Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Februar 2021

Der Schattenriss einer gewundenen Straße dehnt und kringelt sich mit wolkenähnlicher Leichtigkeit um einen Schacht, der sich im Wohnzimmer zwischen den abgeschliffenen Dielen in einen antiken Tunnel öffnet. Süße Feuer flackern, feiner Funkenregen. Eine alte Strickleiter. Abstieg. Monatelange Wanderungen durch ein antikes Kloakensystem, halb im Dienst, halb auf der Flucht und selten fällt schwaches Licht herab. Der Blick nach oben, Schneewirbel und Sternenhimmel zwischen Abflussgittern. Manchmal Nordlichtschlieren. Schwindel. Ich friere und mir wird einfach nicht mehr warm.

Nach dem Helplessness Blues der Zusammenbruch. Jetzt ist das rettendende Ufer erreicht, ein Augustabend an einer einsamen Pazifikbucht. Sand zwischen den Zehen. Sternschnuppen regnen herab. Fledermäuse flattern, der Hund jagt einen kleinen Igel im Unterholz, der Ruf einer Eule zwischen dem Tosen des Ozeans. Ein kaltes Bier, ein frischgefangener Fisch über dem Feuer, ein Keks zum Nachtisch. Was ist Erinnerung, was ist Traum? Die Sterne sind veränderbar, der Himmel kann herabfallen. Die Eule landet auf meiner Schulter und flüstert in mein Ohr: Willkommen zurück.

Im Sommer 2013 hievten Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier, ein junges Paar um die Dreißig aus Freiburg, ihre sorgsam gepackten Rucksäcke auf die Schultern und ließen sich von einem Freund mit dem Auto an die bulgarische Grenze fahren. Sie wollten so weit Richtung Osten, nach Kasachstan, Iran, Indien, Pakistan, Tokio und über den Pazifik usw., bis sie wieder in Deutschland ankommen würden, eine Reise ohne Flugzeug, also mit Bodenhaftung, einem natürlichen Zeitgefühl, Nachhaltigkeit und das meistgenutzte Verkehrsmittel sollte das Trampen sein. Die beiden machten Aufnahmen mit ihren Handykameras, um ihre Erinnerungen mit ihren Freunden und Familien zu teilen, sie tauschten ihre Erfahrungen als Filmemacher gegen Kost und Logis, beteiligten sich immer wieder an sozialen Projekten und ihre Route hatten sie nur vage geplant. Meist schliefen sie in ihrem kleinen Zelt, in Städten buchten sie Schlafplätze über Couchsurfing, nur gelegentlich mieteten sie eine feste Unterkunft. Das Alleinsein in der Wildnis. Die Stille in der Wüste. Geburtstag feiern in einem Zelt im Pamirgebirge in Tadschikistan, während der Schnee unablässig fällt, so dass die beiden den Schnee ununterbrochen von der Zeltplane abklopfen müssen, um nicht einzuschneien. Die Landschaften, die Weite, Fernstraßen. Erfahrungen, die nur möglich sind, wenn Vertrauen aufgebaut ist: Ein Schamane erlaubt dem jungen Paar, an einer Anrufung von Geistern teilzunehmen. Aus Respekt schalten sie die Kamera aus, als sich die Ahnen zeigen. Die Gastfreundschaft. Die Gelassenheit der Menschen. Handbemalte Busse. Weißgekleidete Sufis, die sich zu ihren Ritualen versammeln. Die Haut eines Elefanten berühren. Der Anblick des Fuji vor der Einreise nach Tokio. Weit – so nannten die beiden den Film – wurde zu einem Dokumentarfilm, der auf zahlreichen Festivals lief. Bis Ende Februar kann man den beeindruckenden Film unter diesem Link in der 3sat Mediathek ansehen (Dauer: ca. zwei Stunden). Man kann ihn auch über die Website der Filmemacher, wo es auch kleine Portraits über Reisebekanntschaften zu sehen gibt, erwerben. Von Tokio aus ging es in das Land, das sich die Reisenden für die Geburt ihres Kindes ausgewählt hatten: nach Mexiko. Per Containerschiff ging es später nach Barcelona; die letzten 900 Kilometer nach Freiburg wanderten sie zu Fuß. Sie waren bis Sommer 2016 unterwegs, länger als drei Jahre. Ein Lebensabschnitt. Eine lebensverändernde Zeit. Unvergessliche Eindrücke und Bilder.

 
 
Die Pardo Bar in Düsseldorf ist meine Lieblingsbar, aber nicht aus lukullischer Sicht, also: Essen Sie dort nicht. Bestellen Sie einen Cappu und betrachten Sie den hohen Raum. Sehr schnell werden Sie den Eindruck haben, Sie hätten Geburtstag. Die farbenfrohen Girlanden hängen vertikal von der Decke, die bunten Ornamente befunkeln Sie auch ohne Discokugel.

Ich bringe jeden meiner Besucher in diese Bar, weil ich auf diese außergewöhnliche Location so richtig stolz bin. Wir befinden uns immerhin mitten unter den Kunstschätzen der Nordrhein-Westfalen Sammlung am Kaiserteich in Düsseldorf. Mit diesem ungewöhnlichen Design gelingt dem kubanisch- amerikanischen Künstler Jorge Pardo ein wahres Kunststück. Wenn man die Bar betritt, verfällt man in eine heitere Partystimmung. Dieser Jorge ist in New York zuhause.

Vor zwei Tagen schickte mir ein befreundeter Musiker zum Frühstück eine Flötenmelodie. „Sehr schön, danke. Von wem?“ Die Antwort war ein Video. TRANCE über Jorge Pardo.

Jorge ist zur Zeit privat auf El Hierro. Was für eine Ehre! Der Musiker ist mit seiner Flöte und seinem Saxophon in der internationalen Jazzszene sehr anerkannt und viel unterwegs. Er spielt u. a. mit Paco de Lucia und Chick Corea. Er gilt als einer der außergewöhnlichsten Jazzmusiker in Europa. Dieser Jorge ist in Madrid geboren. Seine spanischen Wurzeln hört man in der Verbindung von Jazz und Flamenco. Mit seiner Band „Huellas“ beweist er in vielen Auftritten, dass die Fusion vom Feinsten ist.
 
jorgepardo.com

2021 5 Feb.

Fünf Zwei Einundzwanzig

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Anamorphia II

 
 

 

 

Am 19. März erscheint ECM 2703. Obwohl ich einen Stream dieses Werkes bereits gehört hatte, in einer Infrarotkabine auf Sylt, hatte ich nun erstmals die Gelegenheit, ein Weissmuster der CD über meine Anlage laufen zu lassen. Nik Bärtschs „Entendre“ ist eine hochspannende Angelegenheit. Und wer je meinte, seine „Module“ seien womöglich etwas zu sehr in systemischen Konzepten verzurrt, kann hier, einmal mehr, nach den Arbeiten im Kollektiv von „Ronin“, entdecken, was Entfesselungskunst im reinen Pianosolospiel bedeutet. Es würde mich wundern, wenn ECM 2703 nicht in den Jahreslisten der mir bis jetzt bekannten, bekennenden „Ronin-Hörer“ dieses Blogs auftauchen würde, bei den Herren Klinger, Siemer, Westfeld und Koch. Leicht könnte es sein, dass noch der eine oder die andere hinzukommt. Am 11. März stelle ich die Musik des Schweizers im Rahmen eines kleinem Beitrages in den von Odilo Clausnitzer gestalteten JazzFacts des Deutschlandfunks vor, die um 21.05 Uhr beginnen. Mit Ausschnitten aus einem aktuellen Interview. Im April spielt Nik dann in den Klanghorizonten auf.

 

2021 5 Feb.

Story with „Cello“

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In December of 1992 I came back from 6 months of working in Nepal gratuitously wallowing in heartbreak. A love affair doomed from the start was, well, doomed and died. In January of 1993 I’d take breaks from recording „The Fall of Us All“ to stand in the open doorway of my studio and smoke. In order to feel properly sad and in order to smoke Camel Straights with credibility I made myself sadder by playing David Darling’s „Cello“ album, especially the first selection. Also „Toward the Night“ by Someh Satoh – I alternated between Satoh and Darling depending on the level of misery required. Just seeing the cover of either CD made me feel sad. Very satisfying.  

This combination of CD, nicotine, and sadness worked best when it was snowing hard. Minnesota blizzards.

When
we feel righteously sad, why do we feel the need to make ourselves sadder by choosing exactly the right music to accompany our sad sadness? Darwin wants to know.
K
k

 

Album goes well, but slow. Like physics: you have decided to melt through a glacier but can only use body heat. It will take as long as it takes.

 

-s

 

November 1992, Taksang, Bhutan

 

 

Herr Spahn sagte gestern: „Wir müssen damit rechnen, dass B117 sich weiterverbreitet. SARS-CoV-2 ist also insgesamt gefährlicher geworden.“ B117 ist bekanntlch die Mutation, die ursprünglich aus Großbritannien kommt, und nach jüngsten Zahlen des RKI bereits in 13 Bundesländern aufgetaucht ist. Viel mehr gibt es ja auch nicht. Herr Spahn sagte gestern auch: „Wir sind auf dem Weg raus aus der Pandemie.“ Soso.


Melanie Brinkmann gehört zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die eine sog. „Hardcore-Strategie“ im Kampf gegen die Pandemie vertritt. Gute Denkanstösse liefert das Papier reihenweise. Äusserst hilfreich wäre es, wie Drosten mit guten Argumenten klarmacht, dass man die Inzidenz deutlich tiefer als auf 50 bringen sollte, auf 20 zum Beispiel. Oder besser 10. 
Das ist keine Exotenansicht. Leider reagierte die Politik mit einigen besonders launigen Landesfürsten schon im Herbst zu spät. Da kostete viele Leben. Und nun wird mit den mutierten Varianten, da bin ich mir leider sicher, das gleiche passieren. Wie dumm, dass wir in diesem Jahr einen neuen Bundeskanzler wählen, und nicht nur, was die CDU/CSU-Seite betrifft, wird da sehr auf die Stimmung im Lande gedacht, und, um eigene Chancen nicht zu gefährden, unpopuläres Handeln sehr unwahrscheinlich. Es ist kein Unken, dass hier bald englische und irische Verhältnisse eintreten werden, denn die Impffrequenz ist so niedrig, dass sie von den Mutationsvarianten überrollt wird, gewiss spätestens in diesem Frühjahr, wenn der Lockdown nicht noch konsequenter durchgezogen wird.  Ich erwarte von den Grünen eine Strategie, die die Inzidenz deutlich unter  50  vorantreiben will. Und zitiere gerne Melanie Brinkmann:

 

Wir, eine Gruppe von 13 Wissenschaftlern, glauben nicht an die Strategie, dass man mit dem Virus leben kann, sondern dass man es besiegen muss. Es wäre fatal zu glauben, wir könnten die Maßnahmen mit einer Inzidenz von knapp unter 50 lockern und dabei das Virus im Zaum halten. So eine Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown, aus dem man nur zwischendurch mal kurz auftauchen und nach Luft schnappen kann.

Wir alle wollen aus diesem verdammten Lockdown raus – aber die Kanzlerin hat am Dienstag leider verkündet, dass die 50er-Inzidenz weiterhin als Richtschnur dienen soll. Mit diesem Kurs haben wir keine Chance. Weitaus mehr aber mit einer konsequent durchgesetzten Strategie der Kontaktvermeidung. Damit ließe sich die Sieben-Tage-Inzidenz schnell unter zehn drücken. Dieses Larifari des „Hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept“, das muss aufhören.*

 

Dazu Herr Drosten, kundig und klug:

 

»Wenn die alten Menschen und vielleicht auch ein Teil der Risikogruppen geimpft sein werden, wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden. Und dann werden sich innerhalb kurzer Zeit noch viel mehr Leute infizieren, als wir uns das jetzt überhaupt vorstellen können. Dann hätten wir im schlimmsten Fall 100.000 Neuinfektionen pro Tag. Wenn sich ganz viele junge Menschen infizieren, dann sind die Intensivstationen trotzdem wieder voll, und es gibt trotzdem viele Tote. Nur, dass es jüngere Menschen trifft. Dieses schlimme Szenario könnten wir etwas abfedern, wenn wir die Zahlen jetzt ganz tief nach unten drücken«.

 

„Outstanding performances by Susan Sarandon and James Spader, working from a relentlessly witty script, make White Palace one of the best films of its kind since The Graduate (1967).“

 

Die Filmkritik war nicht durchweg so positiv. Ich schliesse mich allerdings Wort für Wort der markigen Aussage des „Variety Stuff“ an. Ich liebe Susan Sarandon sowieso, die übrigens viel mehr drauf hat als einfach nur ein verdammt gute Schauspielerin zu sein. Ihr würde ich auch sehr gerne zuhören, sollte Marc Maron sie in seiner Garage zum Interview bitten oder gebeten haben. Es erstaunt mich, dass mir 1990 „White Palace“ („Frühstück bei ihr“) entgangen ist. Eine romantische Love Story, „sexy as hell“, die Witz hat, Charme, doppelte Böden, sicher auch verzeihliche kleine Schwächen, aber seit meiner letzten Sylter Woche sofort aufgenommen wurde in die Liste jener Filme, die ich wieder und wieder anschauen kann. “Max: All I know is that when I’m not with you I’m a total wreck. – Nora: And when you are with me?- Max: I’m a different kind of total wreck.“ Die Deutsche Film- und Medienbewertung FBW in Wiesbaden verlieh dem Film das Prädikat besonders wertvoll. Gut so. Und die letzte Szene, an der gerne rumgemäkelt wird: wunderbar. Übrigens keineswegs ein „idiotisches Klischee“, wie ein Kritiker schrieb. Habe ich selber mal erlebt. So ähnlich. In dem Pariser Museum, in dem es viele Skulpturen von Auguste Rodin gibt. Wir haben eine davon gerammt. Es gab keinen Applaus, es gab einen Platzverweis. Das Leben halt.

 

Welche grossen und kleineren Werke der Lateinamerikanischen Literatur haben unser Leben bereichert? Oder ist es teilweise so, dass da noch einige Bücher darauf warten, endlich gelesen oder entdeckt zu werden? Ein Hit ist auf jeden Fall jenes Buch, das im Havanna 1958 anzusiedeln ist im vorrevolutionären Kuba. Im Dschungel der Nacht amüsieren sich vier befreundete Künstler in Bars, Nachtclubs und Absteigen. Sie lassen ihre erotischen Eskapaden erneut aufleben, tigern umher, hören, sehen und riechen schwarze und noch schwärzere Sängerinnen, halten Ausschau nach »Revue-Fleisch«, gabeln Nachtvögelchen auf und lecken ihre Wunden. Eine längst vergangene Welt ersteht in komischen, traurigen, erotischen und kaleidoskopischen Bildern.

 
 

 
 

Aber dann kamen Fidel und Che und die Revolution von 1959, die Invasion in der Schweinebucht und die Kubakrise. Der kulturelle Dialog zwischen Kuba und den USA kam zum Stillstand. Kuba lebte weiter in der Isolation, belagert von US-Sanktionen, nicht mehr besucht von der Jazz-Royalität, nicht mehr der Spielplatz der amerikanischen Playboys und Gangster. Seine berühmtesten Musiker – die Sängerin Celia Cruz, der Bassist Cachao, der Perkussionist Mongo Santamaria – liefen in die USA über und kehrten nie wieder zurück. Die kubanische Musik wurde in „Salsa“ umbenannt, und ihre größten Stars waren nun in Miami und New York.

 
 

 


Für viele ist 1959 der Punkt, an dem die kubanische Musikgeschichte endet, man denke an den Buena Vista Social Club, den Ry Cooder und Wim Wenders noch einmal gross in Szene gesetzt haben. Die wirkliche Geschichte ist natürlich viel komplexer und wird von einer Doppel-Cd bzw. einem Dreifach-Vinylalbum erforscht: „Music And Revolution“, zusammengestellt von DJ Gilles Peterson und Soul Jazz Records-Gründer Stuart Baker (wer will, kann sich ein aufwändiges gebundenes Buch gleichen Namens gleich mitbesorgen). In dieser compilation
 kann man sich tatsächlich auf spannende Zeitreisen begeben, stets landet man in den Jahren zwischen 1975 und 1985, und erlebt die enorme Vielfalt, mit der kubansiche Musiker, der massiven Zensur von Castro und seinem Regime zum Trotz, kreative Lösungen finden, subversive Klangzeichen in ihre teilweise abenteuerlichen Mixturen schmuggeln, und somit alles andere als „angepasste Musik“ abliefern. Und immer noch gab es dunkle Kaschemmen, und ein wildes Kuba, aufregender als der stromlinienförmige Sozialismus, der von Anfang an vieles von seinem utopischen Potential einbüsste, und in bestem Kontakt mit den grossenteils kadergeschulten, grossenteils lächerlichen Sozialisten der DDR stand.

 

geschrieben von John Lewis und Michael Engelbrecht

2021 2 Feb.

Umpf

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Als Kinder hatten wir ein Spiel, gern in der großen Pause auf dem Schulhof gespielt, aber auch anderswo, und manchmal auch allein: irgendein beliebiges Wort so lange laut zu wiederholen, bis es jeden Sinn verloren hatte und nur noch ein einziger albern klingender Buchstabensalat war.

Inzwischen geht es mir schon so, wenn ich ein Wort höre, das mit „impf-“ beginnt.

Impf, impf, impf … Was für ein blödsinniges Wort.

Umpf.

 


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