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2020 28 Okt

Kammermusik der Zukunft (I): The See Within

von: Uli Koch Filed under: Blog | TB | Tags:  No Comments

Aus dem bodenlosen, fast unhörbaren Subbassraum erhebt sich leise eine ambienthafte Klangfigur in die Stille hinein und umzieht mich mit einem sanften Bann, bevor ich realisiere, dass die Musik längst begonnen hat.  Seltsame, bislang ungehörte Schwebungen mit denen das belgische Echo Collective in ihr erstes Album nur mit eigenen Stücken einsteigt. Zuvor haben sie schon Radiohead (Amnesiac) gecovert und mit Christina Vantzou (No. 4) und A Winged Victory For The Sullen (The Undivided Five) zusammengespielt, deren Einflüsse hier subtil spürbar sind. The See Within ist klanglich um den magischen, manchmal fast unheimlichen Sound des Magnetic Resonator Piano‘s (MRP) herumgebaut. Das MRP ist ein mit kleinen Magneten präpariertes Proto-Klavier, das ähnlich einem E-Bow die Saitenschwingungen manipulieren kann und so einen schwebenden, in sich schwingenden Klang erzeugt, der ohne elektrische Einflussnahme eine akustische Annäherung an die langgezogenen, tragenden Streicher darstellt, die sich behutsam darum herumgruppieren. Außer dem MRP und den Streichern kommt noch eine Harfe mit ins Spiel, die noch am gewohntesten innerhalb dieser gänzlich akustischen Musik klingt, aber bald durch fremde, manchmal fast unheimliche und geisterhafte Färbungen unwoben (The Witching Hour) und in bislang ungehörte Zusammenhänge gestellt wird oder einfach nur dezente Klangtupfer zelebriert. Die Hörerfahrungen des vierköpfigen, sich als post-klassisch bezeichnenden Ensembles muss sich intensiv an Ambientsounds geschult haben und manchmal erinnert das Ergebnis flüchtig an die magische akustische Interpretation von Brian Eno‘s Music for Airports durch Bang on a Can, aber dann kommen neue magnetinduzierte Hallräume hinzu und ziehen die Aufmerksamkeit wieder in Parallelwelten, in denen Einsteins Zeitdilatation die Regie übernommen zu haben scheint. Spätestens in dem fast 11 Minuten langen Respire geht dann das Erleben in den zeitlosen Raum über, in dem man sich mit Leichtigkeit im finalen First Brightening dann vollends verliert. Wo war ich nur in der letzten Stunde? Muss ich das wirklich wissen, wenn das kollektive Echo des Echo Collective meine Hirnströme zu einem selig verschlingenden Strom zivilisationsfernen Ausklingens verwandelt hat?

 
 

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