Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2020 27 Nov.

Neuzeit

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Zeit entsteht durch Bewegung verschiedener Objekte zueinander. Wenn sich nichts bewegt, hört die Zeit auf, das ist mit den äußeren wie inneren Objekten gleich. Wenn die Gedanken ruhen, spielt Zeit keine Rolle mehr. Zeit wird aus der Alltagserfahrung in zyklischen Bewegungen erlebt: wenn sich etwas wiederholt entsteht ein Rhythmus, eine Zeitstruktur, die die Musik der alten Zeit kennzeichnet. Die alte Zeit aber ist vorbei, vergangen. Wir wissen nicht, was geschehen ist, was den unsichtbaren Kollaps ausgelöst hat, aber es muss ihn gegeben haben. Vielleicht etwas Elementares, wie Michael schon vermutet hat. Verblieben sind noch einige elementare Reste des Alten, Klangfarben, Rhythmusfragmente, etwas das anklingt, sich verwandelt, verliert, verschwunden ist, bevor es erfasst werden kann, wie ein Vogel im dichten Morgennebel.

Raum entsteht durch die Entfernung verschiedener Objekte zueinander. Akustisch findet sich das in der Lautstärke und Position wieder und die Raumgröße als Hall im Klangraum. Der alte Raum ist vorbei, vergangen. Lange Hallfahnen mischen sich zwanglos mit trockenen Klängen, Nahes scheint leise und Entferntes verstörend nah, Hintergrundklänge füllen den Raum und Melodielinien fließen durch die fein gewebten elektroakustischen Texturen, verlieren sich in unvorhersehbaren Wendungen, zitieren mit offenem Ausgang und geben den alten Hörgewohnheiten soviel Halt wie eine abschüssige Eisfläche. Dazwischen erscheinen die Geister der Vergangenheit als Ghost-Notes, singulär und geheimnisvoll, leise verstörend, Konventionen verratend und im akustischen Irrgarten immer die andere Abzweigung empfehlend. Aber nimmt man weit mehr als nur die übliche Dreidimensionalität der Welt an, entsteht etwas Neues, unglaublich Magisches.

J. Peter Schwalm und Arve Henriksen wagen sich auf Neuzeit zugleich weit ins Neuland in einem Spannungsfeld von elektronischen, perkussiven und akustischen Klangfarben, die sich von strukturierten, formalen Ausgangspunkten dekonstruierend ins weiße Niemandsland, einem Land schwer faßbarer Atmosphären entfalten. Ein musikalisches Hybridwesen, ein mythischer Klangandroid, bei dem die verlorengegangene Ideenlosigkeit durch elektronische Träume ersetzt worden sind. Die Titel kreisen um verschiedene Arten der Zeit, die sich aus elementarer Zeitlosigkeit entfalten. Das beginnt mit Blütezeit, das sich ganz zart und additiv Facette um Facette hinzufügend entfaltet, organisch, sanft, sodass mancher drastische Wechsel erst bei mehrmaligem Hören auffällt, sanfte Trompetenlinien fast unbemerkt in harsche Synthesizerrhythmen übergehen, ein stetiges sich Öffnen. Suchzeit tastet sich behutsam durch einen längst leise kollabierten Raum, wie ein zarter Lichtstrahl durch den Staub alter Ruinen und beginnt alte Geschichten zu erzählen, die kein Ende mehr haben. Neuzeit schließlich tastet sich ganz vorsichtig, zaghaft in eine neodystopische Eskalation in unkartiertem Gelände hinein. In Raumzeit kehrt zu artifiziellem Regen eine fast impressionistische Stimmung ein, verloren, kryptisch und ein bißchen melancholisch. Schonzeit beschreibt den verhaltenen Raum zwischen den Zeitaltern, der ewig und unendlich kurz zugleich sein kann, cineastisch visionär und intim. Unzusammenhängend, schwebend dissonant zieht sich Unzeit mit subtilen Irritationen in fremde Gefilde zurück und Wellenzeit wagt die Vortäuschung des Zyklischen im niemals gleichen Fluss. Final setzt Zeitnah den Hörer sanft umgarnend in einem vollends fiktiven Raum ab, der befremdlich vertraut scheint. Archaische Musik aus der Traumzeit von Übermorgen. Jetzt.

 

 

Mit dem Einsetzen des Rhythmus macht die Zeitmaschine eine heftigen Sprung nach hinten und weiß auf einmal nicht, wo sie genau anhalten soll: Bei meinem ersten Beitrag auf diesem Blog oder von da aus etwa 35 Jahre früher, wo mich ein Kabukiartig geschminktes Gesicht etwas verschlafen in einem Frankfurter Plattenladen anstarrte und ich das Album nach kurzem, mesmerisierenden Reinhören mitnahm, um wenige Stunden später erst einmal völlig verstörte Blicke meiner Freunde zu kassieren, die mir die schlimmsten Befürchtungen bezüglich der Entwicklung meines Musikgeschmacks entgegenbrachten. Aber bereits nach dem zweiten oder dritten Anhören dieses Kronjuwels japanischer Popmusik war ich zum Glück rehabilitiert und dann lief die Scheibe erst einmal heiß. Und das tut sie bis heute, wo ich nun endlich die gerade in Europa erstmals erscheinende, remasterte Wiederveröffentlichung der original japanischen Version samt einer zweiten CD mit der Instrumentalversion in den Händen halte: erfrischend wie vor Jahrzehnten, schillernd perfekt, exzentrisch und zeitlos genial.

Nachdem er Robin Scotts Pop Muzik gehört hatte, lud Ryuichi Sakamoto ihn nach Tokyo ein, um mit ihm ein Album aufzunehmen. Mit von der Partie waren seine Mitstreiter vom YMO Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi, Adrian Belew, der neben seinen Gitarrenkünsten einige angry animals beisteuerte, Robin Thompson, der bei Stockhausen studiert hatte und nicht zuletzt der damals fast omnipräsente Hideki Matsukake, der Sakamoto beim Programmieren der Synthesizer unterstützte. Von Fluxus-Konzepten beeinflusst konzipierte Sakamoto, gelangweilt von bereits bestehenden Musikformen, dieses Album bewußt als kollektive Improvisation mit intensivster Neophilie und offenem Ausgang. Die Stücke entwickelten sich jeweils um die primären Rhythmusstrukturen herum und nach und nach flochten die anderen Instrumente ein feines Gewebe daraus. Mit großer Experimentierfreude drifteten die Stücke als Mix zwischen einer höchst originellen japanischen Form des New Wave, lässiger postavantgardistischer Popmusik und minimalistischen (aus unerfindlichen Gründen schlägt mir die Autokorrektur hier „minimaoistischen“ vor, was mich an das Noir-Cover von Japans Tin Drum erinnert…) Miniaturen hin und her und entwickeln eine subtile, in sich völlig schlüssige Suite exzentrischer Klangausflüge, die den geneigten Hörer befriedigend verstört im finalen Saru No Ie für immer in einem bizarren Neo-Dschungel zurücklassen. Hidari Ude No Yumi – Left Handed Dream, again and again …

 
 

Das Cello springt rau zwischen den Boxen hin und her, packt mächtig zu und die feinen Härchen stellen sich am ganzen Körper auf, der so genannte „Chill-Factor“ übernimmt. Bereits die ersten Takte von Circular Lines aus dem neuen Album von Stephan Thelen verströmen die Magie, wegen der ich ewig suchender Musikhörer geworden bin. Und diese Magie scheint fast unbegrenzt steigerungsfähig: eine hochkomplexe polyrhythmische Struktur, bei der jeweils ein Instrument in 3/8, eines in 4/8 und 5/8-Takten gegeneinander läuft und das verbliebene Instrument des Quartetts die Rhythmusstrukturen unterstützt oder elegante Melodielinien darüberlegt, entwickelt sich fulminant und doch unglaublich fokussiert. Eines der herausfordernsten Stücke, die sie je gespielt hätten, sagt David Harrington vom Kronos Quartett, die diese Herausforderung formvollendet und mit rauer Eleganz, fast wie ein Rocksong mit phänomenaler Intensität mehr als erfüllen. Treibend, nein eskalativ sicher eine der besten Darbietungen aus dem umfangreichen Repertoire dieses Ausnahmequartetts.

Zeitsprung: 2014 besucht Anil Prasad den Kopf von Sonar, Stephan Thelen, wo dieser ihm von seiner Vision erzählt, seine Stücke einmal vom Kronos Quartett spielen zu lassen. Prasad teilt diese Vision, fasziniert von den komplexen und nuancenreichen Strukturen der Sonar-Alben, und bringt David Harrington eine Demoaufnahme und Partitur von World Dialogue vorbei, der sich begeistert gleich bei Stephan Thelen meldet und, anstatt dieses Stück ins Repertoire aufzunehmen, Circular Lines für ihr Projekt 50 for the Future in Auftrag gibt. 2017 war es schließlich so weit und dieses faszinierende Stück wurde eingespielt und aufgenommen.

Doch das ist erst der Anfang eines vitalen und spannungsgeladenen Albums, denn das polnische Al Pari Quartett erlebte eine Aufführung von Circular Lines bei einem Konzert des Kronos Quartetts und begann, ebenfalls begeistert davon, es in eigenen Konzerten aufzuführen. Bald nahmen die Musikerinnen dieses Ensembles dann Kontakt zu Stephan Thelen auf und so kam es, dass sie die restlichen Stücke eines der beeindruckendsten Alben dieses Jahres einspielten. Chaconne tanzt über einen 11/4-Takt und bedient sich der von Thelen als „Twofold Covering“ bezeichneten Kompositionstechnik: die Melodielinie wird von einem tiefer tönenden Instrument eine Oktave tiefer und in halber Geschwindigkeit gespielt, was eine eigenwillige Bewegung erzeugt, die die Wahrnehmung der Musik radikal verändert. Auch das letzte Stück des Albums Silesia, einer Auftragsarbeit für das Al Pari Quartett, bedient sich dieser Technik, nur das es dadurch einen besonderen Reiz gewinnt, dass es traditionelle schlesische Melodiefragmente auf unfassbare Weise mit einem 13/4-Takt verwebt und dabei beides verfremdet und in wunderbarer Kraft über sich hinauswachsen lässt. Zwischen diesen beiden Stücken findet sich Word Dialogue mit einer additiven Rhythmusstruktur von einem 7/8 und einem 8/8-Takt, deren Variationen sich mit unglaublicher Leichtigkeit rückwärts durch den Quintenzirkel bewegen, um schließlich ganz beiläufig wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Präzise und dynamisch bewegt sich das Al Pari Quartett mit größter Intensität und dunkler Leidenschaft durch diese schwierig zu spielenden Stücke und steht dem Kronos Quartett dabei um nichts nach. Hier findet eine Bewegung statt vom vertracktem experimentellem Art-Rock, wie er noch auf Tranceportation Vol 2 von Sonar mit David Torn, das im Mai erschienen ist und psychotrope ferne Welten erkundete, ausgelotet wird zu dem hochdifferenzierten Klangraum eines Streichquartetts. Eine Kammermusik der Zukunft, die vital mit heutigen Hörgewohnheiten spielt und in ihrer fast mathematischen Eleganz neue Zenite erahnen und die feinen Härchen auch noch eine ganze Weile nachdem die Musik längst verklungen ist stehen lässt.

 
 
 

     

 

2020 28 Okt.

Kammermusik der Zukunft (I): The See Within

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Aus dem bodenlosen, fast unhörbaren Subbassraum erhebt sich leise eine ambienthafte Klangfigur in die Stille hinein und umzieht mich mit einem sanften Bann, bevor ich realisiere, dass die Musik längst begonnen hat.  Seltsame, bislang ungehörte Schwebungen mit denen das belgische Echo Collective in ihr erstes Album nur mit eigenen Stücken einsteigt. Zuvor haben sie schon Radiohead (Amnesiac) gecovert und mit Christina Vantzou (No. 4) und A Winged Victory For The Sullen (The Undivided Five) zusammengespielt, deren Einflüsse hier subtil spürbar sind. The See Within ist klanglich um den magischen, manchmal fast unheimlichen Sound des Magnetic Resonator Piano‘s (MRP) herumgebaut. Das MRP ist ein mit kleinen Magneten präpariertes Proto-Klavier, das ähnlich einem E-Bow die Saitenschwingungen manipulieren kann und so einen schwebenden, in sich schwingenden Klang erzeugt, der ohne elektrische Einflussnahme eine akustische Annäherung an die langgezogenen, tragenden Streicher darstellt, die sich behutsam darum herumgruppieren. Außer dem MRP und den Streichern kommt noch eine Harfe mit ins Spiel, die noch am gewohntesten innerhalb dieser gänzlich akustischen Musik klingt, aber bald durch fremde, manchmal fast unheimliche und geisterhafte Färbungen unwoben (The Witching Hour) und in bislang ungehörte Zusammenhänge gestellt wird oder einfach nur dezente Klangtupfer zelebriert. Die Hörerfahrungen des vierköpfigen, sich als post-klassisch bezeichnenden Ensembles muss sich intensiv an Ambientsounds geschult haben und manchmal erinnert das Ergebnis flüchtig an die magische akustische Interpretation von Brian Eno‘s Music for Airports durch Bang on a Can, aber dann kommen neue magnetinduzierte Hallräume hinzu und ziehen die Aufmerksamkeit wieder in Parallelwelten, in denen Einsteins Zeitdilatation die Regie übernommen zu haben scheint. Spätestens in dem fast 11 Minuten langen Respire geht dann das Erleben in den zeitlosen Raum über, in dem man sich mit Leichtigkeit im finalen First Brightening dann vollends verliert. Wo war ich nur in der letzten Stunde? Muss ich das wirklich wissen, wenn das kollektive Echo des Echo Collective meine Hirnströme zu einem selig verschlingenden Strom zivilisationsfernen Ausklingens verwandelt hat?

 
 

2020 25 Sep.

Bei mir piept‘s

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Wahrscheinlich hab ich eine Meise oder irgendeinen anderen Vogel. Neulich war wieder mein unsichtbarer Agent für sonderbare und skurrile Musik da und hat mir einen kleinen Kosmos dagelassen, einen Cosmo sozusagen. Einen Cosmo Sheldrake. Höchst obskur, was nun aus meinen Boxen kommt: aber ich glaub ich steh im Walde, mitten zwischen den Glockenblumen in der Abenddämmerung und ein eigenartiger Frieden überkommt mich. Vor einem Jahr hat Gregor zum 200. Mal seinen Plattenschrank geöffnet und Messiaens Catalogue d‘Oiseaux und dessen Faszination für Vogelstimmen ausführlich gewürdigt und nun tritt der Sohn des renommierten englischen Biologen Rupert Sheldrake in diese Fußstapfen, die ihm kein Stückchen zu groß zu seien scheinen. Nur ist seine Art mit den tausenden gesammelten Aufnahmen von Vogelstimmen eine ganz andere: die Musik ist schon längst da. Da, wo Messiaen noch mühsam transkribierend mit der Vogelwelt Hase und Igel spielte, überlässt Cosmo Sheldrake der Vogelwelt scheinbar gleich die Regie und führt den Hörer gleich direkt in die pastoralen Welten einiger in England bedrohter Vogelarten. Der Multiinstrumentalist und Komponist geht mit kindlicher Neugier und Staunen an die Welt heran, aber mit dem feinen Blick eines Genius, wie ihm eine Rezension im Guardian bescheinigt. Er hat gewiss seinen David Rothenberg gehört und schon mit Bernie Krause musiziert und überlässt es nun in 13 Miniaturen jeweils einer gefährdeten Spezies das Solo zu zwitschern und bettet all das ein in eine Welt, die mich an meine Kindertage erinnert, wo ich im Sommer frühmorgens wach wurde von der Lautstärke und Intensität eines vielfältigen Vogelkonzertes und mich noch ganz in der Welt geborgen fühlen konnte. Nur einschlafen ging nicht mehr: Wake up calls!

Und dabei bleibt er very british mit viel Ernsthaftigkeit, musikalischer Kompetenz und einem feinen, hintergründigen Sinn für Humor, der auch schon seinen bisherigen Veröffentlichungen ganz zu eigen war. Hier noch einer seiner ersten Videoclips, der dies besser als tausend Worte erfahrbar macht.

 
 

2020 29 Aug.

You Gotta Say Yes To Another Excess …

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… ist nicht nur der Titel eines Jahrzehnte alten Albums, sondern kompromisslosestes Programm, das ab da ein Eigenleben zu führen begann. Der grimmige Gorilla schaut mit seinem fahlen Blick durch die Zeit und uns hindurch und skandiert 2020 „All my life is restless, I never had a breakfast“. Das war zu erwarten, kein Hauch von Gnade auch nach über 37 Jahren, Elektro-Dada, frisch und ohne Grenzen. Die beiden alten Herren exportieren seit Anbeginn ihrer Zeiten nicht nur exklusiv die Löcher im Käse (Maßanfertigung garantiert), sondern einen exzentrischsten Sound, der wie ein schwarzes Loch den ultimaten Sog der Sinnfreiheit wie eine Karotte vor dem Esel der Spaßgesellschaft vorausträgt und sich daran erfreut nichts als Fragen offenzulassen. Ernsthaft. Aber jetzt ist es passiert: „I jump out of the bottle, I do the double bubble“. Waba Duba. Der Geist ist aus der Flasche und springt wild zwischen Anoden und Kathoden hin und her, mixt Atmosphären von Film Noir über James Bond bis zu Star Trek, spielt den Blues mit Grabesstimme, fakt den Funk und tackert den Techno. Ausser sich und ausser Kontrolle, Spinning My Mind, der Mann mit grünen Haaren läßt ein Skelett hinter der Skyline tanzen und singt mit sanfter Stimme bis alles in Flammen versinkt. Gemütsbildende Grabesromantik von übermorgen oder Konzeptkunst. Sonnenbrillen nach Mitternacht. Treibend, eskalativ, voller skurriler Sounds, die man glaubt irgendwo synthetisch schon einmal gehört zu haben. Alles neu aus Boris Blanks Klanglaboren, blubbernd und schneidend, imitierend und Zitate schreddernd, jedes Detail ausgefeilt, Ähnlichkeiten bestenfalls rein zufällig. Hut ab. Dazu jagen Dieter Meiers sonore Sprechgesänge den Schatten des Pink Panther durch die Lautsprecher hinein in den Dschungel und durch die Hinterzimmer des Stammhirns. Konspirative Sitzung der schnauzbärtigen Schweizer Ehrenlektion. Transpirativ, elegant, anarchisch, sich um kein Klischee kümmernd und doch alle ausnutzend. Exzesse, Bananen und Orangen, „Left to right, your eyes are shining bright. Left to right, you‘re Out Of Sight. Da gibt’s kein zurück! Punkt. Point. Point Yello. Oh!

 
 

2020 27 Juni

Japanese Jewels (15): Green

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Kaum ist das Lieblingswerk des Japaners Hiroshi Yoshimura seit 1986 zum ersten mal wieder aufgelegt und damit außerhalb Japans überhaupt zum ersten mal erhältlich, hat Green es zu recht hier schon zum Reissue-Album des Monats geschafft. Der 2003 verstorbene Yoshimura gehört zu den Ambient-Pionieren Japans, ein Inspirator und Förderer von Kankyo Ongaku, der japanischen Version von Ambient music. Er schrieb Bücher über die Geschichte der Ambient music, über Soundinstallationen und über Tempelglocken. Bereits 1973 trat er mit umgebungsbezogenen Klangkunstinstallationen an die Öffentlichkeit und produzierte in Folge einige Alben. Sein Debütalbum Music for Nine Postcards dürfte den Lesern dieses Blogs ja auch schon bekannt sein.

Bei Green geht es nicht um frühe ökologische Klangverkompostung, sondern viel mehr, wie in Yoshimuras gesamtem Werk um shizukesa, was sich nur annäherungsweise als subtiles Konglomerat von Heiterkeit, Gelassenheit, Ruhe und Stille verstehen lässt und seine weiteren darin verborgenen Nuancen sich am besten beim Hören erschließen. Die Titel spielen alle mit dem Phonem „ee“, das hier eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausgeübt haben muss. Wenn Green im Sinne von Grün auf diesem Album eine Bedeutung haben soll, dann am ehesten in einer von anderen Musikern nahezu unerreichten Natürlichkeit des Klangflusses, der sich ganz langsam und selbstverständlich in den lang gestreckten Miniaturen entfaltet. Und ja, es gab einmal eine etwas längere amerikanische Ausgabe, die einen Mix mit Naturgeräuschen und Field recordings darbot, der sich aber dem Klangerleben eher abträglich erwies, weswegen es erfreulich ist, dass jetzt die Originalversion wiederveröffentlicht wird. Yamaha‘s DX7 war gerade neu verfügbar und ähnlich wie Brian Eno war Hiroshi Yoshimura von den klanglichen Möglichkeiten dieses Instruments fasziniert und lotete diese gründlich aus, ohne dabei in der schlichten Leichtigkeit und Unbefangenheit der Musik die Klischee- oder Kitschfallen der üblichen esoterischen Sülze mitzunehmen.

Der Opener Creek beginnt mit hypnotischen und perkussiven Arpeggios, nicht weil das erste Stück eines Albums etwas mehr Drive haben sollte, sondern mehr um den Hörer in seiner bewegten und bisweilen hektischen Welt ganz organisch abzuholen und in die Stille zu führen. Mit feinsten Lautstärkewellen wird die Downregulation gebahnt, die sich dann in Feel über schwebenden Drones mit darüber perlenden schimmernden Synthesizerklängen entfaltet. In Sheep geht es mit aufsteigenden Melodielinien von bestechender Einfachheit, denen gelegentlich sanft metallische Klänge zur Seite gestellt werden ans Schafe zählen, um dann bei Sleep in angenehmen veränderlichen Klangfarben, die scheinbar ganz zufällig und unbefangen, von kleinen Pausen durchsetzt aufeinander folgen, in oneiroiden Zuständen die Orientierung zu verlieren und sie auch gar nicht wiederfinden zu wollen. Der Titeltrack spielt schwerelos mit einer einfachen Melodie, die einfach und völlig reduktionistisch durch den Raum schwebt. Er erinnert mich ein bißchen an einen ergreifenden Moment, wo mir eine psychotische Pianistin an einem späten Sommertagsnachmittag ganz leise und verhuscht, wie aus einer anderen Welt Chopinstücke ganz wunderbar in das warme Licht der Abendsonne vorspielte. Irgendwie jenseitig und seltsam frei von irdischen Bindungen. Feet erfüllt dann mit harfenähnlichen Patterns, die durch leise, pointilistische Pianoklänge durchwebt sind den Raum, in dem dann Street wieder etwas Erdung mit Bassakzenten anbietet und dabei die klassische DX7-Flöte, die in den 80er Jahren auf keiner Esoterikplatte fehlen durfte, erklingen lässt, was eine nahezu pastorale Atmosphäre schafft. Zuletzt erklingt Teevee (TV!) wie die Musik zu einem Filmabspann, die einfach nur sagen will: Das hast du doch alles nur geträumt, du hast dich virtuell verloren, nur dass die Farben jetzt ein bisschen intensiver leuchten und die Alltagstaktung in Zeitlupe davonschwebt. Musikalisches Microdosing.

 
 

 

2020 11 Juni

The Heritage of Hermann, Harry & Harry: Monophonie

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Kann man mit obskursten Instrumenten hörbare Musik machen? Kann man die Ideen, Konzepte und Skizzen völlig verschiedener Musiker mit ästhetischem Gewinn zusammenbringen? Kann man sich gleichzeitig von den Vorgaben konventioneller Musik ganz zwanglos entfernen? Und was erwartet den geneigten Hörer dann? Bisher endeten solche Versuche meist in exzentrischen Kakophonien, die von einer Minderheit frenetisch gustiert wurden, die oft nicht unerheblichen Einfluß auf das musikalische Denken und Schaffen der Nachwelt hatten und dann blieb es oft bei einem anerkennenden ersten Durchhören …

Vor über 100 Jahren entwickelte der Physiologe und Universalgelehrte Hermann von Helmholtz eine Doppel-Sirene, die er für seine akustischen und physiologischen Experimente und Messungen verwendete und, wie mir scheint, nur wenig daran dachte, dass dieses sonderbare Gerät, bei dem Tonhöhe und Lautstärke raffiniert steuerbar waren, einmal in einem Musikensemble Verwendung finden könnte. Der amerikanische Komponist Harry Partch entwickelte Unmengen seltsamer und fremdartiger Instrumente, die er in außergewöhnlichen Stimmungen intonierte, bei denen eine Oktave auch schon mal mehr als 50 unregelmäßige  haben konnte. Auch hinterließ er viele Entwürfe und Skizzen mit Ideen zu weiteren Instrumenten, die jetzt posthum erneut von Thomas Meixner vom Ensemble Musikfabrik gebaut wurden und in ein Universum ungewohnter Klänge verführen. Als weiteres Element kommen die wunderbaren Sonambient Klangskulpturen des Italienters Harry Bertoia ins Spiel. Deren klangliches Spektrum kann man in seiner Complete Sonambient Collection genussvoll ergründen. Und aus all dem einen Cocktail mixen?

Phillip Sollmann macht das. Der in elektroakustischer Musik ausgebildete und an der Musique concrete geschulte Musiker, der sich als Efdemin als Technomusiker bereits einen Namen gemacht hat, ist hier genau der richtige Grenzgänger zwischen Minimal music, Techno, klassischer Experimentalmusik, Tanzbarkeit und auditiver Faszination. Mit Hilfe des Ensemble Musikfabrik führte er Monophonie 2017 in Berlin erstmalig auf und dann mehrfach im Rahmen der Ruhrtriennale. Und nun endlich liegt eine Studioaufnahme dieses exzentrischen Werks vor, die von dem ersten Glockenton des Albums an zeigt, dass in einer solchen gewagten Synthese das Ganze weit mehr als die Summe seiner Teil sein kann. Nach dem ersten Titel Chance war ich uneingeschränkt gewillt dem restlichen Werk eine solche zu geben. Und was da noch etwas sphärisch und anhebend war, steigert sich ab Rara schnell in rhythmisch und tonal hochkomplexe Strukturen, die sich aber nie als solche aufdrängen, sondern ganz selbstverständlich und fast beiläufig ihren Neuraum einnehmen. Über Micro steigert sich dann das Album zum zentralen und längsten Stück Motor, dass einen eigenwilligen Groove entwickelt, der sich langsam eskalierend bis zum Ende hin steigert. Stutter treibt in ähnlicher Weise voran, mächtig, aber ohne aufdringlich zu werden. Tape, Plain und U/O entwickeln etwas ruhiger die einzelnen Aspekte, mit teilweise spannender Dramatik, die sich subtil aus den minimalistischen Strukturen aufbaut. Das ist, wenn wir Jon Hassell weiterdenken, feinste Fifth World Musik, rein akustisch eingespielt und dabei so archaisch wie Stammesmusik der fernen Zukunft, die im finalen Mono nahezu ohne musikalisches Material nur mit rhythmischen Mitteln und den diversen Klangfarben der eingesetzten obskuren Instrumente eine unglaubliche Eskalation entwickelt, aus der man schließlich ganz sanft abgesetzt wird. Eine weitere Einführung und Videomitschnitte von Aufführungen finden sich hier. Eine Verbeugung vor drei alten Herren, die in ihrer gelungenen Synthese far beyond mainstream ein faszinierender Meilenstein dieses Jahres bleiben wird.

 
 

2020 7 Juni

Nippon Connection

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Die Nippon Connection ist das größte japanische Filmfestival außerhalb Japans und findet seit Jahren mit einem spannenden und kulturell höchst interessanten Rahmenprogramm in Frankfurt statt. Hier werden Neuproduktionen, Kurzfilme und oft bislang nur innerhalb Japans gewürdigte Filme einem internationalen Publikum, oft auch in Veranstaltungen mit den Regisseuren, vorgestellt. Dazu kommen meist ein paar Highlights aus den vergangenen Jahren und einige japanische Kultfilme, so dass es mir bisher jedes Jahr schwer gefallen ist in meinem sonst engen Zeitplan, mich für eine Auswahl zu entscheiden. Dieses Jahr wird das Festival coronabedingt online stattfinden und jeder kann sich über die Website des Festivals einloggen und für grundsolide 5 Euro einen Film innerhalb der Festivalzeit vom 9. – 14. Juni für 24 Stunden freischalten und im Heimkino schauen. Zu jedem Filmangebot gibt es eine kurze spoilerarme Beschreibung, die sowieso meist weit hinter den genreübergreifenden, teilweise bizarren oder surrealen oder sehr durch die japanische Perspektive (sofern es so etwas überhaupt so spezifisch gibt) geprägten Erlebnissen beim Schauen weit zurückbleibt. Als wichtigster nicht-japanischer Beitrag wird übrigens der neue Film von Werner Herzog Family Romance, LLC. zu sehen sein, der zwischen Spielfilm und Doku einen Blick auf die ungewöhnliche Welt des japanischen Leihfamilienmitgliedsgeschäfts wirft. Zwischen Experimentellem, Manga, Thriller & Splatter und feingeistigen Betrachtungen bis hin zu Romanzen mit nicht so ganz konventionellem Ausgang ist alles dabei und zudem gibt es noch ein teilweise kostenfreies virtuelles Rahmenprogramm. Vielleicht ist für die vielen Filmfreunde hier im Blog das eine oder andere dabei, off the beaten track …

 

skandierte David Byrne mit gequält dünner Stimme in Robert Fripp’s Under Heavy Manners und endet nach einigen düsteren Glockenklängen ein paar Takte weiter schließlich mit dem kryptischen „I am resplendent in divergence“. An meinem Arbeitsplatz kann ich auch Glocken hören: auf der anderen Seite des flachen Tals, in dessen Sohle der Schwarzbach fließt, liegt der Friedhof, von wo die Totenglocke über den ganzen Ort erklingt. Sie ist nicht besonders obertonreich und verbreitet eine triste Monotonie, die den Verstorbenen wahrscheinlich den Übergang erleichtern und den Lebenden ein düsteres Mahnmal ihrer Endlichkeit sein soll.

Die Spannbreite der Glockenklänge ist enorm und wegen einiger Besonderheiten ihrer Akustik ein nicht ganz so einfach, aber dafür um so effektvoller einzusetzendes Instrument. Curt Sachs definiert „Die Glocke ist ein Aufschlaggefäß mit klingendem Rand und stummem Scheitel“ – kürzer geht’s nicht. Allerdings ist die Komplexität und Vielfalt eines Glockenklanges so groß, was damit beginnt, dass der so genannte Schlagton nicht messbar und nur virtuell existiert und je nach Form, Material und Größe sehr viele, teilweise auch nicht harmonische Teiltöne erklingen, die je nach Tonhöhe und Resonanz zum Gesamtklang unterschiedlich schnell abklingen oder in hochkomplexen Schwebungen verhallen können. All das wiederum führt dazu, dass das Gehirn des geneigten Hörers mit einer einfachen Zuordnung des Klangereignisses schnell überfordert ist und hochtaktet, indem es möglichst viele, gerade nicht erforderliche Funktionen aufs Abstellgleis befördert, was dem Einsatz von Glocken im sakralen Umfeld die Tore weit öffnete und eine der kulturhistorisch ältesten Einsatzmöglichkeiten von Glocken seit der Bronzezeit darstellt. In diesem Spektrum faszinieren mich zwei Alben, zwischen denen sich die ganze Bandbreite klanglicher Möglichkeiten ausbreitet: da ist einmal Brian Eno’s Bell Studies for The Clock of The Long Now, der mit synthetischen Studien nicht nur die Klangräume möglicher Glocken ausschöpft, sondern die Muster auch in den Raum nicht real zu erzeugenden Klangkörpern hinentransponiert und so quasi unmögliche Glocken schafft. Zum anderen ist da Tsering Tobgyal’s Art of Meditation, der in ganz unesoterischer Weise die Tiefe der Wirkung tibetischer Klangschalen (per definitionem auch zu den Glocken gehörig) auf den Geist auslotet und in fast schroffer, rhythmisch nicht immer durchschaubarer Weise die geistige Reset-Taste betätigt.

 

 

        

 

 

Diese beiden Aspekte führt ganz aktuell Jon Hopkins in Meditations zusammen, in dem er gewaltige Klangräume schafft, die elektronisch verfemdet in fast brachialer Weise über sich hinauswachsen und den Geist zum Innehalten zwingen. Hierbei bedient er sich der archaischen Figuren und zeigt sich andererseits ganz unüberhörbar von Brian Eno’s Einfluß und den Bell Studies inspiriert.

 

 

 

 

Musikalischer hingegen geht es in Hedrik Weber aka Pantha du Prince’s zweiter Kollaboration mit The Bell Laboratory (nach Elements of Light) in Conference of Trees zu, wo in subtiler Weise zu diversen Drones und Klängen überwiegend selbstgebauter Instrumente eine leise und sehr hinter- wie tiefgründige Kommunikation stattfindet, die Patterns pflanzenhaften Austauschs reflektieren soll. Unterstützt wird er dabei auch von Håkon Stene und Bendik Hovik Kjeldsberg und weiteren Musikern, die mit dem früher primär elektronisch Produzierenden akustische Arrangements erarbeiten und dabei eine ganz eigene Art von Ambientmusik entstehen lassen. Ein feines Gewebe, dass an den indischen Mythos von Indra’s Netz denken lässt, das den Ausgangspunkt der manifesten Schöpfung darstellt und gleichzeitig die Einheit und Verbundenheit von allem miteinander veranschaulicht. Intim.

 

 

         

 

 

Auf eine ganz andere Art intim ist die ganz frische Veröffentlichung des Albums Nocturne anlässlich des 83. Geburtstags des letzten verbliebenen Can-Mitglieds Irmin Schmidt. Es ist der Mitschnitt eines Livekonzerts beim letztjährigen Huddersfield Contemporary Music Festival mit drei improvisierten Stücken: Klavierstück Zwei, das bereits in einer kürzeren Studioversion auf seinem letzten herausragenden Album zu finden war, dem Titelstück Nocturne, in dem Samples eines tropfenden Wasserhahns ein eingenwilliges Klangszenario liefern, das in unglaublich faszinierender Dichte das letzte Stück Yonder vorbereitet. Die Klänge von Glocken haben Irmin Schmidt schon seit seiner Kindheit fasziniert, wie es in diesem Interview berichtet und so hat er über viele Jahrzehnte diverse Glockenklänge gesammelt und nun zu einer atemberaubenden Liveperformance mit präpariertem Klavier bis an die Grenze des Unerträglichen verdichtet und gesteigert. Angesichts der Intensität dieser Aufführung verstummte das Auditorium vollständig und der Applaus nach Ende der Performance ist Erlösung und Übersteigerung dieses außerordentlichen Stückes zugleich. Bells, I can hear bells. They are resplendent in divergence.


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