Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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„Gleich verschwinde ich“, sagte der Gast nüchtern und begann zu zählen: „Fünf … vier … drei …zwei … eins …“ Gurdjieff hatte zwar eindrucksvoll gezählt, kurz auch eigenartig gewackelt, wie ein Fernsehbild bei schlechtem Empfang, doch er verschwand nicht. Lediglich ein Klicken in seinem Bauch war zu hören, und schwarzer Ruß stieg ihm aus den Ohren, begleitet vom Geruch verbrannten Gummis. … Immer mal wieder sprang er auf, verkündete, er glaube zu verschwinden. Er schloss die Augen, rülpste etwas Ruß hervor und murmelte leise „Drei … zwei … eins …“ Er verschwand nicht. Irgendwann gab er auf. … Er erwies sich als guter Erzähler, märchenhaft und phantastisch, wobei nichts davon im Internet ausfindig zu machen war. Auch in der zeitgenössischen Popmusik war er verdächtig gut informiert …

 
 

Diese Passagen aus Zaza Burchuladze‘s skurrilem und höchst lesenswerten Roman Der aufblasbare Engel, in dem der bisweilen absurde Zustand der georgischen Gesellschaft bizarr und voller schwarzem Humor persifliert wird, geben auch dem Schatten Gurdjieffs (wörtlich: „Der Georgier“) bis in die Gegenwart hineinreichend eine Rolle als Gaukler, Trickster, der es mit den traditionellen Werten nicht so ernst nimmt, dafür aber umso mehr vor originellen Einfällen sprüht.

Georgien hat eine der ältesten und reichsten polyphonen Musiktraditionen dieses Planeten, deren Erforschung G.I. Gurdjieff einen gewichtigen Teil seines Lebens widmete und vieles davon in den Klaviertranskriptionen Thomas de Hartmanns hinterließ, wovon hier ja schon häufiger die Rede war. Jetzt hat sich der georgische Keyboarder Giorgi Mikadze in seinem amerikanischen Exil in seine Fußstapfen gewagt und versucht den musikalischen Traditionen einen zeitgemäßen und jazzigen Rahmen zu geben. Dabei hat er die mikrotonalen Stukturen, die feinen Ornamente und Melismen orientalischer Musik, die komplexe Polyphonie und Polyrhythmik neu interpretiert indem er mikrotonale Keyboards in Verbindung mit bundloser Gitarre (David Fiuczynski), bundlosem Bass (Panagiotis Andreou) und Schlagzeug (Sean Wright) zusammen jammen lässt. Gemessen an der bei uns vorherrschenden temperierten Stimmung (die übrigens von den meisten Ethnien dieses Planeten als grob verstimmt erlebt wird, etwa so wie für uns eine chinesische Oper klingt) hört sich das Ganze oft „knapp daneben“ an, gezogen, diskret dissonant, wobei genau das ungewohnte Spannungsbögen aufbaut und uns in ungewohnte Hörgefilde mitnimmt. Diese Klangräume, die Giorgi Mikadze bisher mit seinem Ensemble Basiani, das auch hier bei drei Stücken mitwirkt, noch eher traditionell umsetzte, gelingen hier durch den Kontext eines Jazzrockensembles deutlich weniger traditionell, obwohl Fragmente und Zitate lokaler, aber auch globaler Musikkultur reichlich aufgegriffen werden. So entstehen Spannungsbögen und innovative Figuren, treibend, tanzend, exotisch. Im Mittelpunkt des Albums steht ein rockig interpretiertes traditionelles Klagelied, in dem die Sängerin Nana Valishvili den Opfern des kriegerischen Konfliktes mit Russland 2008 in schleppender, verinnerlichter Traurigkeit ein Andenken setzt. Ein eigenwilliges Gefüge, in dem im wahrsten Sinne des Wortes die feinen Zwischentöne ein kleines Stückchen Neuland gestalten: Georgian Microjamz

 
 

„This is actually not my music. It‘s a combination of different experiences, different cultures and different composers that evolve the music we‘re playing together …“

 

Schon sehr früh hörte sich Maxwell Sterling durch die Plattensammlung seiner Eltern (nicht unbedingt nur ein Klischee, sondern oft inspirierende Realität vieler jüngerer Musiker) und entdeckt dabei seinen Zugang zum Jazz. In seiner Jugend begann er als Bassist, erst E-Bass, dann Kontrabass und schließlich auch Exkursionen auf dem legendären Octabass, der mit seiner tiefsten Saite Abstiege bis 16 Hz unter die Hörgrenzen des Normalsterblichen ermöglicht. Als Komponist machte er bereits früh von sich zu hören und zog bald nach LA, um dort Filmmusik zu entwickeln. Als Metavision seines Schaffens für Hollywood debütierte er 2016 mit Hollywood Medieval, einem höchst bemerkenswerten, vielschichtigen und musikalisch originellen Album.

Im Auftrag von Nottingham Contemporary komponierte er Musik, die zu einer Ausstellung von Moki Cherry, Penny Slinger und einer Sammlung statischer Musikinstrumente den klanglichen Kontrast liefern sollte und schuf dabei etwas ganz Neues. Eine Art meditativer, psychedelischer und unaufdringlich vor sich hin pulsierender Jazz, der leise zitiert, in Laced auch ein paar Don Cherry-Samples subtil verarbeitet, daneben ein Harpsichord und vogelähnliche Klänge, die über leisen Drones schweben. Ganz langsam und hochkomplex ohne sich damit auch nur einen einzigen Augenblick aufzudrängen und sogartig hypnotische Tiefen ganz beiläufig zu entfalten. Dabei entfaltet jedes der über 10 Minuten langen Stücke eine ganz eigene Trance in den geisterhaften Vexierspielchen aus Hörerfahrungsversatzstücken. So beginnt With Rumour mit an die Endlosschleifen alter Brian Eno-Alben, am ehesten an Discreet Music erinnernde Loops, in die sich ganz nebenbei kleine Geräusche und ein altes Piano einschleichen und jegliche Zeit vergessen machen. Eine verhallte Bassklarinette unduliert in der Nebelhaftigkeit dieses ungemein faszinierenden Postjazz. Dann eröffnet ein leises Klavier (ein bisschen an Michael Nyman’s Decay Music erinnernd) Loud-Speaker, zu dem sich bald ein noch leiserer Subbass und das murmelnde Ziehen von gequälten Streichinstrumenten unirdischen Ursprungs gesellen, die halluzinatorische Möbiusschleifen in hochdimensionalen Räumen verwinden ohne jemals dabei aufdringlich zu werden. Sogar das Bodenlose verliert seine räumliche Orientierung und wird fast unbemerkt ein Teil des psycholytischen Ambientes. Of Truth beginnt mit grummelnden synthethischen Klängen, zu denen sich wie zufällig dazu improvisiert akustische Klangfragmente einfinden, die den Fluß des surrealen Erlebens noch einmal verlangsamen und in dunklere, aber warme Gefilde führen. Selbst bislang ungehörte Klangformen hören sich hier ganz natürlich an, verschachteln sich und entziehen sich fast unbemerkt einer geordneten Musikwahrnehmung, ohne aber der der wohligen Verlorenheit in dieser fein versponnenen Komplexität den Boden zu nehmen. Und nicht zuletzt scheint dieses außerordentliche Album ein Eigenleben zu entwickeln, sich hintergründig zu verändern und bei jedem Hören wieder in neuen Variationen zu präsentieren. Es infiltriert meinen Geist mit den wenigen Klangtupfern, die erforderlich sind, um die große Stille erfahrbar zu machen, gleichzeitig musikalisch zwischen allen Genres sich bewegend. Bislang das bemerkenswerteste Album dieses Jahres, das zudem seit langem endlich wieder einmal eine mandalaartige Handarbeit Moki Cherry’s auf dem Cover ziert.

 
 

Eigentlich sollte diese Musik nicht „Musik für verstimmte Klaviere“ sondern genauer „Musik für besonders gestimmte Klaviere“ heißen. Der englische Musiker, Instrumentenentwickler und Komponist Max de Wardener hat in den vergangenen beiden Jahren mit Hilfe des Klavierstimmers Laurence Fischer eine Reihe sehr eigenwilliger und tiefgründiger Stücke realisiert. Dabei verwendete unterschiedliche Stimmungen: die Pianola-Tunings von James Tenney, eine tonal eingeschränkte Stimmung in der Naturtonleiter nach La Monte Young und in den unheimlichsten und atmosphärisch dichtesten Stücken des Albums Deranged Landscape und Doppelgänger eine spezielle Stimmung nach Harry Partch. Dazwischen gibt es für die „familiäre Perspektive“ auch einige Stücke in temperierter Stimmung, die aber durch den Kontrast etwas durchaus befremdliches bekommen. Teils überlagert er verschiedene Tunings wie bei Spell und setzt gelegentlich auch ganz dezente elektronische Akzente. Das hört sich manchmal an wie ein Gamelanorchester im Nebel, wie die Geisterhände eines verstorbenen Pianovirtuosen auf einem verstaubten Klavier in einem verlassenen Haus irgendwo an der englische Küste oder dem Versuch einen Entwurf von Steve Reich auf einem kaputten Barpiano zu realisieren. Alle Stücke werden von dem großartigen Kit Downes gespielt, der souverän verhindert, das sich auch nur bei aller Obskurität für einen Augenblick der Eindruck von Dilettantismus oder Defektbewältigung einschleichen kann, sondern ganz im Gegenteil diese sonderbaren, musikalisch hochorginellen Miniaturen ganz selbstverständlich, fast so als ob es diese Schwebungen, Dissonanzen und Verzerrungen nicht gäbe, erklingen können. Dabei entsteht ein Flow, der mit einer fast ambienthaften Leichtigkeit durch das ganze Album trägt. Eines der originellsten und musikalisch bemerkenswertesten Alben dieses Frühlings. Dann wäre nur noch die Cover-Art zu erwähnen, die von der Künstlerin Penelope Umbrico mit Smartphone-Apps geschaffenen fragmentierten und abstrakten Bergsilhouetten, die optisch umsetzt, was die exzentrische Musik an Entfremdung entfaltet.

 
 

2020 26 März

A local ETHNA outburst

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Seit über 60 Jahren ist der Jazzkeller in Hofheim Brennpunkt und Schnittstelle alternativer und anarchistischer Gegenkultur im sonst eher kleinbürgerlichen Vorstadtmilieu. Von hier aus wurde viele Jahre lang das Hofheimer Jazzfestival organisiert, zu dem fast alle Größen des Jazz früher oder später einmal die in den besten Zeiten völlig überfüllte Stadthalle beehrten. Früher in einem alten Gewölbekeller mit einem metertief mit Bier getränkten Lehmboden und zwei winzigen Fenstern wurde er 1991 in einen Lagerkeller am Bahnhof verlegt, was völlig neue technische Möglichkeiten eröffnete. Wie viele wunderbar psychedelische Abende ich dort seit Teeniezeiten verbracht habe vermag ich heute nicht mehr zu sagen, auch weil viele davon dazu beitrugen, wodurch auch immer assistiert, tief in die Gegenwart einzutauchen und mir kaum Gelegenheit ließen sie in ihrer Fülle in meinem Gedächtnis überhaupt abspeichern zu können.

 

 

 

 

Neulich treffe ich beim Einkaufen Thomas Zöller, der hier vor Jahren die Dudelsackakademie gegründet hat, der mir von einem neuen Projekt erzählte. Fusion und Improvisation im Jazzkeller. Neugierig fand ich mich ein paar Abende später in vertrauten Gefilden ein, um mich überraschen zu lassen, denn bislang gefielen mir seine interkulturellen Musikprojekte immer sehr. Dieses mal war ich aber nur sehr unzureichend darauf gefasst, was mich in den kommenden anderthalb Stunden packen und herumwirbeln sollte. 9 Musiker auf der winzigen Bühne, alle mit Instrumenten, die im mittleren Frequenzbereich ein hohes Überschneidungspotenzial haben. Und schon durchbrach ein schottischer Dudelsack das wartende Geraune des Publikums. Eine Drehleier stieg ein, eine traditionelle Folkmelodie. Aber halt, was war das? Wie eine Vulkaneruption setzte die restliche Band ein und was gerade noch traditionell klang war auf einmal eine wilde Mischung aus Funk, Jazz, Elektro und Folk. Nahtlos die Übergänge, gnadenlos die Sprünge, wild der Drive, der Overdrive zwischen Bombarde, Bass und Schlagzeug. Kaum zu fassen, wie nah sich die die verschiedenen Stilrichtungen dieser bizarren Mixtur kommen, miteinander verschmelzen um Sekunden später über die Schönheit eines weiteren musikalischen Spagats zu tanzen. Alles improvisiert spielen die Musiker sich die Bälle zu, die genauso wild tanzen, wie inzwischen das Publikum. Funky licks manche traditionellen Melodien so verfremden, bis alles in einer Kernschmelze des Ungehörten fusionieren kann und dazwischen eine Drehleierspielerin, die aus ihrem elektrischen Instrument mehr rausholt, als es vielen routinierten E-Gitarristen in ihrer Laufbahn je gelingen sollte. Ekstatisch und musikalisch zwischen allen Stühlen (die dann ohnehin nur im Weg herumstünden), eine brodelnde Panazee gegen alltägliche Übervernunft und nebulöses Untollsein! Ecstatic outbursts: Ethna.

 

 

2020 29 Jan.

Mixing Colours

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Fast zwei Monate werden wir noch warten müssen, um die neue Kollaboration von Roger und Brian Eno hören zu können. Mit Celeste ist ein schon sehr vielversprechendes Stück vorabveröffentlicht. Etwas mehr Informationen dazu gibt es hier.

 
 

Patchouli war der Duft einer ganzen Generation. Schwer und süß durchwaberte er wenigstens ein Jahrzehnt nach 68, erdete und wirkte dank der in dem ätherischen Öl eines asiatischen Lippenblütlers reichlich enthaltenen Pheromonen besänftigend und aphrodisierend auf die Sinne und den Geist. Ein Duft, der sich harmonisch mit dem aromatischen Rauch feinen, pur gerauchten Haschischs vertrug, inspirierte und intime Räume öffnete. Eine Essenz der Nacht. Total Falsch. Das dunkle Blau der späten Abendstunden senkt sich in Zeitlupe in den Raum und nimmt ihm jede Gegenwärtigkeit. Zu langsam für die übliche Entschleunigung. Verwirrung am Strand. Wo bin ich wenn der Klang des Saxophons heranschleicht, Glaub mir kein Wort. Patchouli Blue. Wenn das einmal Jazz gewesen wäre, hätte ich geträumt. Von meiner Jugend, Musikhören in Räucherstäbchenschwaden und still verliebt sein. Deine Kusine. Vergessen & Vorbei. Die Titel bleiben kryptisch: Sollen es doch alle wissen! Tief Gesunken, nein, versunken in die nachtschwarzen Schwaden, die die Bar am Rande der Unendlichkeit mit ihren letzten, einsamen wie sehnsüchtigen Gästen, durchwabern. Blicke aus dunkelbraunen, wehen Augen, Zwei Herzen aus Gold. Sag Mir, Wie Lang. Ich weiß es nicht, Jahrhunderte vielleicht? Das fahle bunte Licht scheint auf die Totenschädel, ein Bild wie auf einer alten mexikanischen Totenfeier. Ein Requiem für kulturaffine Untote. Jenseitig könnte es schöner sein, aber warum am Steg des Fährmanns ins Totenreich noch etwas wähnen, denn Meine Welt ist Schön. Und sehr, sehr langsam, kurz vor dem Stillstand. Die Herrlichkeit der Schatten, durch die Fragmente bunten Lichts orientalischer Schatzhöhlen funkeln, werden verzerrt und ihrer Düsterkeit in melancholisch süßer Schwere entrückt. Wem das zu phantastisch erscheint oder wer glaubt der narkotisierende Rauch einer Opiumpfeife habe meine Sinne verschleiert der höre sich die Stücke von Patchouli Blue, dem neuen Album von Bohren & Der Club of Gore auf YouTube an und nutze die Funktion bei den drei Punkten, die Stücke einfach nochmals in halber Geschwindigkeit abzuspielen …

 
 
 

 

2020 12 Jan.

Constellation in Still Time

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Wie                        viel                                        Raum          
 
braucht                               ein            Ton,                            
 
ein                Klang,                              um                       die    
 
                     allgegenwärtige                              Stille              
 
    hörbar                                     zu                               machen?
 
                  Kann               eine                                    
 
 Ewigkeit                               zwischen                           zwei      
 
          Töne          passen                         und                            
 
 trotzdem                             die                     Musik          erkennbar
 
               bleiben?                                 Vielleicht                    
 
         bleibt                       es     ganz                      konzentriert  
 
 
       und                               warm                          und          
 
 eine          unbekannte                                  Schönheit                
 
        erfüllt                       den                  auf    den                
 
  nächsten                          Klang                                wartenden  
 
                    Hörer      in                                   seiner            
 
                     geborgenen                        Einsamkeit.               Rafael
 
                       Toral                    hat                                  
 
 das                            möglich          gemacht.                              
 
                           Hört                                doch!

 
 

 

2020 10 Jan.

Before the Police came …

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1969 fuhr der junge Dirigent der Münchner Kammeroper nach Amerika zu Bob Moog, um sich über dessen Modularsynthesizer zu informieren. Von einer Mäzenin hatte er 60000,- DM mitbekommen, um bei gefallen einen solchen erwerben zu können. Nach mehrtägiger Einweisung war er mehr als begeistert und kaufbereit. Doch Bob Moog musste ihn wegen der gerade explodierenden Bestellliste gründlich desillusionieren und bat ihn in zwei Jahren wiederzukommen. Doch kurz bevor er zurückfliegen wollte traf eine Lieferung mit vier riesigen Kisten im Hof des Herstellers ein: John Lennon hatte seinen Synthesizer mit der lakonischen Bemerkung: „Too complicated!“ wieder zurückgeschickt. Das war die Chance für Eberhard Schoener, der sofort zugriff und das Exemplar nach München bringen ließ. Bald darauf trat er zum ersten mal damit auf der Weltausstellung in Osaka auf und setzte seine Ideen und Experimente in den folgenden Jahren musikalisch sehr vielschichtig um, wobei seine Herkunft aus der Klassik auf subtile Weise sicherstellte, dass er hierbei die klischeehaften Entgleisungen vieler anderer Musiker weiträumig umschiffen konnte. So legte er 1974 mit Meditation ein bemerkenswertes frühes Ambientalbum vor, dass sich hinter den Klangforschungen der Berliner Schule nicht verstecken musste. Es folgten Bali Agung, das irgendwo zwischen Gamelan unf Trance den Hörer mit auf eine damals völlig neuartige Reise nahm und das programmatische Trance-Formation. Dieses Album markierte den Einstieg des späteres Police-Mitgründers Andy Summers; auf dem Folgealbum Flashback waren dann auch schon Sting und Steward Copeland dabei. Wer aber vermutet, dass sich hier auch nur irgendetwas nach den späteren The Police angehört hätte, irrt aber gewaltig. Es war eher ein Einstieg in den damaligen elektronischen Prog-Rock, dem man den klassischen Hintergrund und eine hohe musikalische Differenziertheit schnell anmerkte. Allein deshalb bin ich es bis heute nicht müde geworden seine 70er-Jahre-Alben immer wieder einmal aufzulegen und überraschend Neues, bisher Überhörtes zu entdecken. Das Ende dieser wunderbaren Serie bildete Video-Magic, das bis heute aus mir unbegreiflichen Gründen nie mehr wiederaufgelegt wurde und irgendwo im Niemandsland zwischen tranceartiger Elektronik, Jazz, Prog-Rock und klassischer Musik spielend wandelt.

 
 

In our day and age

we are experiencing the magic

of technical science.

II see the magic

in the city neon signs.

In the newspaper advertisements.

In the everpresent television

and in the constant

availability of music.

The music of „Video-Magic“

involves all this aspects.

For no one can deny

himself this magic.

A Koan.

 
 

schreibt Eberhard Schoener im Innencover. Ein Text der die magische Aufbruchstimmung der 70er-Jahre, die Faszination für das Artifizielle in Musik und visuellen Künsten, das Spiel mit Neon und Lasern recht treffend wiedergibt. Dinge, die schon lange nicht mehr innovativ sind und auch über die hyperpräsente Musik macht sich auch kaum noch einer Gedanken. Eine Zeitreise. Die erste Seite des Albums ist noch eher rockorientiert: Der elegante Opener Octogon erinnert ein bisschen an Pink Floyd, Speech Behind Speech ist eine komplexe Prognummer mit Ohrwurmmelodie, die von der noch etwas dünnen Stimme Stings intoniert wird, Natural High zitiert in geschickt arrangierten Fragmenten aus der damaligen Rock-Historie, wobei etwas ganz neues entsteht. Und schließlich Code Word Elvis, eine lange magische Ballade, die zwischen den Stilen nahtlos schwingt und auch das Orchester der Münchner Kammeroper, dessen Dirigent Schoener immer noch war, zum Einsatz kommt. Die zweite Seite ist dann hypnotischer und der grosse Moog bestimmt die Klangräume recht komplex und vielschichtig. Video-Magic steigt in eine sequentielle Trance ein, die in Night Bound City elegant fortgeführt wird. Mit San Francisco Waitress kommt Sting noch einmal zum Einsatz und schließlich endet das Album mit Koan, einem langen magischen, von Synthesizerflirren, Streichern und Jazzelementen getragenem Stück, in dem der Brückenschlag zwischen Elektronik, klassischer Komposition und einer Vorwegnahme von Elementen des New Wave am elegantesten gelingt und den Hörer am Ende, wie bei jedem anständigen Koan mit fragend-meditierendem Staunen absetzt. Ein sehr bemerkenswertes Werk, das in dieser Melange nur in Deutschland entstehen konnte und selbst im Rückblick in der Musik der 70er-Jahre wie ein sehr eigenwilliger, vieles vorwegnehmender Fremdkörper verbleibt.

 
 

2019 27 Dez.

Meine Favoriten 2019

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In den letzten Tagen habe ich nun endlich die nötige Ruhe gefunden meine Liste der aktuellen Lieblingsalben von 2019 zusammenzustellen. Dieses mal sind es genau 33 Alben und 10 Wiederveröffentlichungen geworden und natürlich einige Erkenntnisse über das, was mich bezüglich der vielen guten Musik im vergangenen Jahr am meisten beeindruckt hat. Beginnen wir erst einmal mit dem versteckten 33. Album: einer der skurrilsten Musiker und Produzenten, Remixer, Inspirateur (und vieles mehr) ist mit zwei Alben vertreten: Lee „Scratch“ Perry, der gerade erst zu dem phantastischen Rainford ein gründlich überarbeitetes Bruderalbum, das viel über seine Arbeitsweise erkennen lässt, veröffentlicht hat. Heavy Rain steht Rainford an Einfallsreichtum, Kreativität und Verschrobenheit um nichts nach! Dann hat mich die aktuelle Londoner Jazzszene um brilliante Musiker wie Shabaka Hutchings, Theon Cross, Moses Boyd und Nubya Garcia (deren aktuelle Band Nérija mit Blume es leider gerade nicht mehr in meine Liste geschafft hat) in ihrer innovativen Kraft und Vitalität nicht nur sehr beeindruckt sondern auch viel zum Hören verleitet. The Comet ist Coming, die im Herbst mit The Afterlife noch einmal kräftig nachgelegt haben und die Alben der vielen Kollaborationen der letzten Jahre bringen viel frischen Wind und auch eine andere Klangdimension als wir vielleicht vom nachvollziehbar hochgeschätzten ECM-Universum gewohnt sind. Natürlich gab es bei ECM wieder etliche sehr feine (Wieder-)veröffentlichungen, wobei dieses Jahr RareNoiseRecords wegen einer beachtlichen Anzahl höchstqualitativer und spannender Veröffentlichungen, die es ebenfalls nicht alle in die Bestenliste schaffen konnten,  als Label bei mir ganz vorne lag. Und schließlich haben es dieses Jahr drei Cellist*innen, die unterschiedlicher nicht sein könnten,  geschafft auf meine Liste zu kommen: Julia Kent mit ihren tranceinduzierenden Stücken, Francesco Guerri mit seinem grenzerkundenden hochfaszinierenden Album und Anne Müller mit ihren originellen, fast meditativen Album. Die Nummerierung schließlich drückt schon ein Ranking aus, das ich aber nicht als zu streng verstanden wissen möchte, mehr als Tendenz einer Ordnung, da eine solche Liste immer die Schwierigkeit beinhaltet die sprichwörtlichen „Äpfel mit Birnen“ zu vergleichen und am Ende in einer Liste abzubilden, wo sich bei mir allein je nach Tagesverfassung und Stimmung die Reihenfolge schon ändern könnte.

 

 

 

 

The virtual best of 2019

    1. Kronos Quartet: Terry Riley – Sun Rings (simply a highlight!)
    2. Theon Cross – Fyah
    3. Chat Noir – Hyperuranion
    4. Red Kite – Red Kite
    5. Brandt Brauer Frick – Echo
    6. The Comet is coming – Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery
    7. Beatfarmer – On the Wind (exellent Ambient-Trance)
    8. Laurie Anderson, Tenzin Choegyal & Jesse Paris Smith: Songs from the Bardo (far beyond every other album mentioned)
    9. Yosi Horikawa – Spaces
    10. Michele Rabbia/Gianluca Petrella/Eivind Aarset – Lost River
    11. Lorenzo Feliciati/Michele Rabbia – Antikythera
    12. Jan Bang/Erik Honore/Eivind Aarset/Samuel Rohrer – Dark Star Safari
    13. Kronos Quartet/Mahsa & Marijan Vahdat – Placeless (Thanks to Brian!)
    14. Thom Yorke – Anima
    15. Francesco Guerri – Su Mimmi Non Si Spara
    16. Julia Kent – Temporal
    17. Erik Truffaz – Lune rouge
    18. Lee “Scratch“ Perry – Rainford/Heavy Rain
    19. Stephan Thelen – Fractal Guitar
    20. Odd Okoddo – Auma
    21. Emanuele Errante – This World (extraordinary ambient)
    22. Caterina Barbieri – Ecstatic Computation
    23. Ryan Teague – Recursive Iterations (modern classic – driving and amazing sounds)
    24. Sonar w. David Torn – Tranceportation Vol 1
    25. Penguin Café – Handfuls of Night
    26. Brian Eno w. Daniel Lanois, Roger Eno – For All Mankind
    27. No-man – Love You to Bits (endlich mal wieder Old School-Pop von übermorgen!)
    28. Kali Malone – The Sacrificial Code
    29. Lowly – Hifalutin
    30. A Winged Victory for the Sullen – The Undivided Five
    31. Anne Müller – Heliopause
    32. Stale Storlokken – The Haze of Sleeplessness

 

 

Bei den Wiederveröffentlichungen haben dieses mal die Japaner mal wieder das Rennen gemacht, begonnen mit Ryuichi Sakamoto’s Debutalbum, das schon fast wie ein Inhaltsverzeichnis für sein ganzes späteres Werk wirkt bis zu drei außergewöhnlichen Ambientalben, die so zum ersten mal in Europa überhaupt zu bekommen sind.

 

 

Top Ten Reissues 2019

    1. Satoshi Ashikawa – Still Way
    2. The Residents – Eskimo
    3. Nils Petter Molvaer – Khmer (ein innovativer Meilenstein des modernen Jazz)
    4. Massive Attack – Mezzanine (a groundbreaking Lifer forever!)
    5. Brian Eno w. Daniel Lanois, Roger Eno – Apollo
    6. Various: Kankyō Ongaku — Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980-1990
    7. Slava Tsukerman – Liquid Sky (OST)
    8. Masahiro Sugaya – Horizon Vol. 1
    9. Ryuichi Sakamoto – Thousand Knives (allein der Titelsong ist schon die Notierung wert!)
    10. Ernest Hood – Neighbourhoods (Memories of Times Past) (Archaeoambient von 1975, einfach phantastisch)

 

2019 20 Dez.

Here comes the Dodo Blues

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Dodo ist ein afrikanischer Gesangsstil, der aus der Region des Viktoriasees stammt und Olith Ratego einer seiner bekannteren Protagonisten. 2009 lernten er und Sven Kacirek sich am letzten Tag der Aufnahmen zu dessen facettenreichen Albums The Kenya Sessions kennen und kamen vor zwei Jahren durch Vermittlung eines Studiobetreibers in Nairobi zunächst nur virtuell zusammen: Tabu Osusa schickte Kacirek Gesangsaufnahmen von Ratego mit der Frage, ob er sie zu Stücken ausarbeiten könne. Später trafen sich beide, um neues Material zusammen zu erarbeiten, was musikalisch trotz einiger Sprachbarrieren unglaublich funktionierte (Video). Das Ergebnis ist Auma, ein kaum einzuordnendes Album, das zwischen dem originalen Dodo Blues und einem sich höchst organisch einfügenden perkussiven, akustischen wie elektronischen Klangwald wandelnd ein Meisterstück aktueller Fourth World Music geworden ist. Okitwoye ist hier ein wunderbares Beispiel, Aora Odinona Yo ein anderes Kleinod.

 
 
 

 


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