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2020 17 Nov

Japanese Jewels (16): Hidari Ude No Yume

von: Uli Koch Filed under: Blog | TB | Tags:  5 Comments

Mit dem Einsetzen des Rhythmus macht die Zeitmaschine eine heftigen Sprung nach hinten und weiß auf einmal nicht, wo sie genau anhalten soll: Bei meinem ersten Beitrag auf diesem Blog oder von da aus etwa 35 Jahre früher, wo mich ein Kabukiartig geschminktes Gesicht etwas verschlafen in einem Frankfurter Plattenladen anstarrte und ich das Album nach kurzem, mesmerisierenden Reinhören mitnahm, um wenige Stunden später erst einmal völlig verstörte Blicke meiner Freunde zu kassieren, die mir die schlimmsten Befürchtungen bezüglich der Entwicklung meines Musikgeschmacks entgegenbrachten. Aber bereits nach dem zweiten oder dritten Anhören dieses Kronjuwels japanischer Popmusik war ich zum Glück rehabilitiert und dann lief die Scheibe erst einmal heiß. Und das tut sie bis heute, wo ich nun endlich die gerade in Europa erstmals erscheinende, remasterte Wiederveröffentlichung der original japanischen Version samt einer zweiten CD mit der Instrumentalversion in den Händen halte: erfrischend wie vor Jahrzehnten, schillernd perfekt, exzentrisch und zeitlos genial.

Nachdem er Robin Scotts Pop Muzik gehört hatte, lud Ryuichi Sakamoto ihn nach Tokyo ein, um mit ihm ein Album aufzunehmen. Mit von der Partie waren seine Mitstreiter vom YMO Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi, Adrian Belew, der neben seinen Gitarrenkünsten einige angry animals beisteuerte, Robin Thompson, der bei Stockhausen studiert hatte und nicht zuletzt der damals fast omnipräsente Hideki Matsukake, der Sakamoto beim Programmieren der Synthesizer unterstützte. Von Fluxus-Konzepten beeinflusst konzipierte Sakamoto, gelangweilt von bereits bestehenden Musikformen, dieses Album bewußt als kollektive Improvisation mit intensivster Neophilie und offenem Ausgang. Die Stücke entwickelten sich jeweils um die primären Rhythmusstrukturen herum und nach und nach flochten die anderen Instrumente ein feines Gewebe daraus. Mit großer Experimentierfreude drifteten die Stücke als Mix zwischen einer höchst originellen japanischen Form des New Wave, lässiger postavantgardistischer Popmusik und minimalistischen (aus unerfindlichen Gründen schlägt mir die Autokorrektur hier „minimaoistischen“ vor, was mich an das Noir-Cover von Japans Tin Drum erinnert…) Miniaturen hin und her und entwickeln eine subtile, in sich völlig schlüssige Suite exzentrischer Klangausflüge, die den geneigten Hörer befriedigend verstört im finalen Saru No Ie für immer in einem bizarren Neo-Dschungel zurücklassen. Hidari Ude No Yumi – Left Handed Dream, again and again …

 
 

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5 Comments

  1. Jan Reetze:

    Dieses Schätzchen habe ich auch vor ein paar Tagen bestellt. Das war ein Muss, es ging nicht anders. Sicherlich eines der Reissues des Jahres — aber was heißt schon “des Jahres” bei einer Platte, die für hundert Jahre reicht …

  2. Michael Engelbrecht:

    @ Jan und Uli:

    Ihre seid heir die Japan-Experten. ich fand einst nie so den Zugang zu YMO. Aber ich besass The Lefthanded Dream, eine schwere japanische Vinylpressung, eher 200 als 180 g:)

    Ich mochte diese Platte sehr.

    Nun ich heute die Doppel-Cd bekommen, eine Seite voller Instrumentalfsssungen. Und mir fallen nach dem Hören der Haupt-CD folgende drei Dinge ein und auf:

    1) tolles Remastering, Klasse Sound

    2) Hätte njcht gedacht, dass es mit nach 39 Jahren immer noch so gut gefällt. Aber, wow wow! Würde mich jetzt einer fragen nach meinen drei liebsten Sakamotos, ich würde sagen:

    Async
    The Lefthanded Dream

    und eine dritte fällt mir gar nicht ein, auf Anhieb. Grosse Freude, diese reissue.

    3) dieses Album ist, wie man so sagt, heavily influenced from Eno (Another Green World, wohl auch MLITBOFG, das Duo mit Byrne), aber kreativ beeinflusst, kein Abklatsch. Besser gesagt: in einem gewissen, aber durchaus hörbaren Mass inspiriert von AGW und MLITBOG.

    …..

    Ist ne wahnsinnig tolle Reissue, und schon versuchsweise eingebaut in eine der Dezembernächte im DLF.

  3. Michael Engelbrecht:

    Auch ne feine Besprechung in Electronic Sound 71 …

  4. Lorenz:

    Vielen Dank für den Tip, Uli! Ich hatte mir damals die LP „Left Handed Dream“ gekauft. Toll, diese Musik wieder hören zu können. Die Instrumentalversion gefällt mir auch sehr. Man kann hier die Klangmalereien von Adrian Belew noch viel besser hören. Bei meinen „Japanese Jewels“ wären „Seigen Ono“ und „Jun Miyake “ auch vorne mit dabei.

  5. Michael Engelbrecht:

    @ Lorzenz: hatte mir die Doppel-CD besorgt und wirklich nir vage Erinenrungen an das Vinyl von damals. Als ich dan ein Foto sah von dieser CD, dachte ich: das ist doch der Belew, oder?! Sein Auftritt 82 in Nürnberg im grossen Stadion, das früher die Faschisten für sich beanspruchten, gehört zu meinen all time favourite concerts. Am gleichen Abend, unterm Nachthimmel, gab es noch ein unvergessenes, mit Neil Young.

    Nebenbei: wenn ich superjung wäre, Neil Youngs demnächst erscheinendes ARCHIVES VOL. 2 wäre unbestreitbar ein Teil meines heiligen heidnischen Grals. Ich stelle mir vor, ich hörte das zum ersten Mal.

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