Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2022 16 Feb

Idiot und Antidot

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | Tags: , 8 Comments

 

Lange vor Corona schon und der schleichenden Invasion durch Aluhüte, Querdenker und Verschwörungstheoretiker jeglicher Coleur, tauchte in der Bevölkerung ein allgemeines Unbehagen angesichts der Bevormundung durch öffentliche Medien auf, von dem auch unsereins sich affiziert sah. Es ging schlichtweg um die Erkenntnis, dass Berichterstattung selten objektiv ist, hingegen meist an Einflussnahme gross. Auch stellte man eine Anpassung persönlicher Äusserungen an die sogenannte political correctness oder social correctness fest. Man konnte allerdings einem Claus Kleber vom Heute-Jounal, Stefan Aust von der Welt oder einer Grünen-freundlichen Taz-Literatur sowenig vorwerfen, dass sie beeinflussen, wie einem Lebewesen, dass es atmet oder anderweitig oszilliert. Hier waltet immer noch das selbstregulative Kritik- und Konterwesen, in Anlehnung an Kants Kritik der eigenen Urteilskraft. Auch Skeptiker erheben hier das Wort: „Ich glaube erstmal gar nichts!“ Ganz ähnlich fand sich auch in der deutschen Tatort-Landschaft zuweilen dieses Unbehagen, kam man sich als Fernsehzuschauer oft vor wie im Sozialkundeunterricht. Was auch öffentlich-rechtliche Drehbuchautoren mühsam lernen mussten: der Zuschauer ist kein unmündiges Kind oder Sektenmitglied, dem man Botschaften einimpft. Amerikanische Serien waren für unsereins ein stark wirksames, pädagogikfreies Antidot gegen diese Art der Idiotie, denn sie vermittelten Traum- und Realitätsstoff frei von Belehrung. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wirken sie bis heute: in tausend und einer Bingewatch-Nacht.

 

This entry was posted on Mittwoch, 16. Februar 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

8 Comments

  1. Uwe Meilchen:

    Aber gerade die amerikanischen Serien damals hatten doch eine starke Rollenverteilung wie aus den 1950iger Jahren: die Frau am heimischen Herd, ganz in der Rolle der treu sorgenden Ehefrau aufgehend. Vater bringt das Geld nach Hause und bestimmt alleine. Die Kinder nett und adrett und wohl geraten. So charmant. Reine Laubsägearbeiten der Charaktere. Und so weiter. Zumindest die amerikanischen Serien die ich in meiner Jugend gesehen habe waren so.

  2. Michael Engelbrecht:

    Ist doch super, wenn Papa die Kohle nach Hause bringt und wenigstens einer im Haus gut kochen kann.

    The times they are a changin

    For the better
    For the worse
    Depends on where you look

  3. Uwe Meilchen:

    Gegen diese Sichtweise ist ja auch nur zu sagen dass es eben auch andere Lösungen, neudeutsch: Lebensentwürfe gibt. Immerhin bilden aktuelle Serien diese ja in Ansätzen auch ab.

  4. Jochen:

    Wo früher der Herd war, ist heute der Nerd :) Scherz beiseite: einige Serien wie Mad Men oder Halt & Catch Fire thematisieren ja geradezu den Wandel im Laufe der Zeiten. In Transparent entschliesst sich ein jüdischer Hochschulprofessor, fortan als Frau zu leben, was Herausforderungen mit sich bringt für ihn/sie und sein/ihr Umfeld. Von altbackenen Rollenmustern keine Spur, statt dessen ansatzlose Abbildung neuer Lebensentwürfe.

  5. Rosato:

    Sternstunde Philosophie | SRF Kultur

    Psychiater Frank Urbaniok über die Schwächen der Vernunft

  6. Jochen:

    Super Tipp, Rosato.

    Das Gespräch mit Frank Urbaniok sah ich bereits vor Wochen. Ein Kern seiner Aussage: Vernunft ist nur bedingt fähig, Wirklichkeit zu erfassen. Er befasste sich beruflich mit Sexualstraftätern, seine Theorie: es gibt Charaktere, die sind nicht therapierbar und dürfen deshalb nicht aus der Haft entlassen werden.

    PS. Passt zu der hochwertig-düsteren Serie Der Pass, die an die schwedische Produktion Die Brücke angelehnt ist und im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich spielt. In der zweiten Staffel ist man einem sexuell devianten Serientäter auf der Spur.

  7. Michael Engelbrecht:

    Vernunft greift so gut wie gar nicht mehr, sobald sich bestimmte Kreise – in den USA etwa 30 Millionen und mehr – einer Parallelwirklichkeit voller Lügen und fake news beigesellt haben. Der, der nicht mehr vernunftfähig ist, wird sich dieser auch erfolgreich verweigern, und da sitzen die Impfgegner („mRNA, das Ende ist nah“), Reichsbürger, Taliban, Scientologen und Serienkiller in einem Boot. Dass letztere sehr sehr oft nicht therapierbar sind, ist keine so steile These, sondern war schon vor Charles Manson bekannt.

    Eine Gesellschaft der Vernunftbefreiten also, in diesem Boot, in dem zihauf harmlose Irre und herzlich wenig harmlose Irre eine Konferenz der Idioten allererster Güte abgeben. Da sollte man eigentlich ein Drehbuch rausmachen, ein „sea movie“: was würde das dann für ein Genre sein? Richtig, ein dystopian thriller. Horror. Für Humanisten gibt es da nur drei mögliche Rollen: Undercover, Kopenhagen-Syndrom, oder Wasserleiche. (Sie haben gedacht, das sei Fiktion, i am so sorry: Netflix Start der Serie Nirwana Boat, Herbst 2023 (sie machen halt eine Serie raus – Trumpisten sind auch dabei – oder war das jetzt fake news?😅)

  8. Martina Weber:

    Ich vermisse meine Bingewatch-Begeisterung. Ich möchte Serien nicht online schauen, sondern über DVD. Ich liebe es, mit der Fernbedienung zu hantieren und mir Zusatzmaterial anzuschauen. Wie wunderbar war der Winter, den ich auf DER INSEL (LOST) verbrachte. Jeden Tag schien die Sonne.

Leave a comment

XHTML allowed tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Mit dem Absenden akzeptiere ich die Übermittlung und Speicherung der Angaben, wie unter Datenschutz erläutert.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz