Manafonistas

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Archives: Februar 2021

© Foto Schiko


Stefan Schneider ist ja, glaube ich, Altdüsseldorfer, und kennt die Stadt und ihre Musikgeschichte bestens, auch als Teil von Kreidler und To Rococo Rot. Als ich in der März-Ausgabe von Uncut eine  Besprechung seiner neuen, Ende Februar erscheinenden „Mapstation“-LP/CD las, spürte ich
Vorfreude. Kreidler und To Rococo Rot betrieben stets eine ruhige, im besten Sinne eigensinnige Variante post-(kraut)rockiger Soundforschung, kein wildes trance-jamming. Sollte  Jan (Reetze) seinem tollen Buch „Times & Sounds – Germany‘s Journey from Jazz and Pop to Krautrock and Beyond“ je einen Nachfolger angedeihen lassen, über die Nachfahren der Pioniere des Klangkrauts made in Germany – Stefan Schneider könnte ein grösseres Kapitel gewidmet werden! Mit Roedelius hat er ja schon vor Jahren zwei Alben aufgenommen, und 2015 erschien bei Bureau B „Shadow Documents“, seine Zusammenarbeit mit dem Perkussionisten Sven Kacirek, eine faszinierende Bearbeitung und Verwandlung vornehmlich kenianischer Grooves. Übrigens ein Album mit überragendem Klang. Dass da auf einem Stück ein Musiker mitwirkte, der noch den Achtziger Jahren an der Seite Fela Kutis auf der Bühne stand, war eine Randnotiz wert.

Viele seiner Alben fanden in meiner Nachtsendung ihren Platz, und seinem Mapstation-Projekt „My Frequencies, When We“ wird es am 20. Februar nicht anders ergehen, wenn die Klanghorizonte ausnahmsweise erst um 2.05 Uhr beginnen, und dann, wie gewohnt, bis 6.oo Uhr gehen (Mapstation und Mats Eilertsen werden die erste „Nachtwache“ eröffnen und beschliessen, zwei Lockdown-Soloalben). Jon Dale merkt an: „These patient miniatures are often suggestive, working carefully (but not without risk and improvisation) to explore a series of juxtapositions. A song like “Flute Channels” is compelling in its understated, inquisitive energy; “The City In”, featuring a rare appearance of Schneider’s vocals, is a gorgeous sepia-toned pop sketch.“ Da ich selber öfter in Düsseldorf bin, wäre es mal an der Zeit, Stefan Schneider zu treffen, vielleicht, wenn das Schlimmste überstanden ist, und wir draussen auf den Sitzplätzen des „Curry House“ entspannt zu den schiefen Häusern hochschauen können. Hier mein über Bureau b abgewickeltes Interview, von Home Office zu Home Office.

 

Michael: Was ist das Gemeinsame all deiner Mapstation-Alben, und was unterscheidet das neue Werk von den anderen? Woher rührt die Bezeichnung „Mapstation“, und, bei dieser Gelegenheit: was ist das kleine Geheimnis des Albumtitels?

 

Stefan: Der Name Mapstation kam einerseits von dem Synthesizer, mit dem ich 1999 begonnen habe, elektronisch zu arbeiten: Novation BassStation. Dieses Instrument hat eine wunderbare und vielfältige Arpeggiator-Funktion, die ich gleich für die Rhythmik meiner Musik genutzt habe. Ich wollte immer ohne definierte Rhythmik arbeiten. Die Musik sollte nicht durch einen bestimmten Beat zu Techno, Folk, Reggae oder Samba werden. Ich wollte keiner Musikrichtung angehören, zu der ich nichts zu sagen hätte. Dann gab es in London einen tollen Laden für Landkarten, in den ich oft gegangen bin und in dem mir ewig die unterschiedlichsten Landkarten angesehen habe. Das war dann meine Mapstation.

Ich arbeite immer noch daran, eine rhythmische Musik, fast ohne Drum-Beats, zu machen, so dass man erstmal nicht weiss, auf welchem Flecken der Landkarte man sich befindet. Wenn ich in der Vergangenheit mit Perkussionisten zusammengearbeitet habe, wie mit Nicholas Addo-Nettey, Sven Kacirek oder Martin Brandlmayr, war immer die Idee, dass diese tollen Musiker nicht rein rhythmisch arbeiten, sondern auch Melodien auf den Perkussionsinstrumenten  spielen oder Geräusche machen, die erstmal nicht zuzuordnen sind. Wie sagte der Fotograf William Eggleston “I am at war with the obvious.

Und der Titel “My Frequencies, When we”… das kam zunächst durch die Bemerkung einer Freundin in Athen, die (im Strassencafe) nach ihrer Tüte mit Schallplatten suchte und dabei fragte: “Where are my Frequencies?”. “My frequencies”! in dieser Suchbewegung gerufen, passte zu meinen Vorstellungen vom Titel eines Albums, auf dem es keine Gäste gibt, und welches musikalisch eher in Frequenzen angelegt ist als in Songstrukturen. Den Zusatz: “When we” entspricht der Einsicht, dass es erst ein Album wird, wenn es an die Öffentlichkeit kommt, und neben vielen anderen Alben gehört wird.

Du bist ja ein Freund von freiwilligen Begrenzungen, worin siehst du ihren speziellen Reiz?  Hier beschränkst du dich, wie ich gelesen habe, auf ein „analoges Tape Loop-Gerät, Roland 808 Drum Machine, Novation Peak-Synthesizer, und einmal Gitarre.“ Erhält soviel Historie  automatisch einen Retro-Aspekt der fantasievolleren Art, nach dem Motto: mal hören, welche Entdeckungen in die Jahre gekommene Electronica noch mit sich bringen?!

 

Retro soll es auf keinen Fall klingen. Das habe ich für meine Produktionen, egal mit wem, nie verfolgt. Die gerne beschworene “Wärme” von analogen Instrumenten hat mich auch nie interessiert – ich habe die auch  nie wirklich gehört. Alte Geräte haben oft technische Beschränkungen und nur wenige Funktionen. Man kann sofort damit arbeiten und muss keine Manuals lesen. Dieser scheinbare Mangel an Möglichkeiten ermutigt mich, auf Feinheiten zu hören, Ausdauer zu entwickeln, mich schnell zu entscheiden und erfinderisch zu werden: z.B. Melodien auf einem Sinusgenerator zu spielen, mehrere Geräte ohne Synchronisation gleichzeitig laufen zu lassen etc.

Es gibt für mich nichts Langweiligers als z.B. Ableton Live, das für jedes mögliche Problem eine vorbedachte Lösung bietet, und das Pathos der völligen Kontrolle über künstlerische Arbeit transportiert. Für mich ist es eher motivierend und befreiend, wenn ich nicht weiss, was als nächstes passiert. Im Leben wie beim Musikmachen.

Eine 808 für mich ein universales Gerät, das keiner bestimmten Epoche angehört und daher nicht Retro ist. So wie ein Klavier nicht Retro ist. Die Novation Peak ist ein recht neuer digitaler Synthesizer. Das Tapeloop Gerät ist toll, da es die vorhergehende Spur nicht komplett löscht, so dass zwei Generationen von Aufnahmen unvorhersehbar übereinander liegen.

 
 

<span style="color: #808080;">© Foto Schiko</span>

© Foto Schiko


Bei einigen Stücken des Albums erlebe ich, wie ich direkt hineingezogen werde, beimanderen verharre ich mehr  in der Aussenperspektive, lasse die Klänge wie Objekte einer Austellung auf mich wirken in ihrer seltsamen Fremdheit. Da suche ich nach dem Schlüssel, reinzukommen. Spannend.

 

Klingt gut in deiner Beschreibung.

 

The City In“ scheint mir ein Thema, ein Motiv alter Kraut-Traditionen aufzunehmen von Neu!, Kraftwerk, Cluster oder Harmonia. Die Bewegung.  Die rhythmsiche wie spannende Monotonie bestimmer Bewegungen. Hier, in diesem Stück, wirken die anklingenden Bewegungen zurückgenommen, schattenhafte Spiegelungen der alten, fast frohgemuten Motorik. Wehmut schwingt da mit. Als wäre etwas abhanden gekommen,  entzaubert worden…

 

Die einzige Parallele für mich zur Musik der Siebziger, die du hier nennst, ist womöglich der Gedanke, nichts Professionelles machen zu wollen, sich Zeit lassen zu können. Kein grelles Statement, kein Manager, keine Hipness. Das Selbstbewusstsein und die Kraft kommen aus der Einfachheit der Mittel,  und der Akzeptanz von dem, was man da gemacht hat – obwohl es auch anders hätte werden können. Ich wollte beispielsweise auf dem Album etwas mit meiner Stimme machen und dabei weder als Sänger auftreten noch die Stimme lediglich als Instrument verwenden. Ich wollte mit sehr wenigen Worten Bilder entwerfen, die öffentliche Orte beschreiben könnten. Wie das Foto auf dem Cover, das mit dem i-pad in einer Strassenbahn aufgenommen ist.

 

Ich höre aus den Klängen dieses Albums eine Art Sachlichkeit heraus, die auf spannende Weise deine Famtasie in Gang zu setzen scheint. Es ist bei aller Vielfalt doch eine gewisse Ruhe im Spiel, trotz mancher Fremdartigkeit nichts Exzessives. Eine Art Reflektiertheit, die jeden Anflug von  Nostalgie verhindert …

 

An der Kunstakademie in Düsseldorf gab es zu Anfang meines Studiums einen Professor, der mich beschimpfte, weil ich mich nicht wie ein “richtig verrückter Künstler” verhielt. Da wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, wenn ich weder den Erwartungen noch den Klischees entspreche. Erstmal an den offensichtlichen Möglichkeiten vorbei arbeiten, und eine eigene Welt bauen. Ein Freund sprach mal über “Kontrollierte Crazyness”, die er meinte, bei einem Aufenthalt in Japan kennen gelernt zu haben.

 

Sind das eigentlich  bearbeitete Flötenklänge auf dem Track „Flute Channels“, vielleicht von den Klappen einer Querflöte? Woher dieser Titel?

 

Die Sounds, die du meinst, kommen aus einem Synthesizer. Zwei unterschiedliche Spuren; eine auf dem linken, die andere auf dem rechten Kanal/Channel. Sie haben mich an ein Stück vom Art Ensemble of Chicago erinnert, in dem richtige Flöten verwendet werden, die wiederum für mich wie Autohupen klingen. Diese mehrfachen Übersetzungen, Überlagerungen und Ebenen machen für mich in ihrer Rätselhaftigkeit die Faszination von Musik aus. Die verwirrende Klangwelt der Strasse hat mich bei dem neuen Album interessiert. Die Porträts von mir im Innencover sind ja auch nachts auf der Strasse aufgenommen.

 

 

Viele von uns haben die eine und andere Lieblingsplatte von Chick Corea. Meine stammen, bis auf Trio Music mit Miroslav Vitous und Roy Haynes, allesamt aus den Siebziger Jahren, und wenn ich sie aus dem Archiv rausgeholt habe, hatte ich nicht einmal das Gefühl, sie hätten mir nichts mehr zu erzählen. Es ist auch nie eine weiteres hinzugekommen, so dass dies hier mein ganz persönlicher Chick Corea-Kanon ist. Zum einen die Piano Improvisations Vol 1 & 2., in der gleichen Höhenluft anzusiedeln wie Open, to Love und Facing You von Paul Bley und Keith Jarrett. Das erste Album von Return To Forever. Das erste Duo-Album mit Gary Burton, Crystal Silence. Und das Paris Concert, an der Seite von Anthony Braxton, Dave Holland und Barry Altshul, knallgelber war kein anderes Cover der ECM-Historie. Möge er in Friede ruhen.

 

 

Die unbestrittene „Königin des Lovers Rock“, Carroll Thompson, war eine der ersten britischen Reggae-Sängerinnen, die ihr eigenes Material schrieb und produzierte. Aus Letchworth in Hertfordshire stammend, wuchs sie mit den Ska-, Vocal Jazz- und Rocksteady-Alben ihrer Großmutter auf und sang als Backgroundsängerin in Gruppen wie Imagination, bevor sie eine Solokarriere einschlug und 1980 mit I’m So Sorry und im folgenden Jahr mit Simply In Love die Nummer 1 im britischen Reggae erreichte. Beide stammen aus eigener Feder und sind auf diesem Debütalbum von 1981 enthalten, das zusammen mit Anthony ‚Chips‘ Richards produziert wurde. Soul yjazz Records hat das Album als Schallplatte vor zwei Jahren neu aufgelegt. Liebe hin, Liebe her, diese Platte tut einfach saugut. Da würde wohl mancher Deutschlehrer jetzt einen roten Strich dran machen und „Ausdruck“ vermerken. Also, dann schreibe ich es mal so: „Liebe hin, Liebe her, diese Scheibe ist ein sanfter Killer, Alter.“ Und, ähem. Die lyrics taugen nicht für die Oberstufe, sie taugen für immer. Einfach nur „romance at its finest, no studio magic, no dub wizardry, no remix adventures. Just a an easy labour of love“ (Nick Brason).

 

Darren Hayman hat dieses Album nie losgelassen, er bemerkt dazu: „Dieses Album hüllt mich ein, so wie Carrolls Pelzjacke sie auf dem Cover einhüllt. Dieses Album nimmt sich meiner an und führt mich nach Hause. Alles ist rund und wohltuend. Alles ist wie ein warmes Brötchen. Wenn du du aus der Liebe gefallen bist, lässt dich dieses Album wieder hineinfallen. Wenn ich es auflege, winke ich mit dem Kopf herum und schließe die Augen. Jedes Mal, wenn Carroll live spielt, habe ich zu viel Angst, sie zu sehen. Ich liebe sie zu sehr.

 

2021 11 Feb.

Sehr alte Musik

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Meine erste Philosophievorlesung in Würzburg fand ein einem prunkvollen Raum der Residenz statt. Der Professor, tatsächlich mit wallend weissem Haar, warf Bilder an die Wand aus der Zeit der Höhlenmalerei und wollte an ihnen aufzeigen, wenn ich mich recht entsinne, wie man sich damals in die Empfindungswelt von Tieren einfühlte, um den Jagdsinn zu schulen. Ein wenig kam ich mir wie bei Jules Verne vor. 1931 entdeckten Forscher in Südfrankreich am Eingang einer Höhle eine große Muschel. Auf den ersten Blick unscheinbar, schlummerte sie jahrzehntelang in den Sammlungen eines nahe gelegenen Naturkundemuseums. Hier schien nun eine andere Art des Kreativen zu wirken. 2020 wurde diese rund einen Meter lange Muschelschale nämlich mit moderner Bildgebungstechnologie neu analysiert, und man kam zu dem Schluss, dass die Muschel absichtlich zerkleinert und durchlöchert wurde, um sie in ein Musikinstrument zu verwandeln. Es scheint sich also um ein extrem seltenes Beispiel eines „Muschelhorns“ aus dem Paläolithikum zu handeln. Und es funktioniert immer noch – ein Musiker entlockte der 17.000 Jahre alten Muschel kürzlich drei Töne. Das ist doch fast unglaublich.

 

 

 

 

2021 10 Feb.

71/72

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Eines meiner Lieblingsfussballbücher ist Ronald Rengs „Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga“. Es könnte nun ein neues hinzukommen, wobei ich mal klarstellen möchte, dass es, national und international, ganz und gar grossartige Fussballiteratur gibt, die weiter und tiefer geht als etwa Nick Hornbys ziemlich cooles Buch „Fever Pitch“. Zum Beispiel „Damned United“ von David Peace. In der SZ von heute ist ein neugierig machender Artikel zu Bernd M. Meyers Zeitreise erschienen, und wir halten „71/72“ hier schon mal einen Platz frei in der „Time Travel“-Kolumne des kommenden Monats.

 

1971/72: Der Bundesligaskandal erschüttert das Land, die Nationalelf um Beckenbauer und Netzer spielt Zauberfußball im Wembley-Stadion und wird Europameister, Willy Brandt übersteht das Misstrauensvotum, die RAF hält Deutschland in Atem, die Band Ton Steine Scherben liefert den Sound für Aufbruch und Protest. Stan Libuda und Rio Reiser sind die Träumer, die die Leser durch ein aufregendes Jahr begleiten und ein Schlaglicht werfen auf die Anatomie der bundesdeutschen Gesellschaft.“

(Pressetext, Verlag Die Werkstatt, Bielefeld)

 


 
 

 

Wir hatten uns verabredet, zwei Freunde, und Ingrid Urban, die Frau, mit der ich die ersten Zungenküsse erforscht hatte. Marokko war von zuhause ausgezogen, zwei Strassen weiter, Singerhoffstrasse. Er gab mir ein paar Flugblätter, auf denen stand, dass Robert Wyatt im „Underground“ spielen würde. Wie bitte?! Robert Wyatt?! Ich musste sofort los. Eine riesige Wendeltreppe führte in eine unterirdische Kelleranlage, und ich staunte nicht schlecht, Alan Bangs, Windried Trenkler und Klaus Schäfer anzutreffen. – Alan Bangs, okay, Radio, Winfried, okay, Radio, aber wie kommst du hierhin, Klaus? Mein Klassenkamerad vom Max Planck. Ich kannte seine Vorlieben, The Byrds, Leonard Cohen, deshalb wunderte ich mich. Er lachte nur und sagte, Wyatt und seine Freunde würden ja nicht jedes Mal die Sterne vom Himmel rocken. Wie eine Raga, mal nehme sie gefangen, mal langweile sie, lasse jede Minute langsam vergehen. Soso. Ich kam aus dem Staunen nicht raus, und ging zu den „Bullaugen“, durch die ich auf eine Art See schauen konnte, von der die Musik zu uns herüberströmte. Es störte mich nicht, dass ich die Musiker gar nicht sah, es erklangen atemraubende Versionen von „Sea Song“ und „Last Straw“, die ich so noch nie gehört hatte. Zwischendurch fragte ich mich, wo der Saxofonist Gary Windo sei. Von Klaus bekam ich noch ein Papier in die Hand gedrückt, mit den gespielten Stücken. Man würde hier das Album „Rock Bottom“ erarbeiten. Ich war komplett absorbiert, und erwachte gegen 1.15 Uhr, nach der ersten Traumphase (R.E.M.). Ich machte mir einen Kakao, schmunzelte, und schreibe diese Zeilen mit dem Traumtext auf. Nichts ist ausgeschmückt, nichts erfunden. Winfried Trenkler habe ich nie persönlich getroffen. Aber ich sehe sie schon, die vielen dünnen Fäden in die Jugendzeit. Ich war noch ein Teenager, als ich „Rock Bottom“ in einem der zwei relevanten Dortmunder Plattenläden erstand. Von der älteren Lady, der blonden Chefin, Mitte 30, hätte ich mich gerne flachlegen lassen. Es wäre wohl des Guten zuviel gewesen. Blödsinn, es wäre grandios gewesen.

Tindersticks: „Medicine“ 

 

Ein einfacher ruhiger Song, mit dunklen Winkeln ausgestattet. Auch in den bewegten Bildern ist manches zu entdecken, ohne dass etwas passiert. Objektsuche, Schattensuche. Ein möblierter Raum: Nachtzeit. Und das Lied läuft, wir erkennen es am Ausschlag des Lautstärkereglers. Es gibt behagliche Stellen zum Niederlassen, stille Tiere, zum Ende hin kommt das Tageslicht hinzu. Lichteinfall. Das Lied ist ein paar Jahre alt und stammt aus dem Album „The Something Rain“. Am 19. Februar erscheint das neue Album, „Distractions“, und auch wenn ich nie ganz verstehen werde, warum er bei diesen gesammelten „Ablenkungen“ Neil Youngs „A Man Needs A Maid“  covert, ist es ein beeindruckendes Werk geworden. „Lean and stripped back of instrumentation, possessed of a prickly temperament and – by Tindersticks’ rather lugubrious standards – a fire burning in its belly, it proves that even this rather venerable band still have the capacity to surprise.“ Ein Song ist fest gebucht für die Klanghorizonte. Und, ähem, vielleicht verstehe ich das doch ein bisschen mit dem Young-Cover. Der Song ist auf „Harvest“ einfach überinstrumentiert und leidet unter der ungeheuer pathetisch vorgetragenen Titelzeile, die ja auch, poetisch gesehen, nicht der Brüller ist: „a ma-a-a-a-n needs a maid“; Stuart Staples Cover ist, was nicht so schwierig ist, entschlackter und feinsinniger, immerhin. Und, dort, wo es im Album auftaucht, hat es seinen idealen Platz gefunden. (Ich habe inzwischen etwas gelesen zu Staples‘ Ding mit dem kitschigsten aller Neil Young-Songs. Er habe ihm zehn Jahre im Hinterkopf rumgechwirrt, und es sei wohl die Begleichung einer alten Rechnung gewesen.)

 

 

„So, wenn ich jetzt auch nur eine schlechte Kritik finde, zeige ich denjenigen an!“ faucht Herr Bertram, nachdem die Serie The Queen´s Gambit ihn so verzaubert hat. Er findet eine, beim Online-Portal Rotten Tomatoes, die beanstandet, dass eine Farbige lediglich den Sidekick mimt für eine Weisse, die dann mal wieder siegt: the winner takes it all. Okay, das lässt Diversität vermissen und ist klischeehaft. Dann aber folgt ebenso bezaubernd „Die Ausgrabung“ (The Dig) auf Netflix und es finden sich gefühlt mehr mäkelnde Kritiken dazu als Impfstoffdosen in der gesamten Europäischen Union. Aufstand der Nörgelheinis, oder was? Bertrams Entrüstungsakku ist zum Glück schon leer, die Packung Peter Stuyvesant ist aufgeraucht, begleitet von zwei Whiskeys der Marke Daniels, Jack. Ursache der Ausschweifung: eine vorangegangene Wutattacke ob des selbstgerechten Hochmuts Ursula von der Leyens, wie der Bertram findet in seinem Zorn: ewige Klassenbeste, Zicke, Krankenschwester – was fällt ihm nicht noch alles ein. Geiz ist geil, Frau Kommissar? „Die anderen waren es, ich mache immer alles richtig!“ Albrechtsches Arroganz-Gen, ganz wie der Vater, denkt sich Bertram und überhaupt, was erlauben die CDU. Thorsten, sein Ehemann, ist vom Naturell her moderater eingestellt, sehr ausgewogen und deshalb genervt: „Mässige dich mal, Klaus-Dietmar! Die gute Frau macht ihren Job und ist vernunftbegabt. Wir alle können irren.“ Und wenn schon Feindbilder, dann doch bitte die Verschörungstheoretiker auf´s Korn genommen, fügt er noch moderat hinzu.

 


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