The cruelest of comedies, ‚After Hours‘ makes me laugh so hard I can barely breathe. Not everybody has that reaction, though. (Sean Burns, serious film critic)
Es ist leicht, einen blöden Film zu verreissen. Einmal in den letzten Tagen zappte ich rum, und landete bei einem Kinostreifen mit dem jungen Johnny Depp. Und meine Kritik von dem, was ich dann sah, bis ich den Quatsch ins Nirvana beförderte, hätte so begonnen. „Houston, we have a problem: The Astronaut‘s Wife“. Der superdoofe Film ist auch bei Rotten Tomatoes im grossen Stil durchgefallen. Nun nenne ich euch einen Film, der viel gefeiert wurde und wird, auch bei Rotten Tomatoes, und der bald bei Criterion eine edle Neuausgabe erhält. Viel Spass.
Der Film wurde als „little gem“ hochgejazzt, als „masterpiece of its own kind“, auch für sein angeblich furioses Ende – und eine Frage, die heute gelegentlich mal aufkommt, ist, ob er gut gealtert sei. Auch auf diese Frage habe ich eine klare Antwort. Nein! Ich sah ihn damals, 1985 (?), als er, vielgefeiert als schwarze Komödie des Meisters, in die Kinos kam, und fand ihn nicht so dolle. Hatte das aber weitgehend vergessen – gab ihm also eine neue Chance. Da fielen mir die berühmten Schuppen von den Augen: der Film war damals schon grottenschlecht, Herr Ballhaus an der Kamera konnte da auch nichts ändern. Der Regisseur sah in dem Film eine Art Jungbrunnen, der ihm bewiesen habe, dass er es noch drauf habe. Gottogott.
„After Hours – Die Zeit nach Mitternacht“ scheint mir nicht weniger superdoof als der erwähnte Astronautenhirnfick. Angeblich hat dieser „kafkaeske Alptraum“ auch Scorseses Abneigung gegen die Kunstszene zum Thema – soso. Ich habe selten einen bescheuerten Film gesehen, der so viel Beifall erhalten hat. Jede Figur ist karikaturenhaft dargestellt, alles ist komplett überzogen und albern, keinen Moment kommt so etwas wie ein Hauch von einem Anflug von „suspense“ auf. Die Dialoge sind an den Haaren herbeigezogen, und dann klappt das mit den Songs aus der Jukebox eben auch nicht. Obwohl Peggy Lees „Is That All There Is?“ pure Magie ist (und genau die Frage, die man diesem depperten Film stellen muss).
Das vielgelobte Finale ist leider auch nur klamottig. Aber komplett ohne den Witz und Charme von Laurel & Hardy. Übrigens habe ich nicht einmal gelacht, mich kolossal gelangweilt, und nur einen kurzen Moment mal geschmunzelt, ganz zu Anfang, bei der Sache mit Henry Miller und Rosanna Arquette im Diner. Immerhin. Und wenn mir einer erzählt, ich hätte den doppelten, auch mythologischen, Boden nicht mitbekommen, dann ist schlussendlich doch mal ein Anlass gefunden für eine zwerchfellerschütternde Lachattacke. Ja, klar, die Unterwelt! 😂 Jedenfalls ist dieses Opus nun Teil meiner Liste der „zehn schlechtesten Filme aller Zeiten unter den vielgelobten“. In bester Gesellschaft von „Der letzte Tango von Paris“, „Das grosse Fressen“, „Händler der vier Jahreszeiten“, und anderen „Knallern“.
Das ist schon aufregend zu sehen, wie man womöglich als Frau ausgesehen hätte, in younger years. Das hat Uschi fein hingekriegt und eben mal meine andere Seite enthüllt. Real oder surreal, ganz egal. Meine Erfahrung ist, dass humans oft an recht starren Selbstbildern hängen, und das dies mit ein Grund ist, dass das Leben in fortschreitendem Alter leider allzu oft in berechenbaren Mustern verharrt. Da kommt leicht ein Schwung abhanden, ein élan vital. ist so eine Sache mit dem Anderen (in einem selbst). Heute Nacht war ich in einem Traum in einer fremden Stadt, und landete in einer Kneipe, und rückblickend hatte die „waitress“ etwas von der Frau, der gegenüber Bob Dylan sein Leben ausschüttet, in dem längsten Song von „Time Out Of Mind“. Aber sie fragte mich nur, wie es mir ginge, und ich sagte, ich sei etwas müde, und sie tischte mir verschiedene Arten von Porridge (!) auf, die mir alle nicht so mundeten. Ich weiss nicht mehr, wie es dazu kam, aber diese Frau, die so gross war wie ich, hatte brünette lange Haare, und einen slawisch schlanken Körper. Mein Urtyp, keine Frage. Sie umarmte mich später, als wir durch die Strassen gingen, wir küssten uns, und ich sagte, dies sei wohl der Anfang einer Liebesgeschichte.
We start at the end: A good quarter of an hour after the sequence with Zsófia and Ray had been played, that imaginary radio hour would have come to a somewhat puzzling end, with this very piece here (at the bottom – hear while reading, later hear without reading!), which certainly does not trigger any nostalgic reflexes. What’s more, this piece wouldn’t have had much of an introduction. The best thing to do is to put on headphones, provide a scotch & candlelight ambience, and if this „far out“ track from Weirdsville catches or „flashes“ you, then you might go searching. A little hint: this music comes from the future. The title of the album would possibly be a small chapter in a two hundred page narrative about a single radio hour „round midnight“, full of stories, side lines and (rewarding) dead ends.
Das Management in London vermied es konsequent, „outside the box“ zu denken. Mir wurde also nicht gestattet, in den Klanghorizonten ein anderes Stück von FORVERVOICELESS zu spielen, eines, das nicht zu den zwei freigegebenen Tracks zählt. Ein Witz, denn die „Version“ kann jeder mit einer Vorstellungsübung „hören“, man braucht nur das betörende, verstörende Songalbum auflegen und sich den Gesang wegdenken. FOREVERVOICELESS hat einen anderen Impact als der Liederzyklus, und wer es „Ambient Music“ nennt, möge sich einmal mehr klar machen, wie extrem divers Enos Klangfelder sind – es liegen Welten zwischen seiner Musik für Flughäfen und The Shutov Assembly – und der Musik der Langspielplatte FOREVERVOICELESS.
Ohne diese exklusive kleine Premiere schien es mir wenig Sinn zu machen, die Musik auf der Playlist zu lassen, die meinen Plattenteller seit Tagen blockierte (s. Foto – das Vinyl erscheint am Record Store Day, als DL dann sowieso). Und, tja, ohne Brian kippte die Psycho-Logik der gesamten Tracklist, meine Vorarbeit war für die Katz, ich musste alles auf Anfang drehen. Es gab zwei Knackpunkte, die dafür sorgten, dass ich im Laufe eines langen Abends, befeuert von einem Viertel Liter Rotwein, „The Enchanted Path“ (von Molly Dookers Weinbergen in South West Wales), eine neue Liste anfertigte, in der kein Stück dem andern glich. Und die alte Liste wie von einer anderen Welt herüberfunkte.
Zwei Initialzündungen gab es. Die eine war, dass zwei Freunde vorbeikamen, Walker und Emmi, und wir das Listen-Spiel spielten. Nachdem jeder seine momentanen Lieblingsinseln, Lieblingsserien, Lieblingszugstrecken kundgetan hatte (stets mit einer Minute maximaler Bedenkzeit), ging es um unsere drei momentanen schönsten Lieblingslieder auf Erden (und der letzten tausend Jahre sowieso), zwischen Perotin und Portishead. Eben nicht wie aus der Pistole geschossen, aber mit der Spontaneität, die jedes Erinnerungsspiel, jedes projektive Verfahren, einfordern, wurden die Antworten notiert. Nummer Drei war bei mir A Day In The Life von den Beatles, Nummer Zwei Cosmic Dancer von T. Tex, und Nummer Eins Sunny Afternoon von den Kinks.
Mir war klar, das Lied ist gesetzt, und die zweite Musik, die unbedingt in meine Playlist hinein musste, war das Sologitarrenwerk von Zsófia Boros. Ich hatte erst vor kurzem die „audio files“ erhalten, und während eines Waldspazierganges legte ich mich auf den trockenen Fleck einer kleinen Lichtung (umheben von Felsenbirne und Dirndlstrauch) und hörte alle Stücke von „El Ultima Aliento“. Ich kannte bereits das vorangegegangene Album der Gitarristin für ECM Series, „Local Objects“. Und einmal mehr fragte ich mich, was genau mich an ihrer ruhigen klaren Art des Spiels so unheimlich fasziniert, und einmal mehr blieb ich mir jede lineare Antwort schuldig. Wissen Sie übrigens, was EL ULTIMO ALIENTE bedeutet… nun, übersetzt heisst das „der letzte Hauch“, oder auch „der letzte Atemzug“. Ich würde Poesie verfassen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.
Das Cover finde ich dermassen verlockend, wegweisend (manche mögen es für etwas schlicht halten, sogar für kitschig, ein Foto wohl, dass durch eine Bearbeitungs-App geschickt wird, und dann très chic ausschaut, aber das ist mir sowas von schnuppe, solange ich bei dem Anblick zerfliesse). Hätten Emmi und Walker und ich die Listen der drei momentan schönsten Cover des Jahres durchgespielt, wäre Zsófia bei mir dabei gewesen, genauso, wie die Cover der neuen Alben (im Gatefold-Format) von Aksak Maboul und FOREVER VOICELESS. Die undankbare Nummer Vier wäre an Paul St. Hilaire gegangen: schlagen sie das Gatefold von Tikiman Vol. 1 auf, und Sie erhalten einen sehr sinnlichen Crashkurs über die Geheimnisse der Dub-Ästhetik!
Die anderen Bausteine der neuen Playlist fügten sich rasch zueinander, und, um nicht gross abzuschweifen, nur noch dies: wer einen wahrlich versunkenen Schatz der „fusion era“ der frühen Siebziger heben möchte, sollte in den Niederlanden, bei den den beiden Freunden Werner und Klaus von Aguirre Records, vorstellig werden, und sich diese hinreissende Schallplatte besorgen, die einst bei Dogtown Records in Philadelphia verlegt wurde.
Es gibt ja durchaus eine gar nicht so geheime Liste kleiner Wunderwerke, aus den Pionierjahren der fusion music, zwischen solch ikonischen „Burnern“ wie „In A Silent Way“ und „Black Market“ …. denken wir nur an „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble oder an „Zawinul“ von Zawinul, an „The Jewel On The Lotus“ von Bennie Maupin. Schluss damit, sonst entfaltet sich im Nu die nächste magische Liste. Wie gesagt, an Khan Jamals „Drum Dance To The Motherland“ geht kein Weg vorbei. Aguirre Records is waiting for your kind orders.
Jedenfalls bin ich Ihnen noch den kurzen Sinn der langen Rede schuldig: schlussendlich wurde mir klar, dass ich auf FOREVER VOICELESS nicht wirklich verzichten möchte, setzte den Track wieder an seine alte Stelle, und sofort poppte die ursprüngliche Playlist auf. Daher ist es einfach nur ein Gebot des fair play, hier die drei grandiosesten Stücke zu nennen, aus der Playlist, die nun NICHT eingesetzt wird, als da wären „De rêve et pluie“ von Zsófia Boros, ein paar schwebende Momente von Khan Jamals Trommeltanz fürs Mutterland, und „Sunny Afternoon“ von The Kinks.
Stellen Sie sich nur mal die Wirkung vor, welche dieses schönste Lied aller Zeiten entfaltet, wenn man abends auf der Couch sitzt, und jeder Gitarrenton von Zsofia einem schon fast vorkommt wie der kühne Bestandteil einer japanischen Fesselungstechnik für den Hörsinn – und dann, aus dem Nichts (und berühmter noch als Herbie Flowers‘ Basslinie auf „Walk On The Wild Side“ und das Solosaxofon auf Gerry Raffertys „Baker Street“), die absteigende Basslinie aus Ray Davies‘ sonnigem Nachmittag erklingt. Wir sind ja nicht in einer Stunde voller „golden oldies“, auf Erinnerungsseligkeit getrimmt, wir werden also kalt, oder besser, heisskalt erwischt!
Eine gute Viertelstunde, nachdem die Sequenz mit Zsófia und Ray gespielt worden wäre, hätte jene imaginäre Radiostunde ein einigermassen rätselhaftes Ende genommen, mit genau diesem Stück hier, das bestimmt keinerlei nostalgische Reflexe auslöst. Noch dazu hätte dieses Stück auch keine grosse Einführung bekommen. Am besten setzt man Kopfhörer auf, sorgt für ein Scotch & Candlelight-Ambiente, und wenn dieser „far out“-Track aus Weirdsville einen einfängt oder „flasht“, dann begibt man sich vielleicht auf die Suche nach diesem Album. Ein kleiner Tipp: diese Musik kommt aus der Zukunft. Der Titel des Albums wäre womöglich ein kleines Kapitel in einer zweihundert Seiten langen Erzählung über eine einzige Radiostunde „round midnight“, voller Stories, Seitenstränge und (lohnender) Sackgassen.
It is revealing, illuminating to follow the conversation with David Toop, and, en passant, a time travel excellence of honesty with at least some shivers running down the spine. Everyone can follow that journey, within the next four weeks, for example in our „time travel column“. After that talk, Stunty did what Stunty does, for another two hours. With part time companion Michael 45RPM. And what did I hear quite at the beginning, Michael … I am not THAT avantgardish??!! we have to talk about this … 😂, see you later, Studebaker!
1 – Das nicht. Aber ein paar kleine Aufträge, die gut bezahlt werden, und mich zu der Musik führen, die ihre etwas existenziellere Zeit in meiner Hörgeschichte als Teenager und junger Zwanziger erlebten, bereiten Freude. So also kommen im Sommer die neuen Vinyl-Editionen von Klassikern der Deutschen Grammofon Gesellschaft an die Reihe, im guten alten Klassik-Radio, und hier auch. Zwei Vorstellungen, die eine ist Karajans Handhabung der Fünften Symphonie von Gustav Mahler. Einmal ein audiophiler Vergleich (OG vs. aufwändiges Remaster), zum andern ein detailfreudiges Abwägen mit den Versionen von Szolti und Bernstein. Mahlers Fünfte vor Jahren in der Düsseldorfer Tonhalle zu erleben, war ein Highlight. Da unsere Klassik-Spezialisten abgetreten sind, bleibt es also vorerst allein an mir, die Fahnen einer alten Liebe zu schwenken. (Meine ersten Klassik-Lps waren witzigerweise auch von der DGG, die herrlich inszenierten Brandenburgischen Konzerte von JSB.) Natürlich passiert das alles mit der gebotenen kritischen Distanz. Aber auch mit einem Charme und einer Leichtigkeit, die so manchen Altvorderen abgeht, die aus der Alten Musik einen Fetisch schufen. Ganz bezaubernd übrigens, und eine wahre Kostbarkeit die LP RARITIES, von Roger Eno. Eben kein neo-klassischer Mumpitz! Auch eine Veröffentlichung der DGG. Im April 2023. (Gibt noch eine kleine Einsatzchance für die Klanghorizonte am 30. April.)
Aus dem Hauptquartier der DGG: Zu ihrem 125. Geburtstag veröffentlicht die Deutsche Grammophon legendäre Aufnahmen in höchster Klangkultur: Die neue audiophile Vinyl-Serie The Original Source präsentiert herausragende Aufnahmen der 1970er Jahre in ganz neuer Klangqualität. Dafür haben die renommierten Emil Berliner Studios die originalen Vierspur-Bänder mit eigens für die Produktion der Serie entwickelten Technologien in 100% analoger Qualität (AAA) neu gemastert und geschnitten. Die klanglichen Unterschiede zu den Originalveröffentlichungen sind beträchtlich: Größere Klarheit, mehr Feinheiten und Verbesserungen im Frequenzgang, zugleich weniger Nebengeräusche, Verzerrungen und Komprimierungen ermöglichen ein audiophiles Hörerlebnis wie nie zuvor. Auf 180g Vinylplatten und in einer Deluxe-Gatefold Edition mit Originalcovers und -texten werden die Exemplare dieser Serie limitiert und nummeriert veröffentlicht. Begleitet werden sie von zusätzlichen Fotos und Faksimiles der Aufnahmeprotokolle und Bandkartons, außerdem erklärt ein Beitrag die genauen technischen Hintergründe. VÖ, 2.6.2023 – ab jetzt vorbestellbar bei der DGG)
2 – An folgenden Wahrheiten hat sich natürlich nichts geändert (ich zitiere aus einem älteren Text). „Die von der Gema unseligerweise höher dotierte „Klassik“ wird ihre über den Tag verteilten Oasen landesweit aufrechthalten, während zahllose andere abenteuerliche Klangwelten, unter der lächerlichen Rubrizierung „U-Musik“, mit tatsächlich biederen „Unterhaltungsmusiken“ gleichgeschaltet werden. Das sind Verteilungskämpfe, die (schon lange ausgefochten) Seilschaften von Bach bis Bayreuth stärken. Alter Quark, steifgerührt sozusagen. Nichts wäre für Musiksendungen der Öffentlich-Rechtlichen spannender, als, statt, nach der alten, eine neue Generation DJ‘s und „nighthawks“ zu etablieren, die keineswegs hip und trendig eine neue „In-Kultur“ inszenieren, vielmehr Raum schaffen für gutes altes zeitloses Storytelling – und Klänge, die E und U pulverisieren. In anderen Worten: es leben die trojanischen Pferde!“
Stets eine Lieblingsplatte gewesen aus dem Haus MPS. Mission Suite. Gepflegter Hippie-Langhaar-Look, und vielleicht die aufregendste Platte des Flötisten Chris Hinze. Gar nicht mal im berühmten Schwarzwald-Studio aufgenommen, gelang auch in Köln ein Kunstwerk der fusion music, das sich vor den lebenden Legenden des Genres nicht zu verstecken brauchte. Es gab auf MPS eine ganze Reihe mitreissender Jazz-Rock-Scheiben, von Joachim Kühn oder Association P.C. – und auch George Duke legte mit „Faces In Reflection“ ein kleines Meisterstück hin. Meine meistgespielten Platten von der Musik Produktion Schwarzwald aber waren, in der ersten Hälfte der Siebziger, Don Sugarcane Harris mit „Fiddler On The Rock“ (mit der einzigen Version von „Eleanor Rigby“, die wir gelten liessen, neben dem Original), Volker Kriegels „Face Lift“ (oder doch „Missing Link“), und, keine Frage, Chris Hinze mit seiner „Mission Suite“ – auch das Cover empfand ich als ziemlich cool. Und ganz sicher ist mir der eine und andere Schatz entfallen.
Heute war ich bei Michael aka „45 rpm“ In Düsseldorf, den Olaf und ich auch manchmal Mr. Stunning nennen. Wir sprachen u.a. über eine neue Art von „music talk“: wer weiss, was sich aus manchen gemeinsamen Wellenlängen entwickeln wird. Ich brachte meine alte Scheibe „Mission Suite“ mit, und dann ging es eine Weile um die Musik Produktion Schwarzwald. Er unterzog mein „Original“ einer Luxusplattenwäsche, und ich versprach, ihm die siebenteilige MPS-Serie von Gregor zu senden. Mittlerweile bin aus seinem „Studio Einstein“ in meine elektrische Höhle zurückgekehrt, und höre die ersten Stücke der „Mission Suite“. Wow. Stunning.
Als zwischen 1975 und 1978 die zehn Platten von Enos Obscure Records erschienen, wurde eine Tür aufgestossen, welche die sogenannte Avantgarde in die Popkultur transportierte. Der Begriff „progressive Rockmusik“ verlor bald an Ausstrahlung, weil das auf Dauer Progressive rasch allzu hochtrabend geriet. „Pink Floyd“, „Yes“, „Emerson Lake & Palmer“ und zig andere packten die Tonspuren voll, bis der Arzt kam. Oder im Bereich von Jazz-Rock und „Fusion“: man denke an die Gigantomanie diverser 70er-Jahre-Bands, die anfangs Klasse ablieferten, und soäter ihren eigenen Erfolgsrezepten auf den Leim gingen In den Obscure Records öffneten sich ganz andere Klangfelder, denen alles Monströse abging; selbst Werke von John Cage waren mit dabei, einer der hellsten Geister des 20. Jahrhunderts, der jeder Selbstverliebtheit den Garaus machte. Bis auf wenige Ausnahmen produzierten Eno und ein kleiner britischer Kreis, zu klein, um einen Gentleman-Ckub zu öffnen, hochinteressante Klangstoffe, die auf diversen unterirdischen Wegen bis heute nachwirken. Ich befragte einst Tom Waits und Mark Hollis zu ihren Erlebnissen mit Obscure Records! Sie hatten was zu erzählen!
The Sinking of the Titanic – Gavin Bryars – 1975 – Obscure no. 1 (*****)
Es gibt eine Parallele zwischen dem Protagonisten des surrealen Abenteuers, das das Album erzählt, und dem Hörer: beide stehen fremden Klang- und Erfahrungswelten gegenüber und können nie sicher sein, was als nächstes passiert. Der Hörer wird auf eine ganz spezielle Reise entführt. Könnt ihr ein wenig über zwei oder drei Inspirationen dieses „Songspiels“ erzählen?
In Erinnerung an den Pariser Schlangenclub aus Julio Cortazars „Rayuela – Himmel und Hölle“, ein Roman, so unvergesslich die Lektüre anno 1982, dass ich noch heute ab und zu im dritten Arrondissement auftauche, mit der „Lady In Satin“ von Billie Holiday und „Alone In San Francisco“ von Thelonious Monk in der Papiertüte – neben all dem Mate, und einem im Jardin de Luxembourg frisch gepflückten Blumenstrauss für die Maga. I surrender, dear.
Wäre ich in diesen kalten Tagen in Helsinki und würde ihn gut kennen, wäre die Wohnung dieses finnischen Pianisten eine meiner ersten Anlaufstellen. In seinem Wohnzimmer steht ein Konzertflügel, ein Steinway & Sons B211, 1969 angefertigt in New York. Mit und ohne ein Maqiano (hat er selbst gebastelt) und andere Präparierungen entstand dort eine meiner Lieblingspianosoloalben des 21. Jahrhunderts, „Impressions, Improvisations And Compositions“.
Ozella Records ist bekannt für audiophile Schätze, und dies ist mein Favorit von allen Alben, die je bei Ozella, der Firma von Dagobert Böhm, erschienen sind. Ich möchte die Platte hier gar nicht en detail vorstellen. Eine überragende Abbildung des Klaviersounds (die Zeit, dass „home recordings“ für „lofi“ statt für „hifi“ standen, ist schon länger vorbei). Und auch wenn ich der Pressung nur eine glatte 2 gebe (dead quiet ist schon was anderes, aber die eine oder andere Knisterrille ist mir völlig schnuppe), würde ich der Musik eine 10 geben, und dem Klangerleben (Sound) eine 11. (So machen die das etwa bei Analog Planet, wo man unendlich viele Plattenkritiken von Vinylophilen wie Mark Smotroff und Michael Fremer findet – 11 ist das absolute, selten vergebene Maximum, nur für den Sound, wie gesagt, bei der Musikbewertung ist 10 die einsame Höhe.)
So viele Besprechungen von Kari Ikonens Meisterstück aus dem Jahre 2020 finden sich gar nicht, aber es würde mich wundern, wenn irgendjemand aus der Kritikergilde weniger als 8, 9, oder 10 aus dem Hut holen würde. Mann muss solche Bewertereien auch gar nicht so ernst nehmen, aber als Anregung taugen sie allemal, und die Leser dieser Zeilen haben gewiss bestimmte Lieblingskritiker, auf deren Meinung man sich oft verlassen kann, weil man über die Jahre gemeinsame Wellenlängen und dergleichen ausfindig gemacht hat. Übrigens: Kandinskys Bild „Blue“ von 1922, ein Ausschnitt davon, ziert das gatefold-Cover. Ob Kari wohl auch Farben sehen kann, wenn er Klänge hört, wäre eine Frage meines Interviews gewesen.
Etwas, das mich an dem Album komplett fasziniert, dass es keine Sekunde und kein Stück gibt, das mir nicht zusagt, dass ich für überflüssig oder Beiwerk halte. Springlebendig, atonal, sowieso melodisch auch, lyrisch, experimentell, monkisch, verwegen, lustvoll, verträumt, Haken schlagend, aus den Ärmeln geschüttelt, laut und leise, kunterbunt, wild und hochkonzentiert, all das und vieles andere noch, könnte auf der Rallye der freien Assoziationen aufsteigen und Wortblasen ratzfatz zum Platzen bringen. Einfach versinken, am besten sprachlos – darauf breche ich es mal runter, als freundliche Losung des Augenblicks. Fernab eines bloss virtuos inszenierten Ohrenkitzels, ist das schlicht und ergreifend „deep stuff“. Viel weniger zerebral, als erste Reflexe nahelegen.
Und wenn wir schon (spiele mit!) dabei sind, den Koffer für die kommende Inselreise zu packen – ((wähle deine ganz persönliche „desert island“ – es kann Langeoog sein, ein Eiland im Indischen Ozean, weiss der Kuckuck wo, und es gibt in deiner Unterkunft einen „record player“ von VPI Industries Inc. und, ähem, (die Spielregel, der Kick fürs Stöbern auf dem Dachboden), für diese vier (!) Wochen darfst du lediglich fünf Schallplatten mitnehmen, reine Solo- oder Duoaufnahmen, das Piano muss, akustisch oder elektrisch bei allen Fünfen dabei sein)). Hier, zur Vervollständigung meines „Quintetts“, das Meer ringsum, und alles, zum „Versinken“ (es geht nicht um einen Kanon, allein um eine Momentaufnahme, eine atemraubende Liste, die in einer Woche, in einem Jahr wieder ganz anders aussehen könnte): Dollar Brand Duo (with Johnny Dyani – Good News From Africa (Enja) /// Art Lande with Jan Garbarek: Red Lanta (ECM) /// Archie Shepp & Mal Waldron: Left Alone Revisited (Enja) /// Keith Jarrett & Jack DeJohnette: Ruta & Daitya (ECM). So weit, so gut.
Da Spielregeln stets etwas Begrenzendes haben, gibt es, Überraschung, Augenzwinkern incl., einen „Ausreisser“, eine „wild card“, eine sechste Platte (gern auch ein Doppelalbum), das aus der Reihe fällt, mit oder ohne Klavier. Meine „Nummer Sechs“ wäre Steve Tibbetts: Life of (ECM). – (one of these albums, the name „desert island record“ could‘ve been coined for. The minor quibble: the vinyl still has to be pressed. If that is not going to happen, Farid El Atrache‘s Nagham Fi Hayati would do the trick in the windmills of my mind.)
The first „5+1 piano solo / duo lists of magic“ that arrive in my email till Sunday evening, will probably be posted here (micha.engelbrecht@gmx.de) – and don‘t forget the name of the island. P.S. Kaum schliesse ich die Seite, begegnet mir ein neuer Text von Jo, und folgendes Zitat von Dietmar Kamper springt mir entgegen: „Das Leben lebt nicht. Man muss zaubern können.“