Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archiv: Dezember 2015

2015 25 Dez

Get the whole Package!

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So much great, at least promising stuff forthcoming in January, Febrary and March: Underworld, Brian Panovich (on Suhrkamp Nova), Tortoise (Robert Wyatt was kindly turning down the offer to sing on one track of post-rock-pioneers now playing the game different), David Mitchell („Die Knochenuhren“), Ches Smith (with Craig Taborn and Mat Maneri), Ryan Gattis (a shocking true crime book on certain events of the Los Angeles riots in the early 90’s), Tindersticks (with a short film for every new song on „The Waiting Room“), Italian library music classics & obscurities from the 80’s, Lucinda Williams, John Cale re-imagining his dark masterpiece „Music for a New Society“ (the „old“ one will keep its „classic“ status, the new „take“ is  just a mildly interesting „re-shaping game“ having its „moments“), James Yorkston (a Scottish singer’s trio with bass and sarangi (!)), Michel Benita (see comment 1), M. Ward, Vijay Iyer & Leo Smith. For „home cinema“, we’ll expect the third seasons of „The Bridge“, „Ray Donovan“, and „Banshee“  – three shades of „noir“, „Scandinavic Noir“, „West Coast Noir“ & „Tarantino Noir“! Not to forget Garth Risk Hallberg’s 900-and-more pages thriller „City on Fire“ (S. Fischer, March 2016).

2015 24 Dez

„The Mana Thrill Factory Prize 2015“ (2)

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It has been the first edition, and it has caused a major stir. We will see if the Edgar Awards for modern crime fiction (to be announced in May 2016) can come close to the high quality selection of the Manafonistas Headquarter! The members of the committee spent a long night, making hard decisions, playing, when going for a break, Patty Griffin’s latest album on the sound system (a discovery of Gregs, it’s first single being a long-time runner on a slightly damaged jukebox in Hörnum). Joey asked me a favour doing a photo of the winner’s book („The Dark Inside“) in natural sourroundings. That was not so easy because it was storming like hell on the coast of Sylt yesterday. But finally, on the entrance of a forbidden path to the dunes, I made the photo. Joey will post it after Christmas. (By the way, and remembering Brian Eno’s track on „Tracks and Traces“ with Harmonia: „don’t get lost in Hörnum dunes“!) The story of the book is placed at the the border of Texas and Arkansas, in 1946, it’s hard-boiled, noir at its best, and a stunning debut of a writer who lives in London. That I didn’t know while vanishing between the pages  for the most of three days and nights) – so my next travel to Brian Eno’s studio (there will be a new album out in 2016) might be part of a somehow longer London list of meetings and interviews.

2015 23 Dez

Little Star

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Weil es nun mal wieder diese Jahreszeit ist: „Lea & Chess“ singen Little Star (Shine On Us Tonight).

Aufgenommen in Joe Meeks Schlafzimmerstudio in der Londoner Holloway Road 304, dem Klang nach wohl um 1964, eine Nummer aus Meeks Nachlass, nie auf Platte erschienen (wie man am Einzählen hört), enthält aber alles, was Meek an Verzerrungen, Übersteuerungen, „heavenly choir“, Kathedralhall und Speed-Up-Effekten in seinem Zauberkasten hatte. Welche Band spielt — keiner weiß es genau, es könnten The Outlaws gewesen sein. Wäre dem so, dann wäre Ritchie Blackmore an der Gitarre dabei. Wer den Song geschrieben hat, weiß auch niemand genau, wahrscheinlich aber Meek selbst, für mich klingt es nach ihm. Am Klavier hören wir in jedem Fall Joes Hauspianisten Geoff Goddard.

Lange Zeit wusste niemand, wer sich hinter „Lea & Chess“ verbirgt. Nun denn also, dies dürften sie gewesen sein:

 
 
 

ladybirds

 
 
 

Maggie Stredder und Gloria George, in Musikerkreisen damals bekannt unter dem Namen The Ladybirds, ein sehr aktives Backup-Duo (die beiden singen unter anderem in Jimi Hendrix‘ Hey Joe), das Joe Meek immer mal wieder für seinen legendären „heavenly choir“ in Studiosessions einsetzte. Meek produzierte mit den beiden auch die Titel Dumb Head, eine Coverversion eines amerikanischen Originals von Ginny Arnell, und Boy Trouble, ursprünglich von den Rev-Irons aufgenommen. Diese Tracks erschienen unter dem Namen The Sharades. Beide floppten, aber immerhin: Es gab sie auf Platte. Nicht ganz klar ist, ob Meek die beiden auch noch als Flip & The Dateliners ins Rennen schickte, ihr Song Mama Didn’t Lie jedenfalls blieb ebenso unveröffentlicht wie der Little Star.

Joe Meek shall inherit the Earth. Auch 2016.
 
Schöne Feiertage!
 

2015 23 Dez

Strawberry Thieves Forever! (The Copyright Discussion)

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Foto © Lajla Nizinski

 

In Penny Lane there is a barber showing photographs of every head he’s had the pleasure to know. And all the people that come and go, stop and say hello. On the corner is a banker with a motorcar, the little children laugh at him behind his back. And the banker never wears a mac in the pouring rain, very strange. In Penny Lane there is a fireman with an hourglass and in his pocket is a portrait of the queen. He likes to keep his fire engine clean: it’s a clean machine. Behind the shelter in the middle of a roundabout, the pretty nurse is selling poppies from a tray, and though she feels as if she’s in a play, she is anyway. In Penny Lane the barber shaves another customer. We see the banker sitting waiting for a trim. And then the fireman rushes in from the pouring rain, very strange. Penny Lane is in my ears and in my eyes. There beneath the blue suburban skies I sit, and meanwhile back …

(Lennon/McCartney 1967)

 

Seit nun fast fünfzig Jahren haben sich die obenstehenden Zeilen in meinem Gedächtnis eingenistet wie ein nicht nur geduldeter, vielmehr geschätzter Untermieter. Der nimmt allerdings mitunter – anderen Artgenossen hierin ähnlich – die persistierende Gestalt eines Ohrwurms an. Dann gleicht er einem Schatten, einem Stalker, den man nicht mehr loswird. Hier heisst es handeln! Höflichkeit ist immer noch die beste Form des Umgangs, denn nur wer nicht an seine Feinde glaubt, noch an einen Gott, so lesen wir bei beim Philosophen Sloterdijk, ist frei. Bei einem anderen Philosophen, Byung Chul Han, in seinem Buch Shanzai (im Merve Verlag erschienen) können wir lesen, wie Destruktion auf Chinesisch geht und dass es eine Ehre für das Original sei, wenn man es kopiert. So sehe ich, schlussfolgernd daraus, davon ab, für die Inbeschlagnahme meines Geistes durch kulturelle Inhalte, deren Urheber auch noch Copyright anmelden, im Gegenzug eine Mietgebühr zu verlangen. Bei einem Song wie „Penny Lane“, diesem Untermieter seit einem halben Jahrhundert, käme da ein hübsches Sümmchen zusammen. But don´t mind – wir bleiben höflich auf Chinesisch und ahmen nach im Gegenzug. Kopieren, covern – und hofieren. Strawberry Thieves Forever!

 

Original (Paul McCartney live)

Fälschung (Wang Chung Joey)

 

– Steffen, ehrlich, John hat dir einen Hundertdollarschein als Papierschwalbe in deinen Gitarrenkofffer segeln lassen, 1978, im Central Park, als du „Imagine“ gespielt hast?

 

– Genau, Michael, ich war kein guter Gitarrist, aber ich glaube, ihm gefiel, dass ich das Lied sehr melancholisch gesungen habe, fast hoffnungslos. Ich bin ja damals ein Meister des Liebeskummers gewesen, und „Heart of Gold“ tönte eher illusionslos als nostalgisch. Das hat wohl Johns dunkle Seite berührt, keine Ahnung!

 

– Aber, John ging es doch ganz gut, 1978. Er trank viel weniger, ernährte sich makrobiotisch, war wieder mit Yoko vereint, er lebte (so las man damals) in den Tag hinein, der kleine Sean war an seiner Seite, und Brotbacken war sein neues Hobby.

 

– Gut erinnert! Manchmal war er wirklich zu Spässen aufgelegt, aber es kam immer wieder diese Dunkelheit durch, eine Ungeduld auch, die sich jederzeit in Bitternis verwandeln konnte. Das habe ich jedenfalls über ihn gelesen, später, nach seinem Tod.

 

– Aber was genau verfolgte ihn? Er hatte doch alle Ressourcen der Welt, Meditation zu praktizieren, und den einen oder andern Psychoanalytiker aufzutreiben, der nicht einem Woody Allen-Film entsprungen war umd selbst einen an der Waffel hatte.

 

– Ich habe versucht, dem nachzugehen. Und alle Quellen erforscht. Natürlich ist das jetzt Jahrzehnte her, aber es gibt nun genug Material über Johns Reise nach Westirland, in jenem Jahr 1978. Ein ganzes Buch. Und Therapie schwebte ihm ja auch vor, Urschreitherapie.

 

– Die Janov-Mode, okay. Urschreitherapie in Irland? Verdammt lang her. Ich hatte damals die Hoffnung, dass John zu so einer Art Beatles-Spätform auflaufen würde, er hatte immer noch Songs im Blut, die die Beatles mit Kusshand 1967 in den Abbey Road Studios aufgenommen hätten. Denke nur an ein paar Songs von „Double Fantasy“!

 

– Hätte, hätte, Fahradkette. Tatsächlich begab er sich auf diese Art Wallfahrt, zu dieser fast unbewohnten Insel im Westen von Irland, die er ein Jahrzehnt zuvor gekauft hatte. Er soll damals eine Schreib- und Songblockade gehabt haben, und machte sich angeblich grosse Sorgen, dass all sein Glück schlicht verrotten würde.

 

– John Lennon reist also auf eine entlegene Insel mit hoher Regenwahrscheinlichkeit, wahrscheinlich hat er noch „Hundert Jahre Einsamkeit“ im Gepäck, um sich die volle Dröhnung der Melancholie zu geben.

 

– Ich glaube, es war für ihn einer Art Rosskur, eine Notwendigkeit, etwas, dem du dich manchmal vielleicht stellen musst, um dich wieder lebendig zu fühlen. Es ging bei der Reise wohl darum, bewusst dunkle Orte aufzusuchen und das Beste aus dem zu machen, was man dort findet.

 

– Ich reise im Januar wahrscheinlich in die schottische Wildnis. Mein Reiseführer ist Robert MacFarlanes Buch „Karte der Wildnis“. Ich freue mich total auf die dunklen, kalten Orte dort. Ich leihe mir einen Land Rover und will in diese Urlandschaften eintauchen. Die Vorstellung allein setzt in mir schon Glückshormone frei. Und auf der Isle Of Barra habe ich schon klargemacht, einen Tag mit den Fischern in See zu stechen. Ich bin zu doof, einen Fisch zu köpfen. Aber ich bin voller Lust auf wilde Natur. Aber, okay, was fand John Lennon nun vor Ort?

 

– Er fand zunächst einen Inselkauz namens Cornelius. In langen Gesprächen wird ihm klar, dass die Vergangenheit weiterhin ihre Schatten über ihn auswirft, trotz allem, was er sich von der Seele geschrieen, geschrieben und gesungen hat. Er ist nach wie vor geschockt vom Tod seiner geliebten Mom Julia. Ein banaler Autounfall. „You never get past what happens to you when you’re 17.” Das sagt John, jedenfalls in dem Buch. Ich habe den Satz nie vergessen.

 

– Adieu, Traumatherapie, oder was?!

 

– Michael, ich war selber 17, als John erschossen wurde von diesem kranken Schwein. Ich war gerade auf der Heimfahrt von einem Bruce-Springsteen-Konzert, und sechs Wochen lang trug ich ein schwarzes Armband.

 

– Ich arbeitete damals in einer Therapie für Alkohol- und Medikamentenabhängige in Furth i. W., da war wohl auch nicht viel mehr los wie auf dieser Regeninsel. Ich wohnte in einem Kaff mit drei Häusern, Bergeinöden. Als ich von seinem Tod morgens im Radio hörte, traten mir gleich Tränen aus den Augen. Abends hörte ich „Double Fantasy“ und „Discreet Music“, das weiss ich noch genau, mein Abschiedsritual. Natürlich auch eins von der eigenen Kindheit und Jugend.

 

– Ich glaube, der Autor des Buches, ich komme gerade nicht auf seinen Namen, ist selber so erschrocken wie einst Lennon, dass die Vergangeneheit letztlich ein unerreichbarer Ort bleibt. Das Jetzt verschwindet fortlaufend. Für den Lennon, den ich in dem Buch kennengelernt habe, liegt seine Mutter Julia sozusagen „auf der dunklen Seite jedes vorbeiziehenden Augenblicks“. So ungefähr hat es der Buchautor ausgedrückt, ah, ja, er heisst Kevin Barry.

 

– Mhm, ich bin darüber nun nicht so erschrocken, mein Guter. Ich meine, ich würde gerne in mein 17. Lebensjahr zurückreisen und ein paar Dinge korrigieren, aber wir kennen ja das Zeitreiseparadoxon. Over and out. Vor allen Dingen, wenn ich mein Selbstbewusstsein von heute in das Damals transferieren könnte. Und ich habe auch ein paar schlimme Dinge erlebt. Behütete Kindheit fand in der alten BRD nur auf dem Adventskalender statt.

 

– An einem Abend hat John eine Erscheinung, und eine Stimme flüstert ihm die Worte zu: „Reality, John, tends not to hang around.“ Jetzt komme ich auch auf den Titel. Das Buch heisst „Beatlebone“ und ist randvoll mit Geistern und Gepenstern. Ich habe neulich ein Interview mit diesem Kevin Barry gelesen, und darin sagt er, dass die Siebziger Jahre ganz klar Teil historischer Fiktionen sind. Aber er meint auch, dass, wenn wir die richtigen Stimmen und Stimmlagen finden, bestimmte Momente anhalten können.

 

– So dass die Fiktion stabil bleibt, eine Zeitlang. Mhm. Ich finde die Idee dieses Buches ganz reizvoll, aber ich bin noch ein wenig skeptisch. Ich werde mir mal eine Leseprobe gönnen, in Schottland. 

 

– Magst du eigentlich Whisky?

 

Überhaupt nicht. 

 

– Welche Musik nimmst du mit für den Geländewagen?

 

– Immer nur eine Handvoll Cds. In diesem Fall habe ich schon sortiert: Astral Weeks, von Van Morrison. Die neue Tindersticks, die im Januar erscheint. Hybrid, von Michael Brook. Dis, von Jan Garbarek. Und, ganz wichtig, wenigstens eine Frau an meiner Seite, das jüngste Album von Patty Griffin. Vielleicht treffe ich dort ja auch so einen Hobbitt wie diesen Cornelius! 

 

 

 

„Sat in the corner of the Garden Grill, with plastic flowers on the window sill / No more miracles, loaves and fishes, / been so busy with the washing of the dishes / Reaction level’s much too high – I can do without the stimuli / I’m living way beyond my ways and means, living in the zone of the inbetweens / I can see the flashes on the frozen ocean, static charge of the cold emotion / Watched on by the distant eyes – watched on by the silent hidden spies.“

 

Das waren erstaunliche Werke: 1, 2, 3, 4 – nach den Jahren mit Genesis. Peter Gabriel wurde vom CEO seiner Plattenfirma mit Sorgenfalten wahrgenommen. Da machte sich tatsächlich einer Gedanken zum Geisteszustand des Hochseilartisten, der extreme Dynamik und Theatralik ins Spiel (in die Lieder) warf, Crash und Dissonanz – tribal rhythms und andere Exotika liessen die ferne Welt hinein (die da noch irritierend klang, nicht nach Allerweltsgroove), in all diesen Urschrei-erprobten Rollenspielen, beim Hineinschlüpfen in Verwirrte, Heilsucher, Wahnsinnige und Griots. Holly Sykes müsste diese Scheiben geliebt haben.

Die vier Soloalben des Engländers liegen in exzellenten 45 rpm-Fassungen vor. Und was den CEO anging (dem die Musik wie die cover art etwas Angst einjagte): Peter Gabriel ging es sehr gut in jenen Jahren, er war auf der Höhe seiner Kunst.

Neben 4, auch als „Security“ gehandelt (zusammen mit 3 aka „Melt“ das herausragende Album dieses Quartetts der Jahre 1977 – 1982), liegt noch eine andere Klasseplatte auf dem Betontisch, Schmelzstoff aus der zweiten Hälfte der Neunziger, Underworld’s Second Taughest In The Infance. „Dance Music with twists amd turns“ (NME), die man auch als Couchkartoffel und im Lotussitz geniessen kann.

Karl Hyde, Rick Smith und Derren Emerson werkelten im Osten Londons an dem Nachfolger des grandiosen Albums DUBNOBASSWITHYOURHEADON. Sie sprengten gängige Technoformeln und schmuggelten Zutaten der guten alten Rock- und Kraut- und Bluesmusik in ihre Tanzbodenunterwelt. SECOND TOUGHEST IN THE INFANCE ist die Stadt als Collage, ein Mix von Assoziationen, aufgeschnappten Gesprächen, flüchtigen Impressionen – gefiltert durch diverse Bewusstseinszustände und Zufallsmuster. Und in Kürze erscheint Neues aus der Unterwelt! Der Song „Motorhome“ ist mein Lieblingsstück aus dem Album „BARBARA, BARBARA, WE FACE A SHINING FUTURE“.

Im Dezember 1964 erschien eine Auskopplung aus dem Beatles-Album „For Sale“, ein Cover des Chuck Berry-Stückes „Rock And Roll Music“. Die historischen Bezüge waren mir natürlich fremd, abér diese Single, die erste meines Lebens, war die Eintrittskarte in ein neues musikalisches Universum. Ich  konnte mich seit meinem zarten achten Lebensjahr daran nie satthören. Bis dahin sass ich, schon im Vorschulalter, morgens neben dem Kohleofen auf einem grossen roten Kissen,  und hörte die Musik des Westdeutschen Rundfunks. Später hätte ich sagen können: Nachkriegswirtschaftswunderbiedermeier.  Ich konnte meist  schnell mein Gefühlsurteil fällen (fucking frühreif). In jungen  Jahren war man natürlich noch besonders verführbar für allerlei Süssholzraspelei von Caterina Valente bis Frieddie Quinn, aber auch grossformatige Tanzorchester betraten die heimische Bühne. Als Kind mochte ich keine Bläsersätze, Duke Ellington war damals auf Japanreise, und ich sollte ihn erst viel später kennenlernen, in einem  abgelegenen Traumhotel auf Mallorca. Und dann eben die Single, die mein Leben über Nacht veränderte. „The basic track was recorded with drums and bass on track one, two guitars on the second, and Lennon’s vocals on track three. Afterwards Lennon, McCartney and George Martin all overdubbed a piano part on a Steinway together.“ In dieser Zeit waren meine Leibgerichte (ich weiss, das ist von brennendem Interesse, denn Musik geschieht nie in einem Vakuum) Apfelpfannekuchen, Waldbeerpfannekuchen, Nudeln mit Ketchup, Himmel und Erde, Nudeln mit Zucker (ist mir gerade noch eingefallen), Haferflockensuppe und Brandtzwiebäcken, und Pfefferpotthast. Es geht ja nicht immer nur um Seelennahrung. Aber was für eine Zeit: nachts, in einem meiner Serienträume, besuchte  mich eine indianisch aussehende Amazone, die mich am ganzen Körper  massierte. ich konnte das nicht einordnen. Morgens dann Schule: „Gebrüder Grimm“ hiess der alte Bau, ich schoss Tore auf dem Schulhof, ich rieche heute noch das Leder meines Schulranzens. Einmal starb über Nacht der Vater eines Schulkameraden, der Helge hiess. Zuhause legte ich die magische Single auf, und die Welt fing sich an zu drehen, wenn ich meinen Hüpftanz dazu aufführte. Ohne Hüftschwung, Elvis blieb mir ohnehin fremd, ausser wenn ihm jemand im Hotel das Herz brach. Und seinen  schrägen Lachanfall auf einer Live-Platte mochte ich auch gern. Gabi war acht Jahre alt, wie ich, sie schlief ein Stockwerk, also allenfalls drei Meter unter mir. Ich wäre so gern in ihr Bett gekrochen. Ich weiss nicht genau, was ich dann getan hätte, aber ich hatte schon Küsse im Fernsehen gesehen, ich hatte eine nächtliche Liebeslehrerin, wahrscheinlich hätte ich geschnurrt wie eine Katze und endlos ihre Lippen geleckt. Rock And Roll Music. Viele Jahre später schlief ich mit einer der schönsten Frauen Dortmunds (sie hiess nicht Claudia), und sie war tatsächlich 1966 bei den Beatles in Essen. Nein, erzählte sie mir, sie gehörte nicht zu den Teenagern, die kreischten und reihenweise in Ohnmacht fielen. Und dann nahm sie mich noch einmal.

 
Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 
 
Das war nicht ganz einfach, jetzt, um diese Zeit, die Kneipiers zu erreichen, bei denen meine Boxen stehen. Viele haben im November und fast den ganzen Dezember hindurch geschlossen, andere den ganzen Winter über. Da fällt mir ein, jedes Jahr dasselbe, das Frühjahr bricht an, die Tore der Kneipen öffnen sich, frische Luft vertreibt den Wintermief, die Jukebox wird angeworfen und … tut sich nichts, die gewählte Platte wird zwar angesteuert, die Nadel setzt sich in die Eingangsrille und dann: nichts. Der Plattenteller dreht sich nicht; mindestens eine Hey-Jude-Länge passiert nichts. Dann, wenn der Wirt mich bis dahin nicht schon erbost angerufen hat, beginnt der Plattenteller zu ruckeln, zu zuckeln, die Platte eiert fürchterlich, weitere 30 bis 40 Minuten später kann man dann – vielleicht – die gewählte Platte in Originalgeschwindigkeit hören. Der Kenner weiß Bescheid, die Schmierung der beweglichen Teile der Box verharzt bei längerem Nichtgebrauch der Musikbox und dann kommt es zu dem eben geschildertem Effekt.
 
Zurück zum eigentlichen Thema: ich wollte die Kneipiers erreichen, um von ihnen zu erfahren, welche Platte denn am häufigsten gedrückt worden ist. Interessiert haben mich allerdings nur die 2015 erschienenen Musikstücke. Das macht die Sache natürlich kompliziert, weil in meinen alten Boxen ein mechanisches Zählsystem die zehn häufigst gewünschten Titel zwar anzeigt, aber natürlich nicht zwischen „Yesterday Man“ von Chris Andrews aus dem Jahre 1965 und Robert Forsters „Let Me Imagine You“ aus dem Jahre 2015 unterscheidet. In manchen Kneipen sind fast nur Oldies unter den ersten zehn am häufigsten gedrückten Platten und, wie erfahren wir dann, wie oft neuere Platten gedrückt wurden? Eben, schwierig. Jetzt wissen natürlich meine Jukebox-Pächter von meiner Vorliebe für Hitparaden und haben eine So-In-Etwa-Hitliste erstellt. Prima, das ist ja nun auch aussagekräftig. Und hier sind sie die Top 12 der Jukebox-Kneipen 2015 (wie gesagt, Oldies bleiben außen vor – gerne ein anderes Mal):
 
 
Ganz klar auf Platz
 
1. Sufian Stevens: The only thing, gefolgt von
2. Rickie Lee Jones: I´ai Connais Pas
3. Josh Ritter: Homecoming
 
 
 

 
 
 
4. Wilco: Maynetized
5. Montain Goats: Southwestern Territory
6. Joanna Newson: Sapokanikan
7. Robert Forster: Let me imagine you
8. Kacey Musgraves: Dime Store Cowgirl
9. Patty Griffin: Shine a different way
10. Buffy Saint-Marie: Ke Sakihitin Awasis (I Love you baby)
11. Martin Courtney: Northern Highway
12. Josh Ritter: Birds of the meadow
 
 

 

 
 
 
Slow food, Fast food, listen to „Food“.

Or read a book and then cook:
 
SUPPE JULIE ELIAS
 
Eine gebundene braune Wildsuppe, kräftig gehalten, wird beim Passieren durch das Sieb, mit abgeriebene Orangenschalen, etwas Colmans Senf, Orangensaft und Johannisbeergelee gewürzt. Vor dem Servieren wird die Suppe mit etwas Moselwein und Curacao abgeschmeckt und im Teller mit rohen Orangenfilets heiß angerichtet. Die Suppe soll nicht zu süß und nicht zu scharf sein, sondern angenehm pikant schmecken.

Julie Elias schrieb dieses Rezept in ihr Kochbuch, das sie dem Maler Max Lieberman widmete. Julie war Kulturjournalistin und Salonière in den 20 er Jahren in Berlin und eine enge Freundin von Max Liebermann. Er bedankte sich brieflich bei ihr für das ihm gewidmete Buch: “ … an einer guten Mahlzeit habe ich große Freude. Kunst und Natur sei auch im Essen eines nur: die matiére première muss gut sein, aber nur die Kunst kann aus ihr das Meisterwerk für unsren Gaumen machen.“

Wer mal draußen in Wannsee in der Max Liebermann Villa war, weiss, dass der Maler einen großen Gemüsegarten hatte, in dem er hauptsächlich Kartoffeln und Kohl anpflanzte. Nun, es waren Kriegszeiten.

In diesem ästhetisch schön gestalteten Buch stehen raffiniert einfache Rezepte, die durch Einfallsreichtum und Fantasie zu kulinarischen Geschmacksschätzchen werden.

Ich werde eine Nachspeise daraus bereiten, von der es heißt, sie sei „Musik für den Gaumen.“
 
Herausgegeben hat dieses Buch Meisterwerke für uns’ren Gaumen – Max Liebermanns Geselligkeit und feine Küche: Ursula Hudson-Wiedenmann, im vacat Verlag.
 


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