Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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2022 16 Feb.

Idiot und Antidot

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Lange vor Corona schon und der schleichenden Invasion durch Aluhüte, Querdenker und Verschwörungstheoretiker jeglicher Coleur, tauchte in der Bevölkerung ein allgemeines Unbehagen angesichts der Bevormundung durch öffentliche Medien auf, von dem auch unsereins sich affiziert sah. Es ging schlichtweg um die Erkenntnis, dass Berichterstattung selten objektiv ist, hingegen meist an Einflussnahme gross. Auch stellte man eine Anpassung persönlicher Äusserungen an die sogenannte political correctness oder social correctness fest. Man konnte allerdings einem Claus Kleber vom Heute-Jounal, Stefan Aust von der Welt oder einer Grünen-freundlichen Taz-Literatur sowenig vorwerfen, dass sie beeinflussen, wie einem Lebewesen, dass es atmet oder anderweitig oszilliert. Hier waltet immer noch das selbstregulative Kritik- und Konterwesen, in Anlehnung an Kants Kritik der eigenen Urteilskraft. Auch Skeptiker erheben hier das Wort: „Ich glaube erstmal gar nichts!“ Ganz ähnlich fand sich auch in der deutschen Tatort-Landschaft zuweilen dieses Unbehagen, kam man sich als Fernsehzuschauer oft vor wie im Sozialkundeunterricht. Was auch öffentlich-rechtliche Drehbuchautoren mühsam lernen mussten: der Zuschauer ist kein unmündiges Kind oder Sektenmitglied, dem man Botschaften einimpft. Amerikanische Serien waren für unsereins ein stark wirksames, pädagogikfreies Antidot gegen diese Art der Idiotie, denn sie vermittelten Traum- und Realitätsstoff frei von Belehrung. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wirken sie bis heute: in tausend und einer Bingewatch-Nacht.

 

2022 11 Feb.

song of the day

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Steve Gadd – Larry Goldings:

„No More Blues / Chega No Saudade“

 
 

2022 6 Feb.

Selbstregulative

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Jeder gesunde Mensch besitzt sie: jene Techniken, die es ermöglichen, sich selbst Einhalt zu gebieten. Der ungebremste Redefluss, die ungezügelte Esslust, oder im Sportbereich das ehrgeizige Höher, Schneller, Weiter. Mir fiel gerade auf, dass ich in früheren Zeiten oft der Tendenz verfiel, zu sehr in der Musik zu versinken, sowohl beim Hifi-Hören als auch beim Gitarre spielen. Dies traf insbesondere zu auf Material, das allzu einschmeichelnd war. Mindestens zwei selbstregulative Gegenpole fallen mir ein, neben dem allseits bekannten „Erstmal raus an die frische Luft!“: zum einen wäre da das Denken und das Lesen in Büchern, zum zweiten das Hören von freieren Formen der Musik, die diese voreiligen Sentimentalitäten erstmal gründlich trockenlegen. Haben Sie schon einmal etwas von Anthony Braxton gehört, verehrter Leser, oder von Alexander von Schlippenbach? Auch Aki Takase wirkt, erst recht Tim Berne. Ausschliessliches Verweilen im ewig melancholischen Moll, Moll, Moll ist der Gesundheit ebenso abträglich wie das hochtrabend Vergeistigte der Bach’schen Fugen, die bei Unsereins, wie sonderbar und hierin Songs von Eric Clapton ähnlich, schon immer einen leichten Anflug von depressiver Leere hinterliessen. Hier half auch kein Glen Gould. Unvergesslich hingegen eine Wirkung beim intensiven wiederholten Hören von Tim Bernes Bloodcount Konzert in Paris. Ich hatte den Eindruck, mein Gehirn sei gedopt und zu schärferer Wahrnehmung fähig: nüchtern, hellwach, analytisch.

 

2022 1 Feb.

Die liederliche Loipe

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Immer auf der Suche nach dem Wunderbaren in der Musik, nehme ich gerne die eine oder andere Spur auf. Bevorzugter Trimm-Pfad sind nach wie vor gute Songs. Erstmal in der liederlichen Loipe drin, gerät das Geschehen schnell in Fahrt. Jüngst war es das neue Sting Album The Bridges, das bei mir erst mit dem zweiten Hören zündete, dann aber Feuer fing – einmal mehr bereichert durch das versierte, taktvolle Gitarrenspiel des Dominic Miller, das zwischen rockigen Tönen und klassisch zartem Arpeggio changiert. Es gibt ein Interview mit dem YouTuber, Musiker und Gitarrenlehrer Rick Beato, bei dem die Genannten zugegen waren. Dort kam Einiges zutage. Ich schrieb hier im Blog vor einiger Zeit über „Brückenbaukunst“, gemeint sind jene Elemente im Song, die zwei Ebenen verbinden. Sting erwähnte, dass es genau diese Brücken wären, die einen Song reizvoll machten. Ich stimme zu, bestes Beispiel: Steely Dan, ein vom schwarzgelb-gestreiften Bienen-Briten sträflich unerwähntes Duo. Egal, Lennon-McCartney wertschätzt der Sänger. Das Interview mit Beato ist auch deshalb gut, weil der Fragesteller selbst ein Analytiker von Songs ist, deshalb deren Innenwelt gut kennt. So würde er verstehen, warum ich seit Wochen einen Narren gefressen habe an „Harmony Road“. Jenes Stück beginnt im Fünf-Viertel Takt in D-Moll. Wunderbares Arpeggio-Spiel von Miller. Dann die Bridge (ich habe lange getüftelt) im Sieben-Viertel Takt mit Sopran Saxofon. Schlussendlich einen Halbton höher, dabei zurück zum Fünfviertel. Man versuche mal, das nachzuspielen: vom Sieben-Viertel ansatzlos und standfest zurück zum Fünf-Viertel. Sting, Miller und Kollegen meistern das.

 

2022 28 Jan.

Ravitz & Miller

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Man muss sich nur mal diesen kurzen, zusammengestückelten Konzertausschnitt anschauen. Unabhängig von der Aufnahmequalität kommt hier etwas rüber, das mich ungemein inspiriert und anstachelt. Nicht nur Ziv Ravitz‘ antizipatorisches (und bisweilen orientalisches) Rhythmusgefühl, nein, auch in Dominic Millers Spielweise höre ich viele Elemente, die ich als besonders empfinde: Präzision, Kraft, Witz, funkyness, der Klang der Konzertgitarre. Precious moments – far beyond anyone to blame.

 

2022 21 Jan.

Ein Morgen im Pelourinho

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An diesem Vormittag war es in der Altstadt von Salvador im brasilianischen Bundesstaat Bahia besonders heiss. Der Karneval war vorbei, trotzdem Trubel in der Cidade Alta, dem afrikanisch geprägten Stadtteil, in dem es vor Zeiten noch Sklavenhandel gab. Die Sonne brannte und die Luft war seltsam stickig schon am Morgen. Es dröhnten Ghettoblaster, ja sie krähten geradezu schrill aus nahezu jedem Fenster der alten barocken Häuserfassaden. An einer Strassenecke tanzten Capoeira-Tänzer Flick-Flacks, begleitet von Congas, Bongos und Berimbau. Bewundernswert durchtrainierte Körper, ehrfürchtiges Staunen. Peter hatte auf dem Randstein des grossen Brunnens Platz genommen, inmitten des historischen Zentrumplatzes, um erst einmal Orientierung zu gewinnen, so früh am Tag. Eine junge Prostituierte setzte sich zu ihm, er kannte sie vom Sehen, sie wohnte unweit seines Hotels am Praça da Sé. Die beiden beobachteten das Treiben ringsum und plauderten, soweit sein holpriges Portugiesisch es zuliess, begleitet vom Plätschern der Fontäne des Brunnens. Er zog es dann aber vor, der verlockenden Einladung dieser hübschen Mulattin nicht zu folgen, mit auf ihr Zimmer zu kommen. Am Ende ohne Hose dastehen und schlimmer noch: auch ohne Schecks und Passport? Das erste Mal auf einem anderen Kontinent, wollte er sich lieber nicht gleich zum Idioten machen. Ausserdem war da seine Freundin Monica, auch wenn es gerade kriselte. So schlenderte er ein wenig ziellos weiter. Vielleicht links hinunter nun, den bekannten Weg, dann mit dem Fahrstuhl herab zum Mercado Modelo? Direkt vor vor ihm diese prächtige Kathedrale, die Tür der Kirche stand offen, der Innenraum lockte mit Stille und Kühle. Eine kleine Gemeinde hatte sich zur Andacht versammelt, die vorderen Plätze waren gefüllt. Peter setzte sich behutsam in die Bank dahinter, nahm kontemplierend teil. Nach dem Gottesdienst erhob sich die Dutzendschar der Einheimischen, die Reihe vor ihm drehte sich geschlossen zu ihm um, nacheinander reichte man ihm freundlich die Hand. Voller Erstaunen fühlte er sich angenehm geerdet und gar nicht wie ein Tourist aus Europa: man hiess ihn hier auf wohltuende Weise willkommen. Am gastfreundlichsten waren jene, die wenig hatten, das lernte er auf dieser Reise immer wieder kennen. Und wo man am wenigsten „ich“ war, dort kam man oft unverhofft zu sich. Er trat vor die Kirchentür, blinzelte in die Sonne, eine Brise wehte vom Meer her. Der Tag hatte eine frische Färbung bekommen.

 

2022 19 Jan.

Ins Rom der Neuzeit

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Irgendwann fiel der Groschen, „klick“ machte die Münze und im Schubfach befand sich die Ahnung: die Charakterstrukturen im Milieu wohlhabender Familienunternehmen sind überall gleich. Es war der Moment, als Kendall Roy eine Geburtstagsparty feierte. Der erste Sohn aus zweiter Ehe war dem patriarchal-cholerischem Vater Logan inzwischen abtrünniger Gegenspieler geworden, ohne das hier der Ödipus-Komplex zum Tragen käme, nein, eher die Annahme, der Vater sei böse und er ein besserer Mensch. Schwester, Brüder, Anhang, der ganze Schlangen-Tross erscheint ungeladen auf seiner aufgemotzten Feier, die Schwester blickt sich enttäuscht um in der rammelvollen Bude: „Is anybody here?“ Nein, Schwesterlein, das Väterchen ist gerade abwesend, doch mit seinem Geld hat er euch Kinder längst korrumpiert, geopfert auf dem Altar seines Narzissmus: „I win!“. Keine der Serienfiguren ist sympathisch, aber alle sind interessant und auf tiefgreifende Weise miteinander verwoben. Das zu verfolgen, macht grossen Spass. Wer gerne bei Sigmund Freud in den neurotischen Symptomgeschichten stöberte, der wird hier fündig. Die Spannung liegt eigentlich in der permanent sich fortspulenden Gegenwart köstlich verdorbener Dialoge vor dem Hintergrund delikater Schauplätze. Der jüngste Filius pflegt eine leicht SM-gefärbte, uneindeutige Liaison zur Jahrzehnte älteren Generalkonsulin, könnte dabei doch jede junge Schöne haben. Der Vater raunzt ihn an: „Are you scared of Pussy?“ Zu diesem bilderprächtigen Feuerwerk einer Familien- und Firmenaufstellung wäre noch Vieles zu sagen. Vielleicht auch, weil es dann doch, trotz aller Klassenunterschiede, mit dem eigenen Leben zu tun hat. Sex, Brot und Videospiele – das Rom der global-medialen Neuzeit heisst New York und ist an jedem anderen Ort der Welt zu finden.

 

2022 1 Jan.

Umherlaufend

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Diskurse umschwirren mich wie Motten das Licht. Einer ist der von der „künstlichen Intelligenz“. Hier sollte man die Musik betrachtend einbeziehen. Wenn mir ein Song gefällt, dann höre ich ihn wohl weit über Hundertmal, er bietet mir dann Zuflucht sozusagen. Ich renne also nicht von etwas weg, sondern horche in etwas hinein, versuche jede Nuance nachzuahmen. Auf einer Bank vor der faszinierenden Silhouette des Ihmezentrums mal wieder sinnierend sitzend, dabei die scheinbar sinnlos umherlaufenden Tauben betrachtend, kommt also folgender grossartige Geistesblitz: der Gesang von Taylor Swift und Ed Sheeran in dem Song „Run“ wäre, abgesehen von der mathematisch leicht feststellbaren Akkordfolge, nicht annähernd von einem noch so weit entwickelten Computer zu kopieren, weil ihm Emotionen innewohnen, die ich als warmhearted american Country Coolness umgehend ins Guinessbuch der Rekorde eintragen liesse. Auch rhythmische Feinheiten: mit Null und Eins nicht darstellbar. Künstliche Intelligenz ist Lichtjahre entfernt von jedem subtilem Empfinden. Ein weiterer Diskurs ist das Motiv des „Weniger ist Mehr“, das heute höher denn je am Zenit des Bedeutungshorizonts erscheint, in Zeiten des Klimawandels. Bevor ich aber irgendeinen schlaumeierischen Verriss zu Harald Welzers neuem Buch Nachruf auf mich Selbst lese, werde ich es zunächst einmal selbst lesen. Der Autor kommt aus Hannover, kennt sicherlich das Ihme-Zentrum, und ich hatte, wenn ich ihn im Fernsehen sah, stets das Gefühl: den kennst du doch! Eines vorweg: wie Ciorans guter Freund einst kein Nirvana ohne Kaffee wünschte, käme für mich kein „Weniger ist Mehr“ infrage ohne die generelle Ambivalenz des Konsums als auch unser grundlegendes Verlangen nach Kontinuität mit in Betracht zu ziehen. Fatal ist doch: die meisten Dinge, die wir angesammelt haben, überleben uns. Mir kommt zunehmend mehr abhanden. Im Bloch-Jargon gesprochen: ist, was wir haben, überhaupt noch in unserem Besítz?

 

2021 27 Dez.

next year same venue

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„Out of the Woods“

session  (october 2021)

Karsten: ss
Jochen: pre-tape, loops, g

 

2021 26 Dez.

christmas stalking

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