Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2011 16 Jun

Sylvians Anderswo

von: Jochen Siemer Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , 11 Kommentare

Seit BLEMISH, spätestens aber MANAFON und den daraus erwachsenen, eigenständigen Variationen auf DIED IN THE WOOL fragt man sich, welcher Kategorie dies alles wohl zuzuordnen sei. Für Jemanden, der Musik vorzugsweise durch Antizipation bzw Ahmung (1) rezipiert, gestalten sich die jüngsten Gradwanderungen des Popmusikers David Sylvian als schwierig. Man findet dort nichts, was zum Mitspielen, Mitsingen, Mitschwingen einlädt – egal ob in der Badewanne oder in anderen Übungsräumen.

„Das Leben ist Anderswo“, betitelte einst Milan Kundera ein Buch und Sylvian scheint der implizierten Forderung, dieses Anderswo zu suchen, in seinem musikalischen Schaffen nachzukommen – gewiß kennt er den tschechischen Autor, sein Song „Laughter And Forgetting“ (GONE TO EARTH) zeugt davon.

Kritische Geister behaupten aber, Leben sei in seinen ungeheuerlichen Klanglandschaften neuerdings ebenso wenig zu finden wie Musik und böse Zungen sprachen gar von „Geräuscherzeugnissen“ – also Lärm. (Auch in Kunderas „Unerträglicher Leichtigkeit des Sein“ ist von Lärm-Musik, genannt „muzak“, die Rede. Gemeint ist dort aber der einfältige, nervige Schlager)

Sylvian verweist den Hörer seiner neuen Werke auf eine Zaungast- und Zeugenposition, die sich darauf beschränkt, Klangereignisse nur wahrzunehmen, anstatt dort selbst aktiv mitzumischen. Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb Improvisierte Musik und Neue Musik es generell schwer haben, ein größeres Publikum zu erreichen: man bleibt dort irgendwie „aussen vor“.

„Die authentische Neue Musik existiert vor allem als eine Expertenpraxis, in der es kaum um ein Singen und Spielen im Sinne der traditionellen naiven Musikalität geht, sondern um die Exploration der Klangproduktionsmittel und der Kompositorischen Verfahren …
schrieb Peter Sloterdijk 1993 in WELTFREMDHEIT über die Kategorien der Musik.

Improv-Musik, und auch die abstrakteren Song- und Samplegebilde David Sylvians, verbleiben wohl doch, wie der moderne und teilweise dahinmodernde („it smells funny“) Jazz auch, in einer vertrauteren, von Sloterdijk folgendermassen beschriebenen Kategorie:
„Die performative Musik versucht, sich mit offensiven Mitteln den Weg zum Publikum zu bahnen. Auch sie hält am Primat der Hervorbringung fest, indem sie die Klang-und Bühnenereignisse den Hörererwartungen agressiv überordnet.“

Und so bleibt auch die Musik des einstigen Art-Punk-Eleven immer noch auf die roots von Folk; Blues; Jazz; Rock; Pop und Ambient bezogen – wenn auch in sehr sublimer Weise. Denn in ihr ist etwas Neues, ein Anderswo enthalten, das so mancher Ex-Verehrer seinem Ex-Popstar übelnimmt. Die Erwartungen dieser Hörerschaft werden seit BLEMISH gehörig blamiert – möchte man doch lieber auf dem Fluß vertrauter Gewässer weiterrudern.

„Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß“ – von wem war das nochmal, zuguterletzt?
Von Kundera jedenfalls nicht. Ist auch egal, denn es stimmt eh nicht: nicht an Weser, Rhein und Themse – und auch nicht Anderswo.


(1) Der Begriff Ahmung stammt von Christian Kellerer, dessen Buch „Der Sprung ins Leere. Objet trouvé – Surrealismus – Zen“ leider schon seit Langem  vergriffen ist.
Ahmung: dieser Begriff umfaßt die unbewußte Reaktion des Nachahmens im Sinne eines Mitschwingens. Im Gegensatz zum Imitieren vollzieht sich Ahmen beim Menschen völlig unbewußt und ungewollt mit weitreichenden Auswirkungen.“ (www.christian-kellerer.de)

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 16. Juni 2011 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

11 Kommentare

  1. Poschlost:

    Ein sehr interessanter und präzise formulierter Blick auf die Neue Musik Sylvians und anderer Improvisatoren!
    Ich pflichte dem bei! Als langjähriger Hörer und gelegentlicher Hervorbringer sogenannter „improvisierter“ Musik habe ich allerdings die Erfahrungen gemacht, dass auch hier mit etwas Übung eine innere Antizipation möglich (unvermeidbar?) ist. Der Zaun bekommt also Lücken. Das liegt vielleicht daran, dass auch vermeintlich spontane Reaktionsmuster am Ende doch Muster bleiben. Diesen (großen) Musterkoffer kennt man irgendwann ähnlich gut wie den der diatonischen Musik. Vielleicht liegt das Besondere an den neueren Sylvian-Produktionen darin, dass er den Inhalt aus verschiedenen Koffern mischt?
    Karsten

  2. Michael Engelbrecht:

    Ich nehme ja auch Musik, zumindest teilweise, durch „Ahnungen“ wahr. Aber die Improv-Kultur, auf die sich Sylvian bei MANAFON bezog, hat eine reiche Geschichte, die bis zum Jazz-Underground der 60er Jahre zurückreicht. Damals hat diese Musik (nicht erst durch den Free jazz amerikanischer Art), sondern auch durch europäische Originale, zu exkstatsichen Hörerlebnissen neugieriger Hörer geführt. Diese Musik ist später im allgemeinen Bewusstsein (das in den 60er/70er revolutionärer gestimmt war) an den Rand gedrängt worden, auch durch konservativ agierende Medien – und durch Kulturen des „fortgesetzten schlechten Geschmacks“ und der nostalgisch fixierten Regressionen (a la „ich bin in den 70ern hängengeblieben“).

    Sylvian bricht diese Grenzen wieder auf und zeigt en passant, wie stock- und erzkonservativ weite Kreise der Rockhörerschaft geworden sind. Wo sind die meistverkauften deutschen Rockmagazine angesiedelt (MusikExpress, Rolling Stone)? Im Springer-Verlag. Und wer ziert das Titelblatt der neuen SPEX? Lady Gaga.

    Übrigens holt Sylvian auf DIED IN THE WOOL nun auch die Neue Kammermusik mit ins Boot. Entlegen bleibt das allemal – und muss es auch.

  3. Michael Engelbrecht:

    wenn die dinge nicht von anderswo kommen, geht ihnen ihre transzendenz ab – und transzendentes (als grenzüberschreitung) brauchen auch agnostiker und atheisten:)

    transzendentes meint also nicht das raunen einer jenseitigen wirklichkeit, sondern räume für neue wahrnehmungen, das fallen aus dem trott, pure lebensenergie, sterben lernen – und das lucky fucky here and now!

  4. Michael Engelbrecht:

    Und deswegen hat Mr. Poschlost völlig Recht: die Improv-Musik hat ihre eigenen Muster geschaffen, sogar etliche Sackgassen produziert, aber Sylvian mischt den Inhalt aus verschiedenen Koffern. Einer kommt aus Tokio, einer aus London, einer aus Wien.

    Und das Grandiose: die Gesänge von MANAFON sind nicht Fremdkörper neben der Musik, sondern aus ihr heraus entstanden, vollkommen inspiriert von ihr. Die Texte sind von der bizarren Musik befeuert worden, die Melodielinien sind von der bizarren Musik befeuert worden (die kleinsten Klangzellen haben melodisches Potential).

  5. Michael Engelbrecht:

    Und ich dachte, „Ahmung“ wäre ein Druckfehler. Trotzdem:
    bei mir passt „Ahnung“ auch besser, Richtung „Einfühlung“.

    Aber eins ist auch klar: vor die Wahl gestellt, müsste für die „einsame Insel“ Manafon weichen, und Another Green World Platz machen. Wenn Sterne am Firmament um den Blick des sterblichen Betrachters kämpfen, gibt es eben doch Präferenzen.

  6. Jochen Siemer:

    Ahmung, Ahnung und Einfühlung gehören imo auch zusammen.

    Persönliche Präferenzen und Differenzen: unsereins unterscheidet dann auch noch zwischen dem, was objektiv gut ist; was die Anderen gut finden (die Einfühlungen und Einbildungen der Anderen); und was man selbst – und nur man selbst – aus manchmal unerklärlichem Grunde grad gut findet … ;)

  7. Jochen Siemer:

    The Lucky-fucky-here-and-Now ist mein neues mantra und viel besser als jenes, welches ich damals von der tm-sekte kaufte. fliegen habe ich nie gelernt und das gehirn wird lull und lall davon, so war mein eindruck.

  8. Michael Engelbrecht:

    Josies neues Mantra dient nicht der Erleuchtung, sondern der Selbstironie,
    und einer damit zunehmenden Grundheiterkeit…

    Und, Josie, du hast wirklich mal ein Mantra gekauft von TM? Du bist Insider gewesen?

  9. Jochen Siemer:

    Also, geschadet hatte mir die Erfahrung mit TM-Meditation nicht. Viel Geld hatte das Mantra auch nicht gekostet, für angehende Studenten war´s quasi umsonst. Fliegen war damals nicht meine Zielsetzung, eher Beruhigung und Besänftigung.

    Vielleicht schreibe ich mal einen Artikel über meine Erfahrung mit TM …
    Der Film David wants to fly ist für mich absolut nachvollziebar. Ähnlich wie bei Scientology: ich fass´ es nicht, dass Menschen wie David Lynch, Paul McCartney
    und Ringo Starr bei Sowas hängenbleiben …

  10. Jochen Siemer:

    Wer den Film nicht sah, hatte sicherlich was Besseres zu tun …
    So: jetzt aber raus an die frische Luft :)

  11. Michael Engelbrecht:

    Unglaublich, wie wenige Besprechungen es zu Sylvians neuem Doppelalbum gibt. Komplettverweigerung der Pop-Sphären. Und die sogenannte Ernste-Musik-Abteilung rätselt auch noch.


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