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Archives: Julio Cortazar

Ich sitze in einem Raum mit Aruan Ortiz, Andrew Cyrille und Mauricio Herrera. Nach langer Zeit habe ich wieder Lust auf argentinischen Mate-Tee entwickelt, was leicht passieren kann, wenn sich ein Buch von Julio Cortazar – diesmal ist es „62/Modellbaukasten“ – auf meiner Couch von den Schaumstoffschwestern breitmacht. Es ist dunkel, nur eine Kerze brennt. Aruan ist Kubaner, komponiert, und spielt Klavier, Andrew gehört zu den zehn luftigsten Schlagzeugern der Jazzhistorie, manchmal glaubt man, er bediene eine Windmaschine, und Mauricio Herrera bearbeitet mit unverschämter Lässigkeit Marímbula, Changüi Bongoes, Catá – und Kuhglocken. Wenn ich die Namen dieser Instrumente in mir nachhallen lasse, fühle ich mich an mein germanistisches Proseminar über Konkrete Poesie im westfälischen Münster erinnert: warum hat Eugen Gomringer nie einen Gedichtband mit Kling und Klang herausgebracht – ein Klassiker wäre das geworden über die Auflösung de Musikkritik in puren Sounds und flüchtigen Bildern. „Inside Rhythmic Falls“ ist ein fantastisches Album, eine Zeitreise in die Räume der Kindheit, tief hinein in die Provinz Oriente im Osten Kubas. Es ist bei Intakt Records rausgekommen. Julio, der alte Jazzlover, hätte es übrigens geliebt.

 

Viele Teenager sogen damals, wie ich, die Filme von Claude Chabrol und Francois Truffaut auf, enthielten sie doch im besten Falle Inititiationen für eine unbekannte Zukunft parat, Einblicke in seelische Tiefen und Untiefen, Chroniken bestens unterhaltender Liebeswirrnisse. Antonine Doinel, das alter ego von Truffaut, stolperte von einer amour fou in die nächste. Mit der schönen, unnahbaren Stephanie Audran, schlief ich in meinen Träumen nur zu gerne, egal, ob sie zuvor die Leidende oder die Böse gespielt hatte. Einer meiner Lieblingsfilme von Truffaut – im fortgeschrittenen Teenageralter – war „Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent“. Wenn ich mich heute an ihn erinnere, kann ich nichts von der Geschichte erinnern, und doch lächle ich vor mich hin, wenn ich an all das Warten, Sehnen, Schauen und Küssen denke, etwas Zartes und Unentwegt-Drängendes in den bewegten Bildern.

 
 
 

 
 
 

Heute sind einige der alten Filmhelden (vor und hinter der Kamera) schon tot, und leben fort in den Erinnerungen. Im Cimetiere de Montmartre liegen viele berühmte Künstler begraben, Hector Berlioz etwa, der Schöpfer der „Symphonie fantastique“, oder Heinrich Heine (gegenüber von Truffaut, sie könnten sich nachts endlos Geschichten erzählen!). Als ich das Grab von Truffaut besuchte, wurde mir ganz weh ums Herz. Denn da lag einer, der uns die Liebe zum Kino lehrte, wundervoll fabulierte, nie mit falschem Ernst, und nie mit falscher Heiterkeit. Die Personen sind, egal, wie sie um ihre innere Fassung ringen, welche Coolness sie zur Schau tragen, Stolpernde auf der Bühne des Lebens, auf der Suche nach ihrer nächsten Bestimmung oder ihrem nächsten Irrtum.

 
 
 

 
 
 

Und so las ich, was eine schöne, kluge Italienerin (Phantasie!) als Botschaft aus dem Diesseits auf dem schwarzen Marmor von Truffauts Grab hinterlassen hatte. Sie hatte ihren Satz auf eine Eintrittskarte eines berühmten römischen Kinos geschrieben, die Notiz mit einem Herz aus kleinen Steinen beschwert, damit sie nicht gleich ein Fang des Windes würde. Sie bedankt sich, und gibt dem Altmeister recht: „Das Kino überlebt das Leben“. Nur hatte ich den Satz zu schnell erfasst und falsch gelesen, beim zweiten Lesen korrigierte sich mein Irrtum: Vouz avez raison. le cinema sauve la vie. „Sie haben Recht. Das Kino rettet das Leben.“ Nun, die Nachricht stammt auf jeden Fall von einer klugen Frau, das verrät die Handschrift, schauen Sie sich genau an. Leicht zu erkennen mit graphologischen Grundkenntnissen. Nicht mal an den Gräbern hört man auf, ein Detektiv zu sein. Fragen Sie mal Julio Cortazar!


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