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Archiv: Kris Davis

 
Nein, jetzt nicht noch ein Poem … Später! Stattdessen: Klarinetten.
 
 
 

 
 
 
Schwer im Kommen. Aber abgesehen davon, mein Stapel an Scheiben wuchs und wuchs ja in den letzten Wochen. Wo anfangen? Nun, und gestern kam diese Scheibe, die mich im Nu in Gang setzte
 
 
 

 
 
 
Die zweite in kurzer Zeit mit reichlich schwarzen Tröten und Trötern, sechs an der Zahl. Die erste, die ich bekam, kam sogar auf acht mit gleich noch vier Kontrabässen und vier Schlagzeugen. Meine Güte!
 
 
 

 
 
 
Das klarinettische Doppeltrio war mir nicht ganz neu. Ich habe sie vorvoriges Jahr bei Jazzdor in Berlin spielen sehen. Wunderbar. Grossartig. Die Musik auf dem Album, von Meister Walter Quintus aufgenommen und endgefertigt, übertrifft das aber noch bei Weitem. Man sollte, ja man muss sich diese einfach zu Gemüte führen! Ein Erlebnis der fünfzehnten Art. Sechs Meister des Instruments, das es ja in reichlich Variationen gibt: Jürgen Kupke, Michael Thieke, Gebhard Ullmann, Armand Angster, Sylvain Kassap und Jean-Marc Foltz auf Bass-, Kontrabass, Alt-, EB- und B-Standardklarinette.
 
 
 

 
 
 
Meisterhaft aufgebaut die Stücke, verspielt, elegant, witzig, erstaunlich, eindrucksvoll in der Klangvielfalt und immer wunderbar ökonomisch. Diese versierten Sechs wissen genau, wo Barthel den Most holt. Von elektronisch klingenden Klangwolken und Soundscapes über herrliche Breukeriaden, zankende Krähen über tief rauschenden Abgründen bis hin zum alltäglichen Treiben im Reiche des Homo Sapiens einschliesslich schallendem Gelächter und Stimmengeschnatter, das sich letztendlich in Luft auflöst und in die Wolken entschwebt. Alles in wohlgesetzter Klangtheaterdramaturgie. Ein franko-allemagnierter Zweidreier, ein Sechser für Körper, Geist, Gemüt und Kopfkino. Hier die Titel (der neunte in Anspielung auf das archaische sardische Doppelrietinstrument, die Launedas):

Almost Twenty-Eight – Variationen über Rauch und Moder – Bizarre – FAK! – Charles Town, But Yesterday – Desert … Blue …East – Catwalk Münzstrasse – Itinéraire bis – Launedas – (Die) Laune das (macht was) – Keks ist Fortschritt
 
 
 

 
 
 
Das hochkarätige dänische Aufgebot des jungen Komponisten/Saxophonisten Niels Lyhne Løkkegaard kommt dagegen mit einer begrenzten wie gewagten kompositorischen Studie, Sikorsky, von 30 Minuten. Løkkegaard, der im letzten Jahr das wunderbare Klangwerk Vesper in die Welt setzte, fokussiert hier auf spezielle Klanginterferenzen in minutiös, langsam fortschreitender Emergenz im Bereich von Bassklarinette und Bb-Klarinette.
 
 
 

 
 
 
Das Ganze im Verein mit gestrichenen Kontrabässen und fein bearbeiteten Snares und Becken. Zuweilen offenbaren sich dabei faszinierende Klänge (irgendwo zwischen voller Kirchenorgel und elektronischem Feuerwerk), nur fehlt einem bisweilen der Halt im langsamen Fortschreiten in Zeit und Raum.
 
 
Kris Davis aus Brooklyn hat gerade ebenfalls ein Klarinettenwerk angekündigt. Man darf gespannt sein:
 
“ …something i’ve been pouring every ounce of energy into for the last 6 months and i’m hoping people will want to check out. My project for the Shifting Foundation featuring 4 bass clarinets (Ben Goldberg, Oscar Noriega, Joachim Badenhorst, Andrew Bishop) and Gary Versace on Organ, Nate Radley on guitar, Jim Black on drums, and myself on piano will perform at Roulette on January 6th (and then record the next two days).”
 
 
Ach, und zum Abgewöhnen und Ausklang noch eine Klarinettenscheibe: Afar, von dem französischen Doumka Clarinet Ensemble. Drei Klarinetenspieler auf vier verschiedeen Klarinetten plus ein Bassist/Gitarrist und ein Perkussionist. Sie spielen ein wunderbare Form von Ersatzmusik (Klarinette als Ersatz für Vokal und Bass als Ersatz für Ûd). Flamenco, Andalusische Musik und eine Menge weiteres Orientalisches. Sie machen das gut und man kann es gut haben, was und wie sie spielen. Schöne dunkle Klangfarben zusammen mit der Stimmigkeit der hohen Klarinettentöne. Die Klarinette hat eine viel grössere Nähe zur menschlichen Stimme als das Saxophon, das urbaner und automobiler klingt.
 
 
 

 
 
 
Photos Double Trio de Clarinettes © FoBo – Henning Bolte ©

Während ich eine Film-Noir-Szenerie um das spezielle Vinyl-Album des dänischen Pianisten Simon Toldam imaginierte (Sunshine Sunshine or Green as Grass), und zu Papier, sprich tastend auf den Bildschirm brachte und als Dokument ablegte, schlug kurz darauf in meinem Haus in Amsterdam die wirkliche Wirklichkeit zu. Am Tage der hiesigen Krönungsfeierlichkeiten, die sich letzte Woche eine Viertelstunde entfernt von meinem Haus abspielten, herrschte hier im Viertel eine erstaunliche Stille und Ruhe. Bis auf zwei nordafrikanische Jugendliche, die etwas sehr auffällig damit beschäftigt waren, Einblick in mein Haus zu bekommen. Kein angenehmes Gefühl.
 
 
 

 
 
 
Am Abend drauf ging ich zu einem Konzert ins Bimhuis, das nach dem vortäglichen Budenzauber wieder zugänglich war. Ins Bimhuis, eben besagte Viertelstunde entfernt. Im Bimhuis an diesem Abend ein Konzert mit dem Trio der New Yorker Pianistin Kris Davis (mit dem Bassisten John Hébert und dem Schlagzeuger Tom Rainey).
 
 
 

 
 
 
Eigentlich wollte ich ziemlich bald nach Ende des Konzerts nach Hause gehen, aber dann ergab sich ein Gespräch mit Kris, die hochschwanger ist. Wir kennen uns von Begegnungen in Lissabon und von der von mir betreuten Amsterdamer Serie, in der Kris im letzten Jahr ein Soloprogramm gespielt hat. Ich nahm gerade den letzten Schluck Wein als das Telefon ging. Zu spät aufgenommen, ein gesprochener Bericht von der Polizei, dass bei mir eingebrochen sei. Schock und natürlich wusste ich sofort, wer es war und worauf sie es abgesehen hatten. Den nicht zu übersehenden iMac! Ansonsten gab es ja nichts, was Diebe interessieren könnte. Panik und in Windeseile zu meinem Haus. Im deutlichen Bewusstsein, dass die Arbeit der letzten eineinhalb Jahre, die auf dem iMac stehen, nun wohl verloren waren.

Bei Ankunft der echte Schock. Die Diebe hatten einen kapitalen Bordstein durch die doppelglasige Verandatür geschmissen, um sich Zugang zu verschaffen, die Beute zu greifen und zu verschwinden. Durch den Knall war der Nachbar aufmerksam geworden und eilte umgehend an den Ort des Geschehens, verfolgte die flüchtenden Täter, musste sie aber laufen lassen.
 
 
 
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Glasreparatur mitten in der Nacht, Spurensicherung, Versicherung, Gespräche mit der Nachbarschaft, wenig Schlaf. Sehr eingreifendend, ziemlich von der Rolle, wütend, empört, Gefühl von Machtlosigkeit, traurig, niedergeschlagen. Gleichzeitig aber auch den Handschuh aufgreifen. Wechselbad der Gefühle! Wie den Gedanken aushalten, dass die jugendlichen Diebe den iMac umgehend beim Boss abliefern, kleinen Betrag kassieren und der Inhalt auf dem iMac dann schlicht weggeschmissen wird, damit die Maschine von den Hehlern in Osteuropa oder Afrika verkauft werden kann.
 
 
 
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Ja, in der Wirklichkeit angekommen. Willkommen! Derzeit booming business mit gestohlenen iMacs. Nach oben schiessende Einbruchszahlen. Ganze Büros, einschliesslich die von Apple selbst, sind schon leergeräumt worden. Am Krönungsnachmittag war es im Viertel zwar herrlich still, aber auch die Einbruchszahl schossen extreme in die Höhe! Der ganze Zirkus um die Krönung war übrigens von dem Musicalproduzenten Joop van den Ende (früher Teil von Endemol) Szene gesetzt und finanziert. Wenn das kein Musikbusiness und keine Kultur ist! Gut, oder nicht gut! Aber nicht abschweifen!

Alles Mögliche schiesst mir durch den Kopf: die Manuskripte für Radiosendungen, Interviews, Buchhaltung, Konzepte für Artikel, Quellensammlungen … Was davon ist noch wiederzufinden? Und was kostet das alles an extra Zeit? Schwer zurückgeworfen! Auf der anderen Seite der Gedanke: es wird sich zeigen müssen, was nun wirklich unentbehrlich und kostbar ist. Und der Gedanke: erst mal wieder zurück zum Kern statt in der elektronischen Überfülle zu baden. Beides muss seinen Platz kriegen, ins Gleichgewicht kommen. Zum Kern zurück, mit weniger auskommen auf der einen Seite, und mühsame Rekonstruktion in Fällen, wo’s nicht anders geht, auf der anderen Seite. In anderen Modi funktionieren. Alles aus dem Gleis. Langsames Zurückfinden, Einfinden.

Und bei Neuausrüstung bleibt nichts anderes übrig als iMac mit Stahlseil befestigen und TimeCapsule-Apparat für schnurfreies Backup, den man wegschliessen kann. Und besonders empfindliche Sachen in die Wolke oder Dropbox.

Arbeite jetzt – hier und da sitzend – auf MacBook Air. Ein paar wichtige laufende Sachen befinden sich zum Glück darauf, wodurch ich dies jetzt auch in Manafonistas einstellen kann. An meinen verwüsteten Schreibtisch zurückkehren geht einfach noch nicht.


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