Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2023 5 Mai

Secret Life

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War das Ende letzten Jahres erschienene FOREVERANDEVERNOMORE von Brian Eno bereits ein völlig eigenwilliges Album, auf dem Stimmen wie Instrumente apokalyptische Themen filettierten und das Ganze dann auf fast magische Weise auch in den Instrumentalversionen funktionierte erschien heute eine Kollaboration mit Fred again.. a.k.a Fred Gibson, der bereits auf den gemeinsamen Alben mit Karl Hyde einen beachtlichen kreativen Input lieferte.

Secret Life entstand in den letzten beiden Jahren und vereint minimalistische, sehr verhaltene, ruhige und leise Songs, die sich langsam schwebend durch den Hinterkopf einen imperativen Zugang zu alltagsfernen Bewusstseinsformen entlegener Hirnregionen verschaffen, sich einschleichen, weil sie mit ansatzweisen Konventionen spielen und dann im Niemandsland, wie so oft bei den Alben und Kollaborationen Eno’s, fragile Luftschlösser bauen. Mein Geist zieht gerade wieder ziellos durch deren verwinkelte Gänge, schaut suchend von den bizarren Türmen und taumelt durch die volatilen Verliese in archaischen Traumlandschaften. In welchem geheimen Leben driften die schemenhaften Wesen auf dem Cover? Und: wo befinde ich mich eigentlich gerade?

 
 

2023 11 März

Ein goldener Löwe für Brian

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Seltsamerweise weiß ich gar nicht mehr mit welchem Album Brian Eno in mein Leben trat, es fühlt sich eher so an als ob er schon dagewesen wäre, in Resonanz, lange bevor ich etwas von ihm hören konnte. Vielleicht die ersten beiden Roxy Music-Alben die in meiner Klasse so gehypt wurden, vielleicht Taking Tiger Mountain oder Discreet Music. Ich weiß es nicht mehr. Um so klarer ist, dass er einer der Musiker ist, der sich immer wieder neugierig ins Neuland begibt, dessen Erforschung ungewohnter Klangräume immer wieder so faszinierende wie hörenswerte Überraschungen kreiert, die klingen als kämen sie 100 Jahre aus der Zukunft und einen Lifer nach dem anderen produziert und den ich genau deshalb nie aus dem Fokus verloren habe. It’s like a Line In The Sand. Bei mir hat er also schon mal einen Lifetime Award sicher und nun bekommt er ihn auch ganz offiziell im Oktober auf der Biennale Venedig verliehen.

2023 5 Feb.

Das fängt ja gut an …

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Auch wenn es der dunkelste Januar seit mehr als 40 Jahren sein soll, die letzte Generation den grünen Kometen, als er der Erde zu nahe kam aus Protest mit Kartoffelbrei beworfen hat und die Chinesen ihre jahrtausendealte Tradition des Ballonsteigenlassens in der auslaufenden Hurrikansaison über Amerika fortgesetzt haben, gab es im vergangenen Monat doch erfrischend viele erhellende Klangmomente, allesamt inspirierende Hörempfehlungen in der Spanne zwischen ungewöhnlichen perkussiven und tiefgründigen Ambientalben:

 
 

    1. Ryuichi Sakamoto – 12
    2. Sebastian Rochford & Kit Downes – A Short Diary
    3. Kali Malone, Stephen O’Malley, Lucy Railton – Does Spring Hide Its Joy
    4. John Cale – Mercy
    5. Martina Bertoni – Hypnagogia
    6. Ekin Fil – Rosewood Untitled
    7. Ami Dang – The Living World’s Demands
    8. Le Millipede –  Legs and Birds
    9. Catherine Graindorge & Iggy Pop – Dictator
    10. Marius Gjersø – Yûgen
    11. Harmonious Thelonious – Cheapo Sounds
    12. Rian Treanor & Ocen James – Saccades
    13. Burnt Friedman – Hexenschuss (Extended Versions)
    14. Suss – Suss

 
 
 
   
 
 

 

 
 
 

Das vergangene Jahr war so voll mit bemerkenswerter neuer Musik, dass ich mich dieses Mal entschieden habe daraus zwei Beiträge zu schreiben: den ersten über meine Ranking-List und einen weiteren über die Alben und Klänge, die ich bemerkenswert finde obwohl sie es aus verschiedenen Gründen nicht auf die Bestenliste geschafft haben. Zum ersten mal belegt hier auch ein Musiker 3 Plätze unter den Favoriten, der aber auch wohl zum ersten mal mehr als 3 Alben in einem Jahr aufgenommen hat. Die Rede ist hier von Stephan Thelen, der für seine komplexen und polyrhythmischen Exkurse demnächst auch eine eigene Rezension bekommt.

Und natürlich gibt es auch wieder Pianohighlights, die dieses Jahr von den 3 Pianisten Francesco Tristano, Koki Nakano und Moritz Fasbender gestellt werden, weil sie neben einem äußerst feinen Sinn für subtile Klangstrukturen auch pianistisch eine bemerkenswertes Niveau halten und dabei neue Räume erschließen. Hier mag es vielleicht verwundern, dass der sonst von mir sehr geschätzte Daniel Lanois nicht auf der Liste auftaucht, aber ich fand sein Album Player, Piano zwar studiotechnisch exzellent, aber musikalisch schlichtweg banal. Da erinnert es mich eher an die Sonatinen von Clementi, durch die sich jeder Klavierschüler früher oder später einmal hindurcharbeiten darf, als an die Innovationen, die ich auf dem Boden Lanois‘ sonstigem Werk wenigstens in Ansätzen erhofft hatte. Auch mehrfachen Hören machte es, in der Hoffnung doch etwas übersehen zu haben, leider nicht besser.

 
 

    1. Björk – Fossora
    2. Brian Eno – Foreverandevernomore
    3. Evgueni Galperine – Theory Of Becoming
    4. Midori Takada – Cutting Branches For A Temporary Shelter
    5. Wolfert Brederode – Ruins and Remains
    6. Flock – Flock
    7. Francesco Tristano – On Early Music
    8. Kali Malone – Living Torch
    9. Stephan Thelen – Fractal Guitar 3
    10. Toechter – Zephyr
    11. The Comet Is Coming – Hyper-Dimensional Expansion Beam
    12. Dai Fujikura & Jan Bang – The Bow Maker
    13. Moritz Fasbender – 13 Rabbits
    14. Michael Rother & Vittoria Maccabruni – As Long As The Light
    15. Stephan Thelen – Fractal Sextet
    16. Deathprod – Sow Your Gold in the White Foliated Earth
    17. Park Jiha– The Gleam
    18. The Smile – A Light for Attracting Attention
    19. Steve Reich – Reich/Richter
    20. Shabaka – Afrikan Culture
    21. Uwalmassa – Malar
    22. Stephan Thelen & Jan Peter Schwalm – Transneptunian Planets
    23. Erik Satie – Fragments
    24. Koki Nakano – Oceanic Feeling
    25. Sigurd Hole – Roraima
    26. Kreidler – Spells and Daubs
    27. Son Of Chi & Arthur Flink – The Fifth World Recordings
    28. Group Listening – Clarinet & Piano: Selected Works Vol 2
    29. Roedelius & Tim Story – 4 Hands
    30. Oren Armbachi, Johan Berthling, Andreas Werliin – Ghosted
    31. Pascal Schumacher – Luna
    32. Ustad Noor Bakhsh – Jingul
    33. Plastikman & Chilly Gonzales – Consumed In Key

 
 
 
   
 
 
 

Unter den Wiederveröffentlichungen ist natürlich Robert Fripp’s Exposures das absolute Highlight, gefolgt von einem japanischen Cluster von Sakamoto/Noto, Shimizu und Takada. Alles wunderbare, zeitlose Alben.
 
 

    1. Robert Fripp – Exposure Box
    2. Alva Noto & Ryuichi Sakamoto – Insen/utp/Svmmvs
    3. Yasuaki Shimizu – Kiren
    4. Midori Takada – Tree of Life
    5. David Toop – Pink Spirit/Noir World
    6. Djivan Gasparyan – I will not be sad in this World/Moon shines at Night
    7. Harold Budd – Pavilion of Dreams
    8. NEU! – Box Set
    9. Richard Pinhas – Iceland
    10. Vladislav Delay – Anima

 
 
 
   
 
 

Kleiner, slash, no bar, größer, kleiner, slash, i, able, größer
Gleich, center, größer, gleich, slash, d, ist gleich, they, body, slash
Klammer auf, c, html, ist gleich, kleiner, Ausrufezeichen, doctype, html, public, in Anführungszeichen
Minus, slash, slash, w, drei, c, slash, slash, dt, d, html, 4 Punkt, transitional
Slash, slash, e, n, größer, kleiner, html, größer, kleiner, head, größer
Content, type, ist gleich, content, in Ausrufungszeichen, Text, slash, html
Semikolon, kset, ist gleich, iso, minus, acht, acht, fünf, neun, minus, eins, in Anführungszeichen
Größer, Funktion, Fenster, auf, to, in Klammern, url, in Klammern, pict, ist gleich, window
Punkt, oben, Klammer auf, url, in Anführungszeichen, toolbar, ist gleich, me, location…

 

 

Als 2002 der Song Waltz auf dem Album As If To Nothing von Craig Armstrong erschien, war mit den trocken skandierten Lyrics von Antye Greie-Fuchs der Hypertext als Ausgangspunkt und wichtige Voraussetzung für die Entwicklung einer Hyperkulturalität endgültig in der Popmusik angekommen. As we may think a (File) Structure for the Complex, the Changing and the Indeterminate könnte man in der Zusammenschau der Titel der zugrundeliegenden Texte für die Entwicklung hypertextueller Programmstrukturen (html) von Vannevar Bush und Ted Nelson die Vorlage sehen für ein Konzept, das als Kommunikationsstruktur die Verknotung und Vernetzung, die assoziativen Verbindungen in einem zunehmend globalisierten Weltgeschehen abzubilden versucht. Byung-Chul Han betont in seinem Büchlein über Hyperkulturalität, dass die Welt selber hypertextuell ist, nichts isoliert vom anderen existiert. Eine Welt als komplexes Netz, das bereits in der vedischen Vorstellung von Indra’s Netz als Abbild des Weltgeschehens Ausdruck fand, ein Konnektiom. Dieses wird z.B. auf der Website radio.garden (gibt es auch als App), wo es dem interessierten Hörer möglich ist jegliche weltweit bestehende Internetradiosender auf einer großen Karte anzuklicken und hineinzuhören, in sehr anschaulicher Weise deutlich. Eine wahrlich spannende Erkundungsempfehlung! Mit einem Klick öffnet sich ein Fenster in einer hyphenisierten Welt und zeigt ein buntes Potpourri an musikalischen Möglichkeiten. Ohne mich zu bewegen zu müssen, werde ich quasi zum Touristen in jeglicher zur Verfügung stehender kulturellen Schöpfung: alle Kulturen aus vielen unterschiedlichen Zeiten sind instantan zugänglich.

Dies verändert aber die Erfahrung von kulturell determinierten Elementen, wobei hier für uns v.a. die künstlerisch-musikalischen Ausdrucksformen im komplexen Kontext von Wissen, Glauben, Moralvorstellungen, Brauchtum und anderen Fähigkeiten, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaft prägen, bedeutsam seien sollen. Und natürlich auch die Subkulturen, die sich in ihren Werten, Vorstellungen und Ausdrucksformen abgrenzend auf die jeweilige vor Ort bestehende Gesellschaft beziehen und innerhalb ihrer ein Eigendasein führen. Subkulturen haben ein strenges Bezugssystem, das sie entweder verändern (progressiv) oder besondere Aspekte darin bewahren (regressiv) wollen. Sie sind lokal, kontext- und zeitgebunden. Doch durch die Vernetzung und ubiquitäre Verfügbarkeit z.B. von Musik, Kunst und anderen kulturell-kreativen Ereignissen werden die Subkulturen zu einer bedrohten Spezies, da die Hyperkultur in ihrer Grundstruktur nicht-lokal, kontexterweiternd und zeitübergreifend ist. Im Austausch zwischen den Kulturen und Subkulturen entwickelt sich etwas Neues, dialogisch in der Interkulturalität, durch Toleranz getragen in der Multikulturalität, wo Elemente unterschiedlichen Ursprungs nebeneinanderstehen und in der grenzüberschreitenden Dynamik im transkulturellen Transfer, wie Byung-Chul Han sehr detailreich beschreibt. Diese stufenweise Grenzauflösung führt bei der Entstehung hyperkultureller Muster zur Auflösung des Horizontes, der räumlichen und zeitlichen Begrenzung, so dass es

 

zu einem abstandslosen Nebeneinander unterschiedlicher kultureller Formen kommt. Klänge und Gerüche lösen sich von ihren ursprünglichen Orten und sind in einem grenzenlosen Hyperraum verfügbar. Sie erzeugen so eine intensive Vielfalt an Lebens- und Wahrnehmungsformen, die bestimmte historische, sozio-kulturelle, technische und mediale Prozesse oder Gegebenheiten voraussetzen. Das Hyper (Akkumulation, Vernetzung, Verdichtung) kennzeichnet das Wesen der Globalisierung (B-CH).

 

Aus dieser komplexen und ubiquitären Verfügbarkeit von Kulturgut, z.B. der Musik unterschiedlicher Traditionen und Ethnien, kann in einem ganz individuellen Auswahlprozess etwas ganz Eigenes, Neues entstehen. Hyperkulturell bedeutet hier also nicht über den Kulturen als solchen zu stehen, sondern eine kreative Synthese weit über die einzelnen, als Ausgangspunkt genommenen Kulturformen hinausgehend. Man könnte hier mit GPT-3, einer Open-AI, sagen dass

 

Hyperkulturalität auch als die Fähigkeit verstanden werden kann, zwischen verschiedenen Kulturen zu wechseln und sich in ihnen zu bewegen, ohne dass es zu einem Verlust der Identität oder Integration kommt.

 

In der Musik wurde dieser Prozess durch mehrere weitere Faktoren enorm begünstigt, bzw. überhaupt erst möglich gemacht:

 

  • Der Entwicklung von Samplern
  • Der Erfindung und bezahlbaren Verfügbarkeit von synthetischen Klangerzeugern und
  • Der gewaltigen Entwicklung der Möglichkeiten jedwelche Klänge im Studio nahezu beliebig zu bearbeiten.

 

Während Sampler noch den Transfer originären Klangmaterials ermöglichten, was z.B. sehr eindrucksvoll auf My Life in the Bush of Ghosts von Brian Eno und David Byrne zu hören ist, stellen Synthesizer und computerbasierte Studiotechnik neue, wenig spezifisch kulturell vorbelastete Produktionsmöglichkeiten dar, zumal sie selbst meist wesentliche Elemente hyperkultureller Musikformen stellen.

 

Wenn Byung-Chul Han herausarbeitet, dass Hyperkulturalität ein Phänomen der heutigen Zeit ist und nur unter den heute gegebenen Umständen entstehen konnte, so können wir uns fragen wann dies in der Musik seinen Ausdruck gefunden hat. Auch wenn ich bei genauerer Betrachtung gerade in der experimentellen Musik nach dem zweiten Weltkrieg und in der Entwicklung der Jazzmusik schon recht früh viele richtungsweisende Ansätze sehe, hat sich in ihrem Wesen hyperkulturelle Musik erst etwa um die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelt. Hier sind, und das ist eine sehr subjektive, persönliche und reduzierte Auswahl, vor allem die drei CoDoNa-Alben von Don Cherry, Colin Walcott und Nana Vasconcelos auf der Ebene akustischer Musik konstituierend gewesen und auf der Ebene elektroakustischer Musik besonders Jon Hassell, der sein Fourth World Music-Konzept explizit als hyperkulturell formulierte und kongenial realisierte.

 

 

     

 

 

Jon Hassell hatte seine musikalischen Wurzeln in der amerikanischen experimentellen Musikszene genauso wie durch sein Studium der elektronischen Musik bei Karlheinz Stockhausen und der klassisch nordindischen Musik bei Pandit Pran Nath, dessen Techniken er auf die Intonation seiner Trompete übertrug und schließlich wieder technisch verfremdete. Auf dieser Basis verband er afrikanische Drumpattern und javanische Gamelanfragmente, Wasserklänge und tropische Vogelstimmen, Gesänge der Aka-Pygmäen und Synthesizerdrones mit den strukturellen Mitteln europäischer Musiktraditionen und den subtilen repetitiven und selbstreferentiellen Strukturen elektronischer Produktionsmöglichkeiten, um so mit jedem Stück eine völlige neue Form struktureller Organisation und Erweiterung des vorbekannten musikalischen Vokabulars zu schaffen. In der Überwindung eurozentrischer Traditionen sah er darin einen Entwurf einer „Coffee-coloured“ klassischen Musik der Zukunft, in der die zugrundeliegenden Elemente bestenfalls nur noch fragmentarisch erkennbar sind.

 

 

   

 

 

Vor dem Hintergrund dieses hyperkulturellen Musikentwurfes wird eine Kritik an der Aneignung, der Assimilation des Fremden, bedeutungslos, da die unendliche Vielfalt kultureller Ausdrucksformen bereits innnerhalb dieser Hyperkultur beheimatet ist. Hyperkultur ist, wie Byung-Chul Han formuliert, eine Kultur intensiver Aneignung, in der das Eigene in der geglückten Aneignung eine stete Erneuerung erfährt, die durch die jeweilige Auswahl stark individuell geprägt ist.

Weiterhin sind für mich Peter Gabriel mit den Alben Melt und Security und vielen seiner Real World-Produktionen, Laurie Anderson mit Mister Heartbreak, Jean-Michel Jarre‘s Zoolook wichtige Alben einer sich in dieser Zeit konstituierenden musikalischen Hyperkultur.

Ein weiteres musikalisch recht heterogenes und hochspannendes Beispiel stellt das Londoner Musikerkollektiv Transglobal Underground dar, wo sich Musiker mit völlig unterschiedlichem Hintergrund trafen, um eine Tanzmusik jenseits stupider Technorhythmen und wie auch immer gearteter Weltmusik zu kreieren. Neben arabischen Einflüsse auch durch Natacha Atlas, gab es Impulse aus der klassisch indischen Musik, Reggae, afrikanischen Rhythmen und Balkanbeats, Bhangra, Eighties-Pop und Erfahrungen als DJ’s, die zu einem sehr vitalen, unvorhersehbaren Klangraum verschmolzen, der sich bis heute durch wechselnde Kollektivmitglieder und Konstellationen wandelt und weiterentwickelt.

 

 

     

 

 

Auch darf hier Hector Zazou nicht unerwähnt bleiben, der sich schon recht früh in seiner Musikerkarriere um kultur- und genreüberschreitende Musik intensiv bemüht hat. Der Höhepunkt seines Vermächtnisses ist für mich das letzte noch zu seinen Lebzeiten erschienene Album In The House Of Mirrors, wo er aus Sessions mit indischen und usbekischen Musikern, aber auch Nils Petter Molvaer und Bill Rieflin in der finalen Bearbeitung eine außerordentliche und einzigartige Kunstmusik schuf.

 

 

     

 

 

Eine besondere Stellung sollte später Björk einnehmen, die mit dem Homogenic ein programmatisches Album schuf, das damals weit über die Genregrenzen hinausreichte. Sie erarbeitete hier in vielen Kollaborationen eine ganz eigene Melange von den Erfahrungen der Naturgeräusche ihrer isländischen Heimat, klassischer und traditioneller Musik zu globalen Musikformen und technologisch geprägten Elementen, die sie oft scharf kontrastierte und eine futuristische, mit den Hörgewohnheiten bisheriger Musik brechende, intensive, unbequeme und zutiefst faszinierende Klangwelt schuf. Diesen Ansatz vertiefte sie in den folgenden Jahren sowohl in der Komplexität als auch Tiefe, besonders prägnant sichtbar bei den Alben Utopia und Fossora.

Bei der Durchsicht der Jahresbestenlisten 2022 wird auch schnell deutlich, wie viele Alben jenseits gängiger Genrezuordnungen und der verschiedenen Geschmackausrichtungen hier im Blog eine hyperkulturelle Signatur tragen und damit den Reichtum vieler Musiktraditionen in ein Futuristisches und Größeres einbringen und so auf ein neues Level heben. Auch ein wahllos ungezwungenes Durchklicken der Sender auf radio.garden zeigt, wie weit die Grenzen zwischen den Kulturen längst gefallen sind, unsere Hörgewohnheiten sich verändert haben und hyperkulturell geprägte Musikstücke bereits Eingang in den Mainstream gefunden haben.

 

 

 

 

Diese Zeilen sollen den Versuch darstellen die Ideen Byung-Chul Han’s zur Hyperkulturalität auf das weite Feld der Musik zu übertragen, das er weitgehend unerwähnt lässt und viel eher eine Anregung zu sein, eine Diskussion anzustoßen als auch nur ansatzweise ein Statement zu sein – eine einfache Gedankenskizze…

Der Baum des Lebens ist ein lange verschollenes Album, das 1999 nur für den japanischen Markt produziert wurde und über diesen heraus nie bekannt wurde. Das zweite Soloalbum der japanischen Percussionistin Midori Takada beginnt direkt mit hypnotischen Marimbas in einem fremdartigen Rhythmus, der von Stück zu Stück mehr eine Geschichte erzählt als ein Musikstück sein zu wollen, der atmet, ganz fein in den Tempi schwingt, oszilliert, ohne einen musikalischen Halt anzubieten. Eher eine fortlaufende perkussiv-melodische Struktur, die den Hörer in Parallelwelten des eigenen Bewusstseins entführt und ganz im Augenblick gebannt zu halten vermag.

Das Album besteht aus zwei Teilen: dem ersten, in dem Midori Takada alleine mit Marimbas, Bells und Drums tranceinduzierend fast schamanistische Grundlagenarbeit leistet, aus gewohnten Mustern ganz beiläufig herausführt und die Aufmerksamkeit fixiert und dem zweiten, in dem sie zusammen mit dem chinesischen Erhu-Spieler Jiang Jian-hua die Trancen auf neuen Pfaden wandeln und den faszinierten Geist verführen lässt. Hier werden keine esoterischen Klischees bedient, keine ausgetretenen folkloristischen Pattern zitiert, sondern eine Kunstmusik aus dem hyperkulturellen Raum geschaffen, leise und hypnotisch, unprätentiös und immersiv. Für das Reissue ist das Album noch einmal völlig neu abgemischt und gemastert worden, was zu einem beeindruckend transparenten und klaren Klang führt. So ist Tree of Life ein wahrhaftiger Lebensbaum, ein Weltenbaum und hochkarätigstes Juwel moderner experimenteller japanischer Musik.

 

 

 

2022 16 Dez.

Belle Alliance

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1980, Vorstadt Frankfurt. Ein angenehmer Sommertag. Ich sitze in einem stereotypen Reihenhaus auf der Toilette, die klemmende Holztür halboffen. Davor die Kommode mit den Medikamenten, die Schubladen noch offen, weil uns gerade deren überquellende Füllung von Potenzmitteln aller Couleur, die der Hausherr übrigens aus eigener Erfahrung für wenig zielführend erachtete, vom ihm freundlicherweise zur allgemeinen Testung anempfohlen worden war. Ein Hausarzt des alten Schlages, der gerne mal mit seinem Kollegen eine Tischgesellschaft mit Erzählungen über die schlimmste gesehene Leiche gepflegt unterhielt und seine Skiurlaubsfilme mit Tracks aus Computerliebe von Kraftwerk untermalte. Doch jetzt war das Haus fast leer und im Wohnzimmer senkte sich die Nadel auf eine Schallplatte, es knisterte laut, bevor die abfallenden Gitarrenakkorde begannen (Play loud!). Wudu verwandelte den Toilettensitz schlagartig in einen elektrischen Stuhl: Wudu, wudu – ein magischer Zirkel….Trance aus einem psychedelischen Aquarium für Trockenschwimmer, die sich nahtlos in Screamer mit seinem hypnotischen Groove und den unverständlichen, aber um so heftigeren Schreien im Hintergrund, fortsetzte um in einem beklemmend hohlen Gitarrensound zu verhallen. Was hier Manuel Göttsching, Harald Grosskopf und Lutz Ulbrich als Ashra auf Belle Alliance ablieferten war eine bizarre Mischung aus Elektronik, Krautrock, Tranceinduktion, wie schon auf dem Vorgängeralbum Correlations, Reggaeelementen, Wave und Eigensinn. Einzigartig auch in der Diskografie Manuel Göttschings, diese luftig-intensive Mischung der Songs, die mit dem Fortschreiten des Albums tiefer und tiefer in sphärische Räume vordrangen und sich einer oneiroiden Ekstase entladen, Code Blue. Und schließlich sollte das so simple wie klare Cover von Detlef Maugsch nicht unerwähnt bleiben, das die Transparenz dieses Soundtracks eines wilden Sommers so bezeichnend unterstreicht. Danke für die Trancen, das Driften und die psycholytischen Induktionen, R.I.P.

 

     

 

2022 22 Okt.

It’s hot: GoGo Penguin

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Nein, hier handelt es sich nicht um eine Aufforderung an eine Laufvogelart klimawandelbedingt die Antarktis zu verlassen, sondern um ein Trio aus Manchester um den Pianisten Chris Illingworth, den Bassisten Nick Blacka und neuerdings den Schlagzeuger Jon Scott, die gestern im ZOOM in Frankfurt ein phantastisches Konzert gegeben haben.

 
 
 

       

 
 
 

GoGo Penguin spielen eine Mischung aus Jazz, Minimal Music, die zwischen klassischen Strukturen und elektronischen Verfremdungen, zwischen Komposition und feinst austarierten Improvisationen die Liebe der Musiker zur Rockmusik nicht verleugnet, sondern deren Intensität im gemeinsamen Spiel bis an die äußerste Grenze hin auslotet. Höchst vitale Patterns werden von Bass und Schlagzeug fast tanzbar vorangetrieben, ein hypnotischer Groove über dem ein verhallter und elektronisch verzerrter Flügel schwebt. Kleine Muster, repetitive Spielweise erzeugen einen Sog, der elektrisierend und zugleich nach innen ziehend wirkt. Eine kleine Idee gibt am ehesten das Stück Protest und der Filmmmitschnitt ihres Tiny Desk-Konzertes, die die Intensität und magische Wucht dieses Auftrittes nur vage andeuten können. Eine unkonventionelle Band von der wir hoffentlich noch viel hören werden. It’s really hot.

 
 
 

 

Beginnen wir also mit dem Urvater der Ambientmusik, mit Erik Satie, dem Mann, der posthum wesentlich dafür sorgte, dass mir als jungem Menschen das Klavierspielen nicht abhanden gekommen ist. Denn damals fühlten sich seine Stücke endlich mal so an, als ob sie aus mir flössen und nicht einfach nur qualvoll von mir gespielt werden müssten. Diesem Freigeist nun über hundert Jahre später Respekt zu zollen ist nicht ganz einfach, weil seine Musik ubiquitär geworden ist und mancher bei der Nennung seines Namens bereits zu gähnen beginnt. Dabei war er in seinem teilweise regelrecht anarchischen Ansatz damals ein Enfant terrible der feinsten Sorte. Weil die Würdigung und damit auch der finanzielle Zufluss teilweise ausblieben, lebte er zeitweise in einem winzigsten Zimmer, in dem lediglich sein Klavier und ein Bett Platz fanden, das Türeöffnen dann aber schon wieder problematisch wurde. Als Debussy ihm einmal vorwarf, dass seine Stücke keine rechte Form aufwiesen, nahm er die Kritik mit dem ihm eigenen Humor gleich an und komponierte umgehendst ein Stück in Birnenform! Der Versuch sich Satie zeitgemäß anzunähern ist ganz aktuell mit Fragments aber überraschend und sehr vielseitig gelungen. Die Deutsche Grammophon lud verschiedene Komponisten und DJ’s ein sich zeitgemäß an ihm zu versuchen, darunter Henrik Schwarz, Monolink, Christian Löffler, Pantha du Prince, Sascha Braemer und viele mehr. Hierbei kamen viele sehr spannende Reworks und einige Remixe heraus, die der Musik Saties auf einmal einen tanzbaren Boden verschafften, sie bis zur Unkenntlichkeit durcharbeiteten und doch in Satie’s Sinne faszinierende Klangräume schafften. Besonders hervorzuheben ist der Gnossienne No.1 Rework der Grandbrothers, der eine unglaubliche Dynamik entfaltet und der eigenwillige Rework des DJ und Biologen Dominik Eulberg (Lesetipp: „Mikroorgasmen überall“) und nicht zuletzt die Sonneries de la Rose-Croix von Moritz Fasbender, von der gleich die Rede sein wird. Abwechslungsreich, mal bizarr, definitiv gut entstaubt und reinigt die Gehörgänge gründlich.

 

 

 

       

 

 

 

Moritz Fasbender ist der Name des verstorbenen Zwillings und der Familienname der Mutter der Leipziger Pianistin, Komponistin und Filmmusikerin Friederike Bernhardt, ihr alter Ego. Sie ist neben all den anderen Tätigkeiten auch passionierte Kaninchenliebhabenrin und jedesmal (so behauptet sie wenigstens) wenn sich eines ihrer Kaninchen unter ihrem Flügel aufhielt komponierte sie ein Stück, weswegen sie ihr Debütalbum 13 Rabbits nannte. Friederike Bernhardt ist eine Meisterin im Spiel mit Klangfarben und -schichten und Atmosphären, lotet dabei die Grenzen ihrer Tasteninstrumente behutsam, aber konsequent aus und erweist sich dabei als so ausgesprochen kreativ und innovativ, dass jüngst sogar David Sylvian sie zum Aufnehmen neuer Songs (man darf also gespannt sein…) in sein Studio geholt hat. Eingerahmt von den eigenwilligen Fragmenten Three Armed Men at the Foot of My Bed und Three Armed Men Leaving My House finden sich 11 Stücke die sich nicht festlegen lassen wollen, bisweilen mit Konventionen spielen, um sie zu verraten und dabei ganz beiläufig eine feinste Sensibilität fürs Cineastische wie ein Vexierspiel (Playlist) pflegen.

 

Japanese Jewels 18: „Writing about music is like dancing about architecture“ – ein Zitat, dessen Ursprung letztlich unklar bleibt, aber bereits einigen namhaften Musikern, wie Elvis Costello, Laurie Anderson, Frank Zappa, David Byrne und vielen mehr zugeschrieben wird und nicht mehr als die grenzfälligste Möglichkeit über Musik zu schreiben benennen soll. Challenge accepted, sagt hierzu der japanische Ausnahmepianist Koki Nakano, dessen aktuelles Album Oceanic Feeling im Frühsommer erschienen ist. Der klassisch ausgebildete Pianist hat sich in seinen bisherigen Alben langsam Stück für Stück von den erlernten Konventionen befreit, um inzwischen minimalistische und subtil doppelbödige Stücke mit fast Reich’schem Groove zu komponieren. Aber was hat das alles mit dem Tanz über Architektur zu tun? Dazu muss man sich nur die Videos zu seinen Stücken anschauen, die nicht nur ein intensives Bilderleben führen, sondern sogar den Schluss nahelegen, dass man lieber weiter so zur Architektur tanzen sollte, als groß Worte zu verlieren: Mue, Glances, External Cephalic Version oder wo klaustrophobe Räume durchmessen werden, wie in Port de bras. Ein irisierendes und intensives Album, das zudem ganz hintergründig japanischen Musik- und Hörgewohnheiten Rechnung trägt.

 

 

 

     

 

 

 

Japanese Jewels 19: Insen von Alva Noto & Ryuichi Sakamoto. Langsam erklingt ein gesetzter Klavierton nach dem anderen, es klickt und kruschpelt dazwischen, ein knisternder Rhythmus schiebt sich in den Vordergrund, leise, diskret und hypnotisch während ich mit meinem alten silbernen Pontiac Transport (das genialste Auto, das ich je hatte) leise über einen Alpenpaß gleite: die weiten Schneefelder, die offene Weite, Wolken durch die Niederungen ziehend, die harsche Steinwelt, die die Straße in unbeugsam kleine Serpentinen zwingt. Ein majestätisches Ambiente zu diesem schwebenden Soundtrack, der die tiefe Ruhe der Umgebung diskret aufnimmt und alles zu einem psychedelischen Roadmovie transformiert.

Szenenwechsel: Alva Noto und Ryuichi Sakamoto live in den organischen Eingeweiden des Frankfurter Clubs Cocoon. Zwischen den Formen, die auch von Roger Dean entworfen sein könnten steht eine große eckige LED-Wand und ganz unscheinbar davor die beiden Protagonisten, die gerade Svmmvs herausgebracht haben. Wieder ist sie binnen Minuten da, diese sogartige, in kortikale Tiefen führende Mischung aus einem zeitlupenhaften Flügel und den elektronischen Klicks und Flächen, die tranceinduzierend einen wachen Frieden in einer unbestimmten Zwischenwelt hervorrufen und jegliches Zeitgefühl für die Dauer ihrer Existenz aussetzen. Überwältigend bizarre Schönheit.

 

Dieser fügen wir nun noch eine sehr diskrete, in Naturtonskalen schwingende Erweiterung der Stille hinzu: das aktuelle Album von Christina Vantzou, Michael Harrison und John Also Bennett, dessen Musik auf nordindischen Ragas basierend in einer unglaublichen Intimität zwischen dem für unsere Ohren erst etwas dissonant klingenden, in der natürlichen Obertonreihe gestimmten Flügel Michael Harrisons, der mit LaMonte Young spielte und ebenfalls bei dem indischen Gesangsmeister Pandit Pran Nath lernte, und den hintergründigen resonanten Drones JAB’s oszilliert. Manchmal klingt der Flügel mehr wie eine elektrische Zither und erinnert dann etwas an die ruhigeren Stücke Laaraji’s, mal absorbieren die stehenden Resonanzen jegliche vordergründige Aufmerksamkeit und führen langsam zurück in den Ursprung aller Dinge: eine freundliche Stille, die noch nicht erklungen ist.

 

 

 

 
 

Kaum haben die Pioneer und Voyager Sonden den Kuiper-Gürtel durchbrochen und haben unser Sonnensystem verlassen, meldet das Universum den Empfang der vergoldeten Tafel und der bemerkenswerten Schallplatten mit den Best-Forever-Hits unseres Planeten als wahrhaftiges Weltkulturerbe und sendet uns die drei Kuriere der kosmischen Tankstelle durch ein Wurmloch auf diese Welt, um den nächsten Schritt musikalischer Evolution einzuleiten. Sie treten als heller Komet in Erscheinung und reiten auf dem Hyper-Dimensional Expansion Beam. Ihr gleissendes Licht dringt bis in die Unterwelt und lässt sogar die apokalyptischen Reiter erzittern.

 
 

 

 

Als The Comet is Coming schlagen Danalogue, Betamax und Shabaka ein neues Kapitel unklassifizierbarer Musik auf, das (nur vage andeutbar) zwischen afrofuturistischen Soundscapes, minimalistischem Hyperdrive und interstellarem Jazz unduliert, zwischen Musikalischem und Mystischem swingt und in den 11 Instrumentalstücken extrasolare Codes versteckt. Mit Synthesizer, Schlagzeug und Saxophon erweitern sie Ereignisräume, die vor ihnen in vergleichbarer Konsequenz wahrscheinlich nur Can je betreten haben. Stoisch, stakkatoartig treibend mit kurzen repetitiven Phrasen und voller kryptischer Elemente. Damit keine Missverständnisse entstehen haben die Künstler ihre Stücke in Videoclips dann auch gleich noch visualisiert:

 

Code

Technicolor

Lucid Dreamers

Pyramids

 

Innovativ und mit unbändigem Ideenreichtum und vor allem unglaublich intensiv, mal wie Filmmusik zu einem Science Fiction, mal bizarr, wie wenn bei Aftermath eine Shakuhachi zu eigenartigsten synthetischen Klängen aus dem Hyperspace erklingt und schließlich programmatisch mit dem eigenwillig-jazzigen Mystik endet. Ja, The Comet ist Coming und diesmal mit dem Hyper-Dimensional Expansion Beam, der auf der Frequency of Feeling Expansion schwingt und nicht nur das Gefühl, sondern vor allem das Bewusstsein mächtig expandieren lässt. Ein retrofuturistischer Klassiker von Übermorgen. Beam me up!

 
 

 


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