Bei der Stimme von Dietrich Fischer-Diskau habe ich (auch) stets die Flucht ergriffen, genauso wie bei den Gesängen und Gesänginnen von Adele, Diana, Sting und Bono. Es gibt eine Art edel verpackter Inbrünstigkeit, die bei mir allergische Reaktionen auslöst wie Übelkeit, und ich kann mir kaum Gelackteres vorstellen als das Saxofonsolo von Branford Marsalis auf Stings Song über die Fragilität unseres Daseins. Das Saxofonsolo von „Baker Street“ kann ich seltsamerweise stets goutieren, obwohl es ja auch von der sehr einschmeichelnden Sorte ist. Dieses Lied von Peter Sarstedt aber, ein one hit wonder, wie es im Buche steht, packt mich immer, und gehört zu den Top 10 meiner „sentimental overkill charts“, in bester Nachbarschaft von einem Song der Walkabouts, einem stets anderen Song von Leonard Cohen (heute ist es das papierdünne Hotel, und morgen der berühmte blaue Regenmantel), zwei Abba-Abräumern, Leo Ferrés „Ton style“, Gary Jules’ Fassung von „Mad World“ (ein guter Grund, wieder mal „Donnie Darko“ anzuschauen), Michael Kiwanukas „Cold Little Heart“, und zwei Chansons aus dem letzten Album von Jacques Brel. Ich weiss gar nicht, und will auch nicht wissen, wo ich Sarstedts Meisterstück zum ersten Mal gehört habe, für mich könnte es als Schmachtfetzen seinen Weg in einen französischen Spielfilm voller unüberbietbarer Liebeskümmernisse eingeflossen sein. „You got from the Sorbonne / And the painting you stole from Picasso / Your loveliness goes on and on, yes, it does…“ – wundervoll! Eine enttäuschte Sehnsucht schwingt in jeder Sekunde mit, eine Abrechnung mit einer verlorenen Liebe, zugleich die Unmöglichkeit, von ihr zu lassen. The winner takes it all. Ein klarer Fall für einen Traumatherapeuten – aber alle Therapie erledigte sich von selbst, als Peter einst dieses Lied sang, Abend für Abend, Stadt für Stadt, und ein ungebremster stiller Tränenfluss Teile des Publikums en passant flachlegte, entwaffnete (und auch die alte Tante Katharsis bereithielt).
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2021 30 Okt.
„Where do you go to …“
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 11 Comments
2021 29 Okt.
Norman Blakes Favorit 2021
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Ich kenne den Teenage Fanclub etwas länger als Norman Blake (seit unserem Interview zu dem wunderbaren Album „Bandwagonesque“ (1991)), und bin ihm später ein weiteres Mal im Umfeld eines Projekt seines Glasgower Musikfreundes Bill Wells begegnet. Ein kluger Gentleman in reiferen Jahren, mit einer unerschöpflichen Liebe zum „old-fashioned pop song“. Mein Gespräch mit ihm war mal in einer alten Sendung von WDR 2 zu hören, „Pop Session“ – lang ist es her. Und noch immer haut Norman feine Songs raus, die so gewitzt wie vielschichtig sind, und stets fallen mir ein paar ein, welche in die Liste „heimlicher Jukebox-Hits“ aufgenommen werden sollten. Nur, es waren eben fast nie richtige Singles. Sollte jemand nun neugierig geworden sein auf den Teenage Fanclub – das obige Album ist wirklich ein guter Einstieg. Hier sein Favorit des Jahres, eine wirklich zauberhafte Arbeit, die in meinem Jahresrückblick am 6. Dezember auf Platz 5 landet (in meinen Rückblicken gibt es nur „wertende Reihenfolgen“ – a very addictive listening experience from start to end, that‘s what I would call it. And in case it is a kind of „rock opera“ Norman is speaking of, i very much prefer „Coral Island“ to The Who’s „Tommy“, seriously.)
„My pick of this year’s releases is Coral Island by The Coral. I’ve liked their music since I went to see Gorky’s Zygotic Mynci supporting them in Glasgow, 20 years ago. It’s one of those rare albums where every song is good, and the narration gives the album a kind of rock opera feel and I’m a sucker for that kind of thing. I really like their sonic palette – close harmonies, in your face organ, and jangly, surfy guitars. James Skelly’s voice has a lovely timbre too.
This year I started collecting the Top Of The Pops albums – you can pick them up pretty cheaply from charity shops. My favourites are the ones that were made during the punk era. That someone thought it was a good idea to cover Death Disco or Gary Gilmore’s Eyes is both mind-boggling and very funny. They made about 150 of these compilations and I have around 25, so I have quite a ways to go before I complete my collection!“
2021 29 Okt.
Es war einmal vor langer Zeit
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment
Ich erinnere mich, wie Eberhard Weber Ende der Neunziger Jahre in den Cuevas de los Verdes solo auftrat, auf einer kleinen Bühne (in einer dieser Höhlenanlagen von Lanzarote), zu der man eine Weile durch einen unterirdischen Gang gehen muss. Auf dem Flugreise war der Koffer des Bassisten abhanden gekommen, und da er sich wohl nicht ratzfatz mit schnell zusammengekauften Kleidungsstücken behelfen wollte, trat er in knallbuntem Reise-Outfit auf, wie ein archetypisch-kanarischer Tourist. Und dann zauberte er so hemdsärmelig wie konzentriert seine Elektrobass-Exkursionen in den Raum – unvergesslich. Sein Auftritt in Avignon im Sommer 1994 ist eine rundum beeindruckende Ausgrabung aus dem Gräfelfinger ECM-Archiv. Und es passt sehr wohl, dass ich dieses Album vorstelle, in einer Sendung voller Quertreiber*innen und Abenteurer*innen der jüngeren und jüngsten Jazzgeschichte (Linda, Ayumi, Vera und Charlotte sind auch dabei), am Ende meiner kommenden Ausgabe der JazzFacts, mit Neuem von der improvisierten Musik, am Donnerstag um 21.05 Uhr.
2021 28 Okt.
„Ein Echo zu den Horizonten“
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Hallo Herr Engelbrecht, diesmal bin ich schneller. Vielen Dank wieder einmal für diese wundervolle Radiozeit.
herzlich grüßend
Olaf (Ost)
Dark Star Safari: Murmuration – fast schon zu nah an Sylvian, als dass es souverän und nicht als Abklatsch wirkte – insofern schön, aber nicht sehr interessant…Wohingegen Gaspar Claus und das Ayumi Tanaka Trio in ihrer Askese sehr reizvoll klingen. Die Villagers sind eine sanfte Überraschung. In dieser Zärtlichkeit und Verdrehtheit klingen MGMT hervor.
Die Zweite Stunde ist eine Märchenstunde par excellence. Koboldhaft, gespenstisch. Es gibt nicht so viele Radiomenschen, die mich in solcher musikalischen Spannbreite mit Informationen versorgen, und die ich deswegen sehr wertschätze. Diesmal ist auch so gar nichts dabei, mit dem ich nichts anfangen kann…
Toitoitoi Vaganten: es gibt immer mal wieder solche obskur-amüsanten-hübschen Lo-Fi-Kleinode (als solches würde ich dies benennen) Und weil es auch Anklänge an mittelalterliche Volksmusik gibt, fällt mir spontan 1 Platte von Erdenklang ein: La Fleur Bleue (die allerdings nur »schön«, nicht so witzig ist) und natürlich wären auch die WTF oder Stock, Hausen & Walkman zu nennen. Hat auch wat von Comelade. (btw: seit ziemlich langer Zeit klebt ein Zettel mit des Vaganten Künstlernamen an einer meiner Zimmertüren, auf dass sich Gäste rasch orientieren können…) LOW: Wie geil ist DAS denn?! (Auch die Coverbilder von Low und Unheimlich Manoeuvre sind wunderbar)
The Congos: der Congoman könnte ewig laufen! What a drive! Hatte bislang noch gar nicht den Querverweis zu den Sängern (The Meditations) gemacht, von denen ich die »I love Jah« auf Wackies im Schrank habe…
4. Std. Eine feste Burg sind mir Rhythm and Sound. Seit Dezennien. Irgendwo in der Berliner Brunnenstraße hatten Tarwater ihr Studio. Da hinein bin ich geraten – roundabout 1997 –, wollte eigentlich mit den Jestram/Lippoks über irgendeine VÖ quatschen. Stolpere aber mitten in eine Session, wo so’n dunkelhäutiger Typ ins Mikro scatted. Klingt verdammt nach Tikiman, sag ich. Isser auch, sagen die. Das Material kam erst Ewigkeiten später raus, und war wohl »Like a miracle«. Klang am ehesten danach, was ich im Hinterkopf hatte.
Rip Hayman obertönt im Kopfhörer besonders sphärisch und die waves tosen herbstlich stürmend. Kann man sich gerade super reinfühlen.
Was das GAS angeht: selten, dass eines die Hirnwindungen so in Schwung und Schwingung bringt. Habe die erste, die gelbe, als Vinyl, und somit die volle Flasche bis zum letzten Hauch aus- (und ein-)atmend. Was uns der Voigt alles beatet, das ist bemerkenswert…
Std. 5: Wyatt gefällt mir besser als Barney. Marley klingt wunderbar erdig und WAR war wahrlich eine klasse Combo, gibts einige Perlen. Ein schöner Abschluss der wiedermal sehr gelungenen Horizonte. Hat mir sehr sehr gefallen.
(Lieber Olaf Ost, mich interessieren ja stets Reaktionen auf solche Nächte, schliesslich ist man allein in einem kleinen Studio, mit einer Kanne grünem Tee, Mineralwasser, und Honig für die Stimme. Kein Panoramafenster mit Blick zum Ozean, was ich ein wenig bedaure. Und da dies meine vorletzte Sendung war im Nachtprogramm, wollte ich genug Überraschungen bieten, und auch den guten alten Trick anwenden, Vertrauteres in ungewohnten Zusammenhängen auftauchen zu lassen. Bei der letzten Nacht im Dezember könnte die Qual der Wahl drohen, denn sie heisst schliesslich (und schlussendlich) „30 Jahre Klanghorizonte“. Aber heute haben mir da The Necks & Underworld eine gute Option an die Hand gegeben (ich lasse das mal etwas kryptisch so stehen). Klanghorizonte live „in the wilderness“ dann um Nikolaus herum auf Sylt, im Morgengrauen, mit Donovan, viel Ozean – und Dadawah!!! Vielen Dank für echo & reverb & deep listening) – herzlich retour, m.e.!)
Ich war heute zu einer Lasagne eingeladen, zubereitet mit Rotwein, karamellisiertem Gemüse (letzteres, um der Säure der Tomaten entgegenzuwirken), als ich eine kleine Synchronizität erlebte. Ich bestieg den Toyata (der nicht meiner ist und auf WDR 4 programmiert war) – ein Sender, bei dem freudig erregte Menschen ständig von Retrorausch zu Retrorausch eilen. Der ganz und gar falsche Umgang mit dem Segen einer Jukebox. Ich drehte den Schlüssel um, und exakt in der Sekunde fingen mich die ersten Töne eines Liedes ein – „das kenne ich doch“. Sobald die Stimme einsetzt, das wusste ich, wäre ich in dem Song drin. Nun war dieser Anfang mit seinen ruhig gesetzten Akkorden auf der Akustikgitarre viel zu verhalten, um sofort das Deja-Vu zu produzieren. Und dann erzählte Donovan von Atlantis. Es war wie früher, als ich das Lied so viel öfter gehört habe – der gesprochene Teil ist der fesselndere, die Melodie in ihrer leicht trunkenen Benommenheit ein bisschen zu schwelgerisch im Abgang, im fade-out. Ein Gassenhauer halt (Was für ein schöner Zufall, wo ich doch gerade seine Autobiographie lese!) – im Sommer 66 oder 67 hatte ich noch einen Blutsbruder, und wir sangen den Refrain von Atlantis lauthals um die Wette und legten noch etwas mehr Greenhornteenagerpathos hinein. Wieso man solche Momente erinnert, mit diesem berühmten „als-wäre-es-gestern-gewesen-mindset“. Sunshine Superman hatten wir auch im Programm (in halb konfabuliertem Englisch). Als ich Matthes vor ungefähr zehn Jahren mal ausfindig machen wollte, endete die Suche im Telefonbuch, und an der alten Klingel des einstigen Nachbarhauses. Unbekannt verzogen, heisst es ja, im Leben oder anderswo. Aber ein sehr altes Paar hörte ich an jenem Tag in unserem alten Siedlungshaus rumoren, die Eltern der schönen Gabriele, die sieben war, als ich sieben war (und immer von der „Farbenfrau“ träumte, die mich allnächtlich in Serienträumen umarmte, am Rande eines Swimmingpools). In meiner verschwommenen Einbildung hätte ich zu gern das Kopfkissen mit ihnen geteilt, mit Gabi und der Indianerin. Und zu dritt auf dem Transistorradio Donovansongs gelauscht. Ganz real war hingegen die riesengrosse Märklin-Spielzeugeisenbahn von Matthias, am Fuss der blauen Berge.
2021 27 Okt.
Shai Maestro Quartet – „The Queen“
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Israel Lights, recommended by JS | 1 Comment
2021 25 Okt.
Alles so schön still hier …
Uli Koch | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Nils Wortmann | Comments off
… oder die Ästhetik des Hintergrundes. Nachdem ich als Jugendlicher endlich stolzer Besitzer einer eigenen Stereoanlage war, erstand ich als zweite Schallplatte „Zeit“ von Tangerine Dream und kaum war das Knistern des Rillenanfangs den Klängen gewichen, verlangsamte sich die Zeit und stand schließlich still. Vorder- und Hintergrund des Raumes und alle anderen Klänge begannen miteinander zu verschwimmen, ein „surrounding influence“, wie Brian Eno es später nennen sollte, in trat meinen Bewusstseinsstrom. Ruhe stellte sich ein und ein tiefer, weiter Raum der Reflexion öffnete sich. Auch wenn das Konzept der „Ambient Music“ noch nicht formuliert war und die Musik Erik Satie’s noch auf dem Weg zu mir, war meine Liebe zu genau dieser Musik geweckt und führte zu zahllosen faszinierenden musikalischen Entdeckungen auf diesem Wege. Nun ist Ambient für viele nicht mehr als eine langweilige Klangtapete, doch wenn man sich, wie einst Brian Eno, der Tage vor einer frisch gekalkten Wand in der Patio des Hauses von Freunden auf Lanzarote verbrachte, um das Zentrum der Langeweile zu ergründen, darauf wirklich einlässt, kann man alsbald entdecken, dass Langeweile nicht weniger ist als die Unfähigkeit des Geistes sich mit dem Gegebenen kreativ auseinanderzusetzen.
Nils Wortmann hat sich eingelassen und ist der Ambient Music in Gänze verfallen, hat sich durch tausende Alben dieses Genres durchgehört und hat nun mit „Alles so schön still hier – 100 Ambient-Alben, die man gehört haben sollte“ in dem Hofheimer Wolke Verlag eine chronologische geordnete Monographie vorgelegt. Angefangen bei „Discreet Music“ als Ausgangspunkt elektronischer Ambient Music über die ursprünglichen Protagonisten des Genres, wie Edgar Froese, Manuel Göttsching, Hans-Joachim Roedelius, Harold Budd und Steve Hillage beschreibt er wie sich die Kreise weiten und immer neue Einflüsse und Ideen dazukommen. Hierbei werden im Verlauf amerikanische Musiker, Spezialisten für das Experimentelle oder Exzentrische, die oft unterschätzte Frankfurter Elektronikszene und nicht zuletzt auch „kankyō ongaku“, die sehr subtile japanische Ambient-Musikszene gewürdigt. Der Falle jeder Best-of-Liste sich zu sehr festzulegen, was auch dem Geist des Genres widerstreben würde, entzieht Nils Wortmann sich, indem er die einzelnen Alben exemplarisch aufführt und mit einer „Weiterhören“-Rubrik nach den sehr unterhaltsamen und sachkundigen Rezensionen ergänzt. Für jedes Jahr ab 1975 stellt er Alben vor, die anfangs die unzweifelhaft grundlegenden Werke des Ambient auflisten, aber mit zunehmender Verbreitung (eine aktuelle Suche bei Discogs tagged mehr als 450.000 Alben unter Ambient!), muss die Auswahl mehr und mehr eine persönliche Note bekommen. Und hier schafft Wortmann es in unglaublicher Weise eine exquisite Wahl zu treffen, die mit jedem mir bislang unbekannten Album eine Offenbarung ist. Ohne Ausnahme. Aus der Überfülle der Veröffentlichungen filtert er dank seiner Faszination und umfassenden Kenntnis ein musikalisch besonderes Album nach dem nächsten heraus, beleuchtet verschiedene Seiten des Genres und infiziert den Leser, indem er mit seinen lebendigen Texten und Hörvorschlägen jegliche Langeweile gründlichstens atomisiert. Abgerundet wird das Buch durch ein umfangreiches Literatur- und Ambient-Labelverzeichnis, die zur weiteren Suche einladen. Und wer am Ende des Buches in Ambient-Music immer noch eine Klangtapete sieht, wird einräumen müssen, dass diese auffällig vieldimensional und psychedelisch ist und keinen Halt vor den Tiefen seelischen Erlebens macht. Eine wunderbare, gut recherchierte und neugierig machende Lektüre bis zum letzten Tipp.
2021 25 Okt.
(Wenn Ideen konkret werden)
Manafonistas | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Michael Engelbrecht
Der schwarze Hund von Bergeinöden
Roman (2024)
2021 24 Okt.
Treppauf, treppab
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Lana Del Rey | 2 Comments
Der Corona-Shutdown scheint so manchen zu erhöhter Aktivität veranlasst zu haben. So auch Lana Del Rey, die soeben mit leichter Verzögerung ihr zweites Album in diesem Jahr vorgestellt hat: Blue Banisters, blaue Treppengeländer — wie sinnbildlich man immer den Titel verstehen möchte.
Denn in der Tat: Lana nimmt den Hörer an die Hand und führt ihn durch eine sehr seltsame, völlig in sich geschlossene Landschaft. Blue trifft es recht gut, blau, dunkelblau ist die Stimmung des Albums. Moorlandschaft unter Vollmondlicht. Einerseits hätte Blue Banisters auch zusammen mit Chemtrails Over the Country Club als Doppelalbum erscheinen können, andererseits aber auch nicht. Bei genauerem Hinhören unterscheiden sich die Alben nämlich doch. Wenn man das Poetry-Album einmal mitrechnet, dann ist dies Lanas neunte Platte seit 2012, es ist also eine gewisse Routine eingetreten, und die zahlt sich aus. Lana Del Rey ist eine Kunstfigur und bleibt dem einmal gewählten Rollenbild auch hier wieder treu, arrangiert dessen Bauelemente aber immer wieder einmal um. Und sie weiß genau, in welchen Lagen ihre Stimme am eindrücklichsten wirkt.
Fünfzehn Songs, die meisten um die viereinhalb Minuten lang. Die Grundstimmung (ohne hier jetzt auf die teils expliziten Texte einzugehen, die ich noch nicht alle entschlüsselt habe) ist Drama, zeitbezogen, und doch irgendwie an Hollywoods Schwarze Serie erinnernd. Das Album basiert im wesentlichen auf dem Piano, dem Grand wie dem E-Piano. Dazu kommt sparsames Schlagzeug, das gelegentlich allerdings brachial zuschlägt, irgendwo ist auch ein Morricone-Sample eingebaut. Lana rollt ihre Stimme aus wie einen samtenen Teppichläufer, auch dieser allerdings unterbrochen von gelegentlichen Ausbrüchen, die fast ins Hysterische gehen, dann aber doch wieder abgebremst werden. Sie liebt bestimmte melodische Wendungen, die immer wieder in vergleichbarer Weise auftauchen, baut in die Songs aber auch seltsame Melodiesprünge ein, bei denen man nicht immer genau weiß, ob sie einen aus der Bahn werfen sollen oder ob sie einfach kompositorisch nicht ganz zu Ende gedacht sind. Auch greift sie gern mal die inzwischen etwas aus der Mode geratenen Mittel des Tempo- und/oder Rhythmuswechsels auf.
Was mich an diesem Album besonders fasziniert hat, ist die Art der Produktion. Man hat fast den Eindruck, das Album bestünde aus zwei Klangschichtungen, einer inneren und einer äußeren. Für den erwähnten Teppichläufer (das Bild ist mir nicht aus Versehen eingefallen) werden altertümliche Platten- und Federhall-Effekte eingesetzt, die dem Ganzen einen leichten Sechziger-Jahre-Touch geben — warm, aber nicht räumlich. Dazu kommen Einwürfe, die aus einer anderen, sehr heutigen Klangebene hinzugefügt werden und sozusagen von außen auf die innere Klangebene prallen — das ist sehr faszinierend. Man achte auch einmal darauf, wie viele Stimmen man eigentlich hört. Dass Lana ihre Stimme gern doppelt, ist nicht neu, das ist auch hier wieder so. Hier aber singt sie punktuell ganze Chöre, die streckenweise fast an Mahlersche Fernchöre erinnern. Es ist sehr reizvoll, im Kopfhörer einmal genau darauf zu achten, wie die diversen Stimmen sich akustisch unterscheiden und im Panorama verteilt sind — das ist alte Abba-Schule, handwerklich perfekt.
Einige Kritiker haben Blue Banisters bereits ziemlich verrissen. Mit gefällt das Album nach einmaligem Hören sehr gut. Lediglich scheint es mir ein wenig lang geraten zu sein. Ein oder zwei Stücke weniger wären auch in Ordnung gewesen. Auf jeden Fall ist dies eine Platte, nach der man nicht sofort andere Musik hören möchte.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Schubert ist für mich ein Kindheitstrauma. „Winterreise“ gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau. Grauenhaft! Es war mir trotz aller Bemühungen meiner Mutter, die Musiklehrerin war, nicht möglich auch nur ansatzweise zu verstehen, was man daran schön finden konnte. Also half nur die Flucht, wenn sich die Nadel auf besagte Schallplatte senkte. In den am weitesten entfernten Teil der Wohnung, mein Zimmer und – sobald ich eine solche besaß – die Anlage aufgedreht, bis ich auch bei leisen Stellen keinen Ton mehr davon hören musste. Das kam mir alles so erquält-gekünstelt und einfach nicht echt vor. Das waren einfache Lieder und der arme Sänger musste bestimmt tagelang üben, um sie so aalglatt zur Klavierbegleitung darzubieten. Und überhaupt das ganze romantische Gesäusel, da konnte ich so wenig mit anfangen, dass ich es kaum schaffte mir ein ganzes Lied am Stück anzuhören. Und nun, Jahrzehnte später landet die CD von Kai Schumacher und Gisbert zu Knyphausen auf meinem Schreibtisch. Tagelang kreise ich da drumherum, nahezu in der sicheren Gewissheit, dass mir ein Flashback und eine Retraumatisierung bevorstehen, wenn ich auch nur ein Lied davon höre.
Ein leises Flirren, dann eine leise einsetzende Klavierstimme und dann die ersten Töne des Gesangsparts von „Gute Nacht“, dem ersten Song (ja, das kann ich nicht anders nennen!) intoniert von Gisbert zu Knyphausen. Ich bin verblüfft, was ist das? Das fängt ja wie ein intimer Abend am Kamin an, vielleicht mit etwas Fingerfood und Wein. Keine Kunststimme, sondern ganz entspannt und etwas rauh. Doch bald steigert sich das Lied, kriegt Zug und Dramatik. Kein unendlich oft gehörtes, plattgedudeltes romantisches Geklimper. Gute Arrangements, oft überraschend in Akzentuierung und gute Auswahl der Stücke. „Der Wegweiser“ folgt in final ernster Dramatik, ohne sentimental zu werden, sondern das Stück lässt eher die endgültige Beklemmung eines einsamen Wanderers im Bewusstsein seines finalen Weges spüren. Dann folgt „Ständchen“, dass von der überraschend eingesetzten Posaune lebt, die die Gitarre, die Schubert so wohl vorsah, mit diskreten jazzigem Unterton versieht, was sich im folgenden „Nähe des Geliebten“ als Gute-Laune-Song fortsetzt. Die meisten Lieder entstammen der „Winterreise“ und dem „Schwanengesang“ mit Texten nicht nur von Schuberts Hausdichter Wilhelm Müller, sondern auch von Goethe, Rückert, Heine und Bellstab. Texte von Banalitäten weit entfernt, ernst, sprachlich pointiert und hintergründig. Da gibt es Liebeslieder, wie „Du bist die Ruh“, das vom Überkünstelten befreit, sehr nach innen gerichtet und authentisch wirkt und Liebesschmerz bei „Der Doppelgänger“ und „Aufenthalt“. Gerade da wird der Schmerz viel glaubhafter, da er durch die Intonation viel näher an die Dramatik des Alltags heranschleicht, mit einer Eskalation, die sich stilistisch eher aus der Rockmusik stammenden Effekten bedient als akademisch rein vorgetragen und glattgeschmachtet, was mir immer sentimental-befremdlich und unglaubwürdig vorkam. Mit „Die Krähe“ und „Der Leiermann“ werden die Abgründe des Lebens und dessen Begrenztheit thematisiert, mit einer fast schmerzhaften, schweren und herben Schlichtheit, die sicherlich gut geeignet wäre in gediegener Gesellschaft das Kaminfeuer ausgehen zu lassen. Und schließlich schließt die Auswahl der Songs mit der „Litanei auf das Fest Aller Seelen“, das den geneigten Hörer mit einem besänftigenden „Alle Seelen ruh’n in Frieden“ etüdenhaft und mit bitterer Note tröstlich entlässt. Und mich seltsamerweise ebenfalls. Das Grauen meiner Kindheit ist nicht mehr spürbar und war es auch zu keiner Minute. Da ist es Kai Schumacher und Gisbert zu Knyphausen in hervorragender und unprätentiöser Weise gelungen die Stücke von Schubert ihrer romantischen und in der bisherigen Rezeption aalglatten Interpretationen in eine Gegenwart zu holen, in der sie wieder Gewicht und schlichte Authentizität bekommen haben. Die schönste Art ein Trauma zu therapieren. So kann mit der letzten Liedzeile nun auch die Seele von Dietrich Fischer-Dieskau für mich in Frieden ruhen.




