Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Yesterday: One night, years and years ago, some of us journalists joined Jon Hassell, and in that Norwegian pub that had nothing exotic or fourth world-like in its ambience, I introduced Jon to the great-great daughter of Gustav Mahler who was a cellist in a Symphony Orchestra. And that was special. Punkt has always been about the closing of circles.  (m.e.) 

 

Tomorrow: Renowned Norwegian artists celebrate the music of the influential trumpet player and composer Jon Hassell. The influential American trumpeter and composer Jon Hassell passed away on June 26, 2021. This year Hassell would have turned 85, and we wish to honor him with a memorial concert at Victoria on his birthday on March 22. This evening you will hear an all-star team of Norwegian musicians who have all either collaborated with Jon Hassell or have a relationship to his music.

On stage are three generations of inspired trumpeters, in addition to former members of Hassell’s band, who played with him both live and in studio. Several of them collaborated with him on Jon Balke’s „Siwan“ project and played with him at the Punkt Festival in Kristiansand. The music this eveningwill be composed by, or inspired by, Jon Hassell. The memorial concert is produced in collaboration with Punkt, which Hassell visited several times, and is organized in consultation with Hassell’s family. We hope you will join us on Tuesday. See you there!

LINE UP: Nils Petter Molvær – trumpet, Arve Henriksen – trumpet, Kristina Fransson – trumpet, Harpreet Bansal – violin, Eivind Aarset – guitar, Jon Balke – keys, Helge Norbakken – percussion, Jan Bang – live sampling, Erik Honoré – live sampling, keys, Arnaud Mercier – sound


The concert has been streamed live on youtube.
You missed it? Here we go

 

2022 21 März

Wenn der Westwind weht …

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Da ist ein Moment der Stille bevor sich der Wind erhebt, leise aus dem Urgrund aufsteigt und die Saiten kratzend und ziehend sanft durch die Haare fährt, den Schädel mit einem Hauch infiltriert und sich unaufhaltsam durch aufleuchtende Nervenbahnen in die Tiefen des Unterbewusstseins hinabsenkt und den Eros der Windklänge zu inspirieren, zu erregen. Der milde Westwind, Zephyr ist in der griechischen Mythologie der Vater von Eros, hauchte diesem durch den Regenbogen ziehend das Leben ein und gab ihm die Erfahrung seines weiten Weges mit, wie seine Mutter, Iris ihm die Welt der unendlichen Farbnuancen schenkte. Und aus der Stille steigt ein feiner Wunsch auf, Wish, der sich zu Charm, dem Zauber verdichtet. Ein hölzernes Klopfen fängt an zu grooven und auf feine Violinentöne folgen elektronisch verzerrte, schwere Celloklänge, schichten sich subtil in Klangfarben, die Bekanntes versprechen, verführen und schon findet man sich in unbekannter Umgebung wieder.

 

 

Zephyr ist das Debütalbum von Toechter, drei jungen, klassisch ausgebildeten Streicherinnen, die mit erfrischender Experimentierfreude ihre Instrumente elektronisch verfremden, samplen, loopen und gelegentlich mit ihren Stimmen ätherische Nuancen hinzufügen. Alles auf diesem Album ist akustischen Ursprungs, entfernt sich aber mit sensiblem Ausloten der jeweiligen Klangideen fast beliebig von seiner Quelle, weswegen das elektronische Equipment von den Musikerinnen auch als ihr viertes Instrument beschrieben wird. Da sind kleine, improvisierte fragmentarische Entwürfe genauso intensiv und pointiert, wie die mehr auskomponierten Stücke, wie dem Titelstück Zephyr, alle aber getragen von der unbändigen Neugier das mögliche Klangspektrum so weit es geht zu ergründen. In diesem höchst originellen Album scheint es nur gelegentlich vertraute Klänge zu geben, aber nur um den Hörer wieder in Unerhörtes mitzunehmen und dabei so selbstverständlich zu spielen, dass das Experimentelle am Ende doch vertraut erscheint und selbst die tiefsten Ebenen unseres Belohnungssystems sanft und irritierend zugleich von den westlichen Winden umweht werden. Bleibt nur zu hoffen, das wir von den Toechtern noch viel mehr zu hören bekommen …

 

2022 20 März

The Andy Warhol Diaries

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Wenn wir dann schon im Traumland des Streamings sind: Hier ist Netflix‘ neuester Streich, sechs Folgen zwischen 55 und 85 Minuten.

Nach Valerie Solanas‘ Attentat auf ihn begann Andy Warhol damit, per Telefon ein Tagebuch zu diktieren. Das gibt es inzwischen leicht redigiert als Buch (von Pat Hackett), und es bildet die Grundlage für diese Miniserie. Weil dessen Inhalt zu umfangreich selbst für sechs Teile ist, hat Regisseur Andrew Rossi sich für einige Schwerpunkte entschieden: Andys Jahre in Pittsburgh, seinem Geburtsort, den er natürlich verlassen musste, um als Künstler etwas werden zu können, und seine ersten Schritte in New York; es geht um New York der 1980er Jahre, insbesondere die Szene ums „Studio 54“, Andys Rolle als Portraitist der Promis; das „15-Minutes“-Konzept, AIDS und seinen unerwarteten Tod. Weitaus wichtiger aber sind die Blicke unter die bunte Oberfläche. Andy Warhol war ganz sicher einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, und doch ist es gar nicht einfach, zu beschreiben, was er eigentlich gemacht hat. Zu seinen größten Werken gehört mit Sicherheit seine erfolgreiche Selbstvermarktung, sein Auftreten in der Öffentlichkeit, in deren Wahrnehmung das (bewusst konstruierte) Image den wirklichen Menschen ersetzte.

Diesen wirklichen Menschen gab es aber, und er spiegelt sich in seinen Liebes- und anderen persönlichen Beziehungen. Die sind das eigentliche Schwerpunktthema; verbunden mit den Namen Jed Johnson, Jon Gould, Jean Michel Basquiat und noch einigen anderen. Dass Andy schwul war, wurde zu Beginn seiner Karriere verdrängt, es gelangte nicht in die Öffentlichkeit — was interessant ist, denn in seinem Werk springt einem seine Homosexualität ja förmlich ins Gesicht, und zwar von Anfang an, und sie blieb immer sichtbar. Das Ganze wird anhand von Fotos, vielen Filmschnipseln und — soweit möglich — mit Zeitzeugeninterviews dokumentiert, wobei es sich auszahlt, dass Andy fast nichts, was er tat, ungefilmt oder unfotografiert ließ. Wo es gar kein Material gab, da greifen die Folgen zu kurzen Reenactments; etwa in jenem Vorkommnis, als während einer Autogrammstunde eine Besucherin Andys Perücke von seinem Kopf riss. Andys Tod, verursacht durch die Nachbehandlung seiner Gallenblasenoperation, nimmt fast die halbe letzte Folge ein und wird reichlich tränenreich serviert. (Die Schmerzen, unter denen er zeitweilig gelitten haben muss und die man ihm auch hier im Film ansieht, kann ich verdammt gut nachvollziehen; anders als er allerdings habe ich die OP dankenswerterweise überlebt.)

Die Serie hat Längen; mehr als einmal habe ich gedacht, sechsmal 45 Minuten hätten es auch getan. Sehenswert sind die Andy Warhol Diaries dennoch, auch wenn ich mir nicht klar darüber bin, ob ich Warhol nun wirklich besser kenne als vorher. Denn natürlich war die Veröffentlichung der Diaries von Anfang an geplant, und entsprechend dürften sie abgefasst worden sein: Wir erfahren also wieder nur das, was Andy uns wissen lassen wollte, und das könnte trotz seiner scheinbaren Ausführlichkeit durchaus wieder nur die nächste Schicht eines Tarnanstriches sein. In der Serie verblüfft der Kniff, den von Bill Irwin gesprochenen Originaltext aus dem Buch mit Hilfe eines Künstlichen-Intelligenz-Verfahrens so zu bearbeiten, dass er fast wie Andys wirkliche Stimme klingt — allerdings wirklich nur fast, es bleibt stets ein ein etwas blecherner Hauch von Künstlichkeit. Ein Soundtrack-Album gibt es bislang nicht. Sollte es einmal eines geben, werden darauf einige Schätzchen der 1980er Jahre zu hören sein. Und dass der sechste Teil mit Bowies „Loving The Alien“ endet, ist passend.

 

 

Andys Grab befindet sich in einem Vorort von Pittsburgh, unter ständiger Aufsicht einer Webcam — Andy hätte vermutlich seinen Spaß daran. Irgendwann in diesem Sommer, das habe ich mir vorgenommen, werde ich es besuchen.

 

Diese herbeigesehnten, immer seltener werdenden Einstiegsmomente: „Hey, was passiert denn jetzt?“ In der ersten Filmeinstellung schon liegt ein vielversprechendes Ganzes verborgen. Man bleibt am Ball, eine Spannung zieht hinein, denn ohne geht es nicht. Selbst die kritische Welt gibt in ihrer Review zu: angesichts der Bilderpracht ist noch der größte Fernseher zu klein. Dem pflichte ich bei, jetzt mittendrin, weit weg von jeglicher Kriegsberichterstattung, hinein in die erotische Erzählung einer Dreierkiste. Verblüffend auch der Soundtrack: Bandoneonklänge, feinste electronic-sounds, Popsongs, italiano – Hochgenuss in den headphones. Angelehnt an Jules und Jim, multiperspektivisch wie The Affair, Zeitebenen-switching. Die Serie Funeral for a Dog macht Lust auf die Romanvorlage, die einst unter dem Titel Bestattung eine Hundes bei Kiepenheuer & Witsch erschien: erinnert sie doch leicht an Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, einer der wenigen Romane, die ich mehrmals las. Im Kino unter der Kuppel des Anzeigerhochhauses zu Hannover sah ich die Verfilmung einst gemeinsam mit S, und die temperamentvolle Freundin aus Andalusien war sogleich unsterblich verliebt in Thomas, dargestellt von Daniel Day-Lewis. Der tschechische Arzt liebte zwei Frauen, inmitten der Unruhen des Prager Frühlings (seltsame Parallele zum heutigen Kriegsgeschehen in der Ukraine). Ich selbst konnte mich nicht entscheiden, fand beide gleichsam attraktiv: Juliette Binoche und Lena Olin. Was mir aber auffiel, als ich das Buch dann nochmals las: wieviel von der philosophisch tiefen Reflexion, die jene Dichotomie des Lebens zwischen Schwere und Leichtigkeit betrachtete, in der Verfilmung doch verloren ging. In Funeral for a Dog ist die Hauptdarstellerin eine Finnin, durchaus auch mein Urtyp, nicht unwichtig beim Schauen. Da ist man gerne wieder jung, im ewigen Traumland des Streaming.

 

2022 20 März

Franck Vigroux: Atotal

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Seit 20 Jahren schon produziert Franck Vigroux Alben, viele davon als facettenreicher Gitarrist in unterschiedlichen Zusammenarbeiten u.a. mit improvisierenden Musikern wie Elliott Sharp, Joey Baron oder mit Reinhold Friedl. Ein wichtiger Meilenstein in seiner Diskografie war 2015 das Duoalbum Peau Froide, Léger Soleil mit Mika Vainio, denn es verschaffte Vigroux ein großes neues Publikum, eben im Bereich der (experimentellen) elektronischen Musik bis hin zum Noise mit Industrial-Einschlag. Franck Vigroux’ Musik lässt sich auch seither nur mit Gewalt(!) in eine Schublade pressen, schafft eben vielmehr Verbindungen zwischen der Grenzbereiche einplanenden, auch mal ins Abstrakte reichenden Klangforschung in der Tradition des (leider zu früh verstorbenen) Meisters Mika Vainio einerseits und kraftvoll eingängigen Darkwave-Techno-Stücken andererseits, zwischen atmosphärischen Soundcollagen von schwebendem Drone/ Dark Ambient hier und zeitgenössischen Sound-Art-Stücken dort.

Nicht alle seine Alben erfahren die gleiche Aufmerksamkeit oder sind in gleichem Maße erhältlich, auch weil sie bei vielen unterschiedlichen Plattenfirmen erschienen. Ballades Sur Lac Gelé erschien 2020 schließlich bei einem der international renommiertesten Labels, dem Chemnitzer Raster-Media, wo Vigroux’ Musik so perfekt hinpasste, dass man sich fragte, warum es so lange gedauert hatte, bis er diese Aufmerksamkeit erfuhr. Ballades war von allen nach 2015 erschienenen – allesamt rückhaltlos zu empfehlenden – Alben (sowie einigen kaum weniger famosen Vinyl-EPs) Vigroux’ vielleicht bestes Album bislang, für mich im Rückblick eines der beiden besten Alben jenes Jahres (neben dem „Jubiläums-Comeback“ der Einstürzenden Neubauten).

Atotal knüpft dort nun direkt an, wenngleich weniger mit vorwiegend „Voll auf die 12“-Power-Tracks, sondern mit größerer Dynamik zwischen dräuenden Ambient-Stücken und brachialen

In den letzten Jahren arbeitet Vigroux für seine Performances eng mit Antoine Schmitt zusammen, welcher extrem kraftvolle abstrakte „Visuals“ beisteuert, kongenial die Energien einiger Stücke aus den elektronischen Gerätschaften ins Publikum übertragend. Als die beiden im Rahmen eines „Raster 25th Anniversary“-Wochenendes mit verschiedenen elektronischen Konzerten Ende 2021 für eine Performance nach Berlin kamen, drängte ich mich auf, dabei fotografieren zu dürfen, und dabei sind (u.v.a.) die Foto auf dieser Seite entstanden. Dort präsentierte Franck bereits einige der Stücke dieses Albums (sowie einige weitere, die demnächst auf einem Raster-Album erscheinen sollen, das zwar fertig ist, aber noch nicht vorliegt). Er erläutert:

Atotal war zunächst eine audiovisuelle Live-Performance, die dann zum Album wurde. Das Konzept befasst sich mit Totalitarismus, weshalb ich es für passend hielt, mich mit solchen dystopischen Bildern zu beschäftigen … [Für den Titel]haben wir nach einem Neologismus gesucht.

Dieses Album knüpft an meine vorhergehenden Alben an; ich habe einfach versucht, die Qualität meiner Produktion zu verbessern, und aus verschiedenen Gründen ist es auch viel melodischer geworden – was auf dem nächsten Album noch mehr der Fall sein wird…

Das Cover – es ist von Mostafa Khaled aus Cairo – des Albums finde ich besonders faszinierend. Es erinnert, aufgrund des wilden Rehs an das (lustige) Covermotiv von Peau Froide, Léger Soleil, aber es trifft auch die Energie der elf Stücke der Platte ganz hervorragend. Bis jetzt ist Atotal mein #1-Album des laufenden Jahres. Ich hoffe, dass das erwähnte Raster-Album auch noch in diesem Jahr erscheint. 

 

2022 19 März

Roraima

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Roraima ist der nördlichste und bevölkerungsärmste Bundesstaat Brasiliens und die Heimat vieler indigener Völker, wie den Yanomami, deren Schöpfungsmythen sich thematisch durch das gleichnamige neue Album des norwegischen Bassisten Sigurd Hole ziehen. Dieses Jazz-Konzeptwerk wurde von Oslo World für das Festival 2020 in Auftrag gegeben und das nun veröffentlichte Album ist der Livemitschnitt eines der wenigen möglichen öffentlichen Konzerte in Norwegen, in der Jakobskirche, Oslo vom 29. Oktober 2020, an dem eine Handvoll exponierter norwegischer Musiker beteiligt waren: Trygve Seim, Frode Haltli, Helga Myhr, Håken Aase, Tanja Orning und Per Oddvar Johansen. Doch die Basis bildet zunächst die unglaublich reiche und komplexe Klangwelt des Regenwaldes, die in Form von Field-Recordings des Klangforschers und Ökologen Bernie Krause teils unter den fein fließenden Stücken liegen oder wie die Phrasen des Rotschnabeltukans musikalisch zitiert werden. Herausgekommen ist eine sehr vielschichtige, sich offen aneinander herantastende Jazzsuite geworden, die eine hohe atmosphärische Dichte entwickelt und auf der anderen Seite in ihrer Reduziertheit eine tiefe Verneigung vor der mythischen Dimension darstellt. Dabei wird die Musik niemals sentimental oder esoterisch, sondern bleibt konzentriert, zurückhaltend und verweist auf das große Netz der Welt als Aufforderung über ihr Gleichgewicht nachzudenken und es auf oft ungewohnte Art musikalisch mitzuerleben. Eine virtuelle Reise von rauer Schönheit in die Zeitlosigkeit unseres Ursprungs.

 

 

So lautet der Titel einer Eberhard Weber-Komposition: für einen Musiker, dessen Cover oft feinsinnige Naive Malerei schmückt, eine eher seltsame Szenerie. Oft denke ich daran, wenn ich zum Car Wash fahre, und gestern hatte ich ein himmlisches Klangerlebnis in der neuen „Waschstrasse“ meines Vertrauens. Auto für Auto wird man durchgewinkt, und erlebt dann, während man es sich im Wagen gemütlich macht, wie die ganzen Rollen und Sprüher und Besen und Schläuche das Auto einseifen, überrollen,auf Glanz polieren und mit heftigen Druckwinden trocknen. Als ich noch in der Wartekolonne stand, weil, nun ja, wegen der Saharawinde, die auf alle Autos im Niederrhein niedergingen, der Andrang gross war (jedes Auto sah aus, als wäre es durch eine hitzestarrende, staubige  Geisterstadt im wilden Westen gerast – fehlten nur noch Einschusslöcher), legte ich meine derzeitig favorisierte CD in den Player, ein,  die ersten vier Stücke von „Evening Star“ von Fripp & Eno, ein Album, das im Dezember 1975 erschien (seufz!).

 

    1. Wind on Water“ – 5:30
    2. „Evening Star“ – 7:48
    3. „Evensong“ – 2:53
    4. „Wind on Wind“ – 2:56

 

Kaum hatte Stück Zwei begonnen (einer meiner Top 5 Ambient Oldies), begann der herrliche Höllenlärm der Rollen und Düsen, und ob Sie es glauben oder nicht, den Spass nahm ich wahr als brillianten Live Remix: wie das Geplatter und Gedröhne mich von allen Seiten umschloss, umfing, umgarnte, war sehr, sehr lustvoll, ich legte mich zurück, und die minimalistischen Harmonien von Fripp und Eno wurden nie komplett begraben in diesem wilden Noise, sie liessen ihre immense Schönheit noch mehr leuchten. Ein traumhafter „My Bloody Valentine“- Effekt – „all diese Juxtapositionen!“ Wenn man mich fragte nach meinen five favourite ways to die in peace, solch ein Tod in der Autowaschanlage hätte seinen Platz sicher. Aber nur unter ebendiesen klanglichen Bedingungen. Das Stück von Eberhard Weber befindet sich übrigens auf seinem Album „Later That Evening“. Paul McCandless ist dabei, und Brian Whistler liebt das Teil. Ich auch (in der Erinnerung zumindest, es wird Zeit, das Album aus dem Jahre 1982 wieder mal zu hören – was für eine Besetzung! Ich lebte damals in Furth i.W. und war noch sieben Jahre  von meiner ersten Radiosendung entfernt – und das waren gleich zwei auf einmal, am gleichen Tag, direkt hintereinander, mit komplett anderem Skript und O-Tönen, zwei Portraits von Steve Tibbetts, im NDR, im DLF, ich erinnere mich noch, dass in einer der beiden das Wort „Geräuschsammler“ im Titel vorkam, im November 89.)

 

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Eberhard Weber bass
Paul McCandless soprano saxophone, oboe, English horn, bass clarinet
Bill Frisell guitar
Lyle Mays piano
Michael DiPasqua drums, percussion
Recorded March 1982 at Tonstudio Bauer, Ludwigsburg
Engineer: Martin Wieland
Produced by Manfred Eicher

 

2022 18 März

Im Eldorado

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Sie klingen wie Musik und schmecken nach Schlaraffenland: Lumaconi, Trofie Liguri, Paccheri, Candele, Orcchiette, Casarecce. Die Pastalandschaft in den hiesigen Supermärkten ist überbordend. Und doch sind das nur Nudeln. Es sind die Saucen, die die Pastawahl bestimmen. Hier zwei Rezepte von der Insel, wo Graziella einst kochte:

Orecchiette rucola  e patata

orecchiette di semola 500gr, patate 259gr, rucola 2 fascetti,pomodori San Marzano 750gr, oliv 2dl, alio, basilico, sale, parmigiano a piacere.

Conchiglione con funghi

conchiglione 500gr, funghi 1kg, besciamella 750gr, porschiutto cotto a dadini 200gr, parmigiano grattugiato 150gr, olio, prezzemolo.
infornali a 200 • a 15 min

 

 

 

 

In dieser schönen Villa, ehemals Pension „Eldorado“, lebte die Schriftstellerin Elsa Morante, zeitweise auch ihr Ehemann Alberto Moravia. Ob es ein Ort des geistigen Austausches war, wird nicht berichtet. „Arturo“ ist Morante‘s berühmtes Werk, das sie hier auf und über Procida schrieb. Bei dem wunderbaren Wagenbach Verlag erschien es auf Deutsch.

Procida ist eine Insel, die ähnlich wie Sils Maria, Intellektuelle anzieht. Sloterdijk, Boris Groys, Agamben, Werner Herzog, Hans Jürgen Syberberg, Enrico Morricone, Daniel Buren und viele Andere trafen sich hier, um entweder an dem jährlich stattfindenden Filmfest teilzunehmen oder an dem Literatentreffen „Procida racconta“.

 

 

 

 

Procida ist von großer Schönheit. Die vielen versteckten Gärten lassen sich nur von den großen, überhängenden Zitronen erahnen.

Hier ein Rezept für einen Limoncello:

Limoncello

alcool puro  litri 1, limoni semiacerbi non trattati 7, acqua 7 dl, zucchero 700gr.

Preparazione: tagliare le bucce dei limoni facendo attenzione a climinare la parte bianca, metterle, chiuse ermeticamente, in un contenitore Di vetro, in infusione nell‘ alcool per 7 giorni in in luogo buio. Trascorso questo periodo far bollire acqua e zucchero per circa 10•/Grad, lasciare raffreddare lo sciroppo cosi ottenuto, unire le bucce di Limone e l ‚ alcool, filtrare e imbottigliare. Vi consigliamo di far riposare Il liquore per 30 giorni.

„Dieses Buch erzählt vom Verfolgen eines Traums und der Einsicht, dass man Träume nicht erreichen kann.“ Als einer der ersten europäischen Comiczeichner bekam Igort Anfang der 90er Jahre die Gelegenheit, für einen japanischen Verlag zu arbeiten. In der Graphic Novel Berichte aus Japan [Eine Reise ins Reich der Zeichen] erzählt er von seiner Zeit in Tokio, er erzählt vom Raumgefühl in winzigen Appartements und Hotelzimmern, von geradezu sinnlos erscheinenden Aufträgen, bis zum nächsten Tag einen Comic zu zeichnen, zu dem der Auftraggeber dann nichts sagt und einen weiteren Comic verlangt. Eine Zeitschleife. Sein Kreativitätspool sind Karteikarten, die er sich inspiriert von Brian Enos Oblique Strategies angefertigt hat. Igort erzählt von seiner Suche nach Sinn auf Spaziergängen in Azaleengärten, der Bedeutung kleiner Risse im Innern von Teetassen, von Chrysanthemen, der Tradition der Sumo-Ringer und von Episoden aus der japanischen Geschichte, die es nie in die Schulbücher schaffen: Verruchte Gestalten, die mit Konventionen brechen und Berühmtheit erlangen. Der rote Turm in Asakusa. Die Burakumin: Menschen, die durch ihren Beruf mit Blut in Berührung kamen, waren Ausgestoßene, und heute noch beliefern Agenturen Unternehmen mit Stammbaumdaten: Wer von den Burakumin abstammt, wird nicht eingestellt. Geschichte lagert sich an Orten ab. Vor allem aber erzählt Igort von der japanischen Arbeitswelt der Comic- und Mangaenthusiasten, die auch Filmbegeisterte sind, denn auch im Film geht es darum, wie erzählt wird, wie Bilder perspektivisch gemacht und geschnitten sind. „Ich habe endlos Zeit damit verbracht, seine Filme [die von Seijun Suzuki, M.W.] aufzutreiben. Selbst Kopien von Kopien, nur um zu sehen, wie er dreht, wie er erzählt.“ Verschiedene Erzählebenen bildet Igort in unterschiedlichen Zeichenstilen ab. Springt irgendwo ein Funke über? Ich habe mir einige Titel notiert: „Nachtasyl“ von Kurosawa (ein Film über die Burakumin), „Die letzten Glühwürmchen“ von Hayao Miyazaki, „Mein Nachbar Totoro“ von Isao Takahata (großer Antikriegsfilm), Shigero Mizuki: „Kitaro vom Friedhof“ (ein Manga. Japaner glauben an das Unsichtbare, schreibt Igort, und in diesen Geschichten fände sich ein Zugang dazu). Die Skizzenbücher von Hokusai Katsushika: für Igort wie Reisen. „Naji-Shiki“ (deutsch: „Mit einer Schraube“) von Yoshiharu Tsuge, der Titel „Mann ohne Fähigkeiten“. Igort traf Art Spiegelman und David Mazzucchelli und sie sprachen über Tusges Arbeiten. Er lebte sehr zurückgezogen. Auf Deutsch erschien  sein Hauptwerk „Der nutzlose Mann“ und 20 graphic Kurzgeschichten unter dem Titel „Rote Blüten“, über die Alexander Braun in Deutschlandfunk Kultur sagte, sie seien „ein wenig mysteriös“ und „in einer anderen Erzählweise, als wir es aus westlichen Kontexten kennen“. Hier springt ein Funke über.

2022 18 März

Japanese Jewels (17): Kiren

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Bereits mit den ersten Takten von Ashita stolpern wir in einen ungehört und sogartigen Metarhythmus irgendwo zwischen Tribal und Wave, der schnell befremdlichste und dennoch treibende Formen annimmt. Es ist kaum zu glauben, dass das vierte Soloalbum von Yasuaki Shimizu Kiren 38 Jahre irgendwo in den Archiven herumlag und jetzt zum ersten mal veröffentlicht wird. Eigentlich war das Werk des japanischen Jazzsaxophonisten und Meister des Art-Pop als Abschluss der Trilogie aus seiner Band Mariah’s Utakata No Hibi und dem Soloalbum Kakashi gedacht, kam aber nie auf den Markt nachdem Kakashi in Japan unverständlicherweise floppte. Aber entweder es hat niemand die Musik wirklich gehört bevor die Frage der Veröffentlichung geklärt wurde oder man befand sie in aller Konsequenz ihrer Zeit mindestens 38 Jahre voraus.

 

„At that time I could recognize that all of the various scattered elements I had been interested in since I was a child were collecting together inside of me and becoming a single organic material“.

 

Dennoch entstand aus den vielseitigen musikalischen Interessen Shimizu’s ein verstörendes, atmosphärisch homogenes Album, dass nahtlos japanische und westliche Musikelemente und archaischste Rhythmen zusammenbringt mit futuristischen synthetischen Klängen, sowie der Wärme des Atems durch das oft wenig konventionell gespielte Saxophon. Momo No Hana ist eine kalte Collage von Loops und Fragmenten unbekannter Herkunft, die dennoch fraglos schlüssig er- und mit stolperndem Herzschlag ausklingt und das folgende Asate, das minimalistisch einen Saxophonretrosound mit kargen, fragmentarischen Beats unterlegt, fast noch am konventionellsten wirkt. Kagerofu ist ein Meisterstück der Fourth World Music mit wuchtigen Buschrhythmen, verfremdeten Samples und unheimlichen Stimmfetzen, das man auch in zweihundert Jahren noch auf einem Volksfest auf dem Mars wird spielen können. Auf Peruvian Pink tanzen skurrile Beats mit einem synthetischen Dudelsack, immer, wie auch bei den anderen Stücken von Morio Watanabe’s abgründigem Bass unterlegt und bei Shiasate treibt ein schnelles Schlagwerkmuster den Bass und einige verfremdete Blasinstrumente vor sich her. Mit Ore No Umi schließt das Album funky und sabotiert, wie schon der ganze Rest, jegliche Hörgewohnheiten, püriert genüßlich Erwartungen, spielt mit bekannten Elementen, um die Abzweigung zu subtilen wie drastischen Vexierspielchen nie zu verpassen und bleibt dennoch futuristisch jazzy und relaxed, wenn es gelingt sich auf das Universum des Yasuaki Shimizu einzulassen. Offen bleibt dann nur wo das enden könnte: vielleicht in einem moebius’schen Flugsessel für Psychonauten, einem Jazzfest auf einem Saturnmond oder einer filigranen Orgie auf einem Retrospaceship mit Überlichtgeschwindigkeit. Egal eigentlich, ist doch die Welt nie mehr die Gleiche wir zuvor nach dem Hören dieses Albums. Noch habt ihr die Wahl …

 

 


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