Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Michael Rothers Musik ist nie so richtig an mich rangegangen. Noch während meiner Schulzeit spielte meine damalige Freundin mir Flammende Herzen vor, ganz nett, aber irgendwie zu glatt. Das ging mir bei den folgenden Alben auch so (allein schon die Titel …) und wurde sogar eher distanzierter, bis ich Harmonia entdeckte, was Michael Rother gleich rehabilitierte. Aber selbst bei seinem letzten Soloalbum Dreaming fiel mir selbst das Einfühlen schwer. So hörte ich mehr wegen des Covers in sein neues Album zusammen mit der italienischen Elektronikmusikerin und Partnerin Vittoria Maccabruni hinein. Diesmal brauchte es nur ein paar Sekunden, um mich völlig zu packen: bereits das Intro von dem Eröffnungsstück Edgy Smiles führt direkt ins Zentrum der Magie dieser Musik. Der Beitrag Vittoria Maccabruni’s gibt den Stücken eine untergründige Rauheit, subtile Kanten und mitunter fast geisterhafte Räume, in die sich der Gitarrensound Rothers fließend einfügt und über diesem Kontext ganz neue Konturen annimmt. Kommt Exp 1 noch in eigenwilligem Flow herbei, verlieren sich in den weiteren Stücken jegliche konventionelle Songstrukturen, es treten seltsam treibende Rhythmen in Erscheinung, die noch während des gleichen Songs im Kopf ihr Eigenleben entfalten, kriechen Ghostnotes aus dem Hintergrund und bringen eine Magie des Kathartischen hervor, der in Stücken wie Forget This und Codrive Me beklemmend rituelle Gegenräume entwerfen, intensiv und surrreal. Im finalen Happy (Slow Burner) setzen Rother und Maccabruni als veritable Krautwizards einen sehr vielschichtigen und skurrilen infiniten Punkt, der schnarrend entschwebt. As Long as the Light …

 

2022 21 Jan.

Ein Morgen im Pelourinho

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An diesem Vormittag war es in der Altstadt von Salvador im brasilianischen Bundesstaat Bahia besonders heiss. Der Karneval war vorbei, trotzdem Trubel in der Cidade Alta, dem afrikanisch geprägten Stadtteil, in dem es vor Zeiten noch Sklavenhandel gab. Die Sonne brannte und die Luft war seltsam stickig schon am Morgen. Es dröhnten Ghettoblaster, ja sie krähten geradezu schrill aus nahezu jedem Fenster der alten barocken Häuserfassaden. An einer Strassenecke tanzten Capoeira-Tänzer Flick-Flacks, begleitet von Congas, Bongos und Berimbau. Bewundernswert durchtrainierte Körper, ehrfürchtiges Staunen. Peter hatte auf dem Randstein des grossen Brunnens Platz genommen, inmitten des historischen Zentrumplatzes, um erst einmal Orientierung zu gewinnen, so früh am Tag. Eine junge Prostituierte setzte sich zu ihm, er kannte sie vom Sehen, sie wohnte unweit seines Hotels am Praça da Sé. Die beiden beobachteten das Treiben ringsum und plauderten, soweit sein holpriges Portugiesisch es zuliess, begleitet vom Plätschern der Fontäne des Brunnens. Er zog es dann aber vor, der verlockenden Einladung dieser hübschen Mulattin nicht zu folgen, mit auf ihr Zimmer zu kommen. Am Ende ohne Hose dastehen und schlimmer noch: auch ohne Schecks und Passport? Das erste Mal auf einem anderen Kontinent, wollte er sich lieber nicht gleich zum Idioten machen. Ausserdem war da seine Freundin Monica, auch wenn es gerade kriselte. So schlenderte er ein wenig ziellos weiter. Vielleicht links hinunter nun, den bekannten Weg, dann mit dem Fahrstuhl herab zum Mercado Modelo? Direkt vor vor ihm diese prächtige Kathedrale, die Tür der Kirche stand offen, der Innenraum lockte mit Stille und Kühle. Eine kleine Gemeinde hatte sich zur Andacht versammelt, die vorderen Plätze waren gefüllt. Peter setzte sich behutsam in die Bank dahinter, nahm kontemplierend teil. Nach dem Gottesdienst erhob sich die Dutzendschar der Einheimischen, die Reihe vor ihm drehte sich geschlossen zu ihm um, nacheinander reichte man ihm freundlich die Hand. Voller Erstaunen fühlte er sich angenehm geerdet und gar nicht wie ein Tourist aus Europa: man hiess ihn hier auf wohltuende Weise willkommen. Am gastfreundlichsten waren jene, die wenig hatten, das lernte er auf dieser Reise immer wieder kennen. Und wo man am wenigsten „ich“ war, dort kam man oft unverhofft zu sich. Er trat vor die Kirchentür, blinzelte in die Sonne, eine Brise wehte vom Meer her. Der Tag hatte eine frische Färbung bekommen.

 

2022 19 Jan.

Ins Rom der Neuzeit

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Irgendwann fiel der Groschen, „klick“ machte die Münze und im Schubfach befand sich die Ahnung: die Charakterstrukturen im Milieu wohlhabender Familienunternehmen sind überall gleich. Es war der Moment, als Kendall Roy eine Geburtstagsparty feierte. Der erste Sohn aus zweiter Ehe war dem patriarchal-cholerischem Vater Logan inzwischen abtrünniger Gegenspieler geworden, ohne das hier der Ödipus-Komplex zum Tragen käme, nein, eher die Annahme, der Vater sei böse und er ein besserer Mensch. Schwester, Brüder, Anhang, der ganze Schlangen-Tross erscheint ungeladen auf seiner aufgemotzten Feier, die Schwester blickt sich enttäuscht um in der rammelvollen Bude: „Is anybody here?“ Nein, Schwesterlein, das Väterchen ist gerade abwesend, doch mit seinem Geld hat er euch Kinder längst korrumpiert, geopfert auf dem Altar seines Narzissmus: „I win!“. Keine der Serienfiguren ist sympathisch, aber alle sind interessant und auf tiefgreifende Weise miteinander verwoben. Das zu verfolgen, macht grossen Spass. Wer gerne bei Sigmund Freud in den neurotischen Symptomgeschichten stöberte, der wird hier fündig. Die Spannung liegt eigentlich in der permanent sich fortspulenden Gegenwart köstlich verdorbener Dialoge vor dem Hintergrund delikater Schauplätze. Der jüngste Filius pflegt eine leicht SM-gefärbte, uneindeutige Liaison zur Jahrzehnte älteren Generalkonsulin, könnte dabei doch jede junge Schöne haben. Der Vater raunzt ihn an: „Are you scared of Pussy?“ Zu diesem bilderprächtigen Feuerwerk einer Familien- und Firmenaufstellung wäre noch Vieles zu sagen. Vielleicht auch, weil es dann doch, trotz aller Klassenunterschiede, mit dem eigenen Leben zu tun hat. Sex, Brot und Videospiele – das Rom der global-medialen Neuzeit heisst New York und ist an jedem anderen Ort der Welt zu finden.

 

2022 17 Jan.

Straßen ins Nichts

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Bruma heißt auf Deutsch Nebel. Er kann hier plötzlich auftreten und ins Nichts führen. Heidegger spricht von „in das Nichts hineingehalten.“ Das Sein erlebe ich im Bruma aber besonders intensiv. Das vollkommene Nichts assoziiere ich mit dem Schwarz von Malewitsch. Im Bruma gibt es immer eine Ahnung von Licht, eine Schärfung der Sinne im „leeren“ Raum. Die Zeit gewinnt an Bedeutung. Es gilt abzuwarten, wann der erste Schritt zu wagen ist. Die Leere auszuhalten, bis sich die Tafeln mit farbigen Teilchen füllen, ist ein magisches Spektakel.

 

2022 16 Jan.

Soho Farewell

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2022 16 Jan.

„Coco“

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„One of the great things about the Get Back documentary was, as a father of a four-year-old, I was excited that there was finally something on Disney+ for Dad to watch. One of the other things I discovered there was the movie Coco, which I was late coming to. I’ve now seen it probably 100 times with my son and I’m still not sick of it. It’s particularly in my wheelhouse because it’s about life and death and manages to connect the two in a beautiful, really moving way. I honestly think it’s one of the best movies ever made.“

(Mark Oliver Everett)

2022 16 Jan.

Klöppeln

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Über den lesenswerten Newsletter von Sasha Frere-Jones bin ich auf dieses Video gestoßen, das mich seltsam anrührt, auch wenn ich fast kein Wort verstehe. Toll wäre es, einer Feldaufnahme aus so einer Werkstatt zu lauschen – ich befürchte nur, dass es die gar nicht mehr gibt.

 

2022 15 Jan.

Stille Tage auf Sylt (1)

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Es ist eine interessante Arbeit, die JazzFacts zu gestalten.  Nachdem der „Baukasten“ der Sendung mit Hilfe einiger Hörer konkrete Gestalt angenommen hatte, aus einer ganzen Reihe spannender neuer Produktionen ein paar der Kohärenz des Ganzen geopfert werden mussten („killing your sweetest babies“ – sorry, Steven Bernstein, sorry, Tim Berne), die drei Beiträge geklärt waren, begann das „sequencing“, das heute morgen eine weitere Volte erlebte: ich tauschte die Plätze von Niklas‘ Suche nach den Bertriebsgeheimnissen des Münchner Quintetts „Fazer“ mit meiner Vorstellung des wunderbaren „Korallen-Trios“ von trumpet magus Leo Smith (80 Jahre jung, ultraproduktiv) mit zwei Gitarristen. Vor dem Finale mit „Dedication“ werden also drei Trompeter den Ton angeben – unterschiedlicher können Trompetenhorizonte kaum sein.

 

Der ganze Plan bekam vor einer Woche einen zusätzlichen Kick, als  das Basssolowerk von Dieter Ilg in der Post lag, und ich ganz und gar beeindruckt von der Musik, über Michael Gottfried, den Kontakt zum Künstler herstellte. Meine Fragen beantwortete er schriftlich. Kein Problem, wir haben gute Sprecher im Sender. Aber was für scharfe, gewitzte Antworten das waren – Dieter Ilg nimmt kein Blatt vor den Mund, und zwei Passagen seines „Briefes“ bilden den gelungenen Rahmen dieser Jazzstunde. Und es beginnt wie in einem Film: jemand erzählt, der sich „Einzelwolf“ nennt, lässt seine  Worten Töne folgen … und wir sind mitten drin im Geschehen.

 

Und dann der schöne Übermut in Zeiten blitzschneller Kontaktmöglichkeiten. Ich mailte Steve Tibbetts die „Korallenmusik“, und bat ihn – vorausgesetzt er habe Zeit (er hat derzeit sehr wenig), und fände grossen Gefallen an diesen mäandernden Gitarrensounds von Leos Reise zum Pazifik – mir seinen Höreindruck zu schildern. Vom Schlagwerker Ziv Ravitz wollte ich auch gerne was wissen, fand seine Adresse im Netz, formulierte knapp gehaltene Fragen ins Blaue („Naked Truth“ hat gewiss einen magischen Mehrwert – aber fassen Sie den mal in Worte, ohne Poesie). Und dann nahm ich mir spasseshalber noch die originelle wie wimmelbildfeudige Website von  Bill Carrothers vor, bat auch ihn um ein „audio-file“ zu meiner Frage, worin denn die Eingebungen des Augenblicks bestanden hätten, als er sich in der Provence mit Vincent Courtois Joni Mitchells „Circle Song“ zugewandt hatte, ein Song, der vielen eine Menge bedeutet.

 

Aber auch, wenn bis zur Produktion am frühen Morgen des 3. Februar keiner der Drei Laut gibt – es ist einfach ein gutes Gefühl, konzentriert dieser Handvoll Platten der kommenden Ausgabe mit Neuem von der improvisierten Musik ausgiebig zu lauschen, hier und da kleine Texte dazu zu verfassen, und ganz beiläufig darauf gefasst zu sein, kleine Audiodateien aus der weiten Welt zu erhalten. Aber warum so weit in die Ferne schweifen, ladies and gentlemen – die Post des „Einzelwolfs“ (aka Dieter Ilg) liess keine Wünsche offen und überraschte zudem. Zum Ende hin fragte ich ihn, wie es ihm denn an jenem Tag ergangen sei, als „Dedication“ seinen letzten Schliff erhalten hatte, und er antwortete:

 

„Auf dem Nachhauseweg stromerte ich an den Hängen des Schwarzwaldes entlang und siehe da. Meine gute Stimmung nach produktiver Arbeit verleitete mich etwas vom Weg abzukommen. Nein, Rotkäppchen lief mir nicht über den Weg. Aber einige Prachtexemplare von Steinpilzen lockten mich down, Verzeihung, zogen meine Blicke an, und verkündeten wohlschmeckende Berichte aus den Mysterien des Myzelreiches. So stieg ich hinab in die Untiefen des Pilzglücks und widmete mich stundenlang den Fruchtkörpern irdischen Glücks. Carlos Castaneda wäre neidisch gewesen.“

2022 14 Jan.

Plex / Perplex

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Die Musik des Münchner Quintetts Fazer packt mich wieder und wieder, aber warum. Ganz nett, werden manche nach kurzem Reinhören sagen, aber, nein, nein, das ist  nicht einfach nur nice. Vielleicht sind diese, jedem Extrem, Exzess, jeder ausladenden Emotion widerstehenden, Kompositionen von „Plex“ deshalb so faszinierend, weil alle Bausteine der fünf Freunde so lebendig ineinander greifen, so trickreich verschachtelt sind. Ich bin positiv ratlos. Wie eine verlockende Schnitzeljagd aus einem Abenteuerbuch für Gross und Klein – Enid Blyton-Jazz 2.0. Schliesslich kommt in Niklas‘ kleiner Radionummer auch eine richtige „Schwiegeroma“ vor. Man kann die LP sogar nachts hören. Wer hat die schönste Sentenz parat für dieses Album? Ghostwriter für eine Satz gesucht! Von ferne kommt mir Volker Kriegels Mild Maniac Orchestra in den Sinn. Mild maniacs…

 


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