Manafonistas

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2020 8 Sep

„Lemuren, Elefanten, und Zugpfeifen“

von: Manafonistas Filed under: Blog | TB | Tags: , 3 Comments

 

Ich entdeckte Jon Hassell durch einen Raga- und Sitar-Kurs, den ich am College besuchte, wo mir „Vernal Equinox“ sehr empfohlen wurde. Als ein von Natur aus trotziger Mensch beschloss ich, diese Platte zu ignorieren und mich in eine andere, weniger gehypte Platte namens „Power Spot“ zu vertiefen. Der Titel klang muskulös und bedrohlich, und ich erwartete, dass die Musik nach Blut riechen würde. Doch während ich zuhörte, wurde mir klar, dass dies eine viel schlüpfrigere und seltsamere Art von Musik war.

 

Der krasseste und unmittelbarste Titel für mich war ‚Miracle Steps‘. Was ist das für ein Lied? Wenn es ein Geschmack wäre, wäre es eine überreife Mango. Ein Geschmack, der zwischen süß und schleimig schwankt. Wenn es ein visuelles Erlebnis wäre, dann wäre es die verzerrte, verführerische Silhouette von Jessica Rabbit, die sich aus einer Zwangsjacke herauswindet. Auch wenn mir die Liner Notes sagen, dass dieser Track eine bearbeitete Trompete und Trommeln enthält, sehe ich nicht, dass diese Objekte diese Geräusche erzeugen. Ich höre eine Mischung aus Lemuren, Elefanten und Zugpfeifen, die neben den Ästen der Bäume, die auf die Erde fallen, zirpen.

 

Die  Kargheit dieses Stücks fordert den Zuhörer auf, verwirrt zu sein. Ungebunden, versucht dein Gehirn schnell, Lücken zu füllen, und du wirst damit konfrontiert, wie seltsam du bist. Obwohl „Miracle Steps“ nicht gewalttätig oder bedrohlich ist, ist es herrlich unzivilisiert. In der Musik kann man sich nirgendwo hinsetzen. Keine Sicherheitsgurte in Sicht. Insgesamt ist diese Platte verwildert, frei, und ganz sicher aufsässig!

 

(Katie Gately über „Miracle Steps“ aus Jon Hassells Album „Power Spot; übersetzt von D.L. und M.E. – die einzige Produktion von Brian Eno und Daniel Lanois für ECM)

This entry was posted on Dienstag, 8. September 2020 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

3 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    13 Künstler äussern sich zu 13 Kompositionen von Jon Hassell. Alles zu lesen in The Quietus

    Kleine Anmerkung: Wahrscheinlich meint die Komponistin, dass VERNAL EQUINOX auf dem Seminar sehr gehypt wurde, Musik-historisch erhielt dieses Album erst eine etwas grössere Aufmerksamkeit, nachdem Eno erstmals mit Hassell zusammen arbeitete. Und zuletzt durch das hervorragend remasterte Vinyl.

  2. U.A.:

    Möglicherweise wurde VERNAL EQUINOX auch einfach in den Vereinigten Staaten, speziell in der New Yorker Szene, wo Miss Gately damals lebte, mehr „gehypt“ als POWER SPOT, da diese Richtung von ECM sowie World Music und auch Eno-Produktionen in USA nicht so geliebt wurde wie vielleicht in D.

  3. Michael Engelbrecht:

    Oder so.

    Dass allerdings um Vernal Equinox irgendwann mal ein regelrechter Hype entstand, halte ich für unwahrscheinlich. Das Album erschien einst bei Lovely Music, einem Label für hochexperimentelle Musik. Es wurde vielleicht in kleine Zirkeln begeistert herum gereicht, war aber weit von einem kommerziellen Erfolg entfernt. Da hat ECM auch in den USA schon ein grösseres Potential, allein an Promotion.

    Und mit der ersten Zusammenarbeit von Hassell und Eno, POSSIBLE MUSICS, bei E.G. Records, wurde auch das kommerziell erfolgreichste Album von Jon Hassell veröffentlicht – gerade Enos Name sorgze dafür, dass Hassell auch in Pop-Kreisen zirkulierte. Erst später erschien POWER SPOT.

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