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2021 3 Feb

Cuba? Libre? Oder was?

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 6 Comments

Welche grossen und kleineren Werke der Lateinamerikanischen Literatur haben unser Leben bereichert? Oder ist es teilweise so, dass da noch einige Bücher darauf warten, endlich gelesen oder entdeckt zu werden? Ein Hit ist auf jeden Fall jenes Buch, das im Havanna 1958 anzusiedeln ist im vorrevolutionären Kuba. Im Dschungel der Nacht amüsieren sich vier befreundete Künstler in Bars, Nachtclubs und Absteigen. Sie lassen ihre erotischen Eskapaden erneut aufleben, tigern umher, hören, sehen und riechen schwarze und noch schwärzere Sängerinnen, halten Ausschau nach »Revue-Fleisch«, gabeln Nachtvögelchen auf und lecken ihre Wunden. Eine längst vergangene Welt ersteht in komischen, traurigen, erotischen und kaleidoskopischen Bildern.

 
 

 
 

Aber dann kamen Fidel und Che und die Revolution von 1959, die Invasion in der Schweinebucht und die Kubakrise. Der kulturelle Dialog zwischen Kuba und den USA kam zum Stillstand. Kuba lebte weiter in der Isolation, belagert von US-Sanktionen, nicht mehr besucht von der Jazz-Royalität, nicht mehr der Spielplatz der amerikanischen Playboys und Gangster. Seine berühmtesten Musiker – die Sängerin Celia Cruz, der Bassist Cachao, der Perkussionist Mongo Santamaria – liefen in die USA über und kehrten nie wieder zurück. Die kubanische Musik wurde in „Salsa“ umbenannt, und ihre größten Stars waren nun in Miami und New York.

 
 

 


Für viele ist 1959 der Punkt, an dem die kubanische Musikgeschichte endet, man denke an den Buena Vista Social Club, den Ry Cooder und Wim Wenders noch einmal gross in Szene gesetzt haben. Die wirkliche Geschichte ist natürlich viel komplexer und wird von einer Doppel-Cd bzw. einem Dreifach-Vinylalbum erforscht: „Music And Revolution“, zusammengestellt von DJ Gilles Peterson und Soul Jazz Records-Gründer Stuart Baker (wer will, kann sich ein aufwändiges gebundenes Buch gleichen Namens gleich mitbesorgen). In dieser compilation
 kann man sich tatsächlich auf spannende Zeitreisen begeben, stets landet man in den Jahren zwischen 1975 und 1985, und erlebt die enorme Vielfalt, mit der kubansiche Musiker, der massiven Zensur von Castro und seinem Regime zum Trotz, kreative Lösungen finden, subversive Klangzeichen in ihre teilweise abenteuerlichen Mixturen schmuggeln, und somit alles andere als „angepasste Musik“ abliefern. Und immer noch gab es dunkle Kaschemmen, und ein wildes Kuba, aufregender als der stromlinienförmige Sozialismus, der von Anfang an vieles von seinem utopischen Potential einbüsste, und in bestem Kontakt mit den grossenteils kadergeschulten, grossenteils lächerlichen Sozialisten der DDR stand.

 

geschrieben von John Lewis und Michael Engelbrecht

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6 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Warum das eigentlich gar nicht meine Musik ist, und ich ihr trotzdem liebend gerne lausche, wird ein andermal erzählt. Und natürlich, das Opus Cubanus wurde sofort zu meinen 15 „reissues / archival discoveries anno 2021“ hinzugefügt.

  2. Karsten:

    Eine Bereicherung war für mich „Hundert Jahre Einsamkeit“ von G.G. Marquez. Man versinkt darin, wie das Dorf Macondo im zehnjährigen Regen.

    Wer es vor langer Zeit gelesen hat, dem sei die Neu-Übersetzung von 2017 ans Herz gelegt.

  3. Michael Engelbrecht:

    Ein Buch das ich immer lesen wollte.

  4. Olaf Westfeld:

    So geht es mir auch mit dem Marquez. Stand sogar schon mal ein paar Jahre in meinem Bücherregal, ist aber irgendwann weggekommen.

    Die Buena Vista Social Club CDs waren vor 20 – 25 Jahren ja gefühlt überall zu hören. Eigentlich fast mein einziger Bezug zu kubanischer Musik (außer Hasta Siempre und wohlmöglich fällt mir gerade irgendetwas nicht ein), aber dann auch gleich ganz persönlich. Ich habe im heißen Sommer 1999 mit der CD von Ibrahim Ferrer meinen Sohn immer wieder auf dem Arm zum Einschlafen gebracht.

  5. ijb:

    Fast dein einziger Bezug zu kubanischer Musik?

    Wie es der Zufall will (kein Witz), läuft bei mir in diesem Moment, da ich eure Kommentare lese, das Album Mala in Cuba, das ich mir schon am Wochenende rausgelegt hatte, weil ich es endlich mal wieder hören wollte. Ein Album aus der Dub/Dubstep/Elektro-Ecke, das ich seit Jahren sehr mag und entsprechend sehr empfehlen kann.

    Wer Mala (bürgerlich Mark Lawrence) nicht kennt: Music, energy, culture and collaboration:

    Born and raised in South Norwood, South London, Mala has played a pioneering role in UK music since the turn of the century. Stirring dubstep’s musical melting pot with its most primal ingredients before it even had a name, Mala was a founding member of DMZ, the crew behind some of modern bass music’s most influential dances and the most highly prized 12s the movement has ever known. Almost 20 years later, his ideas and his creations continue to influence, push and fuse contemporary electronic music to unchartered places…

  6. ijb:

    It’s here! Mala has made a new record. The largest single statement of his career, in fact—a distant first ahead of 2010’s six-track mini album Return II Space. It’s no normal album, either—rather, a collaboration with a host of Cuban musicians which took place across two visits to Havana, orchestrated by Gilles Peterson and released through his Brownswood label. The DMZ co-founder has long been one of the few to continue to find fresh angles on the dubstep template, somehow managing to retain both the ethos and the sonic characteristics of the sound. Nor has he, in the process, come to be seen as an ageing dinosaur in a mammal’s world. Mark Lawrence’s position in the musical landscape is singular and enviable—and this album will doubtless have a significant impact on how that position changes in the years to come.
    […]
    The nature of Lawrence’s working method—manipulating pre-recorded samples, rather than engaging in any more dynamic interaction with live musicians—naturally limits the extent to which he can „collaborate.“ But within the boundaries of his chosen techniques, Lawrence has approached the project with rare sensitivity and thoughtfulness.

    […] there’s no denying that Mala in Cuba is a statement of consummate mastery—of a form, of a tempo, of a set of tools—shaped by the implacable creative imagination of one of the finest producers of his generation. The newfound scale and nature of this release might well signal a new phase in Mala’s career—but wherever it takes him, you can be sure he’ll be around for a good while yet.

    https://ra.co/reviews/11661

    ___

    London producer wraps Cuban motifs around monolithic bass, with great results.

    Paul Clarke 2012, https://www.bbc.co.uk/music/reviews/fdj9/


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