Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Author Archive:

 

 

Everybody who´s been buying equipment for the last twenty years, you got a pretty good bag or box of cables, chargers and whatnotgoing, right? Like I went through – because every piece of equipment you buy comes with that one wire where you´re like „What the fuck does this one even do? Does this even go to this machine? I don´t know, it´s all wrapped and it´s got a twisty on it. Better save it. Maybe I´ll know what it does later. I might need it.“ Right? I went through that entire box. It took me like an hour and a half. Did not think about the end of the world during that time. And, honestly, I did not throw one of those things away …

(MM, End Times Fun)

 

Die Kunst besteht darin, Dinge aufs Tablett zu bringen, die jedermann auf der Zunge liegen, aber selten klar benannt werden. Solche Momente liefert auch der kalifornische Komödiant und Schauspieler Marc Maron zuhauf, vielen bekannt als Hauptdarsteller der Netflix Serie Glow, in der es um female wrestling geht. Als er einmal in einer früheren Show über die Dave Matthews Band sinniert, wird klar, dass auch unsereins sich ein Leben lang fragte, wer eigentlich diese mysteriöse Musikgruppe sei, die einen niemals wirklich interessierte. Im musilschen Sinne eine Band ohne Eigenschaften, ein Ausbund an Langeweile, so stellte ich sie mir stets vor. Nun, in End Times Fun, wie gewohnt zynisch, zornig, witzig und empathisch lamentierend vorgetragen, erneut so ein Wiedererkennungs-Effekt: Tonnen von angesammelten Kabeln, Steckern, Adaptern und Zeugs, dessen man sich mühsam, meist vergeblich, zu entledigen sucht. Und wenn schon Peter Sloterdijk jüngst die grassierende Unfähigkeit vieler Zeitgenossen erwähnte, sich vom Konsummüll alter Tage zu trennen, muss man sich doch fragen: „Wenn nicht jetzt (im Corona-Lockdown) – wann dann?!“

 

2020 18 Apr.

letter from homeoffice

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment

 

X für U

Hans hörte gerne Jazz, sammelte auch jede Menge Platten. Allerdings nur die mit ansprechendem Cover, die stellte er in seinen Schrein. Er konnte unerbittlich in der Wertung werden, richtig böse, wenn man ihm ein X für ein U vormachen wollte – wobei das Erste für Exzellenz stand und das Letztere für Unsinn. Einmal traute ich mich, es war zu Beginn der Neunziger, Sympathie für Prefab Sprout zu zeigen und er rümpfte gleich die Nase: „Ja, hör du man Prefab Sprout!“ (in other words: lass ihn doch im Mainstreamtümpel baden, derweil unsereins mit Sonic Youth seine proletarische Herkunft feiert). Später wagte ich auch ein Bekenntnis zu Steely Dan, die er auch nicht mochte. Für unsereins jedoch: real lifers, seit dem Maschinenhaus in Mopedtagen (zu Bremen auf den Höfen) und Royal Scam im Fürstentum Monaco. Dass Hans Charakterzüge eines narzisstischen Psychopathen hatte, dämmerte mir später erst. Interessante Typen, zumal schwer im Trend, denn daraus lassen sich die guten Serien drehen: Der Killer war ein Plattensammler, beispielsweise.

 

Batikhemden, Kriegstraumata

Weisser Stoff, mit Wachs behandelt und mit Fäden abgebunden, in verschiedene Farbbäder getaucht, zum Abschluss imprägniert mit Kochsalz. Dann die Überraschung, was dabei herauskommt: Sommerfreude, Schmetterlinge, Hippiefreiheit. Eine Wohltat in den späten Wiederaufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg, der noch immer diesen obskuren Schatten warf. Grossartig ist die jetzt neu verfilmte Fassung von Der Überläufer (ARD) aus der Feder des Schriftstellers Siegfried Lenz (wir „hatten“ ihn in der Schule, dass er so gut ist, war mir nicht klar). Nicht nur der flow zeichnet eine gute Serie aus, sondern auch der Umstand, dass man sich mittendrin wähnt im Geschehen, als sei man selbst dabei. Und am Ende der Etappe packt einen dann die Sehnsucht, an diese Orte zurückzukehren, den Akteuren nochmals zu begegnen. Alles ist so dicht und empathisch erzählt, dass eine abendlich portionierte Dreiviertelstunde in der Mediathek vollkommen ausreicht, um emotional auch mitzukommen. Viel Eros ist dabei. Findet Orpheus seine Eurydike vielleicht zu einem herzergreifend guten Schluss?

 

2020 10 Apr.

Muthspiel

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 1 Comment

 

Die Grenzen des versierten Gitarrentrios neu auslotend, fasziniert besonders das Oszillieren dieses Gitarristen aus Österreich zwischen den Bereichen Klassik und Jazz, ferner auch das raffinierte Einsetzen von Echo- und Loop-Effekten. Beim Hören und Sehen (als ein Freund gelungener Musikvideos, für den es muy importante ist, auch einen visuellen Eindruck der Musiker bzw der Musik zu haben) auf YouTube (der Mindestabstand von zwei Metern sollte auch hier der Server-Last wegen unbedingt eingehalten werden) war ich hin und weg („Das grenzt an Zauberei!“): das Bild eines dreidimensionalen Schachspiels erscheint. Jeder einzelne des Trios musiziert gleichzeitig für sich allein auf seiner Ebene, im Gesamtraum des Zusammenspiels kommunizieren aber alle miteinander: das Gefüge der Gruppe. Jener Moment, in dem der Hörer (und Betrachter) sich fragt: „Was geht da ab? Wie machen die das bloss?“ Das frage ich mich oft im Jazz: ja ist es denn ein Wunder! Jetzt ist auch noch das brandneue Album Angular Blues erschienen, mit Brian Blade am Schlagzeug und Scott Colley am Bass. Wolfgang Muthspiel spielt akustische Gitarre, aber auch die elektrisch verstärkte, wie gewohnt. Das Stück „Kanon in 6/8“ ist auch dort zu hören.

 

Original

 

Cover

 

Wer auf Netflix Teenage-Serien schaut, der darf auch gern mal Teenage-Lieder covern. Der Song schlich sich per Algo-Rhythmus in die Playlist rein, irgendwie kannte ich ihn, vielleicht nervte er mich sogar unbewußt, wenn ich ihn irgendwo hörte. Aber plötzlich: „Hey, wie geht denn das?“ Going along with it for days now, komme nicht mehr davon los: „This is how I feel.“ So ist das mit addictions: to be torn.

 

2020 3 Apr.

Unorthodox

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 1 Comment

Gewonnene Erkenntnisse und Erfahrungen, seien sie bereichernder oder ernüchternder Natur, oder beides gleichermassen, konkurrieren stets mit verbliebenen Leerstellen des Unwissens, die pures Gold wert sind. Als Duo bilden sie ein osmotisches Gleichgewicht, das sklerotischen Stillstand ebenso verhindert wie den Dünkel des Alles-Wissens und wie gehabt den Eintritt in die Sondervorstellung namens „Neugier“ sichert. Nicht, dass es, wie die Herren Philosophen Sloterdijk und Heinrichs in dem Buch Die Sonne und der Tod verkündeten, zu jenem Unglück kommt, man habe sich schon in jungen Jahren „zu Schanden gelesen“. Dann wird aus Ziel kein Weg mehr. Ersetzen wir noch kurzerhand die Silbe „Gier“ durch „Lust“, nehmen auch das freie „Spiel“ mit in den Bund, schon stimmt die Sache. Da auch das Serienschauen in unserem gepflegten Hause stets und strikt dem Lustprinzip die Ehre erweist, in dem der sogenannte Flow-Effekt Orientierung bietet, war es jüngst ein Satz aus einer Online-Rezension, die den entscheidenden Funken bot. Das suchende Interesse zündete an diesem kurzen Satz nur: „Dieser Film beflügelt.“ Auf denn, du junger Wandersmann, im Lande Netflix wird Unorthodox als Mini-Serie wohlfeil angeboten, und so streamte man wieder, was das Zeug hielt, alle An- und Abstandsregeln wurden dabei eingehalten. Erzählt wird von einer jungen Jüdin, die aus ihrem strikten, repressiven religiösen Milieu des erz-orthodoxen Judentums im New Yorker Stadtteil Williamsburg flieht, zu ihrer Mutter nach Berlin, weil sie dem Druck der Ehe in diesen Kreisen nicht mehr standhält. Zudem gehört die zarte junge Frau zu den Naturen, deren Lebenslust, Neugier und Widerspruchsgeist sich nur ungern in die Schranken weisen lässt. Das ist fantastisch gut erzählt, lehnt an einen Roman von Deborah Feldmann an, wird fast ausschliesslich von jüdischen Schauspielern gespielt, auch viele Laien sind dabei, das merkt man aber nicht. Man gewinnt einen intimen, authentischen Eindruck in diese befremdlich interessante Welt des orthodoxen Judentums. Den Kontrapunkt bildet ein utopischer, idyllischer, freiheitlicher Ort namens Berlin. Are you serious? Na klar, im Film ist alles möglich. Zu viel soll nicht verraten werden, die Serie begeistert und berauscht geradezu. Oder, wie die Online-Rezension im Vorfeld zu Recht unkte: er beflügelt.

2020 26 März

Marquard in the Morning

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 1 Comment

Odo Marquard hatte Humor. Viele andere Philosophen und Geisteswissenschaftler jeglicher Couleur verwiesen auf ihn, ähnlich wie sie es ja auch mit Martin Heidegger handhabten oder mit Theodor Adorno. Also begann unsereins seine Bücher zu sammeln in jener Zeit, als sich die Geschichte der Philosophie auf wundersame Weise als ein gangbarer Weg und bereicherndes Weg eröffnete, im Sinne legitimer Fluchten aus banalem Alltagsleben und ebenso festgefahrener Identität. Der Schreibstil war markant, geradezu urig, und er vertrat eine „endlichkeits-philosophische Skepsis“ – und zwar „ohne missionarischen Eifer“. Just heute Morgen: die Sonnenstrahlen fielen durch die Jalousie in einen Raum des besinnlichen Rückzuges (be sure to keep a distance) und ein gelbes Buchcover aus dem Hause Reclam lachte einen an. Auf einer zufällig aufgeschlagenen Seite überschrieben mit der Frage „Wie politisch muss ein Schriftsteller sein?“ war zu lesen:

 

„Menschen – schrieb Aristoteles- – sind politische Lebewesen. Schriftsteller sind Menschen. Also sind Schriftsteller politische Lebewesen. Sie können und müssen darum politisch sein wie alle Menschen und zwar – meine ich – nicht weniger, aber auch nicht mehr als alle Menschen.“

(OM, Skepsis in der Moderne)

2020 19 März

„Unterleuten“

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 1 Comment

Rudolf Gombrowski (Thomas Thieme) ist der mächtigste Mann in Unterleuten.

 
 

Es ist in diesen Tagen nicht ratsam, unter Leuten zu sein. Die beste Möglichkeit, der Info-Hölle zu entkommen, besteht für unsereins in den geliebten Radtouren, schnurstracks aus der Stadt raus und die Lungen durchgepustet. Auch das Hirn wird dabei frei, ein immer wieder verblüffender Szenenwechsel findet statt, auch mental. Es ist überliefert, dass der Verlust einer positiven Lebenshaltung jeglichen Heilungsprozess blockieren kann und auch für das Immunsystem nicht gut ist. Wir setzen also weiterhin auf Altbewährtes und sind dankbar für die segensreiche Medizin, die Wissenschaft und ein freiheitliches politisches System, in denen Räte sowenig zu sagen haben wie Nazis, Katholiken und Kommunisten. Aber die Horrormeldungen nehmen derzeit überhand und unsereins schätzt gerade in dieser Zeit die Flucht in erbaulichere Gefilde, wie Netflix, YouTube oder die Mediatheken. Dort kann man frei wählen. Wie neulich der Besuch beim ZDF, was selten vorkommt, sich entgegen irreführender Falschmeldungen aber lohnte. Die Rede ist von „Unterleuten“, jener Literaturverfilmung eines Romans von Juli Zeh, die hellwach, redegewandt (wie Precht) und voll auf der Höhe der Zeit ist. Das schlägt sich in den Dialogen merksam nieder: ein subtiler, aktueller Sprachwitz begleitet das auch visuell ansprechende Geschehen, zudem eine ruhige, entspannte, schwarzhumorige Erzählweise, die mich teilweise an Rainer Werner Fassbinder erinnerte. Ein jeder mag für sich entscheiden, mir jedenfalls hat es Spass gemacht: der Schauspieler und des Drehortes wegen, und weil dort die brütende Hitze des Hochsommers weilte (goldene Kornfelder, verschwitze Körper, sanfte Brisen). Nun mag ja das Buch noch differenzierter sein als die Verfilmung, aber diese verflixte Romanlesephobie älteren Datums führt mich stets vorzugsweise zu Netflix. Anderen geht´s ähnlich, man frage beispielsweise Sybille Berg. Wie dem auch sei, ich fand es gut: Danke dem ZDF, der Autorin, dem Regisseur Matti Geschonneck, den beteiligten Schauspielern. Besonders gefallen hat mir übrigens Anne Pilz, die karriereorientierte Angestellte der „Vento Direct“ aus Hannover. Auch das: rein subjektiv.

 

2020 14 März

Precht Han Hirten

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 5 Comments

 
 

Zwei Kobolde begleiten mich stets, flüstern mir zuverlässig ins Ohr. Auf meiner schmalen rechten Schulter sitzt leicht zusammengekauert Frank Asperger, schüchtern und seriös, rausgeputzt in feinem Zwirn. Auf der etwas breiteren, linken sitzt ein namenloser Frechdachs mit Tourette-Syndrom. Nun ist das Koboldhafte sowenig allein mein Brevier, wie es die multiplen Persönlichkeiten sind oder die polymorph perversen Spielarten (Kraft-Ebbing hätte seine helle Freude angesichts dessen, was sich auf den digitalen Pornoseiten offenbart und jeden restriktiv scheinheiligen Saubermann gründlichst blamiert). Was auch so manchem Manafonisten vertraut vorkommen mag, fand literarische Bezüge schon bei Pessoa oder Musil (a man without qualities) und auch in der aktuelleren Frage: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Womit wir wiedermal bei Richard David Precht wären. „Enttäuschung, Laberkopf, Alleserklärer!“ krächzt das leibhaftige Tourette-Syndrom an meiner Seite. Ganz ruhig, gemahne ich, wir möchten uns zunächst ein Bild verschaffen. „Sinnlose Zukunftsträume, unrealistisches Grundeinkommen!“ geht es vorlaut weiter. Ich verpasse dem Frechdachs eine Valium, damit ich und mein Herr Asperger uns konzentrieren können – meine Güte, wir sind doch nicht im Kindergarten! Also, der Reihe nach: eigentlich nämlich sind die medial-öffentlichen Auftritte und Äusserungen des genannten Bestseller-Philosophen sehr angenehm, da sie wichtige Zeitgeist-Themen präzise und wortgewand auf den Punkt bringen, gleich ob es um „Digitalisierung“ geht, um das Bedingungslose Grundeinkommen, den problematischen Fleischkonsum oder anderes. So lockte mich sein aktuelles Buch nun: Jäger, Hirten, Kritiker. Unbestritten sind auch hier wichtige Aspekte und gute Gedanken aneinander gereiht. Im üppigen Literaturverzeichnis suche ich nach Byung-Chul Han, finde ihn dort nicht. Nanu? Etwas trotzig nehme ich dessen Buch Im Schwarm aus dem Regal, das ebenso kritische Aspekte der Digitalisierung betrachtet, stilistisch aber geradezu kontrapunktisch angelegt ist verglichen mit Prechts utopischer Gedanken-Schau. Sieh an! Gleich einem Chirurgen ist Hans Vorgehen punktgenau, präzise und minimal-invasiv. Solche extrem kurz gefassten Sätze bilden ein Novum in der Szene und sind ein Affront gegen allseits bekannte raunende Jargons oder ausufernde Weitschweifigkeiten. Mir gefallen ja jene Bücher, die dem Leser Raum lassen für eigene Gedanken und Schlussfolgerungen. Precht hingegen ist Pädagoge. Im passenden Setting, im Klassenraum etwa oder in der abendlichen Talk-Show mag das seine Berechtigung haben. Freikarten fürs Hirn bietet aber eher Han. Wie auf dem Rummel („Ischa Freimarkt!“) heisst es dann: noch einmal in die Achterbahn, es war so schön. Hier macht sogar die Wiederholung Spass, Monotonie bleibt aussen vor, weil eigene Gedankenspiele und die Einbildungskraft kaleidoskopisch mitschwingen. Deshalb, auf Reisen oder im Wartezimmer einer Arztpraxis habe ich stets meinen Han dabei, denn es ist gut zu wissen: nur ein, zwei Sätze lesen und schwupps driftet man ins Eigene ab. „Kein roter Faden!“ Auf meiner linken Schulter regt sich was, das Valium lässt nach, vertrautes Blöken macht sich breit. „Blödmann, Blogger, Laberkopf.“ Ich werde das Notierte trotzdem posten, mich nicht beirren lassen. Frank Asperger stimmt zögernd zu. Auch er kennt seine Gründe.

2020 26 Feb.

Hartmut Hintersacher

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: , | 3 Comments

Nachdem Hartmut Hintersacher nun endlich die vom Kulturamt vorgeschriebene Anzahl guter Bücher gelesen hatte, wobei es ja starke innerparteiliche Diskussionen gab, welche genau das seien, stellte er den Antrag auf Zuweisung einer Netflix-Serie. Nachdem das bedingungslose Grundeinkommen im Jahre 2024 endlich eingeführt worden war und den Entwicklungen der digitalen Arbeitswelt Rechnung trug, ging mit diesem Einkommen auch die Berechtigung zur grenzenlosen Teilnahme am Kulturbetrieb einher. Ein jeder Bürger der neuen Ordnung musste sich aber verpflichten, eine bestimmte Anzahl an Romanen oder Sachbüchern zu lesen, nicht zuletzt auch einer neurophysiologischen Prophylaxe wegen, denn es hatte sich gezeigt, dass ohne diese Praxis Areale des Gehirns schlichtweg verkümmerten. Der Einstieg zurück zur Literatur fiel Hartmut zunächst schwerer als gedacht, denn sowohl das Alter als auch eine dramatisch nachlassende Einbildungskraft taten ihr Übriges. Dies zählte zur Vielzahl toxischer Nebenwirkungen der Digitalität, für die noch keine hinreichende Verpackungsbeilage jemals geschrieben wurde, allenfalls annähernde Versuche stattfanden. Vor Jahren schrieb einmal Frank Schirrmacher sein Payback, lange vorher schon mahnte Dietmar Kamper ein „Verschwinden des Körpers“, und ein Herr Precht formulierte in Jäger, Hirten, Kritiker die Problemlage ganz prächtig. So folgten unausweichlich grosse Umwälzungen, in einer Welt, in der die Arbeit grösstenteils von Robotern geleistet wurde. Hartmut Hintersacher hatte nun die Erlaubnis bekommen vom Komitee zur Vermeidung sinnlos verglotzter Lebenszeit, nun doch endlich auch mal wieder eine Fernsehserie zu schauen und die Wahl fiel, hilfreichen Hinweisen folgend, auf eine Perle aus dem Jahre 2019 mit dem Titel Giri / Haji, immer noch nachhaltig sehenswert. Hintersacher rieb sich die verträumten Augen, nahm die Schlafmütze vom Kopf und schnäuzte sich damit die verschnupfte Nase. Warum nur, stellte er erneut fest, spielte sowas stets in einer völlig anderen Liga als die nationale Fernsehkost daheim? Das war ja wie ein Wechsel von Schwarzweiss zu Farbe, damals in der Urzeit medialer Technik! Überhaupt gehörte er ja noch einer Generation an, in der man sich beim Gehen nicht das Smartphone vor die Nase hielt und auch im Supermarkt an der Kasse nicht lauthals in das Handy rief, ob noch Eier fehlten und zuhause auch ausreichend Wurst im Kühlschrank war. Nun gut, es gab genügend Grund, sich aufzuregen, aber eben auch den Stoff, aus dem die Träume sind. Da Hartmut inzwischen serienmässig hochgebildet war, auch an der Abendschule schon einige Kurse besucht hatte für fachgerechte Rezensionen, die von Bloggern aller Klassen sehr beliebt waren, kamen ihm natürlich schnell Vergleiche in den Sinn. Fargo etwa oder das einst so bahnbrechende  Breaking Bad. Der in Giri / Haji zwischen Brüdern gesprochene Satz „We aren´t bad people, we only did bad things!“ – klar, der kam auch schon in Bloodline vor, jener Geschichte, die auf den Florida Keys spielte und auch von auf Abwegen wandelnden Geschwistern erzählte. Worum ging es? Zwei Brüder, der eine Cop, der andere Gangster; Familiengeschichten; kleine und grosse Liebesaffairen; vorzügliche Bilder aus den hippen Städten London und Tokio, überhaupt: Japan; vielschichtige Charaktere, wie sie auch in guten Romanen vorkommen; Comic and Comedy; grafische Effekte und geniale Spielereien; Tanzeinlagen; exquisite Soundtracks – um nur Einiges zu nennen. Ja, das alles hatte Hartmut nun den Feierabend verschönert, er hatte ja trotz Grundeinkommens immer noch seinen Fulltimejob. Beim Komitee zur Vermeidung sinnlos verglotzter Lebenszeit würde er nun bald erneut einen Antrag stellen, in ein paar Wochen, nach vorgewiesener Buchlektüre. Better Call Saul 5 etwa stand auf dem Programm, auch so eine alte Kamelle, immer noch gut. Und Bücher? Ja, da gab es Vieles, das zu lesen vielversprechend war, von Botho Strauss etwa.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz