Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 30 Dez.

Jonathan Safran Foer – Wir sind das Klima!

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Vielleicht ist es das Buch einer Stunde, in der die Uhr längst Fünf nach Zwölf geschlagen hat: Wir sind das Klima! von Jonathan Safran Foer mit dem vielversprechenden Untertitel „Wie wir unseren Planeten schon zum Frühstück retten können“ ist meine erste Bekanntschaft mit diesem Schriftsteller, von dem man bereits viel Gutes hörte. Sein Bestseller Tiere essen machte schon vor einiger Zeit Furore und zeigt, wie der Titel sagt, die grosse Problematik der Massentierhaltung und industriellen Fleischproduktion, die ja auch massive Auswirkungen auf das Klima haben. So halte ich es, ohne Verlaub, für einen Skandal, wenn man Dieselautos und Kohleabbau als die Schädlinge Nummer eins darstellt, hingegen von jenem Volk, das sich im Hochsommer täglich tonnenweise Billigfleisch auf den Kohlegrill haut, kaum spricht.

Zurück zu Foer und damit zu erbaulicheren Zeit- und Artgenossen: er selbst verdeutlicht in ermahnender, unterhaltsamer, kluger und spannender Weise tiefe Zusammenhänge und kleidet sie in einen weiten Kontext. Mir gefällt ungemein dieser Schreibstil, indem man thematische Sachkenntnis mit biografischen, persönlichen Geschichten kombiniert und würzt. Dass ein jüdischer Schriftsteller seine Kultur und die Schicksale seines Familienstammbaumes dabei nicht unerwähnt lässt, ist bereichernd. Wir erfahren beispielsweise am Rande, was sich hinter dem Begriff Masada verbirgt ebenso wie wissenschaftlich Faktisches rund um die Erderwärmung. Diese Fakten werden in einem zentralen Kapitel des Buches aufgezählt und verblüffen. Gespannt und gebannt reibt der interessierte Leser sich die Augen.

Einige wenige Beispiele:
 

„Hätte die Geschichte der Menschheit nur einen Tag gedauert, wären wir bis zehn Minuten vor Mitternacht Jäger und Sammler gewesen.“

 

„Fünfmal in der Geschichte kam es zu einem Massenaussterben. Alle ausser dem Dinosaurier wurden durch Klimawandel verursacht.“

 

„Die vier wirksamen Massnahmen gegen Klimawandel, die der Einzelne ergreifen kann, sind: pflanzlich ernähren, Flugreisen vermeiden, auf ein Auto verzichten, weniger Kinder kriegen.“

 

Neben GRM von Sybille Berg – ich lese das parallel und es passt hier wie die Faust aufs Auge, nämlich „Quo vadis, Menschheit?“ gleichsam behandelnd, nur eben schwarzhumorig dunkelgründig und darum auch genauso liebens- und lesenswert – ist Foers Buch auch der Einstieg und die Übung von einem, der auszog, das Bücherlesen erneut zu erlernen, getrieben vom Unbehagen eines völligen Versinkens in digitalen Medienwelten, dem Klebenbleiben vor den Screens wie die Fliege an der Frontscheibe. Auch eine Art Wandel.

„Jump!“ heisst der Teil eines Songs aus der mir neulich liebenswerter Weise zugeschickten CD 53 von Jacky Terrasson. Wie der Zufall es wollte, besprach ja auch ein Manafonista aus dem Oberfränkischen jüngst dieses hörenswerte Album eines Pianisten, für das ich so manches von Keith Jarrett gerne links liegen lasse. Aber darum soll es hier nicht gehen, vielmehr hat dieses Springen eine therapeutische und auch, was vergangene Begegnungen mit Gurus angeht, spirituelle Bedeutung. Der jüngste Fund östliche Weisheiten betreffend liesse sich unter dem Namen „Sadhguru“ fröhlich einorden. Der Typ ist einfach heiter drauf, voll auf Höhe der Zeit, darum wohl in den Hörsäälen weltweiter Eliteunis auch ein gern gesehener Gast. Yoga war ja immer essentieller Lebensinhalt meinesgleichen, wenn auch im „Freistil“ praktiziert. Aber auch die skeptizistischen, existenziell dunklen Gangarten der Philosophie sollte man nicht unterschätzen. Angesichts der Weltlage scheint mir Schopenhauer verdammt up to date zu sein. Die Schriftstellerin Sybille Berg könnte als seine „Tochter im Geiste“ gelten, sowie ja auch Sadhguru eine reizende Tochter hat, die ist allerdings Tänzerin. Zu Frau Berg muss ich sagen: gäbe es sie nicht, man müsste sie erfinden – und ihr aktuelles Buch GRM (sprich: Grime) mit dem Untertitel „Brainfuck“ ist ein Hochgenuss. Es gehört, das weiss ich jetzt schon, zu jenen, die ich nicht „zu Ende“ lesen werde, sondern immer wieder, weil das Gute eben nicht verjährt. Dieser Schreibstil sei zu negativ? So ein Unsinn: so viel mehr Trost und Empathie findet man hier als in manch abgenudeltem Kirchenpsalm. Und nun, liebe Freunde, zum Abschluss wieder die Kehre, the drive, die Punktlandung: „Jump!“ ist nämlich auch die Methode, ein Buch per Zufallsprinzip irgendwo aufzuschlagen und dann quasi quereinsteigend zu lesen. Spielend lässt sich damit jede notorische Romanlesephobie kurieren.

 
 


 

2019 12 Dez.

„Belief“

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2019 4 Dez.

Bestenliste 2019

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Albums of this Year

5 Michael Formanek – Time Like This
1 Kris Davis – Diatom Ribbons
3 Michele Rabbia – Lost River
6 Joshua Redman Quartet – Come What May
4 David Torn – Sun of Goldfinger
2 Julian Lage – Love Hurts
7 Aldous Harding – Designer

 

Some other Albums 

Todd Neufeld – „Mu’u“ (2017)
Flux Project: Pyr|n (2014)
Kris Davis – „Aeriol Piano“ (2009)
Tyshawn Sorey – „Koan“ (2009)

 

Music Video of the Year

Aldous Harding – „The Barrel“

 

2019 1 Dez.

Eine endlose Affaire

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Das Schöne an Serien ist ja immer das Lesen der Reviews danach: man will jetzt wissen, wie es die Anderen sahen. Bei Amazon, diesem schamlosen Einzelhandelskonkurrenten und wundersamen Steuerdieb mit seinen verführerischen Qualitäten des Productplacements las ich eine Kundenrezension. Dort schrieb jemand, The Affair sei die beste Serie aller Zeiten. Das freute mich, entsprach es doch haargenau meinem Bauchgefühl. Seit Fassbinders Acht Stunden sind kein Tag sah ich selten etwas, das sich so dicht am eigenen Wirklichkeitsempfinden bewegt, ungeschminkt real und doch auch märchenhaft. Wobei „Angst essen Seele auf“ es in Momenten auch trifft. Ähnliches vollbrachten in der Literatur Max Frisch und auch Milan Kundera, dessen Buch Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins philosophisch wesentlich tiefer ging als seine Verfilmung, trotz grandioser Schauspieler. Die guten Darsteller sind es auch hier, dazu die exquisite, klare Bildästhetik, die an sich schon viel erzählt. Sie führt dich an der Hand, permanent am gegenwärtigen Moment entlang, der spannend ist und voller Raffinesse. Bilderpracht, schöne Menschen, tiefe Charaktere – man will nicht davon absehen. Nicht die Drogen sind berauschend, sondern frische Luft – die Cyclisten unter uns werden es wissen. In other words: reality does it. Im Kern aber war es das Grundthema der Serie, das mich persönlich so berührte: die Wirkung von Traumata, teilweise über Generationen hinweg vererbt, wie sie in Menschen wirken, in ihren Beziehungen, in ihrer Destruktivität. Auf einer fluchtartigen, geradezu apokalyptischen Wanderung fragt Helen Solloway ihren Ex-Mann Noah, warum er trotz grosser Empathie und Liebesfähigkeit manchmal so verletzend sein könne zu Menschen. Er habe sich das auch gefragt, es müsse an seiner Kindheit liegen. Seine Mutter sei immer sterbenskrank gewesen und der Vater entweder abwesend oder wütend. Sie habe ihn damals als Tochter der Oberschicht, die an seine kreativen Fähigkeiten glaubte, aus einer „Unterwelt“ ans Licht gezogen. Seinen Schatten aber wollte er ihr verheimlichen. Serienkenner fanden Ähnliches bei Mad Men. Heidegger soll gesagt haben, was der Leib des Menschen sei, wäre noch gar nicht gedanklich erschlossen – von Traumata aber schwieg der Mann ganz. Und als der jüdische Dichter Paul Celan nach einem Schlichtungsversuch gefragt wurde, wie es gewesen sei mit dem urdeutschen Meisterdenker, meinte der: „Es kam nur krudes Zeug.“ Vielleicht die essentielle Crux von The Affair: der Mensch kann sich ändern, aber es ist harte Arbeit an sich selbst. Manche schaffen es, die meisten aber stürzen ab. Die bezaubernde Alison hat es versucht. „I have only one thing to do and that’s: to be the wave that I am and then sink back into the ocean …“. Fiona Apples kongenialer Eröffnungssong gab ihrer Seele Klang.

Gelöstheit in einem vorgegenständlichen Sein heißt Gelassenheit: sie meint den Aufenthalt in einer Sphäre, die noch mehr eine seelische Kugel ist als eine Welt auskristallisierter fragmentierter Objekte. Sofern diese Seinsweise erwachsenen, im Konflikt gehärteten Subjekten noch möglich sein soll, dann nur, wenn sie sich in die Welt wie in einen Strom voranschreitender Geburt einlassen. Der Strom meines Zur-Welt-Kommens fließt stetig nach „vorn“, sowie der Zeitpfeil gelingender Therapien unbeirrt nach vorne weisen muß. In diesen Fluß steigen die glücklichen Naturen – William James nannte sie einst die ONCE BORN – nur einmal, die problematischen Naturen zweimal oder öfter. Je öfter man neu beginnen muss, desto besser weiß man Bescheid über Gründe, am Dasein Anstoß zu nehmen. Je mehr ein neuer Anfang gelingt, desto eher wird ein früheres Scheitern zum Anstoß einer anderen Geschichte.

(Peter Sloterdijk – „Welthaß und Neuanfang“, in: Weltfremdheit, 1993)

 
 

 
 

The Affair – Season Five: „Supermoon“ (Episode Six)

2019 16 Nov.

Tagesnotiz

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Nicht in der Karibik, leider nur im Internet surfte ich gestern. Eher zufällig schweifte der Blick dabei über einen Satz von Jiddu Krishnamurti, in dem es sinngemäss hiess, wir Menschen seien schlichtweg nicht in der Lage, uns unserer realen Lebenssituation zu stellen. Dies liesse sich ergänzen mit einer Verszeile aus Joni Mitchells wundervollem Song „Both Sides Now“: „Dreams and schemes and circus crowds – I’ve looked at life that way.“ Ja, die schnellen Illusionen sind es, die wir gerne abrufen. Placebo-Effekte haben Hochkonjunktur: sie sind verkaufsfördernd, werbewirksam und helfen der Wirtschaft auf die Sprünge, denn die muss stetig wachsen. Ich las Lajlas Beitrag „Im Osten viel Neues“, mit den Verweisen auf Carl Jaspers, bei dem ja auch Ernst Albrecht studiert hatte. Mich machte das einst neugierig und ich war sehr verblüfft, welchen gedanklichen Scharfsinn ich bei dem gebürtigen Oldenburger fand, der sich ja auch auf dieser reizvollen Grenzlinie zwischen Philosophie und Psychologie bewegte. Die stillen Tage abseits vom Klischee, als man die Vita und so manches Werk von Denkern wie einen Krimi las: leider bleibt vieles nur noch schemenhaft abrufbar. Massgeblich für mich war immer, dass ein agnostisches Verdachtsmoment gegen Glaube und Kirche mit im Spiel war. Auch beim Manatreffen morgens vor der Abfahrt schnitten wir das Thema an. Ein Sloterdijk-Satz erschien mir interessant, war aber unklar. Demnach werfen die monotheistischen Religionen einen paranoiden Schatten. Uli und Lajla erzählten Erhellendes dazu.

 

Am Samstagnachmittag, unsereins gerade auf dem Sprung, da bimmelt es. Nanu, zwei unbekannte Männer, ein bisschen so wie Asterix und Obelix, überreichen mir einen Prospekt. „Es geht um prinzipielle Fragen!“, sagt der vor dem Dinkelstein stehende, kleindrahtig, weisshaarig, altnazihaft wirkend. Freundlich entgegennehmend signalisiere ich, an weiterem Gedankenaustausch nicht interessiert zu sein und so endet die Begegnung im gegenseitigen Wünschen eines schönen Wochenendes. Soweit die kleine Overtüre. Im Fortgang folgt nun die gedankliche Pirouette, die Zeugen Jehovas mit dem Pianospiel von Kris Davis, ferner mit meiner Mutter und einer generellen Liebe zur Jazzmusik in Verbindung zu bringen.

Beim Hören des Stückes „Saturn Return“ aus dem Album Aeriol Piano jener geschätzten Pianistin kamen zwei Assoziationen auf. Es war zu der Zeit, als die öffentlichen Bibliotheken zu einem Pilgerort wurden und ein autodidaktisches Studium geisteswissenschaftlicher Gebiete ermöglichten: zur spannenden Lektüre gehörte auch das Buch Im Zeichen des Saturn von Susan Sontag. Symbolische Eigenschaften wie Lebensernst, Kargheit, Begrenzung und Angst wurden dort gewissen Denkern zugeschrieben, wie beispielsweise Emile Cioran und Walter Benjamin. Mehr noch aber erinnerte mich die von Davis vertonte Rückkehr dieses Sterns in ihrer Spielweise an einen Traum, den ich als Jugendlicher hatte.

Im elterlichen Wohnzimmer war mein Lieblingsplatz in der Ecke direkt neben dem Beistelltisch, auf dem das Röhrenradio und der Plattenspieler standen. Der weite Ausblick durch das grosse Fenster, über Felder und Höfe hinweg, hinab ins Flusstal, am Horizont die Waldböschung: das tat sein Übriges für ein gewisses „erhabenes“ Lebensgefühl. Der Grossvater sass mir schräg gegenüber. Wir hörten oft gemeinsam Marschmusik, eine Sendung im Radio, die für uns Kult war, uns in Ekstase trieb, Generationen übergreifend: ich marschierte fröhlich im Wohnzimmer umher, Opa lachte, drehte an seinem Hörgerät für den optimalen Sound. Für mich war Marschmusik stets der originäre Vorläufer des Rock´n Roll.

Es klingelt an der Tür. Ist es der Bäcker, der Drogerist, die wöchentlich vorbeikommen, hier auf dem Lande? Nein, oje: schon wieder die Zeugen Jehovas! Die Mutter öffnet die Haustür, will freundlich verständnisvoll abwimmeln. „Aber nein, es ist etwas für ihren Sohn. Es würde ihn erfreuen!“ Die offenherzige Mutter lässt sie ins Wohnzimmer und der Mann legt ein Holztablett auf den Tisch, zieht aus der Tasche eine dreieckige Papiertüte, ähnlich jener, in der man auf dem Bremer Freimarkt alljährlich gebrannte Mandeln kauft. Er schüttete den Inhalt aufs Tablett. Es sind goldenfarbene Heftzwecken, die auf dem Tablett zu tanzen beginnen und dabei Töne produzieren. Ich bin verblüfft und begeistert.

Diese tanzenden Heftzwecken waren dann ein beliebtes Motiv für erste surrealistische Malversuche, Daliesque und Tanguy-mässig, dargestellt vor weitem Horizont. Bis heute erinnern sie mich an die ungezügelte Freiheit tanzender Töne im Jazz und improvisierten Spiel. Auf der Gitarre entdeckte ich erst sehr spät die Lust und Fähigkeit, selbst auch annähernde Töne zu erzeugen. Viele Jazzpianisten, aber auch einige Gitarristen erwecken in mir diese Assoziation. Bei Kris Davis aber hat dieser Anschlag eine besondere Note. Die Musik ist frei ist von Botschaft, gänzlich unsentimental. Sie ist nicht spirituell, eher materiell, körperlich, spielerisch: stets Finten schlagend, Pirouetten drehend, Physikalität erzeugend.

2019 3 Nov.

Kris Davis

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I met her in a Dublin bar, the sorceress from witchita. Not true, just kidding, according to Mister McAloon. From fiction to fact now: it was the splendid John Zorn Festival in the Elphi of Hamburg about two years ago, among twentyfive excellent jazz musicians from New York, many of them known from the Tzadik Label, where she was part of the crew. The first act on stage was on solo piano. She sat down at the instrument with her back to the audience. „Wow, what a charismatic presence – peaceful and fully focused!“ Her playing was special and I even prefered it compared to the great solo performance of Craig Taborn, which really meant something. Later that evening she participated in a quartet with Mary Halvorson on guitar, Drew Gress on double bass and Tyshawn Sorey on drums. Like others, declaring it later in in their press reviews, also for me this was the top act of a five hours during night. „Why isn´t she well known?“ – the research started on that canadian pianist and spellbound I listened to a lot of her works since then. It seems that she´s increasingly getting more interest now, but likewise it´s ok to stay secret. Shurely this years album Diatom Ribbons will be on a best list, published at Santa Claus on this blog.

 

2019 31 Okt.

Die passende Lektüre

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Das Alltagsleben durchschnittlicher spätmoderner Subjekte in den Zonen, die der sogenannten »entwickelten westlichen« Welt zugerechnet werden, konzentriert sich und erschöpft sich mehr und mehr in der Abarbeitung von explodierenden To-do-Listen, und die Einträge auf dieser Liste bilden die Aggressionspunkte, als die uns die Welt begegnet: der Einkauf, der Anruf bei der pflegebedürftigen Tante, der Arztbesuch, die Arbeit, die Geburtstagsfeier, der Yogakurs: erledigen, besorgen, wegschaffen, meistern, lösen, absolvieren.

(H. Rosa, Unverfügbarkeit)

 

Es gab eine Zeit, da war das Thema „Beschleunigung“ in aller Munde und stand auf Tages-Ordnungen von Soziologen, die etwas auf sich hielten. Warum auch nicht? Gab es nicht zu jeder Epoche ihr passendes phänotypisches Verdachtsmoment, quasi als zwillingshafter Urbegleiter, um mit Sloterdijk zu sprechen? Paul Virilio („Geschindigkeit“) kommt mir in den Sinn oder Helga Novotny mit ihrem Buch Eigenzeit. Ging es dabei nicht immer auch um Entfremdung und um das Unbehagen in der Kultur? Des einen Marx ist des anderen Freud. Die Kritik an Auswüchsen des preußisch-protestantischen Arbeitsethos hat sich heute allerdings gründlich gewandelt und andere Schwerpunkte treten in den Vordergrund. Autoren wie Byung-Chul Han behandeln sie, oder Hartmut Rosa in seinem hitverdächtigen „Resonanz“- Buch, das ganz oben steht auf meiner To-do Liste abzuarbeitender literarischer Verlockungen. Nun aber zunächst dessen vermeintliche „Kurzfassung“ Unverfügbarkeit, die ich mir ausnahmsweise mal als E-Book besorgte. Da fehlt doch entschieden das sinnlich Haptische und mit Bleistift ankreuzen kann man hier auch nichts! Wie gesagt, jede Zeit hat ihre wunderlichen Wunden.

 


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