„Station Eleven“ ist wahrscheinlich das Letzte, was Sie jetzt sehen wollen. Und wenn es zu viel und zu früh ist, ist das auch richtig. Aber da wir uns an der Schwelle zum dritten Jahr der Pandemie befinden, könnte sich die Art und Weise, wie diese spezielle Geschichte den Blick auf das Ende der Welt neu gestaltet, als wesentlich erweisen. Die Episoden befassen sich nicht zu sehr mit dem Tod, mehr mit der Wertschätzung des Lebens. Das Motto der Traveling Symphony lautet „weil Überleben nicht genug ist“, und die Serie verkörpert diese Überzeugung. Wie bei „Lost“ und „The Leftovers“ ist die drohende Präsenz eines unsichtbaren Todes lediglich ein Mittel, um die Charaktere und uns alle, die wir zuschauen, zu einer tieferen Wertschätzung unserer Zeit auf der Erde anzuspornen. Gnade, Hoffnung und Ermutigung sind die grundlegenden Elemente von „Station Eleven“, die dazu beitragen, dass das, was eine sehr schlechte Idee hätte sein können, zu einer kathartischen Erfahrung wird.
(Ben Travers)
Das ist der von der Kritik schon lange vor der Pandemie gerühmte Roman, auf dem „Station Eleven“ basiert. Wie so oft, ist der Titel der deutschen Übersetzng etwas blumig geraten. Ich habe gestern abend die erste Folge von „Station Eleven“ gesehen, und war berührt und beeindruckt. Die Serie ist hierzulande bei amazon prime (starzplay) zu sehen, bislang die ersten drei der zehn Episoden, die alle wohl im wöchentlichen Rhythmus ins Programm genommen werden. Den Worten von Ben kann ich nur zustimmen – und möchte hinzufügen, dass in der ersten Episode – neben vielen Dingen – auch die Zusammenstellung der bewegten Bilder mit Instrumentalmusik und ausgewählten Songs exzellent ist. Der Dylan-Song am Ende von Episode 1 – Gänsehaut pur. Wenn die gesamte Serie das hält, was die erste Folge verspricht – chapeau!
Barring a trip to Asia you can engineer a total sense immersion in the comfort of your home. Get one or two of the Nonesuch CDs: Java: Court Gamelan or Bali: Gamelan & Kecak are good places to start.Then move your stereo into your bathroom, release 37 frogs and 100 crickets, run hot water until it’s nice and steamy, light a clove cigarette and start playing the CDs. Turn the shower on and off to simulate falling rain. Arrange for an occasional earthquake.
Du ahnst es, wenn du genau hinsiehst: die beiden Innenseiten (in Ausschnitten) einer Schallplatte. Aufklappbare LP, meist ein ästhetisches Plus. Diesmal dürfen keine Manafonisten mitraten. Um welches Album handelt es sich hier: Erscheinungszeitraum 2021 / 2022 – so weit grenze ich es ein. Es darf nur ein Tip abgegeben werden. Per comment, hier, keine Emails. Der Ratefuchs / die Ratefüchsin erhält das innerhalb der folgenden 12 Monate erscheinende neue Album von Brian Eno. Über das es noch nichts im Internet zu lesen gibt. Aber ich bin eine zuverlässige Quelle. Zudem, spätestens 7 Tage nach des Rätsels Lösung, zwei faszinierende Alben aus dem Hause ECM, die ich zufällig zweimal besitze: Michel Benitas „River Silver“. Ein Geheimtip. Und Keith Jarretts „Facing You“. Ein Klassiker. Nachdem ich einige Male überrascht wurde von den detektivischen Finessen einzelner Leser, habe ich dazu gelernt, und bin in meinen Rätseln auch etwas raffinierter geworden. Und dennoch kann das genaue Lesen dieses Textes (und Anschauen des Coversegments) die Lösung inspirieren. Wer nicht auf Brian Enos Album warten will, kann sich alternativ auch diese zu erratende Musik als CD wünschen. Ich gebe noch einen Hinweis: du kennst das Cover von Fleedwood Macs „Tusk“, nicht wahr?!
Immer auf der Suche nach dem Wunderbaren in der Musik, nehme ich gerne die eine oder andere Spur auf. Bevorzugter Trimm-Pfad sind nach wie vor gute Songs. Erstmal in der liederlichen Loipe drin, gerät das Geschehen schnell in Fahrt. Jüngst war es das neue Sting Album The Bridges, das bei mir erst mit dem zweiten Hören zündete, dann aber Feuer fing – einmal mehr bereichert durch das versierte, taktvolle Gitarrenspiel des Dominic Miller, das zwischen rockigen Tönen und klassisch zartem Arpeggio changiert. Es gibt ein Interview mit dem YouTuber, Musiker und Gitarrenlehrer Rick Beato, bei dem die Genannten zugegen waren. Dort kam Einiges zutage. Ich schrieb hier im Blog vor einiger Zeit über „Brückenbaukunst“, gemeint sind jene Elemente im Song, die zwei Ebenen verbinden. Sting erwähnte, dass es genau diese Brücken wären, die einen Song reizvoll machten. Ich stimme zu, bestes Beispiel: Steely Dan, ein vom schwarzgelb-gestreiften Bienen-Briten sträflich unerwähntes Duo. Egal, Lennon-McCartney wertschätzt der Sänger. Das Interview mit Beato ist auch deshalb gut, weil der Fragesteller selbst ein Analytiker von Songs ist, deshalb deren Innenwelt gut kennt. So würde er verstehen, warum ich seit Wochen einen Narren gefressen habe an „Harmony Road“. Jenes Stück beginnt im Fünf-Viertel Takt in D-Moll. Wunderbares Arpeggio-Spiel von Miller. Dann die Bridge (ich habe lange getüftelt) im Sieben-Viertel Takt mit Sopran Saxofon. Schlussendlich einen Halbton höher, dabei zurück zum Fünfviertel. Man versuche mal, das nachzuspielen: vom Sieben-Viertel ansatzlos und standfest zurück zum Fünf-Viertel. Sting, Miller und Kollegen meistern das.
Letter from Dieter Ilg (part one) Dieter Ilg: „Dedication“, Forest Kill text eins
OTON (1) Joona Toivanen Joona Toivanen Trio: „Both Only“, Direction
text zwei B1 – Kit Downes – Petter Eldh – James Maddren: „Vermillion“ (Ingo J. Biermann)**** text drei B2 – Hendrika Entzians Reihe „Was hörst du“ (Kit Downes) text vier Bill Carrothers – Vincent Courtois: „Firebirds“*, Circle Game
text fünf Avishai Cohen – Yonathan Avishai – Barak Mori – Ziv Ravitz: „Naked Truth“, Part II OTON (2) Ziv Ravitz
text sechs Wadada Leo Smith – Henry Kaiser – Alex Varty: „Pacifica Koral Reef“***, excerpt
text sieben B3 – Fazer: Plex (Niklas Wandt)** text acht Letter from Dieter Ilg (part two) Dieter Ilg:„Dedication“, Hamami (dedicated to Charlie Mariano)*****
the whole show:
Steve Tibbetts shares a memory on Henry Kaiser :
*This sublime session from pianist Bill Carrothers and cellist Vincent Courtois is the soundtrack for a quiet Sunday morning, when the electricity of the weekend is beginning to fade and the serenity of the morning sun splashes into the room. Melodies are offered up like colored balloons, which the duo then releases and sends drifting upward and away to the horizon.
(Dave Sumner, bandcamp)
**Formed by five musicians who originally met as jazz students in Munich, Fazer made a striking first impression with 2018’s Mara, a debut that somehow matched its Can-worthy polyrhythmic complexity and trumpeter Mattias Lindermayr’s forceful figures with a fluidity that evoked Ethiopian and Afro-Cuban jazz in equal measure. Their first for City Slang, Plex may be more restrained but still feels fresh thanks to Fazer’s savvy synthesis of normally disparate strains of jazz and to the players’ reverence for the spaces between the notes, a rather surprising quality for a group with two drummers and with plenty of firepower at their disposal.
(Jason Anderson, Uncut, March 2022)
***„Schnorcheln in der Salish Sea im Pazifischen Nordwesten ist ein täglicher Teil meiner eigenen Sommerroutine. Wie die Teilnahme an einer kollektiven Improvisation vermittelt es mir das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein, und das Bewusstsein, dass uns unter jeder Oberfläche seltsame Schönheiten erwarten – zusammen mit der Präsenz von Risiken und dem Beweis für die Zerbrechlichkeit des Lebens.“
(Alex Varty)
****Since signing with ECM Records a few years ago veteran British keyboardist Kit Downes has been showing off different sides of his musical profile, whether haunted solo pipe organ explorations or a moody electric chamber ensemble. His third album for the label offers yet another setting, but this one isn’t actually new. In the past his group with drummer James Maddren and bassist Petter Eldh released music as Enemy, but here the group is rebranded — perhaps to widen Downes’ portfolio — while pivoting from its old fusion-oriented sound for something more hushed. Still, it remains the work of a collective, as the bassist wrote as many of the tunes as the nominal leader, including the ravishing highlight, ‚Class Fails‘. It’s a delicate recording where the tactile cymbal play of Maddren is heightened and the percussive snap of Eldh is muted, so in some ways the name change makes sense. There’s an emphasis on balladry, with each part of the triumvirate pulling out subtle melodic threads from the written themes like a magician, only for them to seemingly vanish as quickly as they appeared
(Peter Margasak, The Quietus)
*****just think about some of the great albums Charlie Mariano was an essential part of – some other bass players’ works come to mind, f.e. Charles Mingus, The Black Saint and The Sinner Lady, or Eberhard Weber‘s Colours, Yellow Fields)
Mit 2021 ist ein Jahr voller Denkwürdigkeiten ist zu Ende gegangen, ein Jahr, das aber wieder sehr viel Wunderbares hervorgebracht hat. So blicke ich nun etwas verspätet zurück. Als ich auf meine Auswahl der Highlights des Jahres schaute, fiel mir auf, wie sehr mich noch das Instrument, das ich über viele Jahre erlernt und studiert habe, das Klavier (hier aber im weitesten Sinne auch mit den elektronischen Tasteninstrumenten) und die Erforschung seiner Grenzen fasziniert. Das beginnt mit Nik Bärtsch, dem absoluten Highlight des Jahres und geht über Ayumi Tanaka, Hafez Modirzahdeh, Kit Downes und dem fantastischen Reissue von Morteza Mahjubi zur mehr elektronischen Seite mit Richard Barbieri, Arushi Jain, Sunroof bis zu dem fast transzendenten letzten Werk von Pauline Anna Strom. Bei den Grenzüberschreitungen sind gerade auch Erkundungen jenseits der für westliche Musik so gesetzten temperierten Stimmung äußerst spannend. Auch wenn sie beim ersten Hören oft etwas dissonant und gewöhnungsbedürftig klingen mögen, lohnt es sehr hier die Ohren zu öffnen.
Nik Bärtsch – Entendre
Floating Points w/ Pharoah Sanders and The LSO – Promises
Bei den Wiederveröffentlichungen findet sich wieder einiges Japanisches, z.B. von Eitetsu Hayashi, einem der Köpfe des späteres Ondekoza Ensembles, der seine Musik in einer recht ungewohnten Art rhythmisch denkt über Motohiko Yamase, dessen Fourth-World-Vision aus japanischer Perspektive noch einmal neu eingespielt wurde bis hin zu dem YMO-Mitgründer Yukihiro Takahashi, dessen programmatisches Neuromantic nun wieder verfügbar ist.
Benjamin Lew & Steven Brown – Douzième journée — leverbe, la parure, l‘amour
Chris Carter – Electronic Ambient Remixes One
Motohiko Yamase – Reminiscence/Intaglio
Morteza Mahjubi – Selected Improvisations From Golha, Pt. 1
Yukihiro Takahashi – Neuromantic
Radiohead – Kid A Mnesia
Dunkelziffer – In The Night
King Crimson – USA
Als für mich neue Kategorie für den Blick zurück will ich einige meiner Abendlektüren aufführen, die mir beim Lesen und Studieren viel Freude bereitet haben und mich nach getanem Tagewerk noch erfrischen und inspirieren konnten.
Michael Spitzer – Eine musikalische Geschichte der Menschheit
Es gibt zwei Arten von Reggae- und Dub-Alben, die aus der Vergangenheit kommen. Die einen kannten wir bis dato einfach nicht, und die anderen sind einfach nie erschienen. Letzteres passierte mit dieser LP, die von Anfang an kein einziges schummriges Licht irgendeines schummrigen Plattenladens gesehen hat. Leonard Dillon, alias der Äthiopier, war ein musikalisches Schwergewicht, und es ist Zeit, ihn zu entdecken. Seine Stimmte, auf deren Beschreibung wir einfach mal verzichten, um uns das Leben leichter zu machen, tauchte schon 1960 auf, Peter Tosh war beeindruckt, und bald sang er Songs in Sir Coxsones Studio, hier und da begleitet von einem gewissen Bob Marley. Der Mitbegründer von Nighthawk und ursprüngliche Produzent des Albums, Robert Schoenfeld, wollte Dillons Magie einfangen, bevor sie nur noch auf wenigen Sammlerstücken aus uralter Zeit zu finden war, nah am Vergessen. Also wurde eine erstklassige Crew zusammengestellt, u.a. mit dem grossartigen Gitarristen Lyn Taitt. So viel unveröffentlichte Musik, und ich kam in den letzten Tagen nur zu gern auf Schoenfelds Aufnahme von The Return of Jack Sparrow zurück, die traurigerweise dreissig Jahre lang vollkommen verloren in einem Londoner Archiv vor sich hin dämmerte. Dabei klingt sie für uns heute so, wie ein anderer Reggae-Freund schreibt, „als wäre sie in den glorreichen analogen Tagen der 1970er Jahre entstanden, ohne die dynamische Kompression und die dünne, eindimensionale Darstellung, die so typisch für Pop-Platten der späten 80er und frühen 90er Jahre sind. Diese LP wurde von Jeff Powell von Take Out Vinyl in Nashville gemastert, dessen Unterschrift auf dem totstillen „Wachs“ hunderter herausragender Vinyl-Veröffentlichungen zu finden ist, darunter auch der Rest der Nighthawk-Serie von Omnivore. Powells exzellenter Lackschnitt, den er mit seiner eigenen, sorgfältig eingestellten Neumann VMS 70-Drehmaschine ausgeführt hat, und die flache 150-Gramm-IRP-Pressung bedeuten, dass dies die Art von Vinyl ist, die sich weit öffnet und nicht an den unteren Frequenzen spart.“
Man muss sich nur mal diesen kurzen, zusammengestückelten Konzertausschnitt anschauen. Unabhängig von der Aufnahmequalität kommt hier etwas rüber, das mich ungemein inspiriert und anstachelt. Nicht nur Ziv Ravitz‘ antizipatorisches (und bisweilen orientalisches) Rhythmusgefühl, nein, auch in Dominic Millers Spielweise höre ich viele Elemente, die ich als besonders empfinde: Präzision, Kraft, Witz, funkyness, der Klang der Konzertgitarre. Precious moments – far beyond anyone to blame.
Maria Callas höre ich gerne an verregneten Sonntagmorgen, wenn die Sternstunde Philosophie wegen der Themenwoche ins Wasser fällt. Die Callas verspricht Drama und Tragödie, sie ist die von Richard Wagner modellierte Sängerin für seine Opern. Ihr Stimme ist hart wie Hera, Maria mochte sie selber nicht besonders. Mit ähnlich faszinierendem, antiwarmem Timbre sang Maria Farantouri, als ich vor ein paar Jahren in ihrem Konzert in Athen war. Diese beiden Divas sind von einer unnahbaren Entrücktheit, die bei mir Ehrfurcht auslöst. Hier in Paphos erlebe ich in den lokalen Clubs meist sehr talentierte Bouzouki Spieler, die meist Sängerinnen im Rembetiko Style begleiten. Auf die Dauer wirkt diese Musik auf mich etwas eintönig, vergleichbar einfallslos wie das Essen hier. Gestern Abend war allerdings ein hoch diffiziles, dramatisches Tanz-Geschehen auf dem Town Hall Square. Zu allen möglichen Musikgenres wurden exzellente Tänze aufgeführt. Ich konnte mit mehreren Zyprioten ins Gespräch kommen. Und alle antworteten auf meine Frage, wer ihr Lieblingssänger sei mit: Pantelis Pantelidis.
Ich hörte mir auf YouTube das Stück „Ginete“ an. In der Pubertät wäre ich ihm verfallen und hätte tief geschluchzt. Er ist mit nur 32 Jahren vor einem Jahr bei einem Autocrash ums Leben gekommen. Einige nannten Remos Antonio und Chatrigianis. Ich habe diese beiden Musiker nicht im Netz gesucht, aber eine zypriotische Sängerin, die in Paris lebt und hier als Gast auftreten wird. Ihre Stimme ist sensual wie velvet, ihre Feelings weich wie Feigen. Sie heisst Vakia Stavrou. Für mich ist sie eine schöne Entdeckung. Natürlich muss hier Eleni Karaindrou genannt werden. Meist lief auf meinem Tablet ihr für den Film Ulysses Gaze komponierter Soundtrack: Ulysses. Ein klarer Klang wie die Luft im Trodoosgebirge. Ein Jungferngrauenerlebnis hatte ich in einer englischen Bar mit Karaoke. Die Engländer besetzen die Küstenstreifen immer noch und liefern sich an den noch kühlen Abenden diese Singerwettstreits. Deep Purple, U2 und Dannyboy waren die Hits. Als ich aufgefordert wurde, auch mal zu singen, winkte ich scheu ab. Später dachte ich nach, was ich gesungen hätte: den Beatlessong „A Day in the life“ oder „Don’t forget to dance“ von den Kinks. Und Ihr?