Manafonistas

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Aber beim Hören von „Royce Hall 1971“ macht sich ein seltsames Gefühl breit. Zuerst weiß ich nicht, was es ist, aber nach einer Weile dämmert es mir. Es sind Neid und Missgunst gegenüber dem Publikum. Sie sehen Neil Young dabei zu, wie er sich durch eine Setlist kämpft, die die meisten seiner Fans gerne in einem intimen Rahmen hören würden. Sie sehen ihm dabei zu, wie er selbstbewusst, aber auch etwas schüchtern auftritt. Er weiß, dass diese Songs zu den stärksten gehören, die er je geschrieben hat, aber „Harvest“ ist noch ein Jahr entfernt, also ist er etwas zurückhaltend. Neil Young wird auch nicht von jemandem begleitet. Er hat nur seine Gitarre zwischen sich und dem Publikum. Das ist wunderbar zu hören. Und genau deshalb ist „Royce Hall 1971“ ein bemerkenswertes Album. Ja, wir haben all diese Songs schon einmal gehört, aber nicht so wie hier.

(Nick Rosenblade, translated with care and artificial intelligence)

 

Well, folks, my first trip to America, and I was there, at Royce Hall, January 1971 (the oldest building of the university of California), bloody young me, still at highschool in Germany. Most of the guys around me were students, one was a professor with long white hair, and another one looked like Bobby Zimmerman‘s younger brother. I was quite unhappily in love, a priest‘s daughter named Regina. My first poems were for her, it was too early for mixtapes, and my biggest success was being allowed to kiss her fifteen minutes long in her room while Genesis‘ „Foxtrot“ was running in circles. The longest and the best kiss I remember from the very early 70s. But now I was in America and sitting in Royce Hall, and I was melting. Can anyone imagine what a rush of feelings blew my mind and soul when listening to Bernie Grundman‘s mastering of that concert in dead silent vinyl. In contrast  to the intimacy of „Hitchhiker“, recorded in a small wooden barn, five years later, you can hear the wide, wide space of „Royce Hall“. And, in the center of a cheering audience, this master of songs. „What is the colour when black is burned?“ I remember the river of tears running down my cheeks. Quiet tears, of course, and it all turned magic when a dark haired beauty suddenly turned to me, wiped off my ridiculous tears and then took my hand for a small unreplaceable eternity. (m.e.) 

 

 

„One of the joys of Licorice Pizza is the way that things just happen – bizarre incidents that seem to go nowhere, elaborate set-ups for punchlines that never come – yet they leave you hooked from start to finish. Anderson depicts ’70s Californian suburbia as the last hurrah of ’60s naivety, and the soundtrack – Taj Mahal, Wings, yet another sublimely counter-intuitive Jonny Greenwood score – adds to the sometimes perplexing magic. It’s a joy, and the sort of film that like a great LP – it’s named after a Californian record store – you’ll want to play over and over.“

(Jonathan Romney)


Am besten den Film sehen, ohne sich vorher „schlau“ zu machen. Wäre eher doof, sich nicht überraschen zu lassen. Und wie leicht könnte man sich verzetteln, im Vorfeld, bei all den Verweisen und Anspielungen. Hintergrundinformationen können das Erleben torpedieren. Wer nur auf den Subtext aus ist, verliert den Thrill aus den Augen. Ein neuer Lieblingsfilm? Viellecht – abwarten auf das zweite und dritte Sehen. Aber – was für ein Sog! Und doch die alte Story: boy meets girl (or woman.) In altem Breitwandformat gedreht, was auch nicht mehr viele Kinos zeigen können,  und eine grossartig verwirbelte Geschichte. Wir sind in den Siebziger Jahren. Im Valley. Und, meine Güte, es ist eine ganz besondere Welt mit vielen Details aus der damaligen Zeit. Eine Inspiration fraglos „American Graffiti“. Und wie hat sich wohl die enorme Menge des Materials auf den Schreibprozess augewirkt? 

 

„Hier geht es definitiv nicht darum, zu schreiben und zu sehen, wohin es einen führt. In diesem Fall habe ich tonnenweise Munition und einzelne Teile, über die ich lange, lange Zeit nachgedacht habe, und ich habe versucht, lange darüber nachzudenken, bevor ich anfing, etwas darüber zu schreiben, was ein ziemlich gesunder Weg sein kann, wenn man die Geduld aufbringen kann. Normalerweise will man an Heiligabend einfach nur seine Geschenke aufreißen. Ich war diszipliniert und habe mit der Niederschrift gewartet, bis ich es mehr oder weniger durchdacht hatte. Der Trick dabei ist, dass man immer noch einen gewissen Spielraum für Entdeckungen haben muss, denn was nützt das sonst? Ich würde mich langweilen. Ich skizziere es nicht wirklich und setze mich hin und schreibe. Ich arbeite aus dem Gedächtnis und in Gedanken. Ich erinnere mich daran, was passieren muss: Ich muss von hier nach hier kommen, es gibt diese Episode, die ich interessant finde. Worauf steuere ich zu?“

(Paul Thomas Andersen)

2022 12 Juni

A new neogenerative Brian Eno movie

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Auf seiner Website kündigt Gary Hustwit, der schon den wunderbaren, hier mehrfach erwähnten Film über Dieter Rams gedreht hat nun für nächstes Jahr einen höchst komplexen, mit speziell dafür entwickelten Generative Technologies, Film über Brian Eno an. Vielleicht eher ein der Musikproduktionsweise Eno‘s analoges visuelles Pendant, das auf über 400 Stunden im wesentlichen unveröffentlichtes Material zurückgreift, das Brian Eno dafür mit zur Verfügung gestellt hat. Eine angekündigte Erweiterung des Erlebnishorizonts.

 

2022 11 Juni

„Impressionen mit verrücktem Pferd“

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Wir sind früh da und hocken lange draussen in der Sonne. Die Bob Dylan- und Neil Young-Bootleg-Experten reden sich die Köpfe noch etwas  heisser. Man kanns auch übertreiben, Jungs! Dafür finden wir weit vorne Platz in der Laxness-Arena. Es tut sich was. Die verrückten Professoren hadern noch miteinander, beim Fabrizieren bzw. Errichten der überlebensgrossen Pille, die letztendlich wie ein Mikrofon ausschaut, dieweil einer der grössten Songs des 20. Jahrhunderts, „A Day In The Life“ ertönt, und das leitet die Zeitreise ein, die schon begann, als ich während der Hinfahrt, nichtahnend, „Sgt. Pepper in Mono“ spielte, und dann betritt die Combo der vier alten Männer die Bühne, und das „verrückte Pferd“ feuert aus allen Zylindern.

Wie Neil Young sich ans verwitterte Saloon-Piano setzt, und anmutig von einer verlorenen Seele singt, und, mitten in all den erfolgreichen Raubzügen in der Ursuppe der Rockmusik, auch mal für eine Weile in alten „Harvest“-Zeiten andockt.

Wie Neil auch nach diesem akustischen Mittelteil in aller Ruhe am Klavier den rechten Schuh zubindet, über die Bühne schlendert, und dann mit drei harten Akkorden das nächste, elektrische Songgewitter einleitet.

Roll another number  – dieser schleichende Rocker erlaubt sich ein paar sentimentale Zeilen und rockt das Pferd. „Tomorrow is a long time when you’re a memory“ singt er an anderer Stelle, und die Hörer, die Neils Musik gut kennen, wissen, dass sich hier alle auf einem Trip befinden, dessen Quellcode in den dunklen Mittsiebzigern liegt, als Neil Young mit einigen Illusionen der Ära aufräumte und all jene Fans vergraulte, die nur zu gerne altem Sanftmut, alter Nostalgie erliegen. No way. Aber mit Traumstoffen spielen – gerne.

Das nächste Soundgewitter folgt und legt das Finale des Liedes über verlorene Illusionen, „Walk Like A Giant“, in Geräusch und Asche; auf einmal hören wir virtuellen Platzregen niedergehen, und wie einst erschallt überall „more rain, more rain“.  Die „Alchemy“-Tour ist in ihrem Element. Diese Musik ist, zum Glück, nicht ungefährlich.

Crazy Horse hauchen jedem „fuckin‘ old song“ neues Leben ein, und wenn „Heart Of Gold“ ohne jede Brechung, akustisch und sanft ertönt, ist klar, dass hier ein alter Traum nichts als eine Seifenblase ist, die am Ende genau das macht, was Seifenblasen machen.

Das Gesicht von Neil Young ist eine „schöne Ruine“, sein famoses Spiel auf der E-Gitarre lässt immer neue Winkel einstürzen.

„Hey hey, my my, Rock’n Roll will never die“ – Die Beschwörung. Es wird geschrien und geflüstert. Die gereckten Hände der ersten fünfzehn Reihen im Innenraum vollführen einen organischen Tanz, das „verrückte Pferd“ erzittert! Jede Improvisation geht Risiko.

Ja, überlebensgross, die Marshall-Amps,  aber die ganze Performance ist das Gegenteil eines gigantischen Spektakels: vier Männer, einer mit Hendrix auf dem T’Shirt, sind sich der Brüchigkeit von Allem bewusst, manövrieren wie Zeitgeister zurück in die Zukunft. Das Wilde ist keine Geste. Jeder falsche Ton genau der richtige!

Das Feuer brennt noch. Papierfetzen fliegen über die Bühne. „Everybody knows this is nowhere.“

Und wie wohltuend, viele Jahre später, im Sommer 2022 in einer in Aufruhr empfindlichen Welt, zu erfahren, dass Gudrun und Hansjörg auch da waren, im Juli 2013, irgendwo hinter uns im weiten Rund. Hätte ich davon gewusst, hätte ich dreimal laut ihre beiden Namen gerufen: Risiko – ein paar „falsche“ Gudruns und Hansjörgs hätten sich wohl auch gemeldet. Da waren Tausende. Bald sind wir wieder in der Arena, mit Nick Cave & The Bad Seeds – und Masken!

Wer wissen will, wie das Pferd damals schnaubte: ich empfehle die Vinyl-Ausgabe von „Psychdelic Pill“.

 

2022 10 Juni

Aus der Eifel

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(für Gudrun und Hansjörg, die ich danach besuchte, wunderbares „Wiederwiedersehen“, gute Gespräche, herrliche „Mörderwanderungen“ usw.) 

Die Landschaft drängt sich nicht auf (das wird, später im Jahr, am Chiemsee, anders sein) – in aller Ruhe suchte ich mir zwei ruhige Zielpunkte. Im Toyota lief Neil Youngs „Roxy“, ein begnadeter Aufritt in Miami Beach. Crazy Horse bot die Musik von „Tonight‘s The Night“ erstmals vor Publikum, und so verstörend etliche Songs waren, für den nostalgischen Teil des Publikums, sie spielten mit Lust und Wucht – pure Katharsis, Trauerarbeit im Gewande eines Rock‘n‘Roll-Rausches!

Zuerst fuhr ich viele hügelige Landstrassen rauf und runter, nach Steineberg, und parkte dort mein Auto. An der Vulcano-Plattform sassen ein paar Wanderer in munterem Gespräch, ich begrüsste sie, und sagte, sie sollten sich nicht stören lassen. Ein kurzer Blick in den Reiseführer, dann schaute ich zum Turm hoch, und fragte, in eine kurze Stille hinein, ob man all die Treppen unfallfrei hochkäme (die Konstruktion wirkte leicht verwittert, eine Metallabsperrung vor dem Aufgang war roh abgerissen worden). Es entwickelte sich ein freundliches Geplauder, und als die Gruppe zu ihrem nächsten Ziel aufgebrochen war, bestieg ich den Turm (und fühlte mich von ferne an „Myst“ erinnert, fast das einzige Videospiel, das ich eine Zeitlang mal gern gespiel habe), und  liess den Blick ins Weite schweifen.

 
 

 
 

Als nächstes fuhr ich zum Ulmener Maar, mit rund  11000 Jahren angeblich der jüngste Vulkansee Deutschlands. Nach einer Weile setzte ich mich auf eine Bank, und las in meinem e-Book, wie sehr Cliff Richard auch nach Jahrzehnten noch sein Beatles-Trauma pflegte. (Manche Menschen machen sich dermassen klein, indem sie an konfektionierten Verbitterungen festhalten.)  Das Ambiente hatte hier nichts Weltabgewandtes, man sieht das angrenzende Städtchen, und auf einer Anhöhe die Überbleibsel einer alten Burgmauer – die Oberburg galt seit 1150 als Stammsitz der Ritter. Früher, als ich noch eine Pistole am Gurt trug, und die Natur erkundete, ging es abenteuerlicher zu. Unvergessen, der Regentag im Schwarzwald, als ich mit Cowboyhut und Halstuch, von Pfütze zu Pfütze sprang, immer bereit, mich, wenn sich ein Gangster nähern sollte, in den Matsch fallen zu lassen und aus der Hüfte zu feuern.

Die Lady, die auf der anderen Bank Platz nahm, war vielleicht Mitte 40, hatte langes braunes Haar, und suchte offenbar meinen Augenkontakt. Auch hier entwickelte sich erstmal der übliche small talk unter Fremden, der etwas persönlicher wurde, als sie sich wiederholt an den Nacken griff, und eine kurze sichtbare Anspannung ihrer Stirn auf Schmerzen deutete. Als ich sie darauf ansprach, entgegnete sie mit einem Lächeln: „Eher eine schmerzhafte Erinnerung.“ Und dann begann sie zu erzählen.

 

 

Am 4. August sind „meine“ nächsten JazzFacts im Deutschlandfunk, um 21.05 Uhr. Es ist bislang noch nie vorgekommen, dass knapp zwei Monate vor der Produktion noch kein Beitrag feststeht, und nur eine Cd. Tabula rasa, fast. Wer also spannende Entdeckungen macht, über Jazzzeitschriften (die gibt es noch!), Vorankündigungen bei bandcamp oder ähnlichen Plattformen, die den Veröffentlichungsraum zwischen Ende Juni und Mitte August umfassen, kann gerne in den Kommentaren darauf hinweisen. Oder mir eine Mail senden.

Ich weise aber darauf hin, dass jetzt gerade auf den Markt kommende Produktionen eher wenig Chancen haben, weil sie entweder vorher von Kollegen vorgestellt werden, oder schlichtweg nicht mehr aktuell genug sind für ein Magazin über „Neues von der improvisierten Musik“. So erscheint das neue Werk des Lisbeth Quartetts, „Release“ morgen, am 17. Juni, wohl um einiges zu früh für meine Abendsendung.

Ich versuche stets, einem solchen Magazin eine thematische Bindung zu geben – zuletzt ging es um das weite Feld von Improvisation und spiritueller Praxis (was auch aus der Sicht eines Agnostikers sehr spannend war) – oder zumindest zwei, drei roten Fäden für die Form zu gewinnen. Diesmal scheint es auf einen „bunten Flickenteppich“ aus allen mögliche Winkeln jazznaher und jazzferner Sounds zu gehen. Dann wäre ein stetes Wechseln von Horizont zu Horizont das Programm.

 

2022 8 Juni

Floating into the night

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Zu welchen Soundtracks kehren wir immer wieder gerne zurück, als wäre in ihnen immer noch etwas Unerhörtes enthalten? Da hat jeder eigenen Erinnerungen, Bilder und Klänge – Vangelis, Delerue, Cooder, Rota, Karaindrou, und all die anderen – und manche führen zur einer alten Fernsehserie, die 1989 in heimische Wohnzimmer strömte und eine neue Art der Unheimlichkeit verbreitete. Und in der Bar sang Julee Cruise.  She‘s gone now.

Excalibur Sound war der dunkelste, schäbigste Ort, den man sich vorstellen kann„, sagt Angelo Badalamenti und erinnert sich an das Studio in Manhattan, in dem er und David Lynch einen Großteil der Musik produzierten. „Die Lichter flackerten, der Strom ging ein und aus, wie in einem David-Lynch-Film. Als wir uns den Film ansahen, roch es in dem Raum fürchterlich. Es war winzig, die Mäuse liefen sogar bucklig herum. Aber David liebte es – er sagte: ‚Dieser Ort schafft eine so schöne Stimmung für uns, Angelo, nicht wahr?‘ Ich sagte: ‚Nun, ich denke schon…'“ Aus dieser bescheidenen Umgebung stammt eine Fülle schöner und düsterer Musik, sowohl für Julee Cruises Dream-Pop-Meisterwerk Floating Into The Night als auch für Twin Peaks.

 

Eine Giraffe ist eine Giraffe ist eine Giraffe – nö, eben nicht, vor allem nicht wenn sie aus der eigenen Feder stammt. Da gibt es Diddl-Giraffen oder König-der-Löwen-Giraffen oder Madagaskar-Giraffen und die Giraffe Zarafa und Mein-Freund-die-Giraffe-Giraffen oder welche die aussehen wie ein Bambi-Hybrid. Mit Kindern zu malen oder zu modellieren hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend verändert – die Zufriedenheit mit dem eigenen Produkt ist bei Kindern, die aus der Ich-bin-Superman/woman-Phase herausgewachsen sind – also etwa Schulalter – nur noch schwer zu erlangen. Nein, die Giraffe ist nicht so wie sie sein soll! Die ist falsch! Die ist schlecht! Die muss aussehen wie in MADAGASKAR oder im KÖNIG DER LÖWEN oder sonstige prominente Giraffen. Interventionen in Richtung „Das ist ja aber jetzt DEINE Giraffe, die ist einmalig, etwas ganz Besonderes …“ fruchten wenig, es muss einem zweidimensionalen Vorbild gleichen. Und ein junger Löwe hat auszusehen wie Simba und ein Löwenpapa wie Mufasa und und … Neue Archetypen.

Im Zoo gibt es dann Überraschungen: „Ach das ist eine Giraffe? Ooch, die lacht ja gar nicht!“ In der Realität wird bei Tieren selten gegrinst .

Auf die Muttertagskarte muss dann eine Diddlmaus und nicht eine gewöhnliche Hausmaus aus dem Keller oder ein selbstgemalter Blumenstrauss. Das ist uncool! Oder die geplagte Therapeutin muss ran: „Zeichne mich mal als Sailormoon-Kriegerin mit den langen Haaren! Und dann als Sailor Saturn!“ (Googelt es nicht, Ihr wollt nicht wissen, wie die aussehen! Bestimmt nicht! Oder haltet einen Cognac bereit).

„Und jetzt malen wir mal alle Pokémon die es gibt!“ (Klar, sind ja auch nur etwa 150! Die Digimons noch gar nicht dazugerechnet!). „Du hast doch so ein Heft, da können wir abpausen!“ (Ja, habe ich, zu Fortbildungszwecken angeschafft und nicht gut genug versteckt, aaarrrgghhh!).

„Und dann malen wir die mit Fensterfarbe aus und ich tu die an mein Fenster!“ (Die Fensterfarben-Pest der Jahrtausendwende!).

Seit 1995 hängen die also an MEINEM Fenster, weil’s die Mutter nicht erlaubte, und gehen nicht wieder ab. Eine kleine Fernsehkamera, mit der ich Patientengespräche aufnehmen wollte, wurde auch entdeckt:

 

 

„Du filmst mich jetzt mal als Celine Dion, wie sie „My heart will go on“ singt.“

Es ist eine Binse, dass mit einem Überangebot an vorgefertigten an Bildern im Aussen die Aktivierung innerer Bilder zu lahmen beginnt, dass die zeichnerische Perfektion der Film- und Comic- und Merchandise-Produkte den Anspruch an Selbstgefertigtes in unerreichbare Höhen schraubt, die an das eigene Aussehen natürlich auch – auch eine Binse. Das gab’s früher auch – da wollten die Mädels aussehen wie Conny Froboess oder Manuela, die Jungs wie Peter Kraus oder Ted Herold, aber immerhin änderten wir nur die Frisuren und die Klamotten, aber wollten nicht umoperiert werden und bastelten noch Giraffen aus Kastanien, Eicheln und Streichhölzern und gingen mit gesenktem Kopf mit einer Halskette aus Kastanien herum wie ein Ackergaul unter dem Joch und fanden die toll. Zur Zeit der Hochzeit von Harry und Meghan wünschten sich viele Mädels eine Meghan-Markle-Nase und viele bekamen sie wohl auch. Dabei ist die keineswegs formvollendet, aber eben trendy.

Die Realität verschwindet hinter den Bildern – wenn’s denn noch Bilder wären, aber es werden zunehmend Stereotypien und Perseverationen – genial auf den Nenner gebracht von Andy Warhol bei der Vervielfältigung von Marylin Monroe. Bilder verselbständigen sich, werden zu Avataren und Logos, verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung und bekommen eine neue – eine 18-Jährige zeigte mir stolz ihr Che-Guevara-T-shirt, es handelte sich allerdings um Fidel Castro – wurscht! Wer das war? Auch wurscht! Ist aber geil!

Und Hitler und Goebbels sind die, die man in einem Kino in Paris eingesperrt und verbrannt hat.

Die Realität verschwindet hinter den Bildern und ihren neuen Bedeutungen. Es wird immer weniger kreiert und immer mehr kopiert. Heut heisst’s Influencing!

Soweit so – naja, so isses nun mal, man muss nicht alles werten. Aber es tut sich noch eine tiefere Ebene auf:  es wird zunehmend weniger bis gar nicht mehr geträumt – immer mehr unserer Patienten geben an, nicht mehr zu träumen, auch Ausbildungskandidaten, intelligent und differenziert und mit der Materie des Unbewussten beschäftigt, schaffen es in 300-stündigen Lehranalysen kein einziges mal zu träumen. (Die Generation der 90er, als die digitale Bilderwelt die Kinderstuben überflutete und Filmserien für 2jährige entwickelt wurden – die Teletubbies 1997. Googelt es nicht!).

Somit wäre der Königsweg zum Unbewussten versperrt und die Behandlungen erreichen nicht die regressive Tiefe, die zur Erforschung desselben und zur Modifikation nötig wäre. Die Unfähigkeit zur eigenen Bildgebung innerer Prozesse erreicht offenbar nun die tieferen und tiefsten Schichten der Persönlichkeit. Was passiert hier?

Zum Ausbilden innerer Bilder braucht es ca. 18 Lebensmonate kohärente Erfahrung mit den Objekten, bis sich stabile Imaginationen bilden. Um diese Bilder phantasmisch im kindlichen Gehirn hervorzurufen, braucht es einen Zustand des Unbefriedigtseins, des Sehnens und Begehrens und Sich-Vorstellens der kommenden Befriedigung – der freilich nicht zu lange dauern darf, um nicht realem Unbehagen durch Hunger und Angst Platz zu machen, dann zerfallen die Imagines und machen böseren Bildern Platz.

Das ist der Grund, warum Kinder ihre Mutter nach längerer Abwesenheit nicht mehr wiedererkennen – es gibt kein Bild mehr, mit die sie mit der Realität abgleichen können. So entwickelt sich Vorstellungs- und Symbolisierungsfähigkeit.

Zu rasche Bedürfnisbefriedigung verhindert diesen Prozess, Vernachlässigung auch. Eine Überflutung mit Bildern und Vorgefertigtem auch.

Der Horror vacui, unter dem die Menschheit leidet, drücken wir unseren Kindern auf – die Malen-nach-Zahlen-Generation. Mandala- Ausmalbücher sind sehr beliebt.

Früher hat ein einsamer junger Mann ein Liebesgedicht geschrieben, heute geht er tindern. Und weiss gar nicht, wieviel dabei in der eigenen Innenwelt auf der Strecke bleibt. Welche Fähigkeiten man im Zustand der Sehnsucht entwickeln kann.

Manchmal frage ich mich, ob es nicht langsam zu einem Verschwinden des Unterbewusstseins generell kommt – als Reservoir für Abgedrängtes, Tabuisiertes, Ungelöstes, Konflikthaftes, Unvereinbares, Wünschbares … das meiste ist erlaubt, nichts mehr tabuisiert, Aggressionen werden ausgelebt, für jeden Konflikt wird etwas bereitgestellt, für alles werden schnelle Lösungen zur Verfügung gestellt (schon mal „Höhle der Löwen“ gesehen, mit dem ganzen Start-up- Schwachsinn in Zeiten verknappender Ressourcen? Da wird zur Fitness nicht mehr einfach Seil gesprungen und einfach mitgezählt, wie wir Dödel das früher gemacht haben, da braucht’s Seile von verschiedenem Schweregrad für die Oberarmmuskulatur, und unter den Füssen einen Zähler und Pulsfrequenzmessung und Stolperer- Zählung und Blutdruckregistrierung).

Wünsche erfüllen sich zeitnah … welches Agens soll da noch Traumleben produzieren? Wo sollten wir noch Unerlaubtes hinstecken, wenn alles erlaubt ist? Was sollten wir noch wollen wollen?

Hier nur mal in die Kladde geredet für die, die das Problem mit der rasch herunterladbaren Giraffe für ein marginales halten.

 

Im Sommer 1991 sagte Robert Wyatt zu mir: „Michael, the future is now“. Er spielte auf sein Alter und die knapper werdenden Zonen der „schönen kleinen Ewigkeit“ an,  für die wir das Leben im Überschwang mitunter halten. Einst wartete ich, als Musik Seelennahrung wurde, und wir reden hier mal von Songalben, von der Kindheit, der Jugend, und all den späteren Jahren, auf Singles und Alben von den Beatles und Kinks, auf Lps von Neil Young und Joni Mitchell. Die ganzen Siebziger Jahre wartete ich auf neue Alben von Joni, später nicht mehr so. Ich wartete auf neue Alben von Leonard Cohen, von Brian Eno und Robert Wyatt. Ich wartete seit Spirit of Eden auf neue Alben von Talk Talk und Mark Hollis, und immer noch auf neue Songs von Neil, Brian, Robert und Leonard. Ich rede hier mitunter von  Favoriten, bei denen das Warten noch gerade Sinn machte, und manchmal schon an Godot erinnerte. Nur Neil lieferte inmer. Ich wartete seit Before Hollywood und More Songs about Buildings and Food auf neue Alben der Go-Betweens und Talking Heads. Ich wartete immer noch auf neue Alben von Leonard. Heute warte ich, was nun die alten und nicht ganz so alten Wegbegleiter angeht, nur noch auf neue Alben der Mountain Goats, von Wilco, von Fathe John Misty, und das wohl letzte Songalbum von Brian Eno. Als ich im Oktober 2018 auf Sylt die Biografie von Robert Wyatt las, nahm ich nachts auf eine Wanderung seine Platte „Dondestan“ mit, und hörte sie am Morsumer Kliff im Stockdunkeln, mutterseelenallein und seltsam euphorisiert. Ich hatte einen alten Sony Walkman dabei. So viele Faszinationen darüber hinaus, in Songwelten, aber das hier sind die innigsten und dauerhaftesten Liebesbeziehungen.  By the way: das  Foto machte ich im Teekontor Keitum, in dem es einst zu einem legendären Manafonisten-Treffen kam. Der damalige Chef war auch Jazzfan, und einige Künstler, die sicher Freunde haben bei den „Freunden nordischer Musik“ traten dort schon auf. Dann musste für die Konzerte ein Riesenaufwand im Kontor betrieben werden. Der Jazz hat den Chef aber nicht so richtig locker gemacht, er war unhglaublich pingelig und ging damit sicher etlichen Gästen auf die Nerven. Jetzt ist er im Ruhestand, die neue Chefin ist entspannter. Ein echter Power Spot, zu gewissen Zeiten sich in den Strandkorb vorne rechts draussen hinzusetzen, und dann eine oder zwei Kannen Tee zu trinken. Ohne Drogen (und diesen Text zwei Susannes zu widmen), das geht gar nicht: es gibt dort, zu allem eleganten Überfluss, ultraköstlichen Zitronenkuchen mit Eierlikör zum Draufkippen.

 

    1. Don Cherry & Ed Blackwell: El Corazon (ECM)
    2. Brian Eno: On Land (45 rpm-edition)
    3. Keith Jarrett: Book Of Ways (ECM)
    4. Sonny Rollins: Way Out West
    5. Neil Young: Hitchhiker (Reprise)
    6. Gary Peacock: Voice from The Past (ECM)
    7. Muddy Waters: Folk Singer
    8. Archie Shepp & Mal Waldron: Let Alone Revisited (Enja)
    9. Kenny Burrell: Midnight Blue
    10. Joan Armatrading: s/t (Intervention Records)
    11. The Beatles: Rubber Soul (The Mono Box Set)
    12. John Coltrane: My Favourite Things (60th Anniversary Ed.)

 

„It sounds like the album is supposed to sound, or — perhaps more accurately – how I remember it sounding growing up as a kid. Sure, I was listening to the Capitol Records version at the time, but it was a MONO version and that is the sound I grew accustomed to. I never quite got into the Stereo versions of Rubber Soul, try as I did over the years. I especially prefer the Mono mix of “Drive My Car” as it puts the cowbell into proper perspective (its way too in your face on the Stereo mix – whenever I hear the Stereo mix, I expect Christopher Walken to come walking through the door demanding yet “a little more cowbell!” Yes, Rubber Soul sounds really so so good. Big rich sounding acoustic guitars with just enough jangle when the songs need to rock out. Dead quiet vinyl, again, and the sides are perfectly centered.“

(Mark Smotroff)

 

 

Die einfachste Liste, es handelt sich schlicht um meine am häufigsten gehörten Platten der letzten Jahre. Bis auf 11 und 12, die ich erst zuletzt entdeckte oder neu entdeckte. 11 und 12 stehen auch für die neue, alte Lust am Mono. Einige der Alben sind recht kostspielig gewesen, andere hatten einen Normalpreis. Es muss also nicht immer alles remastert oder aufwändig bearbeitet werden, um audiophil zu sein. Und diese Platten sind durchweg audiophil. Die Neil Young-Schallplatte ist an allem, was Transparenz, Dynamik, Intensität, Intimität, Unmittelbarkeit ausmacht, nicht zu übertreffen: a night with David Briggs at the controls. Immer noch unter 30 Euros erhältlich.

(m.e.)

 

 

Here’s an old text from 2019: I once was asked about my favourite Blue Note albums, and I was surely not asked as an insider. I was just way too young to be totally immersed with the label‘s salad days that were heavily connected with the stylings of what they then called hard bop. But over the years, I stumbled on some famous ones, and lesser known gems. The wonderful German writer Ernst Augustin has lived out his knack for Lee Morgans The Sidewinder in his nearly forgotten masterpiece „Der amerikanische Traum“. I can definitely say, I nearly obsessively listened to two very old jazz albums. One was Sonny Rollins‘ Way Out West (no Blue Note record), the other ones Kenny Burrell‘s Midnight Blue. It puts a smile on my face remembering I once sent Robert Wyatt Julio Cortazar’s Rayuela, a book that is a terrific work of lost hopes, friendship, everlasting love, soul food called jazz, sex and escapes, sex and exile, smoking, sipping tea from Argentina, and, well, dying. Let‘s return to the music. As I said, I am not a Blue Note afficionado. For example, I never understood what made me love Sonny Clark‘s „Cool Struttin‘“, at least for a while, I would never call it „my music“. Life is strange. Life is, at certain points and passages, a long drink of the blues. Saying this, another gem of the Blue Note catalgues springs to mind: „Let Freedom Ring“

(m.e.) 


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