Der Ausnahme-Pianist András Schiff, geboren am 21.Dezember 1953, begann am 22.12.2011 seinen Bach-Zyklus im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle. Auf dem Programm standen die Goldbergvariationen von J.S.Bach. Von den zahlreichen Interpretationen, die ich bisher hören durfte, hatte mir bis zu diesem denkwürdigem Abend die von Grete Sultan am besten gefallen. Dann aber kam András Schiff, setzte sich an den Steinway-Fabbrini – ein unglaubliches Instrument, eine Klarheit, wie ich sie selten gehört habe – und spielte die 30 Variationen am Stück in einer solchen Intensität, dass das Publikum wie gebannt zuhörte und am Schluss dermaßen begeistert applaudierte, dass Schiff noch eine ganze Beethoven-Sonate zugab (op.109). Susanne Benda schreibt zurecht in den Stuttgarter Nachrichten: „ Zierwerk und Essenz gehen in eins, nichts Überkünsteltes oder Eitles drängt sich auf. Über seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Werk ist der Künstler zu einer Art zweiten Naivität gelangt: Wie ein Kind scheint er über hübsche Trouvaillen am Rande zu staunen und über die wiederholten Achtel und die Sechszehntel in der 20.Variation zu lachen …“

Tonträger von diesem Konzert gibt es natürlich nicht und wird es auch nicht geben, der SWR hat leider nicht mitgeschnitten. Trost bietet lediglich eine Aufnahme der Goldbergvariationen von Schiff aus dem Jahre 2003, erschienen bei ECM New Series und eine ältere Aufnahme aus dem Jahre 1991, remastered neu aufgelegt 2006 (Decca Universal).

András Schiff ist übrigens mit „Das Wohltemperierte Klavier“ Teil 1 am 17.Januar und mit „Französische Suiten und Ouvertüre“ BWV 831 am 14.März 2012 in der Stuttgarter Liederhalle zu hören.
Klar, dass jetzt in meinem Plattenschrank nach weiteren Schiff-Platten gesucht werden muss. Herausragend natürlich die in diesem Jahr bei ECM New Series erschienene Doppel-CD Robert Schumann / András Schiff: Geistervariationen , eine wunderbare Platte.

Über die 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens sagte Schiff einmal: „Für diese Musik könnte ich sterben“. Auf acht CDs hat András Schiff alle Sonaten für ECM eingespielt. Wolfram Goertz schrieb in Die Zeit dazu: Mit Schiff ist es wahrlich ein einziges Entdecken…“ Eben! Wie beim Konzert am 22.12.2011 in der Liederhalle.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass András Schiff nach seiner viel gelobten Beethoven-Zyklus – Einspielung bereits 2009 wieder zu Bach zugekehrt ist und bei ECM die Sechs Partiten BMV 825-830 veröffentlicht hat. Auch eine CD, die begeistert!

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2011 30 Dez.
Gregor öffnet seinen Plattenschrank (9)
Gregor Mundt | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
2011 29 Dez.
Love goes to buildings on fire
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Das Buch mit dem FEUER im Titel war ein über weite Strecken spannendes Leseerlebnis. Schon im ersten Kapitel begegnete ich der jungen Meredith Monk und der jungen Laurie Anderson bei speziellen Traum- und Tranceritualen. Wunderbar auch, den frühen Talking Heads auf die Spur zu kommen, wer mag, kann das jetzt auf der DVD „Chronology“ nachholen, das die Band in ihren diversen Phasen präsentiert, live on stage. Wie Will Hermes war ich damals auch ein Teenager, mit meinem Freund Marokko sah ich Flipper und die Monkees im Fernsehen, und schon kurze Zeit später begeisterten wir uns für Miles Davis‘ „Hurengebräu“ und, seltsam genug für Jungs aus dem Kohlenpott, für Free Jazz. M.E.
Five Years In New York That Changed Music Forever
by Will Hermes
Hardcover, 368 pages
For a lot of us, the middle ’70s was a dormant period in music sandwiched between two stellar periods: the monstrously creative middle and late 1960s and the shedding skin and rebirth of rock music in the late 1970s, particularly the punk and new wave movements. Will Hermes tears that myth apart and takes us on a journey, witnessing the birth of hip-hop, punk, minimalism, salsa and free jazz in the basements, lofts and small upstart clubs of New York City.
Hermes was a young teen living in the suburbs of New York during those days; these days he’s a writer for NPR’s All Things Considered and for Rolling Stone. What makes Love Goes to Buildings on Fire so compelling is that it reads like a living history, so you find Philip Glass witnessing a Talking Heads performance and vice versa, and we begin to understand how events changed the music and how music in one small geographical location changed what we hear today.
Bob Boilen, npr.org
2011 27 Dez.
Ein Brief von Hartmut Geerken, dessen Plattenbesprechung von Marion Browns Geechee Recollections im Jazzpodium Mitte der 70er Jahre mich so neugierig machte, dass ich mir die Scheibe sofort besorgte und rundum begeistert war
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Jazz | Comments off

lieber michael engelbrecht,
schön von ihnen zu hören, – dinge aus frühen jahren! sie haben recht, die geechee recollections sind auch für mich ein meilenstein, viel zu wenig ins bewusstsein der jazzhörerschaft eingedrungen. ich mag die lp wegen des mutigen vorandrängens kreativer musik zu jener zeit & nicht nur, weil viele instrumente auf der lp zu hören sind, die ich marion nach usa geschickt hatte, als ich in den 60er jahren in kairo lebte. wir waren in intensivem brieflichen kontakt, & von ihm bekam ich auch ein sehr langes 4-spur-tonband mit damals fast nicht erreichbaren lps von sun ra, die marion von einem freund ausgeliehen hatte. marion & ich planten eine musikfassung von büchners woyzeck, aber durch meine versetzung nach kabul (ich war damals beim goethe-institut) blieb es beim plan. sehr schade. wissen sie, ob marion noch lebt? ich hatte noch ein paarmal nach seiner gehirnoperation briefkontakt, aber dann wurde mir klar, dass eine kommunikation kaum noch möglich war. die korrespondenz zwischen uns liegt jetzt im archiv der akademie der künste in berlin. marion hat auch mehrfach meine erste lp mit dem cairo free jazz ensemble (1970/71) in usa im radio gespielt. ein weit unterschätzter künstler war er & einer der ersten afroamerikaner, der sich auf intellektuellem niveau dem free jazz näherte. & ein wunderbarer bescheidener mensch…
um wieviel uhr kommt ihre sendung im deutschlandfunk?
ich grüsse einen der seltenen leser meines obduktionsprotokolls!
hartmut geerken
Homepage: www.hartmutgeerken.de
2011 24 Dez.
Sarah Jarosz – Follow Me Down
Jochen Siemer | Filed under: Blog,Musik aus 2011 | RSS 2.0 | TB | Tags: Folk | Comments off
Die akustische Entdeckung der letzten Tage ist das Album FOLLOW ME DOWN von Sarah Jarosz, das im letzten Sommer erschien. Es zieht ein Folkore-sozialisiertes Wesen wie mich, das Country & Western-Anklänge nie mochte – abgesehen von der Musik James Taylors (und anderen zahlreichen Ausnahmen), sogleich in einen Sog. Kristallklare Sound-Abmischungen der diversen Saiteninstrumente; die wunderbare Stimme und die coolen Phrasierungen; geschmackvolle Arrangements und unsereins kommt zu dem Schluss: Folk is not dead – ´cause this is pure fun listening. Geschmackvolle Cover mit deutlich eigener Handschrift – Radioheads „The Tourist“ zb („Slow down“). Die Krönung aber: eine Interpretation von Bob Dylans „Ring Them Bells“ – und ich muss gestehen, dass ich den Song gar nicht kannte – anyway, listen here …
2011 22 Dez.
Notizen aus der Offline-Zeit 1
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Das Anlesen von Büchern ist eine Methode, Zeit zu sparen.Wer kennt nicht andere Zeitgenossen und sich selbst genug, um sich an kleine zähe Zeiträume zu erinnern, in denen man sich durch Bücher quälte, immer noch auf den zündenden Funken wartete, und am Schluss sich selbst bloss den Tag (oder eine Woche) geklaut hatte mit vermeintlichen literarischen Schwergewichten. Ich hatte nun wieder mal einige Bücher angesammelt, die mir via Buchdeckel verheissungsvolle Blicke zuwarfen. Ich unterzog sie dem Anlesetest, las lauter erste Kapitel, und fühlte mich an Italo Calvinos nur leicht angestaubten Klassiker „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ erinnert. Dort ging es nie über Buchanfänge hinaus, hier aber locken nun, nach der Vermüllung garantierter Langeweile (eine Buchempfehlung von Elke Heidenreich wurde auch gleich mit vermüllt), einige Pageturner, grossartige Genremixe, ein Politthriller, den sich George Clooney mal vornehmen sollte, ja, etliche rauschhafte Erlebnisse und Ich-schlag-mir-die-Nacht-um-die-Ohren-Bücher. Schauen Sie selbst, ob für Sie etwas dabei ist, ich werde höchstwahrscheinlich hingerissen sein:
Wolfgang Herrndorf: Sand
Hunter S. Thompson: Der Fluch des Lono
Ross Thomas: Der achte Zwerg
Ulrich Becher: Murmeljagd
2011 22 Dez.
Lost and Found – Seu Jorge
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Brasilien, Seu Jorge, Zeitreisen | Comments off
Eines Sommers hörte ich ein Stück im Radio: aus dem Wohnzimmer in die Küche drang der Klang von sophisticated samba – schwebend leichter Rhythmus, Sommerbrise. „Ah, das können nur die Brasilianer!“ Ich sprang im Hechtsprung vor das Radio, um mir den Namen des Interpreten zu merken – zu spät. Etwas wie „Jorge Ben“ blieb hängen, die Stimme klang entspannt, ein bischen traurig und in den letzten Takten wie McFerrin.
Kennen Sie das: eine kurze Begegnung nur – dann unwideruflich verloren? Ein Reisender steht an einer Bushaltestelle in Salvador do Bahia, sieht die Frau seines Lebens – und sie steigt in einen anderen Bus und der Bus fährt ab. Nicht umsonst wurden Orpheus und Eurydike einst filmisch in den brasilianischen Karneval verlegt (Orfeu Negro).
Es war in Brasilien, bei meinem Gastgeber, einem Cartoonzeichner aus Brasilia, und es lief eine wunderbare, driftende Musik: ein Schwarzer, aus Angola stammend, spielte lauter Berimbaus und Geigen – eine Sinfonie, die Platte hieß Agua. Irgendwas wie „Fernando Brant“ (Milton Nascimentos Hauskomponist), „Fernando“ oder „Brant“, blieb in Erinnerung. Nie fand ich diese Platte wieder: found and lost again – tristeza não tem fim.
Bei Jorge Ben hatte ich mehr Glück. „Kennst du schon Seu Jorge? Momentan das Beste, was es aus Brasilien gibt. Seu Jorge & Almaz, musst du unbedingt hören!“ Jorge? – da war doch was! Als ich die Songtitel dieses angepriesenen Interpreten durchsah, die imposante Sammlung des bewanderten Musikkenners im Rücken, sprang es mir direkt ins Auge:
Bem Querer hieß der gesuchte Song, der daherkam wie eine Sommerbrise – Sie ahnen es schon: zum Ende hin klang´s wie McFerrin. Felizidade? Sim!
Ein Sänger, Gitarrist und Songschreiber aus Rio de Janeiro also … er wuchs in den Favelas auf und wurde auch als Schauspieler bekannt: mit dem faszinierenden Film City Of God, der in eben diesen Slums von Rio spielt. Mittlerweile habe ich schon so Einiges gehört und gesehen von diesem charismatischen Künstler mit dem traurigen Unterton in der Stimme – auch war er Gast bei One Shot Not des Senders Arte.
Auf Seu Jorge & Almaz coverte er Kraftwerks „The Model“ und im Film „Die Tiefseetaucher“ (The Life Aquatic) gab er eine Version von Life On Mars zum Besten. David Bowie hatte es gefallen – so ist´s überliefert.
2011 20 Dez.
Gregor öffnet seinen Plattenschrank (8) Stille (2)
Gregor Mundt | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
Insel – Stille
Fluglärm in Frankfurt, in Stuttgart, in München, brülllaute Städte überall, Lärmkulissen in Kaufhäusern, Spielhöllen, schamloses Handygequatsche in Zügen, U-Bahnen, S-Bahnen, Straßenbahnen, überall, von den Lärmpegeln in Schulen ganz zu schweigen. Der 1937 in Memphis (TN) geborene Trompeter Jon Hassell lebt ausgerechnet in einer Lärm-Stadt- New York- , die wohl nie zur Ruhe kommt. Jon Hassells Musikstücke strahlen für mich dagegen eine Ruhe aus, wie ich sie nur in der Natur erlebe. In meinem Plattenschrank finde ich, passend zur „Zeit der Stille“, eine echte Insel-Stille-Platte aus dem Jahre 1978: Jon Hassell – Vernal Equinox. Ich lege von dieser inzwischen als CD wiederveröffentlichen Platte Blue Nile und anschließend noch das Titelstück Vernal Equinox auf und entschwinde für über 30 Minuten dem Lärmchaos.

Natur-Stille
Der Kölner Musikjournalist Karl Lippegaus schrieb in seinem Buch Die Stille im Kopf : „Letzte Woche in Südfrankreich nahm ich die Natur um mich herum so differenziert wahr wie lange nicht mehr. Ich erinnere mich an die Zeit als ich ein kleiner Junge war, ganz für mich allein im Wald spielte und langsam die Welt entdeckte, die mich umgab. Einmal saß ich stundenlang unter einem Baum und schaute auf das weite Tal zwischen Saignon und St.Martin-de-Castillon. Während ich so dasaß und einfach nur vor mich hinschaute, entdeckte ich ganz allmählich viel Dinge, die ich zuerst gar nicht beachtet hatte.
Wie ein Kind staunte ich über einen Stein … Pilze … Insekten, … alle Nervosität fiel von mir ab … und ich fing an, die Geräusche um mich herum wahrzunehmen, sehr differenziert, zuerst dachte ich: Unglaublich, wie still es hier ist. Dann jedoch gewöhnte ich mich an die minimalen Lautstärken, die Geräusche der fliegenden Insekten, die weit entfernten Rufe der Vögel. Ich freute mich über die Schönheit der leisen Töne und konnte mich nicht satt daran hören … Je später es wurde, um so dichter flogen die Schwalben um mich herum. Ihre akrobatischen Flüge beim Mückenfang wurden immer gewagter und hektischer. Sie kamen so nahe heran, daß ich das Surren ihrer Flügelschläge hören konnte, während sie an mir vorbeizischten. Es klang wie Musik.“
Ich denke, es wird Zeit eines meiner Lieblingswerke von Luigi Nono herauszusuchen, das Streichquartett „Fragmente – Stille, An Diotima“, 1980 wurde es uraufgeführt. Ein 35 Minuten Stück, äußerst zart, sehr leise Einzeltöne, sehr viele Pausen, gerade noch hörbar.

Musik aus der Stille
Peter Handke hat gegenüber der französischen Tageszeitung Liberation 1986 etwas geäußert, was man, denke ich, so auch auf die Musik übertragen kann: „Ich fühle, daß es immer anormaler wird zu schreiben, Ich weiß nicht genau zu sagen, warum. Aber es ist, als überschritte man eine verbotene Schwelle. Man muß dabei schweigen, die Stille finden, und in dieser Stille … beginnt das Schreiben.“
Musik aus der Stille – da fällt mir natürlich sofort Paul Bley, der Meister, der aus der Stille kommt, ein, für dessen Klavierpiel gerade die Pause so wichtig ist. 1972 erschien sein Meisterwerk Open, To Love (Solo piano) bei ECM. Ich wähle das Stück Seven und wünsche allen Lesern „Stille Tage“.

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2011 18 Dez.
PJ Harvey in Concert
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Songs&Lyrics | Comments off
„Let England Shake wurde in den Januarausgaben der geschätzten britischen Musikzeitschriften UNCUT und MOJO zum Album of the Year gewählt. Als sie nach ihren derzeitigen Lieblingsalben gefragt wurde, erzählte sie, dass sie seit vielen Monaten, wieder und wieder, die zwei ersten Studioalben von Neil Young höre, Neil Young und Everybody knows this is nowhere.“ (Michael Engelbrecht)
Im Februar 2011 gab die britische Sängerin und Songwriterin ein fantastisches Konzert im Pariser Olympia. Ein Song aus dem Album Let England Shake, hier im Videoclip – aus einer Serie von 12 Kurzfilmen von Seamus Murphy.
„In The Dark Places“
We got up early,
washed our faces,
walked the fields
and put up crosses.
Passed through
the damned mountains,
went hellwards,
and some of us returned,
and some of us did not.
In the fields and in the forests,
under the moon and under the sun
another summer has passed before us,
and not one man has,
not one woman has revealed
the secrets of this world.
So our young men hid
with guns, in the dirt
and in the dark places.
„An Dunklen Orten“
In aller Frühe standen wir auf,
wuschen unsere Gesichter,
zogen in die Schlachtfelder,
stellten Kreuze auf.
Durchquerten die verdammten Berge,
marschierten höllenwärts,
und einige von uns kehrten zurück,
und einige von uns taten es nicht.
Auf den Feldern und in den Wäldern,
unter dem Mond und unter der Sonne,
ging erneut ein Sommer an uns vorrüber,
und nicht ein einziger Mann,
und nicht eine einzige Frau,
hat die Geheimnisse dieser Welt erfahren dürfen.
So also versteckten sich unsere jungen Männer,
mit Gewehren, im Dreck
und an dunklen Orten.
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Lyrics by Polly Jean Harvey | Übersetzung: Jochen Siemer
2011 15 Dez.
Kontemplation im Hühnerstall – wie alles seinen Anfang nahm
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Zeitreisen | Comments off
„It’s all intact, you know …“ (Daniel Lanois)
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Eine Art Urszene will nicht aus meinem Gedächtnis weichen: die Hühner waren weg und der Hühnerstall, der sich im Anbau des vom Vater gebauten Elternhauses befand, gleich neben der Garage – er war leergeräumt. Da der Raum sauber und ungenutzt nun schon einige Zeit „brach“ lag, nahm ich ihn (statt der Hühner) in Beschlag und nutzte ihn für meine Zwecke – im sogenannten Teeniealter oder kurz davor, in dem ja die Ausweitung der Kampf- und Entwicklungszonen zum Regelwerk gehört.
Ich legte mir eine alte Matratze auf den Betonboden – es war kühl hier trotz des heißen Sommers und angenehm gedämpftes Licht fiel durch die farbigen Mosaikbausteine – und plazierte meine Utensilien an der Wand gegenüber: das Telefunken-Tonbandgerät; das alte Röhrenradio; meine E-Gitarre (eine halbakustische Dynachord-Jazzgitarre mit großem Korpus, die ich eigentlich gar nicht so gerne mochte) und dann stand da noch der respekteinflössende Fender-Jazzbass des befreundeten Pastorensohnes.
Draussen war also diese schwirrende Hitze und ich sass ganz ruhig da auf der Matraze, betrachtete das sparsame Interieur dieses von mir ausgestatteten Raumes, der jetzt auf magische Weise zu einem archaischem Ashram – einer Mischung aus Tonstudio und Meditationsraum – geworden war und dachte, nein, ich fühlte es: „Das ist es. Es ist alles da, mehr brauchst du nicht.“
Was ich gefunden hatte, neben meiner schon bekannten Faszination für Musik und Gitarre, das war ein asketisch-kontemplativer Seinszustand, der meinem Wesen mehr entsprach als das beflissene Wiederaufbau-Geflirre der Nachkriegszeit – mit dieser geistigen Enge, über die man sich heut´ nur noch wundert und die ja bekanntlich Revoluzzer und Terroristen hervorbrachte. (Und es gab auch die Stones und „A Thousand Light Years From Home“).
Irgendwann erkennt man, was man später dann sein Eigen nennt – und viele sind sich darin einig: der Kern der späteren Persönlichkeit, des „Ichs“, ist spätestens mit sechzehn, siebzehn im Wesentlichen angelegt und man ist dann, wenn auch nicht immer fix, so doch schon eigentlich fertig. Dass sich so einer wie der, der gerade diese Zeilen schreibt, später dann auch mal mit Heidegger beschäftigte (und Zen) – soll man´s ihm verübeln?
2011 12 Dez.
TV-Tipp: Piet Mondrian
Jochen Siemer | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Kunst | 1 Comment
Im Atelier von Piet Mondrian
Es war ein erstaunliches Fernsehporträt, das der Sender Arte ausstrahlte : es zeigte einen etwas verschrobenen Mondrian, den man so nicht kannte. In seinem als Bild- und Wohnplastik gebauten Atelier entwickelte er seine Ideen und lebte so – wortwörtlich – ganz in seiner Kunst. Mondrian, der Natur und Bäume hasste, hörte gerne Jazzmusik und tanzte dann dazu – und man meint nun, auch in seinen strengen Bildern rhythmische Strukturen zu erkennen. Gerne und regelmäßig stürzte er sich ins Pariser Nachtleben. So war sein Leben trotz seiner sperrigen, einzelgängerischen Intellektualität zwar viel, doch keine pure Einsiedelei.
Den Ausblick aus seiner Wohnung über die verwinkelten, verspielten, unaufgeräumten Dächer und Hinterhöfe von Paris hätten die meisten wohl als romantisch empfunden – er hingegen verabscheute solcherlei Szenerie. Als er später dann, bedingt durch den zweiten Weltkrieg, nach New York übersiedelte, traf er in der dort existierenden kühlen, rechteckigen und durchstrukturierten Stadtarchitektur verblüffenderweise auf die Verwirklichung seiner Ideen und formellen Ideale. Und so war sein Exil nicht unvertraute, unerwünschte Fremde – sondern Zuflucht und Heimkommen in eine vertraute geistige Heimat und eine Form des späten Glücks.
