Manafonistas

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2020 23 Mai

Wenn Gurdjieff das noch gehört hätte …

von: Uli Koch Filed under: Blog | TB | 1 Comment

„Gleich verschwinde ich“, sagte der Gast nüchtern und begann zu zählen: „Fünf … vier … drei …zwei … eins …“ Gurdjieff hatte zwar eindrucksvoll gezählt, kurz auch eigenartig gewackelt, wie ein Fernsehbild bei schlechtem Empfang, doch er verschwand nicht. Lediglich ein Klicken in seinem Bauch war zu hören, und schwarzer Ruß stieg ihm aus den Ohren, begleitet vom Geruch verbrannten Gummis. … Immer mal wieder sprang er auf, verkündete, er glaube zu verschwinden. Er schloss die Augen, rülpste etwas Ruß hervor und murmelte leise „Drei … zwei … eins …“ Er verschwand nicht. Irgendwann gab er auf. … Er erwies sich als guter Erzähler, märchenhaft und phantastisch, wobei nichts davon im Internet ausfindig zu machen war. Auch in der zeitgenössischen Popmusik war er verdächtig gut informiert …

 
 

Diese Passagen aus Zaza Burchuladze‘s skurrilem und höchst lesenswerten Roman Der aufblasbare Engel, in dem der bisweilen absurde Zustand der georgischen Gesellschaft bizarr und voller schwarzem Humor persifliert wird, geben auch dem Schatten Gurdjieffs (wörtlich: „Der Georgier“) bis in die Gegenwart hineinreichend eine Rolle als Gaukler, Trickster, der es mit den traditionellen Werten nicht so ernst nimmt, dafür aber umso mehr vor originellen Einfällen sprüht.

Georgien hat eine der ältesten und reichsten polyphonen Musiktraditionen dieses Planeten, deren Erforschung G.I. Gurdjieff einen gewichtigen Teil seines Lebens widmete und vieles davon in den Klaviertranskriptionen Thomas de Hartmanns hinterließ, wovon hier ja schon häufiger die Rede war. Jetzt hat sich der georgische Keyboarder Giorgi Mikadze in seinem amerikanischen Exil in seine Fußstapfen gewagt und versucht den musikalischen Traditionen einen zeitgemäßen und jazzigen Rahmen zu geben. Dabei hat er die mikrotonalen Stukturen, die feinen Ornamente und Melismen orientalischer Musik, die komplexe Polyphonie und Polyrhythmik neu interpretiert indem er mikrotonale Keyboards in Verbindung mit bundloser Gitarre (David Fiuczynski), bundlosem Bass (Panagiotis Andreou) und Schlagzeug (Sean Wright) zusammen jammen lässt. Gemessen an der bei uns vorherrschenden temperierten Stimmung (die übrigens von den meisten Ethnien dieses Planeten als grob verstimmt erlebt wird, etwa so wie für uns eine chinesische Oper klingt) hört sich das Ganze oft „knapp daneben“ an, gezogen, diskret dissonant, wobei genau das ungewohnte Spannungsbögen aufbaut und uns in ungewohnte Hörgefilde mitnimmt. Diese Klangräume, die Giorgi Mikadze bisher mit seinem Ensemble Basiani, das auch hier bei drei Stücken mitwirkt, noch eher traditionell umsetzte, gelingen hier durch den Kontext eines Jazzrockensembles deutlich weniger traditionell, obwohl Fragmente und Zitate lokaler, aber auch globaler Musikkultur reichlich aufgegriffen werden. So entstehen Spannungsbögen und innovative Figuren, treibend, tanzend, exotisch. Im Mittelpunkt des Albums steht ein rockig interpretiertes traditionelles Klagelied, in dem die Sängerin Nana Valishvili den Opfern des kriegerischen Konfliktes mit Russland 2008 in schleppender, verinnerlichter Traurigkeit ein Andenken setzt. Ein eigenwilliges Gefüge, in dem im wahrsten Sinne des Wortes die feinen Zwischentöne ein kleines Stückchen Neuland gestalten: Georgian Microjamz

 
 

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1 Comment

  1. Lajla:

    Merci für die Einführung. Die Musik ist so groß wie die Welt. Ein Virus entzaubert gerade die Globalisierung. Es wird mich nicht daran hindern, jetzt mal zu den georgischen Klängen zu reisen.

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