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Archiv: David Sylvian

Arve Henriksen verstand die Signale von Space Commander Sylvian. Nostalgie half da nicht. Keiner würde hinterher jammern und die Frage stellen: „Where’s my Space Age?“ Die Trompete beschrieb einsame Bögen im weiten Rund. Aber erstmal zurück in die Zukunft….

Irgendwann in den späten 80ern nahm David Sylvian in Köln, zusammen mit Holger Czulay und einigen Beimischungen von Radiomann Karl Lippegaus, PLIGHT AND PREMONITION auf. Seine Solokarriere hatte schon Fahrt aufgenommen, BRILLIANT TREES war ein „instant classic“, seine Stimme ging um die Welt. Mit dem Diktaphon von Czukay, den Trompetentönen von Jon Hassell entstand eine exotische Pop-Kammermusik. PLIGHT AND PREMONITION spielte sich an den Rändern der öffentlichen Wahrnehmung ab, ich fand die rein instrumentale, ruhige Platte damals sehr interessant, aber sie rührte mich nicht so sehr wie die Ambient-Alben eines Brian Eno. Überrascht war ich, dass ich beim Wiederhören der fast vergessenen Platte staunte, wie wenig gealtert die Musik schien. Ich mochte sie mehr als damals – sowas ist selten, oft fragt man sich, warum um Himmels Willen man einst eine bestimmte Musik in den Himmel hob.

Nun also wurde PLIGHT AND PREMONITION erstmals live aufgeführt, beim 7. Punktfestival in Kristiansand. Jeder der Musiker auf der Bühne hatte sich intensiv mit der langen, eine Plattenseite füllenden Komposition befasst. Als sich der Vorhang öffnete im ausverkauften Agden Theater, saß Sylvian ziemlich im Zentrum, mit Gitarre und Synthesizer, flankiert von Live-Sample Jan Bang und Elektronikfuchs Erik Honore. Etwas weiter außen saßen Philip Jeck, Meister der Vinylplattenbearbeitung und Gitarrist Eivind Aarset. Ganz außen, am linken Bühnenrand, hatten der Trompeter Arve Henriksen und der Pianist John Tilbury ihren Platz gefunden.

Durch eine brillante Lichtinstallation entstand der Eindruck, man würde in das hintere Teil eines Raumschiffes schauen, das jederzeit bereit sei, abzuheben.  Alle Musiker waren bis in die Haarspitzen konzentriert, ein dunkler, fast melodischer Drone zog sich wie eine ewig wiederkehrende Welle durch die Klangströme, ohne aufdringlich zu wirken. John Tilbury brillierte mit all den Tönen, die er nicht spielte, der Mann am Flügel praktizierte vollkommene Klangaskese, und wenn er ein, zwei Sounds auf Reisen schickte, hatte man nie das Gefühl, das gute alte Klavier müsse einfach historisches Gepäck mit sich rumschleppen. Jan Bang und Erik Honore, langjährige Kollaborateure von Sylvian, reicherten das weite Feld an mit winzigen Details, raumgreifenden Klangfarben, und all den Dingen, für die mir hier einige Worte fehlen. Einmal schickte Philip Jeck eine seltsame spanische Stimme durch den Äther, wir Zuhörer konnten unsere Ohren schweifen lassen, der Blick verlangsamte sich, Eivind Aarset vermied jedes noch so ferne Ethno-Klischee, das Raumschiff hatte schon lange abgehoben. Herzergreifend!

Am Ende langer Beifall. David Sylvian trug erstaunlicherweise keine Sonnenbrille, nur eine kleine Kappe auf dem Kopf. Er sagte kein Wort, aber er zollte seinen Reisegefährten, und auch dem Publikum, durch Klatschen Respekt. Er schien tatsächlich gerührt zu sein. Übrigens: das Album PLIGHT AND PREMONITION ist seit langem vergriffen. Allerdings kann man das Stück des gestrigen Abends, das Original, hören auf der drei CDs umfassenden Sylvian-Compilation CAMPHOR. Es lohnt sich.
 
 
 

Foto © Christoph Giese

Foto © Christoph Giese


 

2011 2 Sep

The Invisible Eyes of David Sylvian

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Als ich Sylvian 2009 in Hamburg traf, waren seine Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen. Er nahm die Brille auch nicht ab, als wir uns zum Interview in der dunklen Ecke eines Hotelflurs niederließen.

Gestern trat ich abends aus dem Fahrstuhl des Hotel Norge, und sah sofort Sylvian vor mir. Die Sonnenbrille hatte dieselbe Tönung, vielleicht hat er mehrere dieser Sonnenbrillen gehortet, aber ich nehme stark an, es war dieselbe Sonnenbrille. Er kam gerade an, Jan Bang und Erik Honore hatten ihn vom Flughafen abgeholt.

– ah, hello, sagte ich zu Sylvian, und schaute freundlich dorthin, wo ich seine Augen vermutete. Seine Reaktion ließ nicht etwa auf sich warten, nein, sie fand gar nicht statt. Er schien durch mich hindurchzublicken, als sei ich „der Unsichtbare“ in einer Science-Fiction-Geschichte. Sensiblere Naturen könnten sich leicht gekränkt fühlen, ich musste zum Glück nur schmunzeln, und fragte mich, ob eine gewisse Unnahbarkeit (oder Kühlheit) der Preis sind, den manche Hochseilartisten des Brüchigen zahlen.

2011 16 Jun

Sylvians Anderswo

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Seit BLEMISH, spätestens aber MANAFON und den daraus erwachsenen, eigenständigen Variationen auf DIED IN THE WOOL fragt man sich, welcher Kategorie dies alles wohl zuzuordnen sei. Für Jemanden, der Musik vorzugsweise durch Antizipation bzw Ahmung (1) rezipiert, gestalten sich die jüngsten Gradwanderungen des Popmusikers David Sylvian als schwierig. Man findet dort nichts, was zum Mitspielen, Mitsingen, Mitschwingen einlädt – egal ob in der Badewanne oder in anderen Übungsräumen.

„Das Leben ist Anderswo“, betitelte einst Milan Kundera ein Buch und Sylvian scheint der implizierten Forderung, dieses Anderswo zu suchen, in seinem musikalischen Schaffen nachzukommen – gewiß kennt er den tschechischen Autor, sein Song „Laughter And Forgetting“ (GONE TO EARTH) zeugt davon.

Kritische Geister behaupten aber, Leben sei in seinen ungeheuerlichen Klanglandschaften neuerdings ebenso wenig zu finden wie Musik und böse Zungen sprachen gar von „Geräuscherzeugnissen“ – also Lärm. (Auch in Kunderas „Unerträglicher Leichtigkeit des Sein“ ist von Lärm-Musik, genannt „muzak“, die Rede. Gemeint ist dort aber der einfältige, nervige Schlager)

Sylvian verweist den Hörer seiner neuen Werke auf eine Zaungast- und Zeugenposition, die sich darauf beschränkt, Klangereignisse nur wahrzunehmen, anstatt dort selbst aktiv mitzumischen. Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb Improvisierte Musik und Neue Musik es generell schwer haben, ein größeres Publikum zu erreichen: man bleibt dort irgendwie „aussen vor“.

„Die authentische Neue Musik existiert vor allem als eine Expertenpraxis, in der es kaum um ein Singen und Spielen im Sinne der traditionellen naiven Musikalität geht, sondern um die Exploration der Klangproduktionsmittel und der Kompositorischen Verfahren …
schrieb Peter Sloterdijk 1993 in WELTFREMDHEIT über die Kategorien der Musik.

Improv-Musik, und auch die abstrakteren Song- und Samplegebilde David Sylvians, verbleiben wohl doch, wie der moderne und teilweise dahinmodernde („it smells funny“) Jazz auch, in einer vertrauteren, von Sloterdijk folgendermassen beschriebenen Kategorie:
„Die performative Musik versucht, sich mit offensiven Mitteln den Weg zum Publikum zu bahnen. Auch sie hält am Primat der Hervorbringung fest, indem sie die Klang-und Bühnenereignisse den Hörererwartungen agressiv überordnet.“

Und so bleibt auch die Musik des einstigen Art-Punk-Eleven immer noch auf die roots von Folk; Blues; Jazz; Rock; Pop und Ambient bezogen – wenn auch in sehr sublimer Weise. Denn in ihr ist etwas Neues, ein Anderswo enthalten, das so mancher Ex-Verehrer seinem Ex-Popstar übelnimmt. Die Erwartungen dieser Hörerschaft werden seit BLEMISH gehörig blamiert – möchte man doch lieber auf dem Fluß vertrauter Gewässer weiterrudern.

„Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß“ – von wem war das nochmal, zuguterletzt?
Von Kundera jedenfalls nicht. Ist auch egal, denn es stimmt eh nicht: nicht an Weser, Rhein und Themse – und auch nicht Anderswo.


(1) Der Begriff Ahmung stammt von Christian Kellerer, dessen Buch „Der Sprung ins Leere. Objet trouvé – Surrealismus – Zen“ leider schon seit Langem  vergriffen ist.
Ahmung: dieser Begriff umfaßt die unbewußte Reaktion des Nachahmens im Sinne eines Mitschwingens. Im Gegensatz zum Imitieren vollzieht sich Ahmen beim Menschen völlig unbewußt und ungewollt mit weitreichenden Auswirkungen.“ (www.christian-kellerer.de)

 
 

 
 
 
Jetzt also eine neue, aktuelle Wasserstandsmeldung aus der Alchemistenküche –
und man kann Entwarnung geben allen Hasenfüßlern, die noch in den drögen Tälern
und klammkaltem Wäldern von MANAFON vor dem Rabbitskinner flüchteten und
aufgeregt umherirrend riefen: „What a Noisemaking and Troubleshooting!“

Die Variationen des umstrittenen, kontrovers rezipierten Erstlings kommen jetzt
in eingänglicher Form daher und bestätigen wieder mal: „Die Wahrheit ist milde“.
Denn das hört sich gar nicht mehr so sperrig und schwer verdaulich an wie die
vormals mit Improv-Ballaststoffen dargereichte Magerkost.

Trotzdem war MANAFON wichtig und unverzichtbar, denn: „Im Mangel blüht der gelbe Ginster der Erleuchtung“. Und nur, wer die Hohe Schule der Enthaltsamkeit erduldet,
wird die Schule der Besänftigung dann umsomehr geniessen können – das wußte
schon Altgrieche Epikur.

Auf DEAD BEES ON A CAKE gab´s ein Stück Kuchen, das besonders schmackhaft war:
der Song Alphabet Angels. Gern hätt ich mehr davon gehabt. Nun endlich die Fortsetzung dieser besonderen Art des Songwritings: I Should Not Dare – and should I dare to say
that it´s one of the best songs, that i´ve ever heard?

Aber auch A Certain Slant Of Light ist ein aussergewöhnlich schöner Song:

Sylvian, once more a creator of sublime beauty – he promised us poetry and kept to this promise. Arve Hendriksens Trompetenausklang hier: wie mit einem Stock beiläufig in Sand gezeichnete Linien eines buddhistischen Mandalas, das dann vom Winde verweht wird. Ephemere Reflektionen; flüchtiges Nebenbei; ästhetische Sensationen an den Rändern des Geschehens. Als ein mehr Song- denn Albumorientierter ist mein erster Eindruck: dies sind zwei sehr gute CDs mit zwei Liedern drauf, die Ihresgleichen suchen und nicht finden.

MANAFON ist ein zärtliches Ungetüm, eines der wenigen Meisterwerke des jungen Jahr-tausends. DIED IN THE WOOL – THE MANAFON VARIATIONS spinnt all die Fäden fort,     die sich da anbahnten, öffnet Räume, schliesst Fenster, lässt die alten Gesänge seitwärts treiben, schiebt neue Songs hinterher. Wer vor MANAFON flüchtete, wird sich auch hier in Sicherheit bringen wollen. Was passiert hier alles mit dem Originalstoff: mal verschwindet die ganze Kulisse der frei improvisierte Gespinste, und wird durch den streng modernen Duktus eines japanischen Komponisten ersetzt, mal werden diese detailfreudigen Sound-forschungen des Ursprungsalbums subtil variiert. Das Amalgam funktioniert immer und nimmt gefangen: ob Arve Henriksens Trompete nordisch uncool die Vertonung eines Gedichts von Emily Dickinson anreichert, ob Samples aus einem Konzert von Skuli Sverisson (Kristiansand 2010) momentlang einen tonalen Untergrund bauen, wo sonst harmoniefreie Klangpartikel ins Offene entschweben, ob die Melange von Ambient Music und Song Sylvian zu einer zauberischen Ballade antreibt, die den Samen für ein ganzes Werk bilden könnte (I SHOULD NOT DARE): was durchweg verblüfft, ist die Natürlichkeit, mit der hier Neue Kammermusik, Electrionica, Sampling sogenannter Pop- und Klangspuren von manch anderen Welten eins werden. Geradzu lässig, als ginge all das Unerhörte und Dunkle leicht von der Hand.

2011 5 Mai

Der Alchemist

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Dieser gute Titel eines Bestsellers mit dürftigem Inhalt von Paulo Coelho könnte auch den Musiker David Sylvian treffend bezeichnen. Alles, was Letzterer an Mischpults, Keyboards, Saiten zwischen die Finger kriegt, um damit seinen halbgotthaften Gesang zu inszenieren – all das ist schon deshalb interessanter als das erstklassige, geschmackvolle Klangambiente von Arve Hendriksen, Jan Bang, Jon Hassell und Anderen: weil eine erzählende Gesangs-stimme durch die Landschaft führt.

Sylvian gibt den edlen Sounds Geschichten und Persona hinzu. Von solcher Qualität,
dass die Creme der Jazzer und Avantgardisten am Hofe stets zu Diensten standen. Überliefert ist die Geschichte, dass kein Geringerer als Robert Fripp sich freute, vom Meister ins Studio geladen zu werden – dann aber letztendlich auf dem darauffolgenden Album gar nicht erschien. So kann´s kommen, wenn der Alchemist einige Zutaten streicht und andere hinzufügt. Mist, Robert.

Nevertheless, something is missing in his music, despite all merits: there´s a lack of drive, momentum in it. It sometimes sounds a little sleepy and restrained. It´s not really
rockin´, hardly swinging and brasilian bossas are completely absent. And thats ok,
cause you won´t go to the butcher´s to buy bread – and this songs were never
made for dancing. (i guess)

Seltsam bleibt auch die Überhöhung, die manchem Künstler und seinen Werken zukommt:
so fragte ich einst im Plattenladen nach „Ember Glance – The Permanence of Memory“
(mit Russell Mills), von merkwürdigen Sehnsüchten getrieben. Der Verkäufer schaute im Katalog nach: „Ei, was ist denn das für´n morbides Machwerk – ja, kann ich bestellen.“   Ich ließ es dann doch bleiben.

Im Gegensatz zu Paulo Coelho hat Sylvian aber weit Besseres produziert als nur
morbides Machwerk oder esoterisch trüben Trost – und Jedermann, der (alten) Göttern gegenüber abtrünnig wird, ist mir sowieso sympathisch. But be cautious: its Alchemy –
the permanence of ambivalence!


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