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Archives: Kari Ikonen

Eine Woche hat die Schallplatte hier verpackt herumgestanden. Eine Mischung aus Präsenzunterricht und Homeschooling (wahrscheinlich gut das als Lehrer auch aus Elternperspektive zu erleben, allerdings kann ich auf manche Erfahrungen verzichten), einem zickenden Computer, gesundheitlichen Scherereien, gepaart mit der ja nicht gerade rosigen Gesamtsituation hat mich voll ausgelastet – keine Zeit für Kari Ikonen, kaum Momente überhaupt zum Musikhören. Am Freitag dann ein erstes Hören, während meine Tochter etwas backt. Alles andere als optimale Bedingungen, zumal „Impressions, Improvisations and Compositions“ eher Ruhe benötigt, für den Raum zwischen den Tönen und dem Nachhall – die Geräusche von Küchenmaschine und Schneebesen sind da eher störend. Ein zweites Hören dann am Samstagabend, im Dunkeln, pro Seite ein Glas Balvenie, ein drittes dann vormittags mit Keks und Kaffee. Ein streng angelegter Klanggarten, in dem munterer Wildwuchs herrscht: wilder Hopfen wuchert über geometrische Beete, zarte Frühblüher schauen aus trockenem Herbstlaub hervor, Wassertriebe zittern in der Luft. Rhythmisches Klopfen, Gegenstände auf oder zwischen den Saiten und eine erfundene Vorrichtung, ein Maquiano, bereichern das Klangbild des Flügels. In den letzten beiden Stücken höre ich Instrumente, die nicht gespielt werden, Trompete, Saxophon, Bass, Schlagzeug, so wie das Auge im März manchmal schon statt den Knospen die Blüten am Magnolienbaum sieht.

 
 

Ich kehre gerne zu dieser Vinylscheibe zurück, die vor Wochen bei Ozella Music erschien, und die mich schon nach dem ersten Hören, seltsam genug, an meine Zeit mit Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ erinnerte. Ich war damals vielleicht 13, und mein kleines Fischer-Taschenbuch mit Lithographien ausgestattet, die so manch unterirdische Szene in niemals klamaukartigen Motiven ausleuchtete. Immer noch weit hinter den eigenen Fantasien angesiedelt, mehr wie die Erinnerungen eines alternden Geologen, der die gesammelte Psychedelik des grossen Abenteuers seines Lebens in  eine fein ziselierte Welt aus Grautönen verwandelte. Man wurde ja in diesem Buch von Unterwelt zu Unterwelt geschleust, mit einer recht kauzig besetzten Mannschaft, in der eine junge blonde Frau so wenig fehlen durfte wie ein tollkühner Professor. Allein mit Pfadfindertugenden wäre man nicht weit gekommen, und es ist alles gar nicht so weit hergeholt, dass mir bei diesen Leseerinnerungen (immerzu abends, einmal Blitze, Donner hinter Rolleauschlitzen, nie kam ich dem See tief unter der Erde näher) Kari Ikonen in den Sinn kommt. Der Finne hat sein Album zuhause aufgenommen, und offensichtlich ein Klasseklavier mit bestens positionierten Mikrofonen umgeben, so dass ein lebhafter, springlebendiger Sound garantiert ist. Das Fachwort ist wohl „close miking“. Zu all dem hat Kari Ikonen noch ein kleines Gerät entwickelt, das geschickt zwischen den Saiten des Flüges einzuspannen ist: allerlei exotische Skalen werden da getriggert, die die Exotik merklich erweitern. Und tatsächlich, im Lauf dieses Trips, werden wir mal durch arabisches, dann wieder japanoides Terrain geschleust, was kurz den Verdacht nahelegt, der liebe Kari wäre wie der Held eines anderen Jules Verne Romans in 80 Tagen und entsprechender Tastenzahl um die Welt gehastet. Was ja nun heute, zumindest vor Corona, nichts Fantastisches mehr an sich hätte, so ausgeleuchtet ist jeder touristische Trampelpfad – und in der Musik ist es nicht viel anders. Ein Stück heisst gar „Koto“, und leicht könnte man auch hier einen „trickster“ wittern, der ein paar japanische Nettigkeiten aus dem Flügel lockt wie ein zweitklassiger Zauberer tote Kaninchen aus seinem Hut. Zum Glück passiert so ein fauler Zauber nicht mal im Ansatz. Zu lebendig gerät jeder einzelne Augenblick, und Kari Ikonen entführt uns mit seinen „Impressions, Improvisations & Compositions“ in ein erstaunliches Feld fortwährender Überraschungen (oder wäre Abenteuer das bessere Wort?). Eine gravierende Idee im Hinterkopf war es wohl, komme, was wolle, den vertikalen Blick für seine Klangbilder zu schulen, ihnen in jede erdenkliche Tiefe zu folgen, tiefer und tiefer (auch in hellsten Tönen mit leuchtendem Gelb) – immerzu den schönen Schein von Glitzer, Tand und Tollerei abstreifen, und so, Schritt für Schritt, die Reise zum Mittelpunkt des Klaviers antreten, in dem eine beträchtliche Wärme herrscht! Für solche Hausmusik braucht es kein Kaminfeuer. (In meinen Klanghorizonten am 20. Februar spielte ich, zu Anfang, nach einem Gedicht aus Dana Rangas „Cosmos!“, die Miniatur „Blue“, beflügelt von dem Kandinsky-Bild des Covers. Wie schön, dass einige Hörer auf Anhieb aufhorchten, und ahnten, welch besonderen Räume sich hier wohl, Schritt für Schritt, öffnen.)


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