Manafonistas

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Archives: Mai 2021

2021 4 Mai

The Sound of Coral Island

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„Ideen wie diese entstehen immer nachts um 1 Uhr während dunkler Autobahngespräche. Wir dachten uns: Warum fassen wir nicht einfach unsere Erfahrungen zusammen, die wir gemacht haben, als wir in einer kleinen Stadt an der Küste aufwuchsen, im Schatten von Liverpool und Wales, in diesem Niemandsland zwischen diesen beiden wirklich starken magnetischen Kräften, ohne jemals Teil einer von beiden zu sein.“

(Nick Power)

 

„Es geht auch um den Versuch, eine Idee von der Küste einzufangen, die in unserer Vorstellung existiert. Ich habe am Meer gelebt, aber Mama und Papa besaßen Pubs, also bin ich auch viel umgezogen. Ich bekam meine Ideen aus Büchern und Musik, aber ich fühlte mich immer von dem Gefühl dieser Küstenwelt angezogen. Ich fasse es so zusammen: Wenn dz jemals das Geräusch des Windes zwischen den Segeln der Boote im Hafen gehört hast …  für mich klingt das wie die Musik von Joe Meek, Jahrmarktsmusik. Es ist der Klang von Geistern; der Klang einer Welt zwischen den Welten. Der Klang der Koralleninsel.“

(Richard Skelly)

 

JazzFacts – Neues von der improvisierten Musik – 6. Mai, 21.05 Uhr bis 22.00 Uhr 

Excerpts from interviews with Pharoah Sanders, Thomas Strønen, Shabaka Hutchings, Nik Bärtsch, Vijay Iyer and Mats Gustafsson. New albums from Thomas Strønen, Natural Information Society, Vijay Iyer, Sons of Kemet, Floating Points with Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra, Fire!, Pino Palladino with Blake Mills.  Other albums mentioned: Jimmy Giuffre – Paul Bley – Steve Swallow: 1961 / Keith Jarrett – Jan Garbarek: Luminessence / Miles Davis with Gil Evans: Sketches of Spain / Miles Davis: On The Corner / Ornette Coleman: Skies of America / Christian Wallumrød:  A Year From Easter / Lennie Tristano: Lennie Tristano (1956) / Nik Bärtsch: Entendre / Brian Eno: Music for Airports / Pharoah Sanders: Thembi 

 

Rückkehr von Krähe – ist das überhaupt ein Gedicht? Klar, denn ein Gedicht ist ein Text, in dem so viel mehr steckt als die Worte, aus denen er besteht. „ich bin neuerdings in der lage, gedichtliches wissen zu messen, und anzugeben auf einer skala bis hundert“, schrieb Ulf Stolterfoht in es ist miles end, veröffentlicht im Jahrbuch der Lyrik 2018. Referenzflächen also, nebeneinander und übereinander geschichtet. Mit verschiedenem Quellenmaterial und Bezugssystemen arbeitet Stolterfoht auch in Rückkehr von Krähe. „Nur eine Strukturidee pro Gedicht, das kommt mir etwas wenig vor. – Fledermaus sekundiert: Zwei Ideen sprechen für Fleiß. Drei sind meistens eine zu viel. Hast du jedoch fünf, dann winkt von fern der Huchelpreis.“ In der Geschichte von Krähe, dieser seltsamen, wandlungsfähigen, symbolträchtigen Gestalt zwischen Württembergischen poesiefeindlichen Landstrichen, gefährlichen Wäldern, rätselhaften Geschöpfen, surrealen Verheiratungsaktionen, aber auch außerehelichem Sex, krassen Gewaltaktionen, lebensbedrohlichen Erkrankungen, der sinngebenden Produktion von Gedichten und immerzu Bier oder anderen Alkoholika. Grenzüberschreitungen sind also inklusiv. Mindestens einmal gibt es den Zwischenruf: „Auf einer Lesung kannst du das beim besten Willen nicht mehr bringen.“ Wie hat Ulf Stolterfoht diese Poetologie entwickelt, die er in zahlreichen Gedichtbänden unter den Titel Fachsprachen (nummeriert nach römischen Zahlen) veröffentlicht und weiterentwickelt hat? In Was hält ein Gedicht zusammen? erzählt er von seiner Zivildienstzeit Anfang der 80er Jahre. Es war seine Aufgabe, sieben Männer und den Chef mit einem VW-Bus in den Wald zu fahren, wo Bäume gefällt, Gräben ausgehoben und andere Arbeiten erledigt wurden. Die Männer waren Obdachlose und das, was sie miteinander sprachen, waren „Sätze, die nichts bedeuteten, für Leute, die nichts sagen wollen.“ „Ich glaube“, schreibt Stolterfoht weiter, „dass ich seitdem auf der Suche bin nach Sätzen, die so klingen, als wären sie ursprünglich von den Männern im Wald gesprochen worden.“ Wer mit den Gedichten von Ulf Stolterfoht noch nicht vertraut ist, findet in dieser Zusammenarbeit mit Thomas Weber einen bemerkenswerten Einstieg. Der klassische Sound des Kammerflimmer Kollektiefs vertieft die Wirkung des immer ins Ungewisse mäandernden Textes, und lässt die Räume, die er erzeugt, noch dunkler hallen. Dieser Arbeit können Sie fast eine Stunde lang lauschen, am besten mit Kopfhörern und im Dunkeln. Hier der Link zur SWR-Produktion aus diesem Jahr.

Eben zuendegehört die letzten KH. Sehr gelungen, sehr schöne Musik! Vielen Dank, Herr Engelbrecht. Hier sind wieder – wenns beliebt – einige Anmerkungen zur Sendung:

 

Palladino & Blake Mills – sehr spannend, habe ja in verschiedenen Sendungen schon davon gehört. – Sinikka Langeland – klare Stimme, ich liebe auch den ebenso klaren Klang der Kantele. Meine Erweckung dahingehend: Sylvan Grey »Iceflowers Meling« 1988 – Simon Goff: vielversprechend ! – Nik Bärtsch: Modul 55: Bei diesem Stück fangen in meinem Hirn Kate Bush und ihr Sohn als Snowflake so dermaßen präsent an mitzuschweben, dass es mir fast unmöglich wird, allein das Modul zu verfolgen. Reizvoll. – Ballaké Sissoko: Kora – Ich liebe Kora. Und entzückend, eine weitere Elfenstimme dans le forêt de language français (siehe Camille »oui«)! Ach! da singt ja sogar Camille!!! Herr E., Sie entreißen mir alle Bonmots! – Daniel Lanois: Every Nation – huch, so leichtfüßig habe ich Lanois lange nicht gehört. Und die Stimmung!, so mysteriös wie das Lächeln der MonaLisa. (War das jetzt Kitsch?) Sogar Dub kanna. Hat der das alles selber gemacht? Unfassbar.

just während die WELTTRAUMFORSCHER der vierten Stunde rauschen, lese ich mich durch die WTF-Philosophie. Man kann sowohl mit der Musik wie durch die Geschichte in einen Sog geraten, sich verlieren & verlieben. Zwar formulieren die Auswahlstücke in der Sendung einen bestimmten Kosmos, doch auch die anderen Perlen der beiden CDs »aus dem Zauberhut« empfehlen sich mit eigenwilliger Zuckerglasur.

Zu MADE TO MEASURE habe ich genügend gesagt. Lew ist einer meiner Favoriten. Es ist hier nicht nur eine Zuneigung dem Obskuren, sondern der Wunderbarlichkeit der Kompositionen. – Die ganze 4. Stunde ist himmlisch. Inklusive Fab-Dub.

 

 

 

 

Zur Kubanischen Compi (von Soul Jazz Records; Anm. mhq) könnte man anmerken: Die Kulturpolitik des Landes hat sich verständlicherweise nach der Batista-Diktatur von den »verwerflichen« Erscheinungen der kolonialen Zeit distanzieren wollen, als Kuba lediglich Spielhölle mit angeschlossenem Bordell für den US-Tourismus war. Auch die Verfolgung Homosexueller u.a., dem Zeitgeist geschuldeter politischer Entscheidungen darf man gern benennen. Castro hatte sich später ausdrücklich für die nachrevolutionären Fehlentscheidungen und daraus resultierendes Leid entschuldigt. Auch dass das Buch zur LP unter Mitwirkung staatlicher Stellen entstand, zeigt die Offenheit, mit der man mit alten Fehlern umgeht.

Äthiopische Melodielinien der Bar- und Pop-Musik der Dekade 69 bis 79 habe ich so verinnerlicht, dass ich mit Leichtigkeit die Phrasierungen mitpfeifen und mitsingen kann. Oje, ich komme ins taumeln, ich liebe das! Interessanterweise geht die staubig trottende, lockere Rhythmik Ayalew Mesfins – etwas schneller gespielt – in Richtung ChaCha, und ist fast dieselbe, wie man sie heute noch in der Laotischen Popmusik, endlos repitiert, hören kann. Ist der Hammer!

 

mit herzlichen Maigrüßen
Olaf (Ost)

Irgendwann an diesem seltsamen Tag (heute) schrieb mir David Webster eine Mail aus London, wo das Leben vorübergehend oder dauerhaft, auf jeden Fall, allmählich wieder erwacht. Und er sprach mich auf das neue Album einer seiner Lieblingsbands an, und ich antwortete: „Ich glaube, ich bin zu alt für diesen Scheiss.“ Wir sind gute Freunde (obwohl mich seine Frau nie mehr leiden konnte, seit mein letzter Liebeskummer im alten Jahrhundert ihr gehörig das Weihnachtsessen trübte), und es besteht nicht die Gefahr, dass er dauerhaft traumatisiert wird durch mein freches Mundwerk. Als ich dann vorhin den Spargel dünstete, einen Obstsalat anrichtete, und einen Sauvignon öffnete, liess ich das Opus auf spotify laufen, und, meine Fresse, wie gut ist das denn?! Ein Lagerfeuer, Merseybeat Time, ein uralter Storyteller, und querbeet die Schwingungen, mal eine verlorene Spur der Kinks, mal die Art, einen Vers zu wenden, a la Leonard Cohen. “It’s worth every penny that you spend / the golden age has just begun / Hear the laughter, sing the song. We’ll make you feel like you belong.” Ach, ach. Wenn das Altmodische zeitlos wird. Wetten, dass die Klanghorizonte im Juni mit diesem Album beginnnen?! Und wenn  ich in all den Jahren  nicht in London City war,  zuweilen mit David in einem Pub an der Themse (immer meine liebsten Pubs, in Flussnähe), wollte ich zu den Küsten nach Dorset und Cornwall. Da herumzustreifen, das hat mich stets ein wenig berauscht (das grösste Reisebenteuer in einem verlassenen Haus, mit Blick Richtung Meer und Orkney-Inseln, in den Tagen nach dem Tod von David Bowie) –  auch deshalb scheint mir dieses ganze Album so verführerisch: „A concept album based on the band members‘ sepia-tinged memories of spending time at seaside resorts on the West Coast of England, the album is wide ranging, deeply felt, and sonically enthralling.“ Südküste, Westküste, Nordküste,  ganz egal, ich bestelle gleich das Vinyl. “I walk alone, laughing in the face of love / I glide through the alleyways / It’s bittersweet, like a glass-half-full with rain.” 

2021 1 Mai

Kalter Kaffee

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Dass dieser Ausdruck zu Unrecht stets despektierlich rüberkommt, möchte ich an dieser Stelle beweisen, mit dem besten kalten Kaffee, den ich kenne. (Neben dem unvergesslich ersten Eiskaffee in der Lieblingseisdiele meiner Kindheit. In der Singerhoffstrasse, in Dortmund-Hombruch. Ecke Harkortstrasse.) Ich lernte den besten kalten Kaffee der Welt kennen durch mein Zauberbuch zur sizilianischen Küche, dass mich zwar öfter an den Rand meiner bescheidenen Kochkünste bringt, aber mein Mühen und Abrackern auch belohnt mit Gerichten wie Farsumagru oder Pasta Con I Mascolini. Ich benenne hier kurz die Zutaten für Gelo Di Caffè. 500 ml frisch gebrühter starker Kaffee. 1 TL gemahlener Zimt. 80 g feiner Zucker. 40 g Speisestärke oder Pfeilwurzmehl (ich bin ein grosser Freund von Pfeilwurzmehl, allein schon wegen des klangvollen Namens.) Das ist der Stoff, aus dem dieser Kaffeetraum für vier Personen hergestellt wird. Machbar, woll!?

 

Eine Dessertform (500 ml Inhalt) spülst du mit kaltem Wasser aus. Du füllst den noch heissen Kaffee in eine Schüssel. Zimt und Zucker gibst du dazu, und rührst, bis der Kaffee ein wenig abgekühlt ist. Dann das Mehl oder die Speisestärke unter Rühren hineinsieben, damit sich keine Klümpchen bilden. Diese Mischung dann durch einen Sieb in einen Topf giessen, und bei sehr niedriger Hitze unter ständigem Rühren zum Kochen bringen. Du nimmst den Topf vom Herd und rührst kurz weiter. Dann füllst du die Mischung in die vorbereitete Form. Den ganzen Spass lässt du dann abkühlen, und mindestens drei Stunden im Kühlschrank fest werden. Zum Servieren stürzt du das Gelo Di Caffè auf eine Servierplatte. Das ist eine sehr beliebte Nachspeise auf Sizilien, besonders im Sommer. Vielleicht ganierst du dieses Kaffeegelee mit etwa Grünem, wie ein paar Salbeiblättern. Zum Verzehr empfehle ich einen Klassiker von Stephan Micus, Wings over Water.

 

It came by midnight. A place nearby a nature reserve. My home. A taxi stopped, motor still running, ringing the bell, a young man said sorry for being so late, we had both our masks on, I received the envelope. Inside, the cover of the vinyl had something familiar, but it’s all new, set for release in summer. First pressing. White vinyl, fresh from the factory, a short note added, and, hand-written, the permission to play it – first time ever –  in my next night show. If I like it. Too kind. I cannot remember I ever got an album under such circumstances. Secret delivery by night. I was awake, had done my little meditation exercise – a glass of „Two Left Feet“, two candles burning, my record-player in motion, gave it a go. I didn‘t know the name of the composers –  that can happen, till eight weeks ago, I couldn‘t relate anything with Floating Points. I listened to the album from start to end. „To enjoy in all its aural elements, please listen on headphones. Compatible with stereo on loudspeakers.“ These guys care for sound, don‘t they? My headphones are quite good ones, and though their suggestion is old school, it makes sense. The sound quality stunning, and more important, the whole album is a quiet burner. A revelation. A journey through an ancient area, real, surreal, desolate, full of mythology, history.  Now here comes the challenge. It‘s known as „The Stonehenge Trap“. Imagine you are impressed by  the aura of such a power spot, and want your music to be informed with it, live up to its nameless mysteries. So what will happen with fresh field recordings, the music in your mind at hand (in fragments)? It can all to easily end up in some „new age nirwana“. Or „electro-acoustic ivory tower studies“. Nothing like that. Listened a second time, a third time. I was caught inside, softly seduced, on the other side. A lesson in getting there, A five-star album in the rare genre of where-am-i-music. I will play it under the moon in June, 2.20 a.m., full circle.


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