Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Juni 2015

Zunächst einmal öffne ich meinen Bücherschrank. Darin findet der gut aufgelegte Leser schnell die Abteilung Flann O´Brien, schnell übrigens deshalb, weil diese Abteilung ein halbes Regalbrett einnimmt. Da findet er unter anderem Aus Dalkeys Archiven, Der dritte Polizist, Irischer Lebenslauf, Durst und andere dringende Dinge, In Schwimmen Zwei-Vögel, Trost und Rat und Das harte Leben.

Allen Büchern gemeinsam ist die Tatsache, dass sie von Harry Rowohlt übersetzt wurden. Eine Ausnahme, man mag es kaum glauben, aber so ist es nun mal: das Büchlein Das harte Leben wurde nicht von Rowohlt, sondern von Annemarie und Heinrich Böll übersetzt. Gestern hörten wir, dass Harry Rowohlt mit gerade einmal 70 Jahren in Hamburg am 15.06. verstorben ist.

Ich habe von Harry Rowohlt übersetzte Bücher geliebt und nun mal eben den Autor herausgesucht, über den ich Rowohlt kennen gelernt habe. Besonders köstlich ist ihm die Übersetzung von In Schwimmen Zwei-Vögel und Trost und Rat gelungen. In letzterem Büchlein findet sich das Kapitel über die Buchhandhabung. O´Brien schildert hier eine geniale Geschäftsidee, über die sich jene Leute freuen dürften, die zwar nie lesen, aber dennoch vor ihren Mitmenschen als belesen und gebildet eingestuft werden wollen.

Zunächst muss man sich freilich die richtigen Titel für seine Bibliothek zusammenstellen, die Titelliste sollte natürlich in dem Buch Ulysses von James Joyce gipfeln, nebst ausgewählter Sekundärliteratur (übrigens, so spricht das einfache irische Volk über Flann O´Brien: „So hätte Joyce geschrieben, wenn er nicht so bescheuert gewesen wäre.“) Nun, die Bücherwand steht, vielleicht auch mit Hilfe der besten von Marcel Reich-Ranicki ausgewählten Romanen.

Ungelesene Bücher machen aber nun nicht viel her, deshalb kommt nun der Buchhandhaber ins Spiel, er bietet fünf verschiedene Stufen der Handhabung an, von ziemlich preiswert bis sündteuer. Stufe 1: Unser Schwachkopf von einem Kunden möchte, dass seine Bekannten ihn nach einem flüchtigem Blick ins Haus für einen Intellektuellen halten. Dazu reicht es, wenn jeder Band mit vier Eselsohren versehen wird, einem Straßenbahnfahrschein oder sagen wir einem Gepäckschein-Abschnitt. Stufe 2: Neben den Eselsohren und den genannten Papieren, werden in 25 Bänden geeignete Passagen mit Rotstift unterstrichen, außerdem bekommen sie als vergessenes Lesezeichen je eine Flugschrift über Victor Hugo in französischer Sprache.

Mit Handhabung De Luxe erreichen wir die dritte Stufe: „Jeder Band wird übel zugerichtet, die Buchrücken der kleineren Bände werden in einer Weise beschädigt, die den Eindruck entstehen lässt, sie seien in Brust- oder Hosentaschen herumgetragen worden; eine Passage in jedem Band wird mit Rotstift unterstrichen plus Ausrufungs- oder Fragezeichen am Seitenrand; ein altes Programm vom Gate Theatre wird jedem Band als vergessenes Lesezeichen beigelegt.“

Die vierte Stufe nennt man Traitement Superbe. Hier wird die Handhabung nur von ausgewiesenen Handhabungsmeistern vorgenommen. Neben allem bereits genannten werden in 50% der Bücher Randbemerkungen eingefügt, etwa: „Quatsch! / Ja, allerdings! / Sehr wahr, sehr wahr! / Da bin ich aber ganz anderer Meinung. / Warum? / Ja, aber vgl. Homer, Od.III, 151 / Na, na, na! / Schon, aber Boussuet hat in seinem Discours sur l´histoire universelle den gleichen Nachweis geführt und viel gehaltvollere Erklärungen abgegeben. / Unsinn, Unsinn! / Gut gegeben! / Aber warum, um Himmel willen? / Ebendies hat mir vor Jahren der arme Joyce gesagt.“

Kann man sich noch eine Steigerung vorstellen? Nein?

Doch, die Stufe 5. Neben allem vorangegangen genannten kommt gegen einen kleinen Aufpreis folgendes hinzu: Nicht weniger als sechs Bände werden mit gefälschten Zuneigungs- und Dankbarkeitsbezeugungen vom Autor des betreffenden Werkes versehen, z.B.: „Für meinen alten Freund und Zunftkollegen A.B. In liebevoller Erinnerung von George Moore …“ oder „Lieber A.B., deine unschätzbaren Vorschläge und dein Beistand – die Freundlichkeit gar nicht zu erwähnen, die du an den Tag legtest, als du das gesamte 3. Kapitel umgeschrieben hast – als das berechtigt dich wie keinen Anderen zu diesem ersten Exemplar von Tess. Dein alter Freund T.Hardy.“

So, ich werde jetzt Harry Rowohlts gedenken, indem ich in seinen von ihm genial übersetzten Flann O´Brien-Büchern blättere, natürlich nicht, ohne mir zuvor einen großen Schluck Laphroaig, einen zehn Jahre alten Islay Single Malt Scotch Wisky, eingossenen und die wunderbare neue CD aufgelegt zu haben, die zu meinem Gedenken gut passt: Charlie Haden & Gonzalo Rubalcaba: Tokyo Adagio, ein Mitschnitt eines Duo-Konzertes aus dem Jahre 2005.

The simultaneousness of instrumental virtuosity and a complete lack of artistic vision. My definition of lifeless music. The guy may be a nice fellow, a wonderful human being, but his music bores me beyond belief. Concerning the musical output of John McLaughlin during the last ten years, we here have two strong candidates for an alternative version of death by chocolate. Or wrong-directed adrenaline. You can be killed by cliches, too. He has many fans who love his music. So this is a minority report.

2015 17 Juni

p16

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Ich sammel Sonnenuntergänge, die keiner sieht,
versteckt in staubigen Schallplattenregalen, “Hotel Hello”,
“Nan Madol”, oder das heitere Sonnenuntergangsgesicht
von Al Stewart auf “Love Chronicles”, “she left me the keys
And a dozen LP’s” singt er, und ich habe die Titel
dieser rabenschwarzen Vinylobjekte recherchiert,
für meine 75 Achtzeiler, “Pink Moon” war dabei, und drei Platten
von Laura Nyro. Da kann man, im Vorübergehen, weg sein lernen.

2015 16 Juni

Al Stewart: Love Chronicles

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Stewart´s second album is often name-checked as the first time the word „fuck“ appeared in a pop song, and is also notable for the calibre of its session players (Jimmy Page, Richard Thompson and others from Fairport Convention). The centrepiece, though, is the 18-minute title track, a frequently uncomfortable autobiography in which he catalogues the highs and lows of his romantic endeavours; losing his virginity in a Bournemouth park, encounters with groupies, searching for ’60s permissiveness („beer cans and parties, debs and arties …“), bouts of self-loathing, and ultimately finding true love in the last three verses. „You Should Have Listened To Al“ picks over the bones of another doomed affair, but in a lighter, wittier tone („she left me the keys and a dozen LPs“).

 
(True words from Uncut magazine) 

„We weren’t the gentle sub-acid Moodies we were made out to be“, said Lemmy K. „We were a black fucking nightmare. A post-apocalypse horror sound-track. We wanted to make people’s heads and sphincters explode.“

 

„Just be brave, and join me live on air, on June 20st from 1.05 pm till 4.00 pm, on the Radionacht Klanghorizonte. I think the first hour will contain some of the most beautiful and thrilling music on the planet anno 2015 (no hyperbole), the second hour will invite you to join a nighthawk called Dr.Who on time travels between 1958 and 1978 (from „Sahara Jazz“ to psychedelic freak-outs, Coxsone Dodd’s first downtown sound-systems, and stone church meditations) – the third hour will be full of Keith Jarrett’s piano music in his magical decade, the 70s of the last century.“ (m.e.) 

 
 
 

 

Ich erspare kalauernde Zitate aus alten Trio-Zeiten der NDW. Henning und ich würden kaum Spitzenwerte erreichen, wenn es um die Kategorie „herzlicher Umgang miteinander“ geht. Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner zwischen uns, ist es gewiss die Musik, als Seelennahrung begriffen. Wobei Henning ein Musikreisender aus Passion ist, und ich eher selten auf Festivals auftauche. Das aufregende Hören schätze ich in heimischen vier Wänden besonders. Im Jahresschnitt komme ich gerade mal auf 10 Konzerte, seit 2005 war ich allerdings alljährlich Gast des Punktfestivals und kaufte für den Deutschlandfunk viele spannende Konzerte und Live-Remixe ein. Mein einziger Weltrekord: kein Journalist brachte es bislang auf zehn Jahre Kristiansand am Stück. Fiona Talkington und John Kelman folgen auf den Plätzen. Angesichts der Tatsache, dass 2015 dieser virtuose Banalist des Gitarrenspiels, der mit dem vietnamesischen Namen, für den ich jetzt nicht die richtigen „accents“ suchen möchte, vor Ort mit Molvaer und Co. aufspielt, kann ich nur mit den Augen rollen. Ich schwöre, dass ich jede seiner ACT-Platten mülltechnisch sauber entsorgt habe. Ansonsten scheint mir das Programm spannend, und einen Aufbruch zu neuen Ufern zu signalisieren – natürlich bleibt der „innere Kreis“ bestehen, Erik, Jan, Arve, Sidsel, Eivind. Gut so. Sogar mein Wahlverwandter, Sebastian Rochford (Sie haben immer noch nicht die beiden letzten Polar-Bear-Platten gehört? Das geht gar nicht!) ist vor Ort. Ich habe heute Erik Honore geschrieben und eine neue „Electronic Griot“-Performance angeboten. Wenn ich in diesem Jahr schon mit zwei, drei Buchprojekten im Kopf unterwegs bin, von denen, bei Erhalt der Vitalitätswerte, mindestens eins im Jahr 2017 erscheinen wird (Zocken, Teil 1), brauche ich da eine kreative Herausforderung. Sagt Erik mir ab, ist das vollkommen okay. Aber dann ist auch der Vorhang für mich gefallen beim Punktfestival (Zocken, Teil 2) – ich werde einige wundervolle Menschen vermissen, sicher auch die grossartigen Frühstückswaffeln im Hotel Norge. Und zu der Zeit, in der Sebastian Rochford einen Live-Remix so befeuert wie letztes Jahr ein gewisser Hamid Drake, werde ich in den Äusseren Hebriden das „Ego-Dumping“ vorantreiben. Das beinhaltet: in eiskalte Wasser springen, tagelangem Regen mit guten Anoraks trotzen, und im schwarzen Toyoten „Running On Empty“ von Jackson Browne spielen. Nach diversen Abenteuern gebe ich schliesslich meinem Navi eine Adresse in der Grafschaft Yorkshire an, und besuche einen alten Helden.

dass dort wenig zu finden ist, wo das grosse Geschwätz sich ballt – der gute Geschmack war schon immer ein Feind spannender Künste und Wissenschaften. Umso erfreulicher, wenn am äussersten Rande der Wahrnehmung seltsame Organismen auftauchen, die unser Herz höher schlagen lassen, jenseits aller ausgeweideten Themen (Liebe, Tod, midlife-crisis, Postmoderne). Also ein Hoch nun auf Band VI der „Erinnerungen eines Insektenforschers“. Vor 100 Jahren verstarb der außerordentliche Naturforscher und Literat Jean-Henri Fabre. Seine Aufzeichnungen sind reizvoller denn je. Dieser sechste Band enthält u.a. Episoden über den Mondhornkäfer, den Mistkäfer, das Heupferd, den Schmetterling, und bringt uns Lebewesen nahe, von deren Existenz wir schon nicht mehr wussten. Und wie schrieb mir eine Leserin nach der Lektüre: „Vergessen Sie den Distelfink!“

 
 
 

 

Zuerst dachte ich, es ist das falsche Buch für Gozo. Nach den ersten kleinen Wanderungen wusste ich, dass es genau das richtige war. In diesem wunderbaren Buch wird eine Szene geschildert, die sich mindestens zweimal vor Ort wiederspiegelte. Ein Vater segelt mit seinem Sohn im Golf von Mexiko.

Das Boot kentert, die beiden treiben im Meer, festgeklammert an den Rumpf. Es wird Abend als sich ein innerer Ring um die beiden legt. Delphine mit Sirenengeheul haben einen Kreis um sie gebildet. Das Meer leuchtet, man sieht einen zweiten Kreis, der sich um die Delphine bildet: Haie. So schützten die Delphine Vater und Sohn vor den Haien. So steht es in Karte der Wildnis.

Die Dörfer auf Gozo sind Rundlinge, umgeben von dicken Mauern. Meist folgt eine zweite Einfahrt durch ein Tor. Die Schutzwälle sind gut erhalten. Die Feinde hatten es schwer. An meinem letzten Abend besuchte ich in Valetta ein Ghfana-Folkmusicfestival.

Dort traf sich die nicht Englisch sprechende Bevölkerung und hörte ihrem Volksgesang zu. Meist traten 4 Sänger, mit drei Gitarristen als Begleitung auf. Die Männer schrien geradezu die balladenartigen Texte heraus, stark, stolz und stimmungsvoll. Die Türken hätten bei diesem „Angriff“ vermutlich freiwillig das Weite gesucht.

Um das ganze Festival etwas attraktiver zu machen, hatte man Musiker aus folgenden Commonwealth Laendern eingeladen. Aus Schottland die Band RURA. Sie treten klassisch mit ihrer highland based Music auf. Interessant ist, dass auch die Malteser den Dudelsack spielen. Von RURA gibt es zwei Alben: Break it up und Despite the Dark.

„Gritty melodie and emotive music“.

Aus Westafrika Jali Diabate. Er stellte zunaechst seine Kora vor. Die Kora ist eine 21 strings Harfe, die bestimmte Familien seit über 1000 Jahren spielen. Sie klingt wunderschön. Seine jüngste CD heisst: Silinka. Aus Indien das Indian Sitar Trio. Wer denkt da nicht sofort an die Beatles! („Norwegianwood“)

Wie wär’s, wenn wir mal die Griechen mit ihren Bouzoukis zu uns einladen würden, Herr Schäuble?

2015 15 Juni

Northside – Aarhus

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„In Denmark the breakfast is too complicated, cereal comes in
thimbles & you have to build your own teabags before suspending
them on wooden skewers on the lips of Zen white ceramic pots.
Build-a-breakfast, build-a-bear, save a life, save a love,
transmit. Relaxation is intense.“

(from Karl’s diary)

  1. Matana Roberts: Always (a solo alto saxophone album, released on a small label of enthusiasts, Relative Pitch Records, no overdubs, breathtaking recording quality, deep listening – the small problem is, you won’t get it in your local store, it’s a „killer“, believe me, and, for some strange reasons, Matana’s solo excursions remind me of the joyful intensity of Marion Brown’s „Geechee Recollections“)
  2.  

  3. David Torn: Only Sky (a solo guitar album that is so much more than a solo guitar album: a journey through textures, spheres, landscapes; blue moods of exstacy!)
  4.  

  5. Keith Jarrett: Creation (the most introspective solo recital since „The Melody At Night With You“, going to the essence without playing old games)
  6.  

  7. Lone Wolf: Lodge (an intense collection of songs, beyond the standard agenda of love lost and found; good to know there are still singers who listen to late-period Talk Talk)
  8.  

  9. Rickie Lee Jones: The Other Side of Desire (finally back, and in brilliant form, with lyrics that sound conversational, incl some special New Orleans vibes)
  10.  

  11. Paul De Jong: If (one half of the former „Books“ delivers a stunning collection of word-play, absurdity, and (not expected) sometimes heart-wrenching melancolia)
  12.  

  13. Ghost Harmonic: Codex (the violin in the machine, the in-between-world of hidden overtones and secret echoes – only for seconds, Brian and Arvo lurk around the corner)
  14.  

  15. John Potter: Amores Pasados (art songs, pop songs, who cares? Old Spanish poems and other sources – set into motion by two lutes and two singers. Captivating.)
  16.  

  17. Nils Okland Band: Kjolvatn (music from the woods, the hinterland, recorded in a Norwegian stone church. Quiet does it: the maestro of the Hardanger Fiddle crosses styles and centuries)
  18.  

  19. Geoff Barrow – Ben Salisbury: Ex Machina (brilliant soundtrack of a brilliant movie)
  20.  

  21. Achim Kaufmann: Later (solo piano again, done with intensiy, playfulness, a wide range of sources from Thelonious Monk to Syd Barrett, from Herbie Nichols to Bob Dylan – much more than simply decent, let’s call it „en passant-passion of highest order“!)
  22.  

  23. V. A. – Radio Vietnam (soundtripping through Eastern Radio, a roller coaster of sampling voices and sounds)

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