Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Mai 2021

 


Es ist mitunter kurzweilig, überraschend, wie DeepL manche Übertragung zwischen den Sprachen angeht. Found In Translation. Reizvoll sind die kleinen Fehler. Aber so entsteht  auch eine Feuilletonsprache knapp neben dem Feuilleton, das Wohlgesetzte einer auch für Bilder offenen Musikkritik erhält einen Stich ins Surreale.

Das Titelstück beginnt mit undeutlichen Umgebungsgeräuschen: Menschen, die in einem Resonanzraum rascheln, Musiker, die sich auf ihren Plätzen bewegen. Diese impressionistische Wolke spaltet sich mit einem Klavierakkord im Rückwärtsgang und löst eine elektronische Böe aus.

Streicher unterhalten sich untereinander im Hintergrund, während gestrichene Obertöne wie Regen auf ein Fenster rieseln. Das Klavier spricht von Mitternacht zum Bass, der mit einem chorischen Effekt auftaucht. Webers klagender Ton berührt die Landschaft, kratzt Glyphen in ihre fruchtbare Oberfläche. Die Szene verschiebt sich und knirscht, eine Drehleier flüstert in Zeitlupe.

Das Auftauchen eines akustischen Basses in diesem Stück erzeugt einen schillernden Effekt, als würde er aus einer vergangenen Ära aufsteigen, in der die Unmittelbarkeit der Live-Performance eine Selbstverständlichkeit und kein Luxus war und in der das Gemeinschaftserlebnis der Musik in den Ohren eines jeden Zuhörers gedieh.

Die Welt enträtselt sich wie ein Schlaflied und offenbart gerade genug von ihrem Herzen, um uns einen großen inneren Trost zu geben. Nachdem dieser Bruch geflickt ist, kehrt der Elektrobass zurück und legt sein Motiv über die zurückgelassenen Stücke. Der akustische Bass singt die gleiche Note, während ein Waldhorn uns ausspielt.

2021 10 Mai

Humanbeing

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Ganz langsam erhebt sich etwas aus dem Ursprung der musikalischen Evolution, ganz aus der Tiefe, dem Leisen, Bodenlosen. Warm und amorph schwillt es an, verdichtet sich ganz langsam. Schwebt über den Wassern, leicht und subtil, nur unterbrochen von den Tupfern eines präparierten Pianos, erkundet den Raum. Wird organisierter, organischer, organhafter, wird Fleisch – Flesh. Fängt an zu leben, pulsiert, elektronisch moduliert, verästelt sich immer feiner, kommt in den rhythmischen Fluß, wird Blut – Blood. Dann, ganz zart wie ein Luftzug, fast verloren, ein Hauch von Haut – Skin. Cineastische Übergänge, so wie sie in den Träumen in den frühen Morgenstunden gerade noch erinnert werden können und, wenn man sie nicht gleich festhält werden sie  flüchtig, vergänglich, oneiroid.

Humanbeing ist das Soloprojekt von Rossano Baldini, der einerseits viel Musik für Film und Fernsehen komponiert hat und auf der anderen Seite als Jazzpianist und Keyboarder auch an der Seite bekannter Größen aufgetreten ist. Humanbeing ist sein erstes Soloprojekt, bei dem er frei von äußeren Anforderungen seiner eigenen Vision folgt. Einer hybriden Vision, die zwischen organischen Kräften und virtueller Natur, zwischen akustischen und elektronischen Elementen es doch wagt ganz physisch zu werden, dem Abbild eines Organismus mit seinen Organen, deren verschiedene Funktionen sich nur in der gegenseitigen Bezugnahme, dem Zusammenwirken voll entfalten können. Einer hybriden Vision, die sich musikalisch in dem Spannungsfeld zwischen synthetischer Klangerzeugung und einem Bercandeon, einem akkordeonähnlichen Instrument mit zwei diatonischen Tastaturen, erfüllt und dabei in einer ganz eigensinnigen Intimität erblüht.

Atemlos, schneller, synthetischer, sequenzieller treibt es voran und bleibt doch luftig, Lunge – Lungs. Dann geht es mit technoidem Drive weiter in die substanzielle Verdichtung hinein, pushend und doch sehr wandelbar und voller Überraschungen. Mitten im Kraftwerk des Lebens, der Leber – Liver. Geht nahtlos ins Zentrum des Erlebens weiter, wieder weiter, erzählend, spielerisch und emotional. Die einzige Stelle, in der mit Carmine Iuvone am Cello eine Gastmusikerin erklingt, erst lyrisch andeutend, dann rauh und wirbelnd in ein akustisch begehbares Herz – Heart. Eine höchst dynamische Organlehre, in die wir noch das offene Ohr einbringen können.

 
 

2021 9 Mai

Am Tag danach

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Der Film Beuys von Andres Veiel wirkt noch nach, Gedanken daran kreisten während des morgendlichen Fensterputzens ebenso wie nachmittags beim Radfahren beziehungsweise erschöpften Niedersinken im Gras mit Blick auf eine Birkenkrone im starken Wind. Rücklings im moosdurchsetzten Grün alle Viere von sich streckend: wie wundersam der Sommer doch die Wahrnehmung verändert! Auch Zeit modifiziert sie, die Linse temporären Abstands verstärkt Nähe und Tiefenschärfe. Wie viele biografische Berührungspunkte es doch gab mit jenem Anglerjackenträger aus Kleve. Die Klassenfahrt nach Kassel, die Honigpumpe am Arbeitsplatz, der Künstler relaxt am Nebentisch, klingt sich wohl gerade aus bei einer Zigarette. Fulltime Job, Roger Rabbit, Veränderung als Auftrag, mitten in der Welt. Das auch zeigt der Film: was waren das doch für Nachkriegs-Banausen gewesen, so einem Genie den Nimbus eines Störenfrieds anzukreiden. Und dies: wie sich die Welt doch seitdem gewandelt hat, auch durch das Internet. Herrliche Szene: der junge, langhaarige und vollbärtige Hippie-Broder nimmt den Hasenfreund scharfzüngig aufs Korn. Gut gemacht sind die Kontraste aus historischem Schwarzweiss und hochdefinierten Farbaufnahmen von zwei Wegbegleitern: einer Britin und von Grinten, der mir ein Begriff war. Das Entscheidende aber: Beuys kommt einem in dem Film sehr nahe, er wirkt menschlich, warmherzig, als Menschenfreund. Und lange vor Piketty und besser als die Grünen hatte er es wie einst Marx geblickt: das Kapital ist das Problem. Noch etwas sehr Wichtiges: der Soundtrack des Films erinnert teilweise an Musik von David Sylvian. „Plight“ ist ja auch ein Werk von Beuys, was ich nicht wusste. Auch Bilder von Tarkowski werden evoziert. Die vielleicht subtilste Anmutung: lass dich nicht Blödmachen vom vorherrschend hysterischen Faktizitäts-Getue dieser Tage, vielmehr bleib treu deiner inneren Mongolei! Meine Nachbarin ist Tatarin, ein gutes Zeichen.

 

2021 9 Mai

Spring

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Unerwartet hatte ich in den letzten drei Wochen 70 Stunden mehr Arbeit als üblich. Pendeln zwischen Arbeitsplatz und Schreibtisch, der Kopf belagert von unter Zwang abgesonderten Gedanken mir fremder Menschen, die ich nach Anleitung auf Folgerichtigkeit untersuchen musste. Gutachten geschrieben: Schublade aufziehen, Formulierung rausholen, auf Passigkeit überprüfen, zurechtstanzen; Prozess wiederholen.

Nach diesen drei Wochen nun eine Atempause, das Sichtfeld mit einem weichen Tuch sauber gewischt, großes Staunen: alles so schön grün, alles so schön bunt hier. Aus den Augenwinkeln hatte ich schon einzelnes wahrgenommen – hervorsprießende Blätter, die weißen Blüten des Apfelbaums, Vergissmeinnichtblau und Tulpenbunt. An diesem Wochenende habe ich das alles auf einmal erlebt, dazu die Spiegelungen der grünen Bäume in den Fensterscheiben, den flatternden Schatten des Vogels über dem Gras, die rauschende Stille, die quietschenden Bäume, die Vögel, die sich nicht durch meine Gegenwart gestört fühlen und der Blütenregen, der rund um den Apfelbaum hinab rieselt – die Hand des Frühlings hat ihre erste Arbeitsschicht in diesem Jahr erledigt.

 

2021 8 Mai

All Eternals Deck (2012)

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Name: John Darnielle. Stimme: schlank. Kann scharfe Schnitte setzen. Auch umschmeicheln. Lyrik: tiefenwirksam. Versteht sich auf Andeutungen. Auf Genauigkeit. Auf brutale Direktheit. Klangbio: früher Lo-Fi, billige Kassettenrecorder, später Kammermusik, exzellenter Sound. Schlüsselwerke: „The Coroner´s Gambit“, „The Sunset Tree“. Thema des neuen Albums: „Man schaue sich einen 70er-Jahre-Gruselfilm an, in dem einigen Leuten die Zukunft geweissagt wird. Danach versuchen die Leute, sich hoffnungsvoll zu geben, obwohl sie nichts anderes als Schrecken verspüren. Darum geht es in diesem Album“ (O-Ton Darnielle). Bezeichnende Textstelle: „If you really want to conjure up a ghost / Cultivate a space for things that hurt you most.“ Credo: Musik darf niemals harmlos sein. Einsatz der Streichinstrumente: homoöpathisch, mit orientalischen Melismen (The Age of Kings). Glück: flüchtig, sesshaft in uralten Geschichten. Cineastische Ebene: hinreissende Songs über Liza Minelli und Charles Bronson. Kurioser Moment: ein Barbershop-Song mit explodierender Super Nova. Gebrauchsanweisung fürs Hören: holen Sie sich die „lyrics“ aus dem Netz, lesen Sie sie in aller Ruhe, dann machen Sie das Licht aus.

 

Es ist fast eine Art Johnny Cash-Effekt: je älter, desto dichter die Einschläge ihrer Musik, was Tiefe und Horizont angeht. Wie unschuldig ihre Stimme noch auf ihrem allerersten Album klang! Ihr jüngstes spoken-word-Album wird nicht jedermanns*fraus Sache sein, aber mir geht es nah, die romantische Lyrik des 19. Jahrhunderts fällt in den Jungbrunnen einer Frau, die dem Tod mehrfach von der Schüppe gesprungen ist. Und wenn ich die Texte lese, bin ich einmal mehr froh über meine Jahre mit Dr. Egon Werlich, genannt „Egon“, unserem Englischlehrer im Max Planck-Gymnasium in Dortmund. Ich könnte jederzeit auf die Schulbank zurückkehren und die Interpretation eines Shelley-Gedichts abliefern. Und so habe ich mir in den letzten Tagen, neben der Arbeit an der gestrigen Jazzstunde im DLF, meine liebsten Alben der Engländerin rausgesucht, für eine Woche im Mai, späte Abende, Scotch & Candlelight, und staune nicht schlecht, wie selbst diverse Kurzzeit-Affären von einst nun auch Langlebigkeit demonstrieren. As time goes by. Mehr als eins dieser Alben pro Tag geht nicht, das wäre zuviel des Guten. Aber was für Zeitreisen! Marianne Faithfull really has painted some masterpieces! 

 

 

    1. Negative Capability (2018)
    2. Vagabond Ways (1999)
    3. Before The Poison (2005)
    4. Broken English (1979)
    5. She Walks In Beauty (2021)
    6. Give My Love To London (2014)
    7. Strange Weather (1987)


 
 

 
 

Boris Groys schreibt in seinem Essay „Das Leben riskieren“:

 

„Der ewige Teil der Seele war öffentlich nicht in den Kampf ums ökonomische Überleben involviert; er war nicht in das praktische Leben involviert. Eher erlaubte dieser Teil der Seele dem Philosophen, ein Leben in reiner Kontemplation zu führen. Und was entscheidend ist, diese kontemplative Praxis ließ den Philosophen an der Ewigkeit und Unsterblichkeit hier und jetzt teilhaben. Für Platon gab es keinen Unterschied zwischen göttlichen und menschlichen Formen der kontemplativen Betrachtung geometrischer Figuren und den logischen wie mathematischen Gesetzen, denen sie gehorchen. … Geometrie, Mathematik und Logik sind nicht veränderlich in der Zeit. Auch wenn der Philosoph sie nur für einen kurzen Zeitraum kontempliert, wird er bereits während dieses Intervalls unsterblich und ewig. Im Gegenzug bedeutet dieses Intervall von Unsterblichkeit, dass der Philosoph die Welt, in der er existiert, von dem Standpunkt der Ewigkeit aus – zu sehen vermag, auch wenn er selbst dabei sterblich bleibt. Die Welt ist im Fluss, aber Quadrate und Dreiecke sind unveränderlich. Das heißt, der Philosoph ist imstande, den Fluss des Lebens zu unterbrechen, indem er diese Kontemplationsintervalle wiederholt.“

 

Im Beuys Jahr angelehnt: Jeder ist ein Philosoph.

 

 

“In a bar called The Calico Girl, a Jukebox plays an echo of music from another time, another place, maybe. It‘s hard to pin. But the sound is of railroads and Wurlitzer notes. It washes over you like dandelion floats. The rush of childhood and the arms of the arcade. Here‘s where hallucinations are made.“ 

 

Ich war 17, hatte meine Baskenmütze auf dem Kopf, und sass auf einem Pier in Torquay. Ich sah auf die Palmen und hatte bis zu diesem Trip nach England nichts von den Palmen und dem Golfstrom dort gewusst. Vor mir auf der Kai-Mauer lag ein kleines Taschenbuch über das richtige Pfeiferauchen. Ich hatte alles Nötige dabei, und auch den Tabak meiner Wahl. Da es der einzige Tabak ist, den ich je in einer Pfeife rauchte, habe ich ihn nie vergessen: „Mac Baren‘s Mixture Scotish Blend“ verströmte einen süssen Honigduft, das Whisky-Aroma liess sich allenfalls erahnen. Er galt, wie ich las, als zungenfreundlich, ein Tabak, der langsam und kühl abbrennt, wenn er mit Bedacht genossen wird. Ich befolgte die Anweisungen zum Stopfen der Pfeife sorgsam, aber im Endeffekt scheiterte ich, immer wieder ging mir nach wenigen Zügen die Glut aus. Eine klare Niederlage. Wie in der Zeit davor, in der ich mir das Bridgespielen beibrachte, aus dem dann ein Solo für Vier wurde, weil kein Kumpel das Spiel lernen wollte. Ich hatte die Lektion gelernt, und mir später ein Buch mit Patiencen besorgt.

Das alles kommt mir in den Sinn, weil gerade „Coral Island“ läuft, das neue Doppelalbum von The Coral: und wenn man auch nur das kleinste Faible für englische Küstenkäffer hat, sind bei diesem Album Zeitreisen garantiert. Echos von den Beatles bis Leonard Cohen, von den Small Faces bis zu den Kinks, aber doch eine ganz eigene „Geisterwelt“.

Damals, auf diesem Pier in Torquay, als ich an der Pfeife scheiterte, ist noch etwas passiert, das ich nie vergessen werde. Ein grosser Hund mit Schlappohren, eine Promenadenmischung, kam zu mir angetrottet, kein  Besitzer war weit und breit zu sein, und er hockte sich zu mir. Wir erzählten uns ein paar Geschichten, jeder auf seine Art. Er hiess Joe. Irgendwann signalisierte er mir, ihm zu folgen, und über einen Steg gelangte ich auf ein luxuriös augestattetes Boot. Klein, aber oho! Wir machten es uns dort gemütlich, er mit einem, Knochen, ich mit einem Fernrohr, das ich in der Kajüte fand. Dann muss ich eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, waren wir auf offener See, und ausser dem Hund und mir war weiterhin niemand an Bord. Ich sah in der Abenddämmerung das Funkeln der Lichter der Küstenpromenade, und pure Freude durchströmte mich. Ich erkannte Fetzen eines Songs, wohl aus einer Jukebox, und aus weiter Ferne, „Mellow Yellow“ von Donovan. Wie kann ein Lied so unbedrängt aufs Meer hinaus fliegen? „…Born-a high forever to fly….A-wind-a velocity nil….Born-a high forever to fly…If you want, your cup I will fill…“ Aus meinem Rucksack holte ich ein Büchlein über das ABC des Bootfahrens. Wir waren gerettet.

 

Aus welchem Film stammt dieses Bild? Jeder darf einmal raten, auch Manafonisten. Aber um den ersten und auch einzigen Preis zu gewinnen, das nächste Album von oder mit Brian Eno (das kann etwas dauern), alternativ die neue Arbeit von Tony Allen, „There Is No End“ (seine letzte, soeben erschienene Aufnahme), muss noch eine weitere Frage beantwortet werden. Wie heisst die Jazzkomposition, die in dem fesselnden Sci-Fi-Film „Stowaway“ zu hören ist, während zwei Protagonisten (unglaublich, aber wahr) auf dem Weg zum Mars eine kleine Konversation über Jazz führen? Die Antworten bitte nur an meine Mailanschrift: micha.engelbrecht@gmx.de. Sobald das Doppelrätsel gelöst ist, wird es in den comments mitgeteilt. Kleine Hilfe: der Film ist ein Klassiker, und das Album, aus dem das Jazzstück stammt, ebenso.

 

 
 

Die ersten Morgenstunden: wenn der neue Tag noch eine weisse Fläche Zeit ist; ganz ohne Knicke, Risse und Flecken. Wenn jeder sich rüstet für den, für seinen neuen Tag: auf zu neuen Enttäuschungen, neuen ernüchternden Nachrichten.

 


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