Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2022 6 Feb

Selbstregulative

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | Tags:  | 11 Comments

 

Jeder gesunde Mensch besitzt sie: jene Techniken, die es ermöglichen, sich selbst Einhalt zu gebieten. Der ungebremste Redefluss, die ungezügelte Esslust, oder im Sportbereich das ehrgeizige Höher, Schneller, Weiter. Mir fiel gerade auf, dass ich in früheren Zeiten oft der Tendenz verfiel, zu sehr in der Musik zu versinken, sowohl beim Hifi-Hören als auch beim Gitarre spielen. Dies traf insbesondere zu auf Material, das allzu einschmeichelnd war. Mindestens zwei selbstregulative Gegenpole fallen mir ein, neben dem allseits bekannten „Erstmal raus an die frische Luft!“: zum einen wäre da das Denken und das Lesen in Büchern, zum zweiten das Hören von freieren Formen der Musik, die diese voreiligen Sentimentalitäten erstmal gründlich trockenlegen. Haben Sie schon einmal etwas von Anthony Braxton gehört, verehrter Leser, oder von Alexander von Schlippenbach? Auch Aki Takase wirkt, erst recht Tim Berne. Ausschliessliches Verweilen im ewig melancholischen Moll, Moll, Moll ist der Gesundheit ebenso abträglich wie das hochtrabend Vergeistigte der Bach’schen Fugen, die bei Unsereins, wie sonderbar und hierin Songs von Eric Clapton ähnlich, schon immer einen leichten Anflug von depressiver Leere hinterliessen. Hier half auch kein Glen Gould. Unvergesslich hingegen eine Wirkung beim intensiven wiederholten Hören von Tim Bernes Bloodcount Konzert in Paris. Ich hatte den Eindruck, mein Gehirn sei gedopt und zu schärferer Wahrnehmung fähig: nüchtern, hellwach, analytisch.

 

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11 Comments

  1. Chrissie:

    Bach war mit 9 Jahren schon Waise, hat aber zumindest sein berufliches Leben auf die Reihe bekommen – dazu braucht es eine Menge Struktur. So ist auch die Musik: Struktur, Regelwerk, Korsett – kein Leben.

  2. Michael Engelbrecht:

    Zu allererst dies, um hier keine Bach-Diskussionen anzuzetteln. Seine Musik kann dem einen Flügel verleihen, und es dem andern leer ums Herz werden lassen. Welche Musik einem wann guttut, da sei jeder sein eigener Profiler. Generell ist meine Wahrnehmung von Bach wie die von Chrissie. Bleib mir weg damit.

    Mein intensivstes und einzig wunderbares Erlebnis mit Bach hatte ich, als ich eine seiner Kantaten aus dem Radio hörte – dissonant, schräpig, bruchstückhaft also sehr nah am Chaos, am Leben. Aber der Reihe nach, einer alten Tagebuchnotiz folgend:

    Music For Films von Eno habe ich ca. 800 mal in meiner Leben gehört, Goulds Bach einmal. Enos Filmmusik, die der wackere Postbote mir eines Morgens in Gerbrunn übergab, wurde pure Seelennahrung – sie half mir, mit den nackten Schatten an der leeren Wand zu tanzen, die eine grosse Liebe hinterlassen hatte.

    Als mich damals ein Riese aus dem Bett und meiner Wohnung im 7. Stock schleudern wollte, und ich meinen Geist vergeblich mit Kakao zu beruhigen suchte, der Alptraum aber wiederkehrte, der Riese noch gewalttätiger wurde, machte ich mir in aller Herrgottsfrüh einen starken Grog, und fuhr dann mit dem Auto auf einen großen leeren Acker in der Nähe von Würzburg.

    Als die Sonne wie in einem Kitschfilm aufging, den Rauhreif leuchten liess, und der vollkommen fragmentierte Bach aus dem Autoradios schrillte, durchströmte mich pures Glück, unerwartet und irrational.

    Um es mit Peter Handke zu sagte: ich erlebte „Die Stunde der wahren Empfindung“. Die berüchtigten Innerlichkeiten der Siebziger Jahre bescherten meine ganz private Katharsis.

    Als ich in die Alpdruckwohnung heimkehrte, legte ich Brians Music for Films auf, und erlebte, wie sich die Euphorie weiter in mir ausbreitete, Tränen des Glücks liefen mir die Wangen runter. I WAS FREE AGAIN.

    Selbstregulative, fürwahr.

  3. Rosato:

    wieder mal ein paar stänkereien von dunkelzifferexperten

    wie sang schon Roy Bach:
    „Schön ist es auf der Welt zu sein, um BWV 645 zu hören“

    verlinken lohnt nicht – hört sich sowieso niemand an hier.

    quizfrage
    wer kennt den roman, in welchem auf seite 288 dieser satz steht:
    „Und unter echter Musik verstehe ich das, was andere als klassische Musik bezeichnen.“

  4. Michael Engelbrecht:

    The angel is in the details, Rosato:

    „Zu allererst dies, um hier keine Bach-Diskussionen anzuzetteln. Seine Musik kann dem einen Flügel verleihen, und es dem andern leer ums Herz werden lassen. Welche Musik einem wann guttut, da sei jeder sein eigener Profiler.“

  5. Jochen:

    @Rosato

    Der Nachtstimmer von Maarten ’t Hart (?)

    Meine kritische Bemerkung war keinesfalls generell gegen die Musik Bachs gerichtet, sondern betraf nur eine nuancierte Wahrnehmung im Flow des geschriebenen Textes.

    Es gab auch schöne Erlebnisse mit seiner Musik: das Bourrée auf Gitarre spielen, in einem Sufi-Chor in den französischen Alpen etwas aus der H-Moll-Messe singen …

  6. Rosato:

    @Jochen

    (!)

  7. Anonymous:

    Danke für die Tipps bezüglich der „neuen“ Tim Bernes Live Alben.

    Mein erster Kontakt mit Tim Berne war vor ca. 20 Jahren mit Science Friction und The Shell Game. Beide Alben finde ich hervorragend und hören sie immer wieder gerne.

    Grüße aus Frankfurt
    Christoph

  8. Jochen:

    @ Christoph

    Ich persönlich finde ja auch Fractured Fairytales ganz hervorragend.

    Und nun gibt es dieses wohlklingende Duett mit Berne (as) und Belisle-Chi (g)

  9. Karsten:

    @Jochen

    Höre gerade Berne / Belisle-Chi – gefällt mir! Saxophon-Gitarre ist überhaupt eine fruchtbare Kombination ;) – ich werde mir mal eine Liste an Beispielen zusammenstellen.

    @Bach-Verächter

    In unzähligen Interviews mit Jazz-Musikern aus den letzten 8 Jahrzehnten wird Bach genannt. Z.B. (schnell ergoogelt) Joshua Redman: „Du kannst nicht Jazz spielen, ohne Bach zu spielen.“ Also tot ist der nicht.

    Mozart- oder Brahms-Bashing – von mir aus immer gerne, aber dass Bach jemanden kalt lassen kann, der Musik liebt, ist mir ein Rätsel, ehrlich.

  10. Michael Engelbrecht:

    Ich liebe Musik, und Bach lässt mich kalt, meistens. Das ist mir kein Rätsel. An seiner Teilhabe am Weltkulturerbe melde ich auch nicht den geringsten Zweifel an. Aber dass einen Bachs Musik kalt lässt, und andere Soundwelten einen Menschen viel tiefer berühren können, dürfte nun nicht wirklich erklärungsbedürftig sein. (Wer Bach nicht hört, ist auch nicht per se ein Bachverächter.)

    A propos: Saxofon und Gitarre, kein rein puristisches Duo, aber was für eine einsame Klasse, und sogar ein Klassiker: DIS, von Jan Garbarek mit Ralph Towner.

  11. Michael Engelbrecht:

    Auf dieser humorvollen Ebene, gerne – lieben wir doch alle das Unerklärliche ⛄️


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