Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Wer vom Lande kommt, ellenlange nachmittagliche Spaziergänge unternahm mit den Hunden, die über die Felder jagten, dann zum Fünfuhrtee einkehrte mit Kandis, Klönschnak und Gebäck, der wird sie kennen: die Grenzsteine, die den öffentlichen Weg zum Besitzgrund des Bauern hin markierten – meist ein Findling, klein und doch bedeutsam. Solche Markierungen haben sich über die Jahre auch im Geiste angesammelt, in Form von Büchern, Bildern und Zitaten. Max Frisch, der ja vor seiner Schriftstellerei als Architekt tätig gewesen war, meinte, die Arbeit auf dem Bau als Handwerker oder Bauarbeiter sei eines der letzten verbliebenen Abenteuer in der modernen Zeit. Das hatte mich immer irgendwie geadelt, da selbst in jener „Wildnis“ tätig, jahrelang. In einem seiner Bücher (War es Montauk?) interviewte er einen Malermeister, dem zu keiner gestellten Frage etwas einfiel. „Mit welcher Farbe streichen sie am liebsten?“ „Weiß nicht.“ „Wie finden sie ihre Arbeit?“ „Normal.“ Wieviel lieber sind mir Leute, die was zu erzählen haben und nicht alles „normal“ finden – beispielsweise digitale Technik, die es ermöglicht, dass man online auch die Kunst der Dialoge entdecken kann: das faszinierte Verfolgen von Gesprächen, die sich kunstvoll entwickeln. Eine meiner Lieblingssendungen in diesem Bereich ist die Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens. Zu den kompetenten Gesprächskünstlern gehören Barbara Bleusch, Wolfram Ellenberger und Ives Bossart. Letzterer traf sich mit Nik Bärtsch, dem Pianisten und Bandleader der Gruppe Ronin, dessen Musik zuweilen ja als Zen-Funk betitelt wird. Der erzählt dort viel: von Weihnachtsritualen mit seinen Kindern, wie er einmal in der U-Bahn angegriffen wurde, von seiner Leidenschaft des Kampfsports, die Inspiration durch das Kurosawa-Epos Ran. Auch der Philosoph Byung-Chul Han wird erwähnt und Bärtsch liefert eine plausible Kritik: er selbst sei nicht so defensiv eingestellt – man müsse sich aufs Machen fokussieren und etwas „anbieten“. Was Han, der ja gute Literatur anbietet, nicht schmälert, aber eingrenzt. Dieses Gespräch hier wärmstens zu empfehlen, sehe ich geradezu als meine Pflicht.

 

 

2021: Fargo – Season One (reviewed) | Die Toten von Marnow – ARD Miniserie | Sörensen hat Angst – ARD Film | Beuys – Film | The Dig – Netflix Film | Ozark – Season Two & Three | Nine Perfect Strangers – Season One | FC Bayern. Behind the Legend – Season One | Wirecard – Die Milliardenlüge – ARD Doku | Domian. Interview mit dem Tod – Amazon Prime Doku | Das verlorene Paradies – Amazon Prime Doku | Bosch – Season Seven | The Americans – Season One | Young Sheldon – Season One | Jackpot – ARD Film | Bild. Macht. Deutschland? – Netflix Doku | Goliath – Season 4 | Last One Laughing – Season One | Three Billboards Outside Ebbing, Missouri – Netflix Miniserie | Afghanistan. Das verwundete Land – Doku | Once Upon a Time in Hollywood – Film | Parasite – Film | The Father – Film | The White Lotus – Limited Series |

2022: Mare of Easttown – Limited Series | Succession – Season Three (Sky) | Der Pass – Season One & Two | Ladykracher – Season Eight | Nomadland – Film | Funeral for a Dog (Miniserie / Sky) | Tehran (Miniserie / Apple+) | Euphoria Season 1 & 2 ( Sky) | In With The Devil (Miniserie / Apple+) | Ted Lasso Season One & Two ( Apple+) | Better Call Saul Final Season Five (Netflix) | Ozark Final Season Four (Netflix) | Sex Education Season Three (Netflix)

 
Better Call Saul Final Season Five (Netflix)

Succession – Season Three (Sky)

Ozark Final Season Four (Netflix)

Ted Lasso Season One & Two (Apple+)

Sex Education Season Three (Netflix)

In With The Devil (Miniserie / Apple+)

Euphoria Season 1 & 2 (Sky)

Mare of Easttown – Limited Series (Sky)

Slow Horses – Season One (apple+)

Der Pass – Season One & Two (ARD)

Funeral for a Dog (Miniserie / Sky)

Tehran (Miniserie / Apple+)

Ladykracher – Season Eight (Amazon Prime)

8 Mare of Easttown – Limited Series
1 Succession – Season Three
9 Der Pass – Season One & Two
12 Ladykracher – Season Eight
10 Funeral for a Dog (Miniserie / Sky)
11 Tehran (Miniserie / Apple+)
7 Euphoria Season 1 & 2 ( Sky)
6 In With The Devil (Miniserie / Apple+)
4 Ted Lasso Season One & Two ( Apple+)
2 Better Call Saul Final Season Five (Netflix)
3 Ozark Final Season Four (Netflix)
5 Sex Education Season Three (Netflix)

 

Streaming-Highlights 2020

2021 10 Dez.

A Ticket to Sky

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Es würfelte der Gong: wir vom Karl-Lauterbach-Fanclub schliessen uns tendenziell obenstehender Bewertung an und halten zu den Serienverweigerern ebenso diskret Abstand wie zu den Impfgegnern – in der Hoffnung, sie alle bleiben in der Minderheit. Evidenzbasiert und anglophil suchen wir unbeirrbar den flow, ahnen auch, dass die dritte Staffel von Succession so gut sein wird wie die ersten beiden. Wir freuen uns schon auf den altbewährten Soundtrack, auf dass er uns die kommenden Festtage bereichert: klassische Musik, passend übermalt vom geläufigen „f*cking“ oder „f*ck you“ in den zynischen Dialogen dieser durch und durch korrupten Medien-Bourgeoisie. Es grüsst Chabrol! Auch Harald Schmidt hätte sicherlich seine Freude daran. Davon unabhängig fassen wir eine zukünftig salzarme Ernährung ins Auge, weil diese den Knochen ebenso gut tut wie ausreichendes Vitamin D: damit wir auch im hohen Alter noch sorglos Netflix schauen können oder ein Ticket bekommen für Sky.

 

2021 3 Dez.

Wundersphären

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Thomas Strønen – Bayou. Portico Quartet – Terrain. Big Red Machine – How Long Do You Think It’s Gonna Last? Monder / Malaby / Rainey – Live at the 55 Bar. John Mayer – Sob Rock. Kristjan Randalu & Ben Monder – Equilibrium. James Mainwaring – Mycorrhiza. Linda Frederiksson – Juniper. Crump / Davis / McPherson – Wandersphere. Vijay Iyer – Uneasy. Dave Holland – Another Land. Jakob Bro – Uma Elmo. Sting – The Bridge. Shae Maestro – Human. Chris Potter – Sunrise Reprise. Grete Skarpeid – Beyond other Stories. Alex Sipiagin – Upstream. 

 

Aus guten Gründen habe ich in diesem Jahr viel mehr Musikalben gehört als in den Jahren zuvor. „Deep Listening Sessions“ waren oft Teil einer Übung zur Entspannung einer cervikalen Malaise, die auch einen leichten Tinnitus übertönen sollte: auf dem Rücken liegend, den Kopf auf eine weiche Unterlage ruhend, von meinen Lieblingskopfhörern umschmeichelt. Eine Art Yoga mit einem Kuss von Koss. Die Musik entfaltete sich voluminös und intim, in einem körperlichen und sehr materiellen Sinn. Gemäß dem Titel des Albums Wandersphere des Borderline Trios – mit der New Yorker Pianistin Kris Davis (höre ich in ihrem Spiel Reminiszenzen an Alexander von Schlippenbach?) – begannen Reisen in akustisch unbegangene Landschaften, oft gewürzt durch überraschende Wendungen. Der neue Sting klingt übrigens auch erstaunlich gut und Gitarrist Dominic Miller, sein stets treuer Weggefährte, ist bekanntermassen ein Juwel. Abmischung und Aufnahme der ausgereiften Songs sind feinsinnig und transparent. The Bridge verbindet kunstvoll die Ufer des Rock, Jazz, Fusion, Irish & British Folk. Jedoch benötigen solche mitunter kurzlebigen sweets immer auch ein komplexeres Gegenstück, und sei es alleine deshalb, um die Ohrwürmer wieder loszuwerden, die sich einschleichen könnten mit dem Komfortablen und Gefälligen: den Swifts und Mayers stehen dann ausgleichend die Monders, Zorns, Torns, Bernes und andere Mitstreiter freierer Formen der Musik hilfreich zur Verfügung. Von den rough roots bis über erhabene Baumwipfel hinaus gibt es noch ein spezielle Genre, zu dem auch die junge japanische Pianistin Ayumi Tanaka gehört: LehrmeisterInnen in der Kunst der Stille. Zusammen mit dem Schlagzeuger Thomas Strønen, zudem der Klarinettistin, Sängerin und Perkussionistin Marthe Lea hat sie ein dichtes und intensives Werk geschaffen: feinste Improvisationen umrahmt von einem norwegischen Volkslied. Bayou, mein Album des Jahres.

 

2021 18 Nov.

Inspiration

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2021 11 Nov.

Mein Kapodaster

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Es gibt Momente im Leben, die prägen sich bildlich ein, auch wenn sie weit zurückliegen. Man sagt ja, das Langzeitgedächtnis weite sich aus im Alter, wobei zeitgleich das Kurzzeitgedächtnis schwächer wird. Wo war ich gestern noch gewesen? Heute weiss ich’s schon nicht mehr. Hinzu kommt das Schwirren von Informationen, die wie ein Störfeuer wirken für Konzentration. Vom Plauderton nun geradewegs in die erinnernde Erzählung: eines Morgens im Elternhaus, so um Neuzehnhundertsiebzig rum sass ich im Esszimmer auf einem mit blassrotem Polsterstoff bezogenen Stuhl und spielte auf meinem ersten eigenen Saiteninstrument. Berufsbezeichnung: Wandergitarrist. Irgendwie auch „Wundergitarrist“ hinsichtlich der Klangräume, die sich auf dem Griffbrett meiner Framus offenbarten. Der Plattenteller drehte sich und ich wollte mitspielen zu einem favorisierten Stück, beherrschte aber vorerst nur drei Popsong-kompatible Griffe in E-Dur, die mir der Sohn des Volksschul-Direktors auf seiner Stratocaster gezeigt hatte. Das Lied, das mich reizte, so fand ich heraus, war akustisch in G-Dur angesiedelt, also drei Halbtonschritte beziehungsweise Bünde aufwärts. Way too high – so how to climb this cliff? Ein kurzer Bleistift lag zufällig auf dem Beistelltisch, ich wühlte leicht erregt (denn etwas Grosses schien sich hier gerade anzubahnen) in der Schublade nach einem Bindfaden, drückte den Bleistift quer auf den dritten Bund und wickelte ihn mit dem Faden fest. Ich wähnte mich in der Errungenschaft einer genialen Entdeckung, denn nun konnte ich mit den E-Dur Griffen (E, A und H7) in G-Dur den Song auf dem Plattenteller begleiten. Später stellte ich fest, dass ein anderer Christofer Columbus lange vorher dieses „Amerika“ entdeckt hatte: der Name dieses quantenspringenden Wunderdinges lautete Capodastro.

 

 


 
 

 

soundtrack: pat metheny – „above the treetops“

 

Damit man sich nicht verliert im Dschungel der Digitalität, sollte man vielleicht von Zeit zu Zeit schriftlich resümierend zum Rückblick anhalten. Ist doch Paul Klees Angelus Novus, also der sich rücklings aus dem Bild entfernende Engel, nicht erst seit Walter Benjamins Reflexionen dazu von grosser Bedeutung. Auch man selbst findet zunehmend Gefallen an dieser Haltung, die auch altersbedingt ermöglicht, die Welt in Distanznahme und zunehmender Abkehr zu betrachten. Zunächst aber zum Heute: der Buchtitel „Kein Sport ist auch keine Lösung“ ist aktuelles Gebot der Stunde und katapultierte mich geradewegs in eine Gegend, in der ich vorher noch nie war. Das ist immer wieder ein gutes Gefühl. Eine neue Fahrradbrücke führte über eine neue Schnellstrasse und der laue, aromatische Südwind tat sein Übriges zu folgender Assoziation: what a stairway to heaven! Alter Mann, was nun? Ganz gewiss den Karren noch nicht hingeschmissen!

 
 


 
 

 
 

Zurück zum Rückblick: am vorigen Sonntag, der sehr sonnig war, fuhr ich zunächst in die City, um ein paar Fotoshots zu machen. Komischerweise hatte ich die ganze Zeit Byung-Chul Hans Buch Duft der Zeit im Sinn, das ich einmal wieder lesen wollte. Als ich dann aus der Stadt spätnachmittags in den Georgengarten fuhr, bot sich ein seltsames Schauspiel: im proppevollen Park, in fantastische Herbstsonne eingetaucht, fotografierte nahezu ein Jeder mit seinem Smartphone, was das Zeug hielt. Beinahe hätte ich, um eine bestimmte Perspektive zu ergattern, einen Anderen in den Teich geschubst. Ja, die Schüchternheit, sie legt sich mit dem Alter. Der Han am nächsten Tag ging rein wie Butter. Gute Lektüren, ebenso wie auch Musik und Serien, sind ja perfekte Spiegelungen, in denen man sich selbst wiedererkennt. Neben Han waren das zuletzt das Trio-Album Bayou, für mich die schlichtweg ultimative Musik. Weiterhin zu nennen wäre die vierte Staffel von Goliath, fantastisch fotografiert. Und wo sind wir heute Abend? Mit Nine Perfect Strangers auf einem Selbsterfahrungstrip der höchsten Güte. There is nothing better than a microdose of LSD.

 

Die längere Wartezeit im Wartezimmer einer Praxis liess sich wieder einmal gut überbrücken mit der Lektüre eines mir sonst nicht zugänglichen Zeitschriften-Artikels. Aus dem Inhalt wählte ich etwas über Nawalny, doch das daneben sprang mich direkt an: ein Interview mit Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa anlässlich ihres gemeinsamen Buches. Mein Instinkt funktioniert eben doch so, dass ich der Philosophie den Vorzug gebe vor so manchem Politikum (und sei es das von Dissidenten). Hochspannend also nimmt das Gespräch viele Gedanken auf, die mich auch in diesen Tagen beschäftigten: so die Frage, warum Grün und Gelb sich so sondierungsselig und harmonisch aneinander schmiegten. Andererseits logisch, trifft sich doch dort das hippe akademische Bürgertum, die Homeoffice-Elite. Oder eine andere Frage: wird die Zukunft utopisch oder dystopisch sein? Reckwitz sieht’s wohl eher düster, glaubt nicht an einen Wandel des Systems. Rosa ist mehr positiv gestimmt, kein Wunder, seine Begriffe von „Resonanz“ und „Unverfügbarkeit“ sind ja in aller Munde. Fehlte nur noch ein Dritter im Bunde, nämlich Byung-Chul Han: dem wiederum begegnete Gerd Scobel und das Gespräch kann ich nur empfehlen. Han wirkt dabei wie eine Spinne im Netz ihrer eigenen Gedankenkonstrukte, die sich, ähnlich den Modulen des Pianisten Nik Bärtsch, grenzenlos ineinander verschachteln liessen. Insofern wundert’s nicht, wenn dieser auch zum Abschluss meint: „Wir könnten ewig weiterreden“. Han ist Pessimist, aber das Zuhören und das Lesen lohnt sich.

 

2021 12 Okt.

october sights & sounds

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<span style="color: #a19381;">"Fahrn Fahrn Fahrn" © JS / Oktober 2021</span>

 

„Fahrn Fahrn Fahrn“

pre-tape

session

Karsten: ss, final cymbals
Jochen: g, pre-tape

 

<span style="color: #a8957b;">„Bodenhaftung“ © JS / Oktober 2021</span>

 

„Wir könn‘ ja mal …“

session

Karsten: ts
Jochen: bass loop, g

 


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