers der Wissenschaftler fälschlich zu beklagen, sondern u.a. durch konsequente Shutdowns und eine zwangsweise Verpflichtungen aller wirtschaftlichen Betriebe zu fortlaufenden Testungen für eine massive Eindämmung zu sorgen. Was Neuseeland vorgemacht hatte, hätte auch hier zu umfassenden Erfolgen geführt.

 

Nun ist man auf einem vermeintlich guten Weg, den man, so viel effektiver, viel früher hätte beschreiten können. Und so wird es wohl kommen: statt eines dringend erforderlichen poltischen Wandels, wird im Herbst eine schwarzgelbe Koalition die Regierung überehmen, mit dem unsäglichen Lobbyisten Lindner in der rechten Flanke, und Armin, einem Kanzlerdarsteller par excellence, der sich, der grösste Witz in diesem Szenario, auch noch als Klimaschützer inszeniert, und am liebsten im Wettstreit mit seinem Spezi Söder reihenweise Wälder retten und Bäume umarmen möchte. Wäre es nicht so traurig, es gäbe viel zu lachen.

 

 
 

„Listening to „Live in Stuttgart 1975“ brought to mind something Can keyboardist and conductor Irmin Schmidt told this writer a decade ago in the studio at Les Rossignols, his rural nerve centre in south-east France. “What fascinates me for over 40 years are swarms of birds and of fishes,” he said. “These creatures being one dense thing and, all of a sudden, expanding and all these movements… I could watch them for hours if I had the chance. The concept of murmuration – of spontaneous order emerging from multiple autonomous minds, moving in beauteous random harmony – is as good a comparison as any when investigating the Can live experience.“

(Ian Harrison, Uncut, July 2021)

Das vierte Album von Trees Speak aus Arizona ist eine weitere aufregende Entwicklung in ihrer schnell wachsenden Diskographie,“ schreibt Martin Simpson in „AllMusic“, „und verpackt eine Fülle von Ideen in seinen 18 Tracks. Mit jeder weiteren Veröffentlichung hat die Gruppe ihren Fokus gestrafft, ihre ausschweifenderen Impulse zurückgedrängt und abendfüllende Reisen mit einem echten Sinn für Progression geschaffen. PostHuman ist ihr bisher filmischstes Werk, bei dem jeder Track einer eigenen Filmszene gleicht, die oft nahtlos ineinander übergeht, um die Kontinuität zu wahren.

 

In den Klanghorizonten am 19. Juni wird Musik aus allen drei Alben des Duos zu hören sein, die zwischen 2020 und 2021 bei Soul Jazz Records erschienen sind (ihr Debut kam auf einem kleinen italienischen Label raus) –  „Ohms“. „Shadow Forms“, und nun „PostHuman“. Zudem beantworteten die Brüder Diaz ein paar meiner Fragen via Email. Hier ein kleiner Auszug. Und die Innenseite des Klappcovers der Vinyl-Version. An Jan Reetzes Buch („Times & Sounds – Germany’s Journey from Jazz and Pop to Krautrock and Beyond“) zeigten sie sich hochinteressiert, und die Leküre wird diesen (wie ich vermute) sehr jungen Klangforschern wohl noch manche Tür öffnen. 

 

 

 


„We accidentally stumbled onto the nexus of Kraut-Rock. We believe they (the original makers of the Kraut sound) were experimenting with minimalism as well. It was very organic and unintentional that we crossed paths with the philosophy behind that style of expression. It was the most natural thing we could do at the time. Some of the names that kept coming up for us and still do to this day are Schoenberg, Stockhausen, and John Cage. They still influence us to this day.“

2021 27 Mai

Drei schwarze Hunde

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Es ist ungefähr ein Jahr her, dass Sandra und ich beim Mailen auf das Thema Laufen kamen und sie mir den Link zu einen Trainingsplan schickte: „30 Minuten Joggen am Stück innerhalb von acht Wochen“. Ich habe zwar länger als acht Wochen gebraucht, kann aber jetzt mein einjähriges Trainingsjubiläum feiern und es geht ein Jugendtraum in Erfüllung, wenn auch mein Fahrrad jetzt öfter im Keller steht. Für mein Lauftraining haben sich drei Varianten eingependelt – die kleinste Runde nur um die Strecke am Bahndamm, oder bis zur Autobahnbrücke oder bis zum Outdoor-Fitnessstudio – je nach Energie und Uhrzeit, denn ich bevorzuge die Zeit vor der Dämmerung, es soll aber nicht dunkel sein. Irgendwann will ich eine größere Runde in diesem Park schaffen, der an einen kleinen Fluss grenzt und einmal ein Bundesgartenschaugelände war, das man inzwischen verwildern lässt. Schon als Kind habe ich bei meinen Radtouren die unbefestigten, nicht asphaltierten Wege gesucht, und ich wähle gern den Umweg über einen nicht so gut ausgebauten Schotterweg mit großen Dellen, die Platz für Pfützen bieten und die im Winter mit ihren Vereisungen für spannende Trainingsbedingungen gesorgt haben. Dieser Schotterweg führt an einem großen Grundstück mit einem Haus vorbei, eine ungewöhnliche Lage, befinden sich hier doch eher Kleingartenanlagen. Das Haus fasziniert mich. Es wurde vor vielleicht zehn Jahren gebaut, liegt innerhalb der Großstadt geradezu abgelegen, und dennoch zentral. Es sind einige Parkplätze für bestimmte Kennzeichen markiert. Das Grundstück ist durch einen hohen Drahtzaun und mit Stacheldraht gesichert und immer sind zwei große schwarze Hunde zu sehen, die sich sichtlich gut miteinander verstehen, die miteinander herumtollen, wahrscheinlich ein Paar sind, die im Gras liegen oder unter den Bäumen und zu schlafen scheinen, jedoch innerhalb von Bruchteilen von Sekunden scharf reagieren. Früher haben sie mich mit ihrem Bellen und Herumlaufen direkt am Zaun immer erschreckt. Inzwischen sind sie ruhiger geworden, dosieren ihre Energie. Gestern kamen mir hier eine Frau und ein kleiner schwarzer Hund entgegen. Der Hund wirkte so tapsig, fröhlich und unbefangen wie ein Welpe, und er zielte mit all seinem Charme direkt auf mich zu. Ich war verwirrt darüber, dass sich hier jemand nicht an die Regeln hält. Ich kraulte ihn am Kopf und er drückte seine nassen Pfoten an mein Knie und schaute mich an. Die Frau machte sich Sorgen um meine Trainingshose, aber ich genoss einfach nur dieses Glück.

2021 27 Mai

All Gates Open

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(Vorbemerkung: Jans Text aus dem Jahr 2020 taucht hier aus gutem Grund wieder auf:  morgen erscheint Cans Konzert aus dem Jahre 1975, „Live in Stuttgart“, das bislang in Vorab-Kritiken (Uncut, Mojo) sehr viel Lob erntete. Ich bin gespannt. 20 Minuten habe ich für die CD reserviert, für eine der „Zeitreisen“ in den Klanghorizonten am 19. Mai. Jetzt muss es mir nur noch gefallen:) … Solche Ausgrabungen bringen stets unsere Erlebnisse und Erinnerungen ans Licht. Irgendwo in den Tiefen des Blogs findet sich auch Jans Besprechung von Alan Warners Buch über „Tago Mago“, das mir weitaus besser gefiel als ihm. Es ist eher eine private Geschichte über das Leben mit einem Album als eine gründliche Werkanalyse, ich fand es famos erzählt. Morgen erscheint auch das Opus „PostHuman“ des Duos „Trees Speak“ aus Tucson, Arizona, das auf ihren nunmehr drei Alben für das Label SoulJazzRecords auf sehr kreative Weise Krautrock-Traditionen anzapft. M.E.)

 

 

 

 

Das noch immer beste Buch über Can ist das 1998 dreisprachig als Teil der Can Box erschienene, leider längst vergriffene „Can Box Book“ von Wolf Kampmann und Hildegard Schmidt. Ansonsten hat nicht viel Auswahl, wer sich für die Geschichte der Band interessiert. Gemessen an ihrer Bedeutung ist das eigentlich erstaunlich. Es gäbe dann noch „The Can Book“ von Pascal Bussy und Andy Hall von 1989, ein Werk voller, wie Tucholsky es einst nannte, „unsichtbarer Imponierklammern“ — hinter jeden zweiten Absatz raunt es dir unsichtbar ins Ohr: „(Ist das nicht toll, was wir alles wissen? Und wir wissen noch viel mehr, was du, dummer Leser, nie erfahren wirst!)“

Und dann ist da „All Gates Open — The Story of Can“ von Rob Young und Irmin Schmidt, so benannt nach dem Eröffnungstrack von Cans letztem regulären Album von 1978 (wenn man den 1989er Nachzügler Rite Time mal außen vor lässt, der wohl eher dazu diente, einige Dinge zwischen den Musikern zu klären). Ich bin erst jetzt dazu gekommen, diesen Klotz mit seinen fast 580 Seiten plus einiger Fotostrecken durchzulesen.

Das Ergebnis ist durchwachsen. Das Buch zerfällt in drei Teile: Zum ersten ist das die von Young verfasste Geschichte der Band, zum zweiten eine Sammlung von Gesprächen mit Irmin Schmidt, und zum dritten Tagebuchauszüge und andere Notizen von Irmin Schmidt.

Young schrieb für The Wire, seine Story der Band nimmt etwa zwei Drittel des Buches ein. Sie hangelt sich an den Platten entlang, ist gut und sachlich geschrieben, hält sich allerdings nach meinem Eindruck ein bisschen zu eng an Irmin Schmidt und dessen Sicht der Dinge fest. Young kennt die Band sehr gut, seine Kenntnis der Aufnahmen ist so gut wie lückenlos, oft hat er Informationen oder Hintergrundgeschichtchen zu den Stücken und ihrer Produktion parat, die wirklich aus dem Nähkästchen stammen. Insbesondere die vielen Informationen über Cans Filmmusiken sind für jeden, der die Band kennt und schätzt, hochinteressant. Die Rolle von Irmins Frau Hildegard wird ausführlich beleuchtet, auch der jahrelange Ärger mit Abi Ofarim wird geschildert, der sich zum Manager der Band berufen fühlte, aber wenig dafür tat. Einige merkwürdige Fehler sind mir aufgefallen, die möglicherweise einer Übersetzung oder Übertragung geschuldet sind; so wird etwa Karlheinz Stockhausen eine Komposition namens „Klangwelle“ zugeschrieben, die es nach meinem Kenntnisstand nicht gibt (gemeint ist wohl „Kurzwellen“), auch sprachliche Missverständnisse treten gelegentlich auf. Aber damit kann man leben. Die Rolle Stockhausens für die Band, das wird schnell deutlich, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, das zieht sich durch das gesamte Buch. Sowohl Holger Czukay als auch Irmin Schmidt waren seine Studenten, Schmidt selbst kommt ja aus einer klassischen Musikausbildung. Ich habe durch die Lektüre etliches über Malcolm Mooney und Damo Suzuki erfahren, was ich nicht wusste; gelegentlich wartet das Buch auch mit Mitteilungen auf, die ich so genau gar nicht hätte wissen wollen — etwa die Ursache der Spannungen zwischen Holger und Irmin, eine private Geschichte, die für mein Gefühl gar nicht in die Öffentlichkeit gehören würde.

Gemessen an den Anteilen Irmin Schmidts sind die Geschichten Jaki Liebezeits, Holger Czukays und Michael Karolis ein wenig unterbelichtet, aber vielleicht sollte man das gesamte Buch ohnehin als eine Art Schmidt-Biografie sehen. Generell gilt: Am Lack der Gruppe wird an keiner Stelle gekratzt, hinterfragt wird nichts. Selbst die Nähe der Band zu okkulten Erscheinungen, Telepathie etc., wird nicht kommentiert oder in Frage gestellt. Die alten Stories mit der Selmer-Orgel, die angeblich auf verbales Kommando von Michael aufhörte zu rauschen, werden ebenso unhinterfragt wiedergegeben wie die angeblich stehengebliebenen Uhren im BBC-Studio, als Jaki aufhörte zu spielen. Na gut, Fans lieben Märchen, trotzdem hätte man sich da ein klareres Nachhaken gewünscht.

Das letzte Drittel des Buches steht unter dem Motto „Can Kiosk“ und teilt sich auf in Gespräche mit Irmin Schmidt und Notizen von Irmin Schmidt. Seine Gesprächspartner sind unter anderem Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten), Geoff Barrow (Portishead, die Schmidt offenkundig sehr schätzt), Filmemacher und Theaterregisseur Klaus Emmerich, zu dessen Serie „Rote Erde“ Schmidt die Musik schrieb, Duncan Fallowell, Hans-Joachim Irmler (Faust), Wim Wenders und etliche andere. Irmin Schmidt steht dabei zwar im Mittelpunkt, aber es geht auch um die Arbeit der jeweiligen Gesprächspartner. Die sich dann anschließenden Notizen, Tagebuchausschnitte und Traumschilderungen von Schmidt sind für mein Gefühl inhaltlich wenig ergiebig und wären verzichtbar gewesen. Aber gut, nun sind sie mal da.

Wie gesagt: Das Kampmann/Schmidt-Buch von 1998 findet man bestenfalls mit viel Glück noch gebraucht, deswegen wird das Young/Schmidt-Buch das beste bleiben, das über Can zu bekommen ist. Lesenswert ist es allemal.

2021 27 Mai

3 x PSB

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Es gibt drei Nachrichten, die Pet Shop Boys betreffend:
 
 

 
 
Diese Single. Sie ist etwa so kratzig wie der Pullover aussieht. „Cricket Wife“ ist ein fast zehn Minuten langes Stück mit verschlungener Melodie, das auf einem Gedicht von Neil Tennant basiert. Es kommt ohne — wie heißt es immer so schön — Kirmesdisco daher, statt dessen wird der Song getragen von sinfonischen Klängen. Einziger Haken: Diese Klänge sind synthetisch, sollen aber wie ein Orchester klingen. Hätte man statt dieser elektronischen Sounds ein wirkliches Orchester eingesetzt, hätte dies eine interessante Nummer werden können. So ist sie leider nichts Halbes und nichts Ganzes.

Auf der B-Seite bzw. als zweiter Track findet sich eine neue Abmischung von „West End Girls“, die sogenannte „Lockdown-Version“, was schon darauf hindeutet, dass sie nicht im Studio, sondern in Neils und Chris‘ jeweiligen Wohnungen entstanden ist.

 

 

Schon das Coverfoto ist zum Liebhaben. An den Film My Beautiful Laundrette von Stephen Frears erinnern sich sicherlich noch alle. Im September 2019 entstand in Leicester eine Bühnenversion des Stücks, zu der die Pet Shop Boys zwei Songs und einige Zwischenmusiken lieferten. Die EP war zunächst nur in Verbindung mit dem jährlichen „Annual“-Buch der beiden zu erhalten, nun gibt es sie auch zum Download. Hörenswert.

Und, am Rande bemerkt: Ein interessanter Trend, dem die Pet Shop Boys hier folgen. Wenn es früher einmal üblich war, in dem einen Jahr ein neues Album zu produzieren und im darauffolgenden mit dem Album zu touren, so ist die Popwelt inzwischen derartig schnell geworden, dass ein neues Album nach zwei Jahren heute bereits als „Comeback“ gewertet werden würde. Immer mehr Stars und Sternchen gehen deshalb dazu über, statt eines Albums nur noch EPs zu produzieren — dies dann aber jährlich. In einer Zeit, da sich Popkarrieren oft nur noch nach Monaten bemessen, ist das wohl konsequent, damit der Name nicht vergessen geht.
 
 

 
 
Discovery — Live in Rio 1994 war bislang nur als VHS-Cassette oder als Laserdisc zu haben und natürlich längst vergriffen. Nun gibt es den Konzertmitschnitt wieder, diesmal auf zwei CDs und einer DVD. Das Konzert überrascht wenig, „Tonight Is Forever“ eröffnet die Show, und die enthusiasmierten Cariocas sehen das offenkundig auch so. Die Bühne kommt mit großer Showtreppe daher, die Show ist perfekt geprobt, auch die bereits gewohnten Kostümwechsel kommen zuverlässig. 1994 gab es zwischendurch im Konzert noch eine Art „unplugged“-Runde, in der Neil zur Gitarre greift; in späteren Konzerten findet man dies nicht mehr; in der Dampfhammernummer „Paninaro“ sprechsingt hier auch einmal Chris. Wie oft, haben die Pet Shop Boys auch diesmal eine Backup-Sängerin vom Feinsten engagiert: Katie Kissoon, die man von Mac & Katie Kissoon bis hin zum Orchester James Last kennt. In einer wunderbaren Kombination der Songs „It’s A Sin“ und dem alten Gloria-Gaynor-Hit „I Will Survive“ singt sie die Gaynor-Teile. Außerdem gibt es die Coverversion des Blur-Titels „Boys & Girls“, der es mit dem Original aufnehmen kann.  Verblüffend, wenn man darüber nachdenkt, ist die Tatsache, dass selbst 1994 einige der dargebotenen Hits schon über zehn Jahre alt waren. Die Jungs sind tatsächlich schon lange dabei. Auf Betriebstemperatur kommt die Show erst im letzten Drittel, dann allerdings wirklich.

Weniger ansprechend finde ich die Tänzer — etliche Go-Go-Girls und -Boys erinnern an alte Beat-Club-Zeiten, zeitweilig geht das Ganze in mir etwas zu schwül geratene Schmuseszenen sowohl m/w als auch mm/ww über. Ich weiß nicht, ob das 1994 noch ein Tabubruch war, festzuhalten bleibt jedenfalls, dass jeder zweitklassige Stripschuppen auf St. Pauli solche Szenen überzeugender über die Bühne bringen könnte.

Die Aufnahmen sind naturgemäß Videoaufnahmen, und man hat darauf verzichtet, sie mit heutigen technischen Mitteln zu verbessern. So sieht man seit langer Zeit wieder einmal Bilder im Format 4:3 und dazu kräftiges Farbrauschen bei blauem und rotem Scheinwerferlicht. Auch der Ton auf den beiden CDs ist kaum nachbearbeitet worden, klingt ein wenig matt und unterscheidet sich nicht von dem der DVD; lediglich habe ich das Gefühl, dass auf den CDs das Publikum etwas stärker in den Vordergrund gehoben wurde.

Für Fans.

Womit der Chronistenpflicht Genüge getan sei.

„Showtunes“ is smooth, cool, laid back and quite dreamy. Lazy even. It’s what Kurt Wagner does best – take you for a slow late night drive around less familiar territory. I’m in, and along for the ride.“

(dylan37, The Guardian)

 

Das erste Mal hörte ich den Namen Lambchop, als David Byrne in einem nun auch schon uralten Interview davon sprach, wie ihm das Album „How I Quit Smoking“ gefalle. Als jene Songs dann bei mir landeten, ahnte ich, das würde eine neue Lieblingsband. Der ehemalige Fliesenleger – und eine Band wie einen Malkasten einsetzen. Seitdem besorgte ich mir jedes Album. Vor Jahren wurde „What Another Man Spills“ für eine Vinyl-Ausgabe neu remastert, und dieses Remaster war so unheimlich gut, dass ich das Werk, obwohl ich es von früher kannte, gleichdam neu entdeckte. „Is A Woman“ galt früh als Klassiker, „Nixon“ als ihr vielleicht berühmtestes Album, und „Damaged“ war lange Zeit mein heimlicher Favorit. Diese Formation, um den Sänger und Komponisten Kurt Wagner herum, hörte nie auf, neue Wege zu beschreiten, und als er dann begann, die eigene Stimme zu verfremden, mit „FLOTUS“, musste ich nicht überredet werden – Effekte sind bei Lambchop keiner Mode geschuldet, immer dem musikalischen Ausdruck. Und nun also „Showtunes“. Ein Wunderwerk, und wenn ich die gute halbe Stunde höre, etwa auf weissem Vinyl mit 45 Umdrehungen pro Minute, gibt es keinen überflüssigen Moment – all diese Samples, akustischen Vignetten, dunklen Winkel, Midi-Verwandlungen, Murmelmelodien, Interludien etc. fesseln ohne Ende, und entfesseln etwas in mir. Von den lyrics und dem Hund auf dem Cover ganz zu schweigen. Wie Kurt Wagner Motive des Erhabenen (Oper, Broadway, Sinatra) raffiniert in eine erfüllte Leere laufen lässt, ist atemraubend, und gipfelt im letzten Song, der en passant, in einer eingigen Phrasierung, dem späten Scott Walker zunickt. Flüchtig gehört, könnte „Showtunes“ seltsam fragmentiert wirken, dabei ist es formvollendet. Man stelle es ins Plattentegal neben „Mark Hollis“, „Trio Tapestry“, „The Marble Index“,  „Open, to Love“, „Another Day On Earth“, „I Trawl The Megahertz“, „Music For A New Society“ und Jacques Brels letztes Studioalbum, das mit den Wolken und dem blauen Himmel. In genau diesen Regionen bewegt es sich, und bleibt doch ganz bei sich.

 


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