Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2019 22 Okt.

Eine alte (neue) Affäre

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Da ist dieser Überraschungseffekt des unbekannten Neuen, der in gewissem Sinne auch ein Wiedererkennungseffekt sein kann: in uns wirkt eine Sehnsucht nach dem, was wesensnah ist und dennoch oftmals ungelebt bleibt. Man kann es dann in Identifikationsfiguren finden und in Geschichten, die andere erzählen. So geschah es mir oftmals mit den Fernsehserien, vor allem in der Pionierzeit, als alles unverbraucht war: wow und flow zugleich und Netflix war noch nicht in aller Munde. Eine solche Serie war The Affair. Zu Beginn ein Vorbehalt: Beziehungssülze, Seitensprünge, oh Gott! Doch dann diese Anfangssequenz: eine New Yorker Intellektuellenfamilie samt Kinderschar ist am Packen und auf dem Sprung in die grossen Ferien. Sogleich das Drama: der Sohn simuliert, er habe sich im Bad erhängt, nur um den Vater zu schocken. Nein, ganz anders: die erste Szene war eine üppig-muskulöse Beischlafszene, ich erinnere mich genau und wollte schon abschalten. Wie dem auch sei, die Quintessenz aus vier Staffeln: ein existenziell-erdiger Realismus auf der Höhe der heutigen Zeit, voller Eros, Spannung, Tiefgang, Herzblut. In der vierten Staffel beispielsweise eine tolle Darstellung davon, was Traumatherapie eigentlich ist, dann auch die Charakterskizze eines soziopathischen Lovers – als Variation der des emphatischen gegenübergestellt. Eine gesamte Staffel sah ich zum zweitenmal, weil mich schlichtweg die Sehnsucht packte, zu den Orten und Figuren zurückzukehren. Der Clou der Serie ist, dass die gleichen Vorkommnisse aus verschiedenen Sichtweisen erzählt verblüffend zeigen: jede Wirklichkeit ist variabel. War das nicht auch schon damals im Roman Stiller so, bei Max Frisch? Apropos: mag sein, dass die Attraktivität der Schauplätze New York und Montauk eine Rolle spielten, gewiss aber die der weiblichen Darstellerinnen: die zickig pubertäre Tochtergöre beispielsweise, gespielt von einer jungen Brasilianerin. Nun ja, ich könnte noch viel erzählen, das ist hier ja nur locker hinskizziert mit dem Ziel, das Beste nun schlussendlich zu promoten: die finale fünfte Staffel wartet, von mir bislang ungesehen. Wer die vorab bewertet oder was davon erzählt, dem drohe ich mit einer Festrede auf Peter Handke. 

 

2019 12 Okt.

Max Ernst und die Beatles

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Ein Neurowissenschaftler sagte mal, kurz nach der Pubertät sei der Mensch im Wesentlichen festgelegt. Dieses vor Jahren wahrgenommene Statement kam vor ein paar Tagen in Erinnerung, zum einen aufgrund der Neuausgabe des legendären Albums Abbey Road, zum anderen weil mich die Betrachtung von gemachten Fotos an einen Künstler erinnerten, der mich in jungen Jahren auf geradezu ekstatische Weise beeindruckte und beeinflusste. Könnte man Ekstase und Verzauberung messen, das „Twin Peaks Level“ wäre wohl noch um einige Dezibel überschritten gewesen. Es war genau in jener Umbruchzeit, der Stimmbruch schon vollzogen, als Jemand nassforsch-fordernd fragte, was denn meine Vorbilder seien. Ohne zu zögern schoss es heraus: „Max Ernst und die Beatles!“ Jahre später nochmals diesselbe Frage, diesmal war die Antwort, ebenso spontan wie selbstgewiss: „Die Sonne!“ Rückblickend kann ich heute sagen: alle drei prägenden Instanzen hatten mein Leben lang Bestand. Was auch immer gewisse Glaubensbrüder und -schwestern unter „Gott“ verstehen (ein für unsereins relativ unklarer Begriff): die Sonne stand zu allen Zeiten höher. Aufgrund eines Verkehrsunfalls lag ich zwei Monate im Krankenhaus, elfjährig und schwer verliebt in eine Krankenschwester. Ein Event tröstete mich am Tag der Entlassung über den Abschied hinweg: Abbey Road erschien. Noch schnell am Plattenladen vorbei, bislang besaß ich ja nur Singles („Crimson and Clover“, „Hey Jude“, The Troggs, The Rattles). Zuhause gleich aufgelegt (der Dual Plattenspieler wurde über Diodenstecker an das Telefunken Bajazzo Transistorradio angeschlossen). Ein neues Ich begann, tiefgreifende Identifikation: man hörte das Album nicht, man war es selbst. Ähnlich ging es mit Max Ernst, dessen Einfluss sogar die Aufnahme in die Kunsthochschule zu verdanken war. Bei ihm kamen verschiedene Momente ins Spiel: das poetische Moment, in altmeisterlicher Technik vorgetragen; die Schockeffekte von Dada und Surrealismus; und die Hinwendung zu Traumwelt und Psychoanalyse (hier besonders die Collagen). „Ein Zauberer der kaum spürbaren Verrückungen“, so wurde er genannt, der gleichzeitig urdeutsch und völlig undeutsch war. Wie gesagt, als ich im Sommer diese Fotos machte, dachte ich, der Ernst steckt irgendwie noch drin, mit all seiner Heiterkeit.

 
 


 
 

 

2019 26 Sep.

Zwei Brüder

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Der Vater war Zirkusartist gewesen, hatte mit seinem Bruder in jahrelangem Training einen Trick geübt, bei dem der eine mit dem Kopf kopfüber auf dem Kopf des anderen stand, ohne Halterung oder Hilfsmittel, damit reisten sie dann um die Welt. Der ältere Sohn war sehr sportlich und dachte zunächst auch an den Beruf des Artisten, dem vierzehn Jahre jüngeren wurde dieses schlicht verboten, er bekam stattdessen sehr früh Klavieruntericht. In Leipzig geboren, schlugen beide irgendwann die Musikerlaufbahn ein, der eine mit der Klarinette, der andere mit dem Saxofon und dem Klavier. Die Mutter war Jüdin, ein Teil der Familie kam in Theresienstadt um. In der DDR wurde dem Klaviervirtuosen staatliche Anerkennung zuteil, die es ihm ermöglichte, in Wien ein Konzert zu geben. Als die Herren ihn dort in Empfang nehmen wollten, erschien er aber nicht, denn dieser Auftritt war als Möglichkeit zur Flucht geplant. Es folgte eine internationale Karriere mit vielen Stationen, auch für den Älteren. New York, Los Angeles, Paris, der Jüngere hatte zeitweise auch Gefallen an der Rockmusik. Charakterlich sind beide sehr unterschiedlich, insofern bietet das anderthalbstündige Filmporträt auf 3Sat, von Stephan Lamby erzählt und gefilmt, nicht nur hervorragende Zeitgeschichte und konzertante Köstlichkeiten, sondern auch eine intime, tiefgehende, hochinteressante Charakterstudie. Es sind die Brüder Kühn, die man auf diesem Wege näher kennenlernen darf.

 

2019 20 Sep.

Ein gutes Band

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Peter Sloterdijk übermittelte im ersten Band seiner Sphären-Trilogie ein Bonmot von Andy Warhol, das zu meinen Lieblingszitaten überhaupt gehört – eine Zeitlang sammelte ich ja tatsächlich Zitate, die auf besondere Weise mein Befinden wiederspiegelten und bestätigten, von Wittgenstein bis Cioran, von Handke (jawoll!) bis zu Krishnamurti. In eben diesem Zitat von Warhol ist von einem Tonbandgerät die Rede und dass fortan durch den Besitz und Gebrauch desselben seine Probleme keine mehr waren, da sie auf Band gesprochen in eine gute Aufnahme transfiguriert wurden. Ein jeder wird wohl der Möglichkeit eigener Aufnahmetechnik und auch der Archivierung und Bearbeitung von Aufnahmen seine Wertschätzung entgegenbringen und -gebracht haben. Ich erinnere mich an einen Schulfreund, mit dem ich Hörspiele inszenierte. Später dann mit einem anderen, der heute Dirigent ist und damals Keyboard spielte, verbrachte ich einmal die sämtlichen sechs Wochen der Sommerferien, um tagsüber Höhlen zu bauen und ab spätnachmittags dann Kompositionen auf Band zu spielten, mit Gitarre auch, Mundharmonika, ebenso Schlagwerk aus leeren Waschmittel-Papptrommeln und allerlei Zeugs. Höhepunkt der Ferien war dann abschliessend die Namensgebung der Stücke samt aus Pappe gebastelter Plattenhülle. Ein Teil dieser Lust ist geblieben und ich wette, sie betrifft auch jeden Künstler, der ins Atelier kommt und mit dem Arbeitsergebnis des Vortages konfrontiert wird. Nachbetrachtung ist das Schlüsselwort, und Bezugnahme. Vor ein paar Tagen war es wieder soweit: wir mieteten uns für drei Stunden zwecks Session einen Musikraum – mittlerweile ein halbjährlicher Usus. Das macht immer einen Heidenspass. Diesmal klappte die Aufnahme besser, das Mikro war gut ausgesteuert. Im Raum befanden sich zwei Schlagzeuge, die dezent zum Einsatz kamen. Ich war unglaublich gespannt auf die Aufnahmen hinterher, hörte sie ein paarmal durch, wählte aus, schnitt Einiges zurecht. Sich mit Profis zu vergleichen, wäre in diesem Kontext falsch – wenngleich Musik wie die von ECM und andere oft mitschwingt beim Spielen, als Inspiration. Ein Cover haben wir aber nicht gebastelt.

 
 

„Torn´s Dripping Tape“

Karsten – soprano saxofon, percussion

Jochen – electric guitar, tape, percussion

 

 
 

Ich liebe Kriminalgeschichten – in der Literatur, im Kino, in Fernsehfilmen und heutzutage bevorzugt in der neuen Kunst televisionärer Tiefen-Erzählungen, genannt „TV Serien“. Gerne erinnere ich mich an jene Zeit, als man sich jedes Wochenende, angenehm erschöpft von körperlicher Arbeit und Überstunden im Bauhandwerk, in einen Krimi fallen liess. Dass war auch die Zeit, als Twin Peaks im deutschen Fernsehen lief und man regelrecht heiss war auf die nächste Folge. Die Serie von David Lynch war tiefgründig, abgründig, voller neurotischer Charaktere und erotischer Frauen, die einen noch im Traum verfolgten und verführten. Den Sjöwall-Wahlöö Tipp bekam ich schon zur Abizeit von einer schwedischen Mitschülerin aus der Nachbarschaft. Wir tranken Tee in ihrem elterlichen Bungalow, mitten im tiefsten Wald gelegen und auch Twin Peaks lag damals schon ein bisschen in der Luft. Erst über ein Jahrzehnt später griff ich den Tipp auf – so ist das manchmal mit dem Lauf der Zeit und Dinge. Überhaupt findet sich eine angemessene Entgegnung auf Etwas oftmals erst nach Jahren. Auch ein Grund, warum man gerne schreibt: hier kann man sowohl die Kommunikation als auch den Gedankenfluss verlangsamen, präzisieren oder im Nachhinein noch korrigieren. Ich drifte ab, wo war ich denn gewesen? Ach ja, die Krimis: das war eine Lust, in der Woche dann den Lesevorrat für das kommende Wochenende zu besorgen, pilgermässig dafür eine der städtischen Buchhandlungen aufzusuchen („Schmorrl & von Seefeld“ – klingt das nicht heute noch wie Musik in manchen Ohren?). Jetzt gibt es Amazon, der Pilgerfluss ist ausgetrocknet, ersetzt durch gehetzte Kuriere. Unter den Autoren blieben mir vor allem Michael Dibdin und Patricia Highsmith in Erinnerung und letztere schlägt auch die Brücke zum jüngsten televisionären Hochgenuss. In ihrem Buch Ripley´s Game nämlich beschreibt sie die Charakterstruktur eines narzisstischen Psychopathen, der andere gern für seine Zwecke instrumentalisiert. Neben Kriminalgeschichten gehört dieser Typus des Narzissten, vorzugsweise als bösartiger Soziopath, zu meinen bevorzugten Forschungsobjekten und in der Serie Mindhunter kommt er ins Spiel: es geht um Serienkiller. Ein Typ namens Holden und sein Team haben psychologische patterns entdeckt, um solchen Tätern auf die Spur zu kommen. Mindhunter zeichnet sich dadurch aus, dass ein an sich gewalttätiges Thema vollkommen gewaltfrei und mit ruhiger Hand, teilweise wie im Kammerspiel, erzählt wird. Charles Manson kommt auch vor, wird von den Protagonisten interviewt. Eigentlich interessierte mich diese Manson-Story ja nie und und auch die Manson-Doku neulich drehte ich nach wenigen Minuten ab. Bilderreiche, willkürlich aneinandergereihte Fakten-Bombardements a la Wikipedia, nein danke. Aber in eine gute Erzählung wie Mindhunter eingebunden, ist das eine andere Geschichte. Atmosphärisch in schönem, gedämpften Licht und detailreich verfilmt, erinnert Mindhunter mitunter an Mad Men, an Fargo vielleicht und so vieles Gute und Böse mehr.

 

2019 4 Sep.

Out of Reach

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„Nobody on the road / Nobody on the beach
I feel it in the air / The summer’s out of reach
Empty lake, empty streets / The sun goes down alone …“

 

Don Henley: „Boys of Summer“ (live version)

Loop Reprise (covered)

 

2019 4 Aug.

Würfelwerte

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Seit Jahrzehnten schon begleitet mich eine Fernsehzeitschrift mit klangvollem Namen sicher durch die Medienwelt wie einst die Obhut meiner geliebten Grossmutter durch das junge Leben. Immer wieder habe ich mich gewundert, wie zutreffend dort Filme und dergleichen beurteilt werden. Dies geschieht in der Form von Würfelaugen: eine Sechs heisst „grandios, aussergewöhnlich gut“, eine Fünf bedeutet „sehr gut, sehenswert“, eine Vier ist noch recht gut im Ranking und eine Drei hat bereits deutliche Schwächen. Ein Auge heisst soviel wie nicht mehr einäugig sondern bereits blind. Mit anderen Worten: No-Go, Drop-it, Failure. Neuerdings werden auf der vorletzten Seite der Zeitschrift neben Büchern, CDs und Kinofilmen auch Serienstreams vorgestellt und beurteilt. Das ist auch der Grund, warum ich hier darüber schreibe, denn auch auf diesem Feld liegen sie verblüffend richtig. Aus dem Altpapier fische ich soeben die Zeitschrift der letzten Woche wieder heraus, denn da war doch was – genau: Haus des Geldes, zu dem ich gestern (nach dem Supercup) verblüffend schnell den Einstieg fand, wurde mit fünf Augen bewertet. Das wird ein Spass werden in den nächsten Wochen, that´s for sure. Comedians auf Kaffeefahrt bekam die gleiche Anzahl, vielleicht schaut man da mal rein beizeiten. Als „eitles Alterwerk“ benannt bekommt ein Film von Almodóvar nur drei. Zugehört und Augen auf nun: Sibylle Bergs Hörbuchversion des Romans GRM bekommt sechs Augen – das wird vorgemerkt und dreifach angestrichen! The Boys und Orange Is The New Black bekommen vier, will heissen: muss man nicht, kann man aber, oder auch „lassen wir“.

2019 4 Aug.

Top Twenty 2020

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01 Succession – Seasons One & Two  02 The Marvelous Mrs. Maisel – Season Three 03 Der Überläufer – Vierteiler (ARD) 04 Better Call Saul – Season Five 05 Big Little Lies – Season One & Two 06 Unorthodox – Mini Series 07 The Marriage Story – (Netflix Film) 08 Giri / Haji – Limited Series 09 The Meyerowitz Stories – Miniseries 10 Little Fires Everywhere – Miniseries 11 Bosch – Season 6 12 Ozark – Season One 13 The Sinner – Season Three 14 Unterleuten – Dreiteiler (ZDF) 15 Miss Americana – Taylor Swift (Netflix Documentary) 16 Marc MaronEnd Times Fun (Comedy) 17 Citizen K (documentary on Michail Chodorkowski) 18 Corona Explained – Miniseries (Netflix) 19 After Life – Season 2 20 I Am Not Okay With This – Season One 

(all viewed this year)

2019 27 Juli

The tour (heat) goes on

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Beim luziden und vitalen Manatreffen in Stuttgart hatte er von einer Sternstunde erzählt: in einem reizvollen Bergörtchen in den französischen Alpen wurde eines schönen, sonnigen Sonntagmorgens etwas aus der H-Moll Messe in der dortigen Kirche vorgetragen, von einer Gruppe „Meditierer vom Berg“, in Begleitung ihres Gurus. Der Dirigent war ein begnadeter Chorleiter (ebenso wie dessen Bruder ein ebensolcher Bandleader war, der als Sänger und Organist eine holländische Gruppe einst in die höchsten Höhen der Popstar-Sphären führte, unter Mithilfe eines virtuos ackernden Gitarrenmannes) und so sang der Chor letztendlich frei und ohne Notenblatt. Die erzkatholische und guru-skeptische Gemeinde dankte es mit spontanem Applaus. Der Ort hiess Beaufort, die heutige Etappe sollte hindurchführen, das Wetter machte dem den Garaus. Schade, er hatte sich darauf gefreut. Freude gab es dennoch über den grossartigen Auf-Tritt des Emanuel Buchmann, der ähnliche Körperdaten hat, was ihn für eigene Touren wiederum beflügeln wird, auf denen er gerne immer auch mal eine Fotopause einlegt, für Stadtarchitektonisches beispielsweise. War sie nicht spannend gewesen, die diesjährige Rundfahrt? Dem ARD sei Dank (and France TV as well) für tolle Bilder, Gespräche, Sequenzen und das Timing.

2019 21 Juli

„NF“ – in memoriam

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Norbert kam aus Hamburg. In der Grundklasse des Studiengangs Freie Malerei in Hannover Anfang der Achtziger gehörte er mit Ende Zwanzig schon zu den älteren Semestern und er brachte einiges an Lebenserfahrung mit („die harte Schule“). Auch in der Malerei selbst war er schon weit fortgeschritten, nahezu ausgebildet und gehörte eindeutig in die Kategorie „Malschwein“, wie wir jene nannten, die ihr Augenmerk weniger auf Konzeptkunst und Kopfspiele setzten, sondern auf das action painting – im explosiven, exponierten Gestus der Neuen Wilden, der ihm lag und damals auch en vogue war, sodass die Farbe nur so tropfte und am Bildrand zerlaufend ihr Eigenleben führte. Schnell fand er dann sein Grundthema, dem er bis in sein letztes Lebensjahr, im Alter von zweiundsechzig Jahren, immer noch treu geblieben war: der Verbindung von Schrift- und Zeichenfragmenten mit bildnerischen oder zeichnerischen Form- und Farbgebungen. So ging auch das Figürliche mit dem Abstrakten stets Hand in Hand. Norbert trug sein Herz in der Hose. Zuweilen war er unwirsch, missmutig, konnte klare Kante zeigen. Doch im Kern war er ein netter Kerl und als Freund fehlt er vor allem als Gesprächspartner. Oftmals des Nachts stundenlang durch die Stadt stromernd, teils am Fluss entlang (damals noch mit Tiger, seinem Hund), fühlten wir dem Gewicht der Welt, dem Lebenssinn, den kreativen Prozessen und unseren Zeitgenossen beim Gehen plaudernd auf den Zahn (ja, wir kannten unsere „Pappenheimer“). Seine Kunst hatte stets und hat bis heute viele Freunde. Trotz aller melancholischen Anklänge und provokativen Elemente, aus vielen Bildern sprühten Lebenslust und Mutterwitz wie Funken.


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