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Archives: Kit Downes

Vor vier Wochen war ich auf dem ersten Konzert in diesem Jahr, meinem zweiten seit März 2020. Auf der kleinen Insel Lonna, per Fähre in 10 Minuten vom Stadtzentrum Helsinki aus zu erreichen, veranstaltete das finnische Label WeJazz Records das zweitägige „Odysseus“ Festival, weitgehend Open-Air. Zufällig passten die Daten in unsere Ferienplanung, so kaufte ich am 09. 12. 2020 drei Karten (nachdem ich mich vorher versichert hatte, dass man einen Hund mit auf die Insel nehmen durfte). Danach war ich lange Zeit skeptisch, ob ein Konzertbesuch klappen könne, ja eine Einreise überhaupt möglich sei – doch dann kamen wir am 24. 7., dem ersten Konzerttag, morgens um 8:00 mit der Fähre in Helsinki Vuosaari an, konnten gegen 11:00 unsere Airbnb Wohnung beziehen und waren dann nach einem Treffen mit Freunden und Bummel durch die Stadt gegen 16:00 auf der Insel.

 

Uns empfing eine relaxte Atmosphäre, in dem durchmischten Publikum war von einer Pandemie wenig zu spüren. Das war ungewohnt, ebenso wie es etwas seltsam war, überhaupt wieder unter vielen Menschen zu sein; nach sehr wenig Zeit konnten wir uns aber darauf einlassen. Eine große Bühne war zwischen zwei alten Lagergebäuden aus rotem Backstein aufgebaut, die Musiker spielten vor Bäumen, dahinter funkelte das Wasser. In einem der Gebäude war noch eine kleine Bühne für intimere Konzerte, die zum Teil parallel, zum Teil versetzt zu den Open-Air Gigs stattfanden.

 

Als wir ankamen legte das Timo Lassy Trio los: Bass, Schlagzeug, Saxophon, energiegeladen, konzentriert und funky. Anschließend spielten Y-Otis, die mir zwar gefielen, aber auch ein bisschen überfrachtet vorkamen. Otis Sandsjö war dann in der Lagerhalle Gast bei der Zugabe des sehr guten Kit Downes Solo Sets und die beiden zauberten einen Höhepunkt des Festivals: Instrumente gegen den Strich gespielt, durch Mark und Bein fahrend; auch die zweite Zugabe mit der Sängerin Lucia Cadotsch war wunderschön. Der Rest des ersten Tages ging ein bisschen an mir vorbei, wir waren reisemüde und für den abendlichen Ostseewind zu sommerlich gekleidet, so dass wir gegen 20:00 die Fähre zurück nach Helsinki nahmen.

 

Um dann am nächsten Tag um 15:00 wieder auf der Insel zu sein, pünktlich zum Auftritt von Lucia Cadotsch (die auch etwas zu frösteln schien). Sie spielte gemeinsam mit dem Y-Otis Rückgrat Otis Sandsjö (Saxophon) und Petter Eldh (Bass) als Speak Low Interpretationen von bekannten Songs. Bei der Mehrheit der Stücke war wieder Kit Downes an der Orgel dabei, eine willkommene Zutat in der zerklüfteten Klangwelt. Danach ging es träumerisch und traumhaft mit Verneri Pohjola weiter, Trompete in sanft elektronischer Umgebung, gute Kombination. Anschließend brachten die omnipräsenten Kit Downes und Otis Sandsjö  gemeinsam mit dem finnischen Drummer Joonas Leppänen eine unerhörte Musik ohne Ufer, in die man tief versinken konnte, auf die Bühne. Zum Abschluss dann die von mir sehr geliebten 3TM (endlich weiß ich, dass es nicht „three“, sondern „kolme“ TM heißt). Die Freude, die die Musiker, vor allem Schlagzeuger Teppo Mäkynen, versprühten, war ansteckend, die rhythmische Musikalität beeindruckend; die drei strichen dann den meisten Applaus ein. 

 

Was bleibt? Na klar, Erinnerung. Lust, im nächsten Jahr wieder ein solches Festival zu besuchen (und vorher hoffentlich viele andere Konzerte zu erleben). Lust auch auf eine Veröffentlichung von dem Downes-Sandsjö-Leppänen Projekt. Und die Erkenntnis, dass Konzerte eher nichts für Hunde sind.

Eigentlich sollte diese Musik nicht „Musik für verstimmte Klaviere“ sondern genauer „Musik für besonders gestimmte Klaviere“ heißen. Der englische Musiker, Instrumentenentwickler und Komponist Max de Wardener hat in den vergangenen beiden Jahren mit Hilfe des Klavierstimmers Laurence Fischer eine Reihe sehr eigenwilliger und tiefgründiger Stücke realisiert. Dabei verwendete unterschiedliche Stimmungen: die Pianola-Tunings von James Tenney, eine tonal eingeschränkte Stimmung in der Naturtonleiter nach La Monte Young und in den unheimlichsten und atmosphärisch dichtesten Stücken des Albums Deranged Landscape und Doppelgänger eine spezielle Stimmung nach Harry Partch. Dazwischen gibt es für die „familiäre Perspektive“ auch einige Stücke in temperierter Stimmung, die aber durch den Kontrast etwas durchaus befremdliches bekommen. Teils überlagert er verschiedene Tunings wie bei Spell und setzt gelegentlich auch ganz dezente elektronische Akzente. Das hört sich manchmal an wie ein Gamelanorchester im Nebel, wie die Geisterhände eines verstorbenen Pianovirtuosen auf einem verstaubten Klavier in einem verlassenen Haus irgendwo an der englische Küste oder dem Versuch einen Entwurf von Steve Reich auf einem kaputten Barpiano zu realisieren. Alle Stücke werden von dem großartigen Kit Downes gespielt, der souverän verhindert, das sich auch nur bei aller Obskurität für einen Augenblick der Eindruck von Dilettantismus oder Defektbewältigung einschleichen kann, sondern ganz im Gegenteil diese sonderbaren, musikalisch hochorginellen Miniaturen ganz selbstverständlich, fast so als ob es diese Schwebungen, Dissonanzen und Verzerrungen nicht gäbe, erklingen können. Dabei entsteht ein Flow, der mit einer fast ambienthaften Leichtigkeit durch das ganze Album trägt. Eines der originellsten und musikalisch bemerkenswertesten Alben dieses Frühlings. Dann wäre nur noch die Cover-Art zu erwähnen, die von der Künstlerin Penelope Umbrico mit Smartphone-Apps geschaffenen fragmentierten und abstrakten Bergsilhouetten, die optisch umsetzt, was die exzentrische Musik an Entfremdung entfaltet.

 
 


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