Manafonistas

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2021 25 Mai

Vielleicht war es das Spaghetti-Eis

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Die zweite Biontech-Impfung von gestern ist bisher fast ohne Nebenwirkungen (bis auf den schmerzhaft-matschigen Arm) an mir vorbei gegangen. Vorher hab ich ca. 10 Globuli Meteoreisen plus eine ordentliche Dosis Vitamine eingenommen. Hinterher eine halbe Stunde in der Sonne gesessen. Dann ab aufs Sofa. Gehört: Millions now living will never die von Tortoise. The noise made by people von Broadcast. Showtunes von Lampchop. Scenery von Ryo Fukui (Ich stelle mir gerne vor, wie sich Ryo Fukui und Haruki Murakami nach einem Konzert in Tokio einen Drink genehmigten.). In my own time von Karen Dalton. Danach gab es Bratkartoffeln mit Speck und dann vor dem Fernseher (zwei Folgen Sherlock: Sein letzter Schwur und Die Braut des Grauens) Spaghetti-Eis vom Italiener. Ich vermute, dass mich Early Summer von Ryo Fukui vor den Nebenwirkungen geschützt hat, aber wer weiß das schon so genau, vielleicht war es auch das Spaghetti-Eis.

 

Die Grille in der Musik

 

„So einfach die Musik der Grillen klingt, so ausgefeilt ist ihr Instrument: Die mit 135 Nano-Zähnchen besetzte Schrill-Ader auf der Unterseite des rechten Deckflügels wird mit ruckartigen Spreizbewegungen über eine gekrümmte Leiste auf dem linken Flügel gestrichen. Die Vibration überträgt sich auf je zwei trommelfellartige Flügelfelder. Damit diese frei schwingen und den Ton weit abstrahlen, hebt das Grillenmännchen beim Fideln die Flügel an. So ist das unermüdliche „zirp … zirp … zirp …“ in offenem Gelände und bei Windstille fast 100 Meter weit zu hören.“ (NRW Stiftung: Natur Heimat Kultur).

Der Klang von Grillen ist an sich schon wunderschön, noch dazu erinnert er uns an heiße Sommertage, an ruhige Abende auf der Terrasse, an Urlaubstage am Meer. Nun mischt die Grille allerdings auch in der Musik kräftig mit und es erstaunt nicht, wenn wir unter den Grillen-Liebhabern eine Menge alter Bekannte finden. Beginnen wir 1985, damals erschien HYBRID, eine tolle Schallplatte von Michael Brook, der sich von Brian Eno und Daniel Lanois unterstützen lässt. Auf dem Stück Pond Life hören wir sie, die Grillen.

Auch Harold Budd verarbeitet den Klang der Grille in seiner Musik, auf der Platte Pearl von 1984 findet sich das Stück An Echo of Night und hier zirpen sie wieder, die Grillen. Brian Eno und Daniel Lanois, das nur nebenbei, sind auch hier wieder mit von der Partie.

1995 erschien bei TRAUMTON Michael Rodachs Musik für Fische. Auf dem Hintergrund der Musik von Grillen spielt sich das musikalische Geschehen des titelgebenden Musikstückes Musik für Fische ab.

Im Jahre 1957 erschien La Jalousie, ein Roman von Alain Robbe-Grillet. Im Französischen hat die Jalousie eine zweifache Bedeutung, zunächst ist damit der Sonnenschutz gemeint, dann aber auch die Eifersucht. Mit dieser Doppelbedeutung spielt der Autor. In Deutschland erschien das Büchlein unter dem Titel Jalousie oder die Eifersucht. Heiner Goebbels entdeckte den Text und schuf 1993 das geniale Hörstück La Jalousie – Geräusche aus einem Roman. Neben dem Ensemble Modern hören wir – wer hätte es gedacht – Grillen. Grillen sind eben für eine ganz besondere Atmosphäre zuständig.

Abschließend sei noch einen wunderbaren Film von Jim Jarmuscherinnert: DEAD MAN. Die Musik zum Film spielte kein anderer als Neil Young ein. Auf dieser Scheibe, die, das ist mal sicher, zu meinen Lebens-Top 100 gehört, kann man Grillen hören … unglaublich!

 

Meine Geburtstagshitliste:

 

It s a hard rain gonna fall

Desolation row

Man in a long black veil

Mississippi

Blind Willie McTell

Tell me

Ring them bells

Lady of the lowlands

All along the watchtower

For ever young

 

2021 24 Mai

Pfingstgruss vom Maschsee

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<span style="color: #779191;">Aus dem Zyklus "Der Hannoveraner liebt seine Stadt" © JS 2021</span>

 

The new songs comprised guitar tracks that were converted into MIDI piano tracks, over which Wagner laid Broder’s grand piano, Olson’s assorted sounds, horns by CJ Camerieri, turntable work from Twit One, some free-jazz drumming from Eric Slick and, finally, double bass from James McNew. “I always thought this kind of record needed this upright bass element,” says Wagner. “Very much like some classic jazz piano-trio record and James was always on my mind with that.”

(From Uncut, 2021)

 


Eine Freude, wenn in die Jahre gekommenen Wegbegleitern immer noch Bereicherungen gelingen
, und sie sich nicht darin erschöpfen, mit jeweils neuen Alben allein das Feld unserer Erinnerungen hübsch aufzubrezeln. Ach, weisst du noch – das ist nicht die Haltung Entdeckungsreisender in Sachen Musik.

Und so hat Kurt Wagner, als Lambchop-Mastermind und ruheloser Erforscher von Songhorizonten, auch in den letzten zehn Jahren weiterhin erstaunliche Arbeiten abgeliefert, und mit „Showtunes“ nun ein sicher nicht unmittelbar griffiges, aber rundum geglücktes Meisterwerk, experimentell und tiefgründig zugleich. Es bewegt sich in solch einsamen Höhen wie Mark Hollis‘ Soloalbum, oder Prefab Sprout‘s I Trawl The Megahertz. Eine gute halbe Stunde lang, mit keinem einzigen verschwendeten Moment, garantiere ich (natürlich ohne Gewähr und Reiserücktrittsversicherung) aufregende Erlebnisse mit jedem neuen Hören. Es gibt das Album auch, in einer Sonderedition, auf weissem  Vinyl, in einer Gatefold-Ausgabe mit 45 rpm (!). „Showtunes“ ist eines unserer Alben des Monats Juni (s. Kolumne rechts), und es ist ganz sicher eines meiner Top 5 Alben des Jahres 2021. Ich bin restlos begeistert.

Ich habe Brian dazu eine Mail geschickt, u.a. auch den substanziellen, grossen Artikel über Kurt aus der Juli-Online-Ausgabe von Uncut („The Conceptualist“). Es würde mich sehr erstaunen, wenn Eno nicht Feuer und Flamme wäre, was Kurt Wagners neue Arbeit beitrifft, entstanden in fast mönchischer Zurückgezogenheit, zuhause in Nashville, Tennessee. In den Klanghorizonten am 19. Juni werden zwei Songs aus „Showtunes“ auftauchen, in bester Gesellschaft von Marianne Faithfull, Robert Ashley, Stephan Micus, und, ähem, Brian Eno. Ein „phoner“-Interview wird angefragt, mit Kurt Wagner. Es wäre so ungefähr unser fünftes Interview. 

playlist of nighthawk‘s late night radio in June:

Brian Eno: instrumental track
talking 1 – Michael (on this hour, on Showtunes and She Walks In Beauty)

Marianne Faithfull: from She Walks In Beauty
Lambchop: from Showtunes
KURT WAGNER SPEAKING (possibly)
Stephan Micus: short instrumental track from Winter‘s End (ECM)

short story by  Martina Weber on Robert Ashley‘s Private Parts
Robert Ashley: The Park, from Private Parts (1977 – Lovely Music)
short story by Michael on Robert Ashley’s Private Parts

Stephan Micus: short instrumental track from Winter‘s End
KURT WAGNER SPEAKING (possibly)
Lambchop: from Showtunes
Marianne Faithfull: from She Walks In  Beauty

talking 2 – (Michael on everything)
Brian Eno:  instrumental track 

 

2021 22 Mai

Viel Glyk!

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Gestern zog es mich von dannen. „Immersion“ ist das Stichwort, sie hat viele Facetten und kann beispielsweise durch hochauflösendes, grossformatiges Fernsehen indiziert sein: man wähnt sich mitten im Geschehen. Kombiniert mit akustischem High-End ist ein grandioses Konzerterlebnis selbst im hauseigenen Wohnzimmer garantiert. Manche nennen das „Electric Cinema“. Aber noch zwei weitere Elemente kommen hinzu: Unverfügbarkeit, die besagt, dass Interesse und Appetit sich nicht von aussen steuern lassen, sondern selbstbestimmt sind und authentisch. „Was weiss denn ich schon, was ich will und mag? Der Zufall wird es zeigen!“ Manchmal beginnt dann eine regelrechte Abfahrt, wer mal Skifahren war, etwa die Piste hinab in den Schweizer Alpen, der weiss, wovon die Rede ist. Per Algorithmus wird mir Kinga Glyk bekannt gemacht, die Hasenohren stellen sich hoch auf. Das Konzert vom 36. Kemtener Jazzfrühling weckt Assoziationen. Zum einen ist es eine Wonne, dieses virtuose Bassspiel, an Jaco und andere erinnernd, zu hören. Aber auch diese, man muss es einfach sagen: hochattraktive Erscheinung. Und dann eben auch das, was ich full body performance nenne: wenn Musik, Instrument und Musiker eine Einheit eingehen, die an Tanz erinnert. Solches zu sehen, in dieser Frische, wirkt wie heilsame Musiktherapie. Unweigerlich greift man hernach selbst zum Instrument, ist angestachelt. Soll mir ein Musiker sagen, er würde nicht zuweilen scharf gemacht durch andere. Die Intimität und Perfektion von Kinga und ihren Mannen (der Bruder sitzt am Mischpult) lässt einen fast wünschen, Corona möge bleiben. Musikalische Anklänge bot das Konzert auch an Hellmut Hattler (Kraan) und Nik Bärtsch (Ronin). Der Gruppensound bildete die verwobene Grundierung, auf die der Bass seine bezaubernden Linien zeichnete.

 

2021 22 Mai

Rundmail an alte Klassenkameraden

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Horst rief mich natürlich an, als er von Peter Siemons‘ Tod erfahren hatte, hatte ich doch von allen, eine Zeitlang zumindest, den engsten Kontakt von uns zu ihm. Aber das ist schon lange her. Und die Erinnerungen liegen unter einem leicht dunstigen Schleier. Ein paar Szenen werde ich nicht vergessen, oder einige Rituale, die uns durch die Schuljahre begleiteten, Peter und mich, in der Zeit, in der wir uns etwas näherkamen.

Peter und Café Beckmann, das war so eine wiederkehrende Szenerie, und er sass, wenn man die Treppe hochging, gerne hinten rechts am Fenster, von wo aus er den ganzen Raum im Blick hatte. Wir hatte  beide unsere kleine Nietzsche- und Schopenhauer-Phase, und er war ein Musikfuchs. Unvergessen, wie ich mich im Café zu ihm setzte, und er das Doppelalbum von Soft Machine, „Third“, hervorkramte. Seine Begeisterung infizierte mich, und als ich Jahrzehnte später Robert Wyatt im Purcell Room an der Londoner Westbank traf, musste ich an Peter denken, und dass meine Geschichte mit Soft Machine und ihrem Drummer und Sänger Robert Wyatt damals früh in den Siebzigern begann.

Einmal, als Peter eine existenzielle Krise hatte, stand „unser Egon“ vor der Haustür. Der einige Besuch, den ich je von einem Lehrer hatte. Er erkundigte sich sehr empathisch nach Peter, und obwohl ich die Details vergessen habe, sagte er später irgendwann etwas davon, dass ein besonderer Fall auch besondere Massnahmen erfordere. Es ging um Unterstützung.

Damals ging das Wort Depression um, und auch, dass er dagegen Elektroschockbehandlungen bekam. Sehr schnell war man damals noch mit der Diagnose „endogene Depression“ bei der Hand, ein Stigma, leichtfertig verteilt. Ein grosser Teil der schnell als stoffwechselbedingt schubladisierten Depressionen sind psychoreaktiv, und eine gute psychotherapeutische Behandlung indizierter als das Standardrepertoire aus Antidepressiva (mit erheblichen Nebenwirkungen auf den Alltag) und Schocktherapie (mittlerweile weitgehend ein No-Go). Könnt ihr euch vorstellen, was solch eine „Behandlung“ bei Peter ausgelöst hat?! Über fragwürdige kurzfristige Effekte hinaus?! Es hatte etwas Entwürdigendes für ihn, glaube ich. Und es hat Spuren hinterlassen. Nicht so viele Jahre später, und er hatte sich aus dem „normalen Leben“, den gewohnten Rollenmodellen für Lebens- und  Berufsplanung verabschiedet. Ausgeklinkt.

Aber erstmal tauchten wir beide als Studenten in Münster auf. Da sass ich öfter in seiner Wohnung, während er paffte, ich Tee trank, und jeden Donnerstag Carmen Thomas mit dem Ü-Wagen in NRW unterwegs war. Wir redeten über Bücher und Musik. Einmal fuhren wir abends nach Dortmund, und auf der Mallinkrodt-Strasse (Gott, so oft da rauf und runter gefahren, und ich weiss gar nicht genau, wie man sie schreibt) sah ich von weitem eine Polizeikontrolle. Es war die Zeit, als Terroristen gejagt wurden. Ich drehte um, musste dazu aber mit meinem VW über die Schienen (das waren leider Schottergeleise, wie ich zu spät merkte), und der  Unterboden meines weissen Käfers schlug heftig gegen das Metall der Schienen. Das war nicht unauffällig, und keine Minute später wurden wir mit Blaulicht gestellt, die Papiere kontrolliert, der Wagen durchsucht. Nicht lustig. Peter war dabei, seine damalige Freundin, und ich.

(Das ist jetzt keine besondere Geschichte, aber sie fiel  mir in den letzten Tagen ein, wie manch andere kleine flüchtige Szenen. Wenn man von einem hört, dass er nicht mehr da ist, und einem mal wirklich etwas bedeutet hat, kommen einem auch ganz banale Momente in den Kopf, so, als wollte man noch einmal an den und den Moment zurückkehren. Noch einmal in der Pizzeria nahe am „Atelier“ sitzen, auf der Couch, Peter, Petra, Sylvia und ich, und aus den Lautsprechern kam „Sweetnighter“ von Weather Report. Oder „Also sprach Zarathustra“ in der Fassung von Deodato. Noch einmal mit Peter, Babsi, Klaus und Thomas (Holtz) in Babsis Dachboden hocken, Leonard Cohen hören, und high werden von Räucherstäbchen.)

Aber dann setzte ich mein Studium in Würzburg fort, und das Ruhrgebiet wurde für etliche Jahre ein Ort, in dem man immer weniger Freunde hatte – nur Heimat halt. Ein paar alte  Bekannte. Spät in den Siebzigern, früh in den Achtzigern, traf ich Peter Siemons noch einige Male. Ich glaube, da spielte er noch Tischtennis. Und wohnte in der Leipziger (?) Strasse. Ein Wirbelwind, wann immer ich ihn da in seinem Element sah. Aber dann verlor sich  auch dieser Kontakt – wirklich nah waren wir uns nicht mehr.

Einmal sah ich ihn noch, vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, von ferne auf dem Westenhellweg, aber ich verspürte nicht den Impuls, zu ihm zu gehen. Keine Freude. Eher eine Art Respekt vor seinem Ausklinken aus alten Banden, und  dieses etwas seltsame Gefühl der Melancholie, ihn vielleicht besser in Ruhe zu lassen.

 

Rest in peace, Peter Siemons!

 


In der ersten Folge der sehenswerten Doku-Serie über das Jahr 1971 mit dem grosssprecherischen  Zusatz „the year that changed everything“ tauchen einige ikonische Alben auf, die – 1971 – Musikgeschichte geschrieben haben, und das mit guten Gründen. John Lennons „Imagine“ etwa, oder Marvin Gayes „What‘s Going On“. Wäre eine Serie über das Jahr 1968 gemacht worden, Van Morrison hätte grosse Chancen gehabt, mit seinem Klassiker „Astral Weeks“ gewürdigt zu werden. Aber man wäre schön blöd, wenn man den allgemeinen Konsens folgen würde und denkt, so könne man zielsicher die Meilensteine fürs eigene Leben abgreifen. Mir lag „Veedon Fleece“ lange Zeit viel mehr am Herzen, aber damals erhielt dieses bukolische Opus mit irischem Flair so manchen Verriss. Der amerikanische „Rolling Stone“ wartete geradezu mit einem vernichtenden Urteil auf. 
Jim Miller machte sich über die Platte lustig und warf mit unfreundlichen Begriffen wie „abortive“, „aberration“ und, am direktesten, „pompous tripe“ um sich.

 

Ich war dem Album von Anfang an verfallen, aus ganz und gar eigenen Motiven. Die Musik verzauberte mich. Der „Rolling Stone“ machte sich ja auch, später, nicht weniger lustig über Joni Mitchells Album „The Hissing of Summer Lawns“. Der Melody Maker und der NME verrissen unisono Brian Enos „Music For Airports“, und Herr Hilsberg liess in der „Sounds“ kein gutes Haar an „London Calling“ von The Clash. Werch ein Illtum, könnte man mit Ernst Jandl ausrufen, aber es ist auch komplett egal. Ob einem Album der jüngeren Musikhistorie Meisterwerkstatus zuerkannt wird, liegt an vielen Faktoren –  eine Wahrheit „an und für sich“, im philosophischen Sinne, gibt es nicht, schon gar keine Hierarchisierung sprachlicher Rollenmodelle.

 

Und  nur, weil von Zeit zu Zeit ein anderer „common sense“ in Erscheinung tritt, sollte man keineswegs in irgendeinen Jubelchor einstimmen, hinsichtlich bestimmter Langspielplatten. Die Sache mit  der Uhl und der Nachtigall, genau! Ob ein Album  eine besondere Wertigkeit zukommt, existenziell wird, sowas wie „life‘s company“, bleibt besser  den ganz persönlichen Entdeckungsreisen vorbehalten, und keinem Kanon oder Guru.

 

Leonard Cohen hielt „Veedon Fleece“ übrigens für „einen Traum von einem Album“, das nahm ich später schmunzelnd zur Kenntnis, als die Platte schon ziemlich verwittert und abgespielt war. Mittlerweile liebe ich die beiden Van Morrison-Alben gleichermassen. Jedem seine eigene kleine grosse seltsame unermessliche Welt. (Wie Van jetzt den Corona-Leugnern nachplappert, in peinlichen Protest-Attitüden und lächerlichen Songs, sich dabei selten blöd entrüstet, zeigt natürlich, dass er derzeit einen gewaltigen Schuss hat.)

 

Und damit ist es nun Zeit, „auf den Hund zu kommen“. Das bislang schönste, hinreissendste, betörendste Album des 21. Jahrhunderts mit einem Hund auf dem Cover ist, meiner unmassgeblichen Meinung nach, „Showtunes“ von Lambchop. Und in meinen „all time favourites of albums with a dog (or two) on the cover“ ist es vor wenigen Tagen von 0 auf Platz 2 gesprungen, knapp hinter „Veedon Fleece“, und noch vor „Tusk“ von Fleetwood Mac, und vor Johnny Cashs „American Recordings“ aus dem Jahre 1994. Unglaublich, aber wahr. Übrigens, in diesen „Hunde-Charts“ liegt, bei mir, ein Album von James Taylor auf Platz 7. Der Wolf (Canis lupus) ist bekanntlich  das größte Raubtier aus der Familie der Hunde. Sinnika Langelands jüngstes Werk, „Wolf Rune“ ist mit von der Partie, auf Rang 9.  Good night, and good luck!

 

NACHSPIEL:

 

Lajla: Hunde, gemalt von Goya.
Gruß aus dem Prado.

Michael: Toll, das Bild links gefällt mir auch.
Ist das auch ein Hund?
Du bist wirklich in Madrid. Unbelievable.

Lajla: Ja es ist ein Hund, der ins Leere schaut.
Mich hat das Bild von Goya sehr beeindruckt.
Madrid ist der Hammer. Ich war noch nie hier.
Fahre Montag wieder auf die stille Insel.
I just needed a change

Michael: Das scheint ein Druck zu sein.
Aus dem museum store.
Kannst du ihn für mich kaufen,
den Hund mit dem Blick ins Leere?
Und ihn mit auf die stille Insel nehmen?
Ich komme im August und hole ihn ab.

Es war einmal eine Stimme, die man nie zuvor in der Popwelt gehört hatte: hell, aber nicht scharf, sang sie sich auf „The Kick Inside“ durch einen englischen Zaubergarten, und man staunte nicht schlecht, dass David Gilmour von Pink Floyd ihr Mentor und Produzent war. Das Album war mehr “pink” als “floyd”, und begleitete mich durch einen Würzburger Sommer, es passte gut zu Obstwein und Flussspringen. Heute hat Pitchfork eine Besprechung von Kate Bush‘s „Hounds of Move“ (1985) veröffentlicht und dem Album die höchste Bewertung gegeben: eine 10. (eine insofern „historische Besprechung“, da es, 2011, die Reihe der „Sunday Reviews“ der Pitchforks eröffnete). Diese Sonntagsbesprechungen sind also so alt wie dieser Blog. Ein Album, das mich nie berührt hat – jeden Versuch, ihm nahezukommen, habe ich rasch abgebrochen. Viele halten das Album für ihr absolutes Meisterwerk. Und für eines der grossartigsten Alben der Achtziger Jahre. Tatsächlich habe ich genau drei Lieblingsalben der Engländerin, und das sind, in zeitlicher Abfolge, The Kick Inside (1978), Aerial (2005) und 50 Words for Snow (2011). Als 1982 „The Dreaming“ erschien, war ich ganz wild auf das Werk, weil ich in jenem Jahr ohnehin viel träumte (total verliebt am Ende der Welt), und auch,  weil Eberhard Weber im Vorfeld als Mitwirkender angekündigt war.  Aber auch das Album konnte mich nicht faszinieren. Was waren die Gründe, hier und da? Rückblickend kamen mir beide Alben wohl mit zuviel Hall herüber, die Lieder erschienen mir überfrachtet, und die Synthesizersounds pompös und künstlich. Das reime ich mir jedenfalls nun, aus der Erinnerung, so zusammen. Zu gerne würde ich hier von jemandem eine „Liebesklärung* an Hounds of Love“ lesen. Sollte das passieren, werde ich das Album demnächst spät abends auflegen, und am Tage darauf von dem Hörerlebnis erzählen.

* schöner Verschreiber: „Liebesklärung“

Der eine hatte ein Clownsgesicht mit kleinen roten runden Bäckchen. Der zweite ein blutiges Gesicht, Kunstblut, und lachte. Der Dritte sah auch leicht lädiert aus und war Jochen S.. Wir sassen in einem grossen Restaurant, die Arbeit war getan, und doch fragte ich ungläubig in die Runde: „Wir sind doch nah an den Hollywood Hills?“Dann stimmte einer einen Gassenhauer an, der mir irgendwie bekannt vorkam. Wir sangen aus voller Kehle, während wir freundlich bedient wurden. Die eine Treppe tiefer sitzenden Gäste des Diner stimmten ein und alle sangen diese alte amerikanische (?) Melodie. Rückblick: wir hatten wohl die Folge einer Krimiserie abgedreht, und ich weiss noch genau, wie ich die Treppe zu meinen Jungs hoch ging und ihnen zurief: „Ist doch toll, wenn man Detektiv ist!?“ Von dem zuvor erledigten bzw. abgedrehten Fall blieb mir nur das Ende in Erinnerung (beim Erleben der Geschichte hielt ich alles für real und keineswegs für einen Film). Es ging um Kunstdiebe, die sich Zugang zu einer verlassenen Edelvilla verschafft hatten. Schlussendlich konnten wir Vier die Warnanlage von draussen aktivieren, und die zwei Gängster in Innenräumen einschliessen, bis die Cops kamen. Es war ziemlich aufregend davor, aber, wie gesagt, no more plot memories. Als wir nun beieinander sassen, zu Pizza und Bier, merkte ich, dass dies ein Traum war – mein Bewusstsein schaltete sich ein, lucid dreaming! Ich lachte laut, und teilte unserem detektivischen Quartett mit, dass dies hier zu allem Überfluss ein Traum sei, und der mit dem Kunstblut sagte, unvergesslich: „Ich fühle mich vollkommen real!“ Alles klar, dachte ich, rief ihnen „see you later, alligator“ zu und flog in den Himmel über Hollywood, bei vollem Bewusstsein. Sicher einer Viertelstunde dream time*, bis ich meine Luizidität verlor. Einmal sah ich dabei die vier Präsidentenköpfe aus der Ferne,  aus grosser Höhe, rief lauthals „north by northwest“, und wünschte mir die Luft etwas wärmer. Und so geschah es. Ich flog in Pirouetten, und dann in himmlisches Blau hinein.

 

*wenn man im luziden Zustand ist, erfolgt die Zeiteinschätzung so realistisch wie im Wachbewusstsein. Weil: das Wachbewusstsein ist ON. Etwas, das manche sich so schwer vorstellen können. 


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