Damals hat man sogar an Trailern gespart, und statt kunstvoll-rasanter Schnitte quer durch die Story einfach die ersten Filmminuten als Einstimmung gewählt. „Annie – Die Jungfrau von St. Tropez“ – der schlichte Titel täuscht über die Klasse dieses sog. „soft porn“-Klassikers hinweg, und auch das Etikett „soft porn“ lässt den kundigen Betrachter schmunzeln. Der Film ist tatsächlich die Vorlage von Bertoluccis „Last Tango in Paris“, und der Italiener hat sein „Skandal-Filmchen“ diesem „Vorbild“ aus St. Tropez abgeschaut, abgeluchst. Er hat etwas Psychoanalyse fürs seriöse Feuilleton beigemischt, etwas Existenzialismus für den Hausgebrauch, und Marlon Brando als Zugpferd für die Hochkultur. Tatsächlich werden viele Cineasten, welche sich auf „A virgem de St. Tropez“ einlassen, hier einen viel ursprünglicheren, auch erotischen, Zauber verspüren als in Bertoluccis Machwerk mit der Butter im Anusfalte. Zygmunt Sulistrowski gehörte als Pole zu den Pionieren des „erotischen Impressionismus“, wie er seine Filme selbst benannte, aber erst nach seinem Tod wurden seine Werke angemessen gewürdigt, auf kleinen Filmfesten in San Francisco und Kyoto. Eine Sache hatte Bertolucci allerdings begriffen: wenn er schon so eine deprimierend-stumpfsinnige Story darbietet, die dem Film des polnischen Kollegen nicht das Wasser reichen konnte, dann musste er wenigstens auf der Ebene des Soundtracks Ebenbürtiges abliefern, und dafür sorgte Gato Barbieri mit seiner grandiosen, letztlich um ein einziges Motiv kreisenden, Filmmusik. Vor ein paar Tagen hat meine Kollege, der Waldpädagoge Schlechtriemen, ja ein reflektiertes Loblied gesungen auf den verdammt guten Soundtrack Salvaninis zu einem anderen Zauberfilmchen des Polen, und der grosse Salvanini hat auch hier seine Hände und Gitarren im Spiel. Aber was rede ich: geniessen Sie den Trailer, die sanfte Titelmelodie, die wunderbare Ton-in-Ton-Textur dieser Eröffnung. So sah es aus, 1973, in dieser Stadt, die so viele populäre Gassenhauer inspirierte. Salvanini meidet alle grellen Sounds, und fühlt sich in die Bilderwelten von „Sulli“ ein, wie ihn seine Kumpels nannten.
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2023 6 Apr.
„A virgem de Saint Tropez“ (1973)
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
2023 5 Apr.
Das Archaische und das Breitwandformat
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
Wenn der „Sendetermin“ für THE HORSE nicht zu früh kommt (das Album erscheint im letzten Maidrittel, mein Jazzmagazin findet am 4. Mai statt), nicht bereits anderweitig ein Auftrag dazu vergeben wurde (und der Jazzfaktor als nicht zu gering eingeschätzt wird – glaube ich nicht, Evan Parker und Shabaka Hutchings sorgen ja nicht nur für „Spurenelemente“, und selbst die Symphoniker lassen sich auf den einen und anderen rauen wilden Galopp ein) werden im zeitlichen Zentrum meiner JazzFacts drei Werke stehen, die, was Archaik und Breitwandformat angeht, wunderbar zueinander passen, und allesamt ganz grosses Kino bieten. Die Rede ist von Matthew Herberts THE HORSE, von SINCE TIME IS GRAVITY von der Natural Information Society (ein Beitrag von Niklas Wandt), und von ECHOES, vom Fire! Orchestra. Let‘s dance, let‘s go ritual! Man kann die drei Arbeiten noch kürzer, und ganz seriös, auf den Punkt bringen: BANG! BANG! BANG!
JazzFacts, 4. Mai: das Zentrum ist dicht, zuerst meine Vorstellung von Mats fantastischerm Fire! Opus, dann im Zentrum Niklas Besprechung der Natural Information Society, und danach gleich Matthews „Pferdemusik“. Michael Kuhlmann widmet sich später einem Jugend Jazzt Wettbewerb, und am Ende stelle ich kurze eine feine Deutschladfunkproduktion vor. Bleiben noch zwei bis vier tolle neue Jazzalben (ein teaser, neudeutsch). Ein Kandidat for the best of the rest ist Ralph Alessi und sein in Schweizer Umgebung entstandenes Album, und ich werde die Tipps noch durchgehen. Was machen die Finnen von We Jazz?
2023 5 Apr.
Es war ein nasskalter Wintertag voller Regen …
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 5 Comments
… und ich sass im „Omnibus“, einem Musiklokal in Würzburg, es war Anfang 1975, und ich kann mich sogar genau an den freien Platz unweit der Bar erinnern, an dem ich vor einem grossen Bier sass. Den Unmut von Bert Jansch konnte ich gut verstehen, wegen des Thekengemurmels und Gläserklirrens. Da sass einer der grossen Folk-Gitarristen Englands und verzauberte mich mit seinem Solospiel. Wenn er sich von seinem Unmut lösen konnte, war sein Vortrag makellos, sein Gesang, sein feeling, seine Behendigkeit – diese beiläufige Perfektion liess mich an meine Stunden in der alten Heimat erinnern, mit Pentangle und ihrem Album „Basket Of Light“. Ich dachte an Uta B. zurück, und die Musik, die zu meiner „Entjungferung“ lief (ich war kein Junge mehr hinterher): die Band mit dem Namen „It‘s A Beautiful Day“ war, das hatte ich damals sofort so empfunden, ziemlich stark inspiriert von Pentangle. Und Bert Jansch war bei Pentangle in seinem Element. Diese Stunden im „Omnibus“ waren ein Zeittunnel, in dem ich immer andere Anker in ein goldenes Eden zurückliegender Jahre werfen konnte. Ich möchte es noch pathetischer sagen, aber ich belasse es dabei. Die andere grosse Folkband Englands damals war The Fairport Convention, und während ich im Omnibus sass, fiel mir ein seltsames Hörerlebnis ein: im Musikhaus Schlüter fiel mir einst ihre Schallplatte „Liege & Liefe“ in die Hände, und ich liess sie mir auflegen, damals stand man mit anderen Musikverrückten im Kreis zum Probehören. Die hatten alles von OHR, die erste NEU! – ein Wunderladen. Ich war komplett in Trance und die zwei, drei Songs, die ich von Fairport Convention hörte, gingen unheimlich tief. Bis heute kann ich mir nur mehr schlecht als recht erklären, dass dieses „Ergriffenheitserlebnis“, das an das spätere erste Hören von Brian Enos „Taking Tiger Mountain (By Strategy)“ im „I-Haus“ nah herankam, so einmalig blieb: wann immer mir die Platte später begegnete, war ich voll banger Vorfreude, und wurde jedesmal enttäuscht. Obwohl ein Meisterwerk seines Genres und seiner Zeit, berührte mich die Musik nur noch auf der Ebene allgemein verdienter Wertschätzung. Während ich vorhin noch beim Brötchenholen Enos Knaller im Auto mitsang, und kurze Bilder aus den wilden Siebzigern aufleuchteten. Ich entdeckte unter den Zuhörern von Bert Jansch auch einen Kommilitonen, der spätestens nach den letzten Sekunden von Rausches allwöchentlichem Statistikseminar wild rumknutschte mit seiner rothaarigen Flamme. Uschi kann sich an den langen Schlaks und seine Braut nicht erinnnern, der zuvor ein Jahr in Indien war, und auch ohne rote Tracht signalisierte das ganz klar einen Vorsprung an sexueller Erfahrung. Und möglicherweise an Tripper und Konsorten. Ich sah mich natürlich auch in dem kleinen Saal um, und angesichts der totlangweiligen mathematischen Gleichungen dachte ich da sicher öfter an Sex als im Kino in „meinen“ Wenders- und Herzogfilmen (die, bei weitgehender Asexualität, einen ertstaunlichen Flow der Langsamkeit bereithielten, der aber, wie alles im Leben, auch nur seine Zeit hatte). Jedenfalls sprach mich Ulrich an, wir tauschten kleine Musikstories aus, und schlenderten, nach dem Schlussapplaus, munter in den Regen. Er wohnte unweit vom Omnibus und lud mich zu einem Glas Wein ein. Er erzählte von seinen Meditationserfahrungen und öffnete kurz einen Schrank, an dessen Innenseite das grosse Foto eines nackten männlichen Körpers posierte. – Komm, wir ziehen uns aus, und schauen, was passiert. Nö, sagte ich, keine Lust, und das entsprach der Wahrheit. Ich war damals nicht annähernd so schlagfertig wie später, und ging etwas unbeholfen in den späten Abend hinaus. Ich dachte an den Auftritt von Bert Jansch, an „Basket Of Light“ von Pentangle, an Uta unter dem weissen Laken, ging in meine kleine Kammer im Studentenheim und legte „Witchi-Tai-To“ vom Jan Garbarek-Bobo Stenson-Quartett auf. Bald sollte ich die schönste Frau Gelsenkirchens im Aufzug erblicken, und der Rock‘n‘Roll begann. Nun, viele Jahre später, hole ich immer noch gerne alte Platten von Jan Garbarek aus meinem Regal, und auch Bert Janschs „Avocet“. Und jedesmal – jedesmal – wenn ich dieser Platte lausche, durchströmen mich ein paar flackernde Bilder aus dem alten, lang geschlossenen „Omnibus“, und wenn ich eins bedaure, rückwärtsblickend, an diesem Abend, dann, dass ich nicht auf Bert Jansch zugegangen bin, und er mir vielleicht später, in der Nacht in seinem Hotelzimmer, die Geschichte seines Lebens erzählt hätte. Eine Geschichte wie aus 1001 Nacht. Er hätte den besten Zuhörer der Welt gehabt (es wird in dieser kleinen Erinnerungsstudie nicht an Superlativen gegeizt)!
2023 4 Apr.
Es war ein nasskalter Wintertag voller Regen …
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 4 Comments
… und als ich vor ihrer Haustür stand und klingelte, auf dem Weg zum Verlust der eigenen Unschuld, war ich fiebernd und nervös. Es sollte sich als Glücksfall erweisen, nun im ersten oder zweiten Stock des alten hohen Hauses in gute Hände zu geraten, die die Führung übernahmen, und wahlweise besänftigten, erregten, bezauberten. Ich hatte zwei Kondome dabei, falls eins platzen sollte (meine BRAVO-Sozialisation!), und die Romantik verstärkte sich nicht gerade, als mir bewusst wurde, dass es wenig sexy ist, sich vor den Augen der Begehrten der eigenen langen Unterhose (Schiesser Feinripp) zu entledigen. Uta war eine Meisterin ihres Fachs, und empfing mich mit unendlicher Geduld. In meiner Erinnerung tranken wir erst einmal schwarzen Tee, oder auch den damals angesagten Jasmintee, aber ganz sicher legte Uta „It‘s A Beautiful Day“ auf, die erste Seite der Schallplatte, und der Auftaktsong „White Bird“ entführte mich in jene Grenzzonen von „fairytale folk“ und dem berühmten „ersten Mal“, dass ich spätestens, als sie mir das Kondom überzog, und mich zielsicher in ihre Höhle bugsierte, im Reich ihrer Sinnlichkeit angekommen war. Sie bestimmte das Tempo, flüsterte Anweisungen in mein Ohr, biss ins Läppchen, während die Nadel des Plattenspielers einsame Kreise auf der letzten Rille zog. Der Gesang der Band war verstummt, und nun gaben wir Laut unter der Decke. Danach drehte sie die Schallplatte um, und ich ging zum Fenster, ein neuer Blickwinkel auf meine Stadt. Der Kerzenschein spiegelte den Raum in die kalte Nacht hinein, und wie in einem Traum sah ich Uta auf dem Bett hocken. Das Timbre ihrer Stimme habe ich nie vergessen, den ruhigen, seltsam betörenden Singsang alltäglichster Worte.
(Fortsetzung folgt)
2023 3 Apr.
Es war ein nasskalter Wintertag voller Regen …
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment
… und bei Zeitzeugen gehen die Meinungen auseinander, ob ich 15 oder 16 war. Wie ich Uta kennenlernte, weiss ich heute nicht mehr, aber es war ein klarer Fall von spezieller Faszination ohne grosses Verliebtsein. Ein Vollblutweib, wie später die hochspannende Komillitonin in Rausches Statistikkurs – zur Begrüssung fasste Uta Jungs gerne an den Sack. Aber das bekam ich erst viel später mit. Als alles passiert war, oder schon vorher, besuchten wir Lothar, der als hoffnungsloser Junkie galt, aber, politisch noch hellwach, mir eine kleine Lektion in Grosskartellen erteilte. In Lothars Plattensammlung erinnere ich ein Album, „Fragile“ von Yes. In seiner Räucherkammerstube hörte ich es gerne, aber sonst blieben mir Yes eher fremd. Bis ich sie vor Jahren neu hören lernte.
Nichts ging darüber, mit Marrokko The Monkess im Fernsehen zu sehen und dabei Luftgitarre zu spielen. Daydream Believer. Und er hatte auf alten Tonbändern den frühen elektrischen Miles – unseren Ohren war es ein Fest, Miles‘ Wah-Wah-Schreien zu lauschen, and a hundred other tiny things. Wir verstanden diese Musik, ohne sie verstehen. In meiner elektrischen Höhle läuft gerade „Bitches Brew“, die japanische Sa-cd in fantastischem Quad-Sound. All die alten Helden sind so jung, dass es weh tut!
Musikalisch war ich ein frühreifes Greenhorn, meine Erfahrungen in Sachen „real sex“ hinkten da deutlich hinterher. Diverse romantische Verliebtheiten hatte ich hinter mir, Frau Funke in der Berliner Strasse in Dortmund-Körne, ich war 5, die Chefin einer Pension auf Langeoog, ich war 7 und liess meinen ersten Drachen steigen, Margarete Scheibenhut und Jutta Kortmann der Gebrüder Grimm-Volksschule (die hiessen wirklich so), alles herrlich romantisch und folgenlos. Na, nie zu vergessen, die Euphorie mit Petra Welz, ein klarer Fall von erstem Blick incl. Kusstaumel zu Iron Butterflys längstem Song: in den grossen Ferien, so lapidar, ihre Abschiedszeilen aus Besancon.
Eh ich mich versah, war die Hälfte der Teenagerjahre rum, Miles rannte den Voooo rauf und runter, und hätte ich eine Jukebox gehabt, wären keine Song öfter gelaufen als Sunny Afternoon und Just My Imagination (Running Away With Me) – ich hatte einige meiner erfüllendsten Höhepunkte, wenn ich mit Stéphane Audran schlief, oder Emma Peel, die mir die dunklen Seiten der Erotik nahebrachten, und sich als perfekt dominante und einfühlsame Urtypen entpuppten – nach den jahrelangen Serienträumen mit meiner indianischen „Farbenfrau“, die mich wundersam und nackt umgarnte und streichelte am Rande eines Swimmingpools, in einer Villa der Reichen (ich war 5, ich war 6) – reality seemed to be a lesson faraway.
Dann endlich, aufgrund ihrer Rubensfigur und ihrer wallenden blonden Haare von mir nicht wirklich erkannt, betrat die Lady namens Uta B die Bühne, zwei Jahre älter als ich, und drei Welten realsexuell erfahrener, und mein Blatt wendete sich an einem nasskalten Wintertag voller Regen, kaum waren die Siebziger Jahre eingeläutet. Ich stand unten an der Haustür, ganz in der Nähe des Stadttheaters, und schellte. Und, oh mein Gott, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
(Fortsetzung folgt, und zu deiner Überraschung, geneigter Leser, sei gesagt, dass es zwei Fortsetzungen geben wird. Es hilft auch, im Vorfeld, die berühmte erste Schallplatte der Gruppe „It‘s A Beautiful Day“ zu hören, die auch genauso hiess)
2023 1 Apr.
Landau – „mein Portugiese“ in Bochum
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment
2023 31 März
Mit Feuer und Finesse (Plattenlese, Frühjahr 23)
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 14 Comments
1 – Kinder der Sonne – Im letzten Jahr wurden – auf CD und LP – die schon ein paar Jahre zurückliegenden Zusammenarbeiten von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto neu aufgelegt. Soooo gut! Selbst das kurze High damals gern gepriesener „clicks & cuts“ stand der Zeitlosigkeit dieser Klänge nicht im Weg. Ein perfektes Duo, das auf kuriosen Wegen auch den Weg fand zu dem berühmten Film mit dem gefährlichen Grizzly-Bär, dessen Name mir gerade nicht einfällt. Uschi mochte den Film nicht so, und meine Erinnerung ist zu vage, um da mitzureden, aber ich erinere mich, wie raffiniert diese alles andere als hollywoodtauglichen „soundtracks“ den bewegten Bildern eine ganz andere „Unter-Welt“ beimischten! Und nun also, in Kürze, ein neues Album von Alva Noto, solo, „Kinder der Sonne“, eine Theatermusik, die das Theaterstück nicht braucht, und bestens auskommt mit Dunkelheit, Kaminlicht, und einem Paar Kopfhörer. Ladies and gentlemen, ich stelle Ihnen jetzt mal en passant und möglicherweise das eine oder andere Ihrer Lieblingsalben des Jahres 2023 vor – Sie kennen sie halt nur noch nicht….
2 – Der grosse Coup – Heute morgen erhielt ich aus Oslo, von Rune Kristoffersen, dem Chef von Rune Grammofon, ein opus magnum (in jeder Hinsicht), das dem Appetizer auf der homepage des Labels mehr als gerecht wird. Das Fire! Orchestra: ECHOES. Auch als limitierte 3-LP-Edition bestellbar. Eine Kanne grüner Tee, gut ausgeruht (ich war gestern so ausgepowert, dass ich nicht zu Robert Forsters Konzert gefahren bin) und dann, eine Reise! So wie ein anderer Haudegen, Peter Brötzmann, so manche Hörer überrascht und begeistert hat, die nicht zu seinem angestammten Kreis zählen, mit seinem letztjährigen Auftritt in Berlin (Henning ist hier der Insider! – auf ACT wird es beizeiten rauskommen), so gibt es auch von Mats Gustaffsson, dem alten Schweden (so alt ja nun auch wieder nicht) immer wieder gute, zwischendurch herausragende Alben, die genauso wie bei Brötzmann das dumme Etikett „old school free jazz“ Lügen strafen. Reichhaltig, sehr, sehr, sehr reichhaltig! Es rockt. Es tanzt. es wirbelt. Gehen Sie mal durch die Geschichte des jüngeren europäischen orchestralen Jazz, und erinnern Sie sich an Sternstunden… dies hier ist auch eine, und gleich eine doppelte. Ein Burner, von Anfang bis Ende. Ich bin absolut begeistert.
An instant classic, nothing less. A hot contender for one of my three jazz (and more) albums of 2023. It will rain rave reviews. In the words of RG HQ, and every sentence a matter of fact:
„Now in its 14th year, the unique and constantly evolving Fire! Orchestra is back with their most ambitious work so far as well as their largest line-up, counting a mostly Scandinavian cast of no less than 43 members. While the popular and widely praised Arrival is a highlight in both our and the band´s catalogue, this monumental triple album ups the ante. Echoes is a two hour work of epic proportions; full of beauty, energy, haunting passages and stunning musicianship, embracing progressive rock, contemporary avantgarde, cosmic free jazz, ethnic experimentalism and more. Making all of this flow in such a natural way from beginning to end is a brilliant achievement. The album closes with a guest appearance from the mighty Joe McPhee on tenor sax (…). Recorded at the legendary Atlantis studio in Stockholm and beautifully mixed by Jim O’Rourke, Echoes comes across as a very open, breathing, organic, detailed and dynamic album. We would also like to point out that the vinyl edition sounds great, cut by Lupo in Berlin and manufactured by Optimal Media.“
3 – Das Schweben der Zeit – Und gleich ein weiteres überfliessendes Album… immens viele Quellen zapft Joshua Abrams, der Meister der Guimbri, in den letzten Jahren, mit seiner „Natural Information Society“ an! Manche erinnern sich, wie er sein letztes Doppelalbum „Descension“ nachts in einem „abgespaceten“ Monolog in den Klanghorizonten vorstellte. Ein klanglich herausragender Auftritt aus dem Londoner Cafe Oto, mit Evan Parker in Hochform! Und nun erscheint m April Joshuas neuer Streich, wieder bei den fliegenden Holländern Klaus und Werner von Aguirre Records – und wenn alles läuf wie geplant, wird Niklas Wandt, in meiner Ausgabe der Jazz Facts am 4. Mai im Deutschlandfunk, das Doppellabum „Since Time Is Gravity“ vorstellen. Ein Stück daraus zur Einstimmung.
4 – Diskrete Musik für den Purcell Room – Alles free-style und far-out, die Alben auf diesem Streifzug, wie geschaffen für die Klanghorizonte. Einige von Brian Enos Ambient-Klassikern (u.a. „Discreet Music“ und „Thursday Afternoon“), nun also dargeboten von einem ausgefuchsten klassischen Ensemble, mit rein akustischen Instrumenten – das könnte leicht „high brow“ rüberkommen, auch „camp“. In diesem Fall ist es schlicht und ergreifend schlicht und ergreifend!
Wie Laurie Anderson mal sagte, legte einst „Bang On A Can“, mit ihrer Deutung von Brians Flughafenmusik, eine stellenweise abgründig melancholische Schicht frei – unter vermeintlich funktioneller Musik. Nun, diese feine „Melancholia“ (jenseits subdepressiver Schwingungen, also erhebend / elevating / anti-depressiv) ist auch im Original durchweg spürbar. Es war ein unvergesslicher Abend, einst Bang On a Can in den Jameos del Agua zu erleben – und dann, after hours, mit einem der Jungs der Band in einer Bar in Arrecife draussen im warmen Wind aus Afrika zu stehen, Caipirinha zu trinken, und noch später mit Angelica und Sylvia aus Puerto del Carmen in einer Disco mit wunderbar abgefuckter Mucke in den Morgen zu tanzen!
5 – Xavana, mon amor“ – Und wenn wir schon auf den Kanaren sind, warum dann nicht diese Plattenlese des Frühjahrs beenden mit einer Rarität aus Brasilien, und einer weiteren kleinen Zeitreise. Some low brow excellence! 😂 Es war das Jahr 1981, da erschien der originale Soundtrack des Soft Porno-Klassikers „Xavana, Uma Ilha do Amor“ mit einer verdammt gut aufgenommenen Mischung aus Jazz, Bossa Nova und Psych. Kinder der Sonne, Teil 2. Hareton Salvanini kreierte eine Platte voller grooviger Gitarren, feiner Streicher und delikater orchestraler Klänge. Der polnische Filmemacher Zygmunt Sulistrowski leistete damals Pionierarbeit, indem er Low-Budget-Softpornos an exotischen Orten drehte. Am 27. Juli ist Hochsommer, und meine nächste Ausgabe der Klanghorizonte. Das wäre doch ein Auftakt nach Mass, oder!? Und danach: „Last Tango In Paris“, von Gato Barbieri.
fade-out with Gavin Bolton: „My dad had this album when I was 12 years old, I used to listen to Salvanini’s albums in the lounge after school the late afternoon sun streaming through the windows, my mind drifting off to exotic destinations, sun dappled, palm fringed beautiful beaches, smell of the ocean and coconut suntan lotions, bronzed bodies, gentle laughter and ocean breezes, drinking iced fresh fruit drinks, distant laughter of people. Years later I made it my life to seek out these locations. Today I live on a beautiful island in the Gulf of Thailand. My dreams became my reality.“
6 – Follow the tapestries!“ – re-entry with ECM: two years ago, and slightly revised with actual feelings and thoughts about it, these are my nine favourite jazz albums (jazz in the widest sense) of 2021, and this look into the rear mirror would not make too much sense without the announcement that TRIO TAPESTRY, one of my beloved saxophone trios still alive and kicking, will release their third album, at the beginning of June. After they recorded the first one in New York, they travelled to the South of France for the follow-up, and now did „Our Daily Bread“ in Lugano. Reading my old review on „Garden of Expression“, you might want to start or continue your personal journey through this trio‘s instrospections and intensities!
- Floating Points w/ Pharoah Sanders and LSO: Promises
- Nik Bärtsch: Entendre
- Pino Palladino and Blake Mills: Notes with Attachments
- Natural Information Society: Descension (Out of our Constrictions)
- Portico Quartet: Terrain
- Trio Tapestry: Garden of Expression*
- Anthony Joseph: The Rich Are Only Defeated When…
- Andrew Cyrille: The News
- Kari Ikonen: Impressions, Improvsations, and Compositions
*Garden of Expression: Trio Tapestry‘s sense of melody, space and letting-go is immaculate. I will always remember their first record, one of the jazz miracles of 2019. For me, it was the best album Joe Lovano ever made, with Manfred Eicher’s perfect sequencing of the tracks. Listen to the vinyl: suspense, sound and silence in perfect union. It is quite natural that this follow-up lives up to the high standard of the first meeting in New York. Now with a deeper touch of Provence pastel and colours at dusk. You can think of every jazz writing cliche of praise, from „filigree“ to „elemental“, and be sure that Lovano, Crispell and Castaldi are breathing new life into it. After the first three pieces of pure baladry (written by soul, not by the book), the appearances of sound take more and more adventurous side steps, from moments of pianistic unrest and upheaval, to an exploration of metal and sound in Castaldi‘s drum figures. A zen-like purity‘s bold pairing with an adventurous spirit. The record delivers everything with grace, selflessness and the most nuanced sense of tempo, time standing still and a flow of undercurrents. If this sounds slightly over the top, let the music take over, dim the lights and follow the tapestries!
7 – Once upon a time – Bleiben wir noch eine kleine Weile bei ECM (wie sang einst Jackson Browne: „oh, won‘t you stay just a little bit longer“, wieder und wieder, am Ende des ziemlich dunklen Albums „Running On Empty“). Die sog. „goldenen Jahre“ von ECM waren die Siebziger, als ein Meilenstein dem andern folgte, und eine neue, extrem wandlungsreiche, Klangsprache die Landschaft der improvisierten Musik veränderte. Eine neue, allerfeinst designte Vinyl-Serie lässt die frühen, „analogen“ Zeiten hochleben, mit ausgewählten Wiederveröffentlichungen. Den Anfang macht Ende April, neben Kenny Wheelers „Gnu High“, das Album „Saudades“ von Nana Vasconcelos, das einst im Ausklang jenes wilden Jahrzehnts entstand, im März 1979 im Tonstudio Bauer, und die archaische Berimbau u.a. mit klassischen Streichinstrumenten kreuzte: pure Magie, weitaus mehr als der Reiz einer seltsamen Kombination, und genauso fesselnd wie die erste Zusammenarbeit von Egberto Gismonti und Nana Vasconcelos, „Dança des Cabecas“!
Damals, erinnere ich mich, hatte das Cover der „first pressings“, mit seinem schlichten Grauton an Enos „Music For Films“ erinnernd, eine besondere raue Oberfläche (wie übrigens auch das Cover von Brians Filmmusik, den Fachausdruck für diese „andere Haptik“ wüsste ich gerne) – und nun gibt es ein Gatefold-Cover, einen Extra-Essay, und einen Rückgriff auf die sich, laut ECM HQ, in einem erstklassigen Zustand befindlichen original masters. Das Teil müsste jeden Tag bei mir eintreffen (ich hielt es bislang nur kurz mal in meinen Händen), und wird dann in unserer Mai-Kolumne „From The Archives“ eingehend besprochen (s.a. comment with three drums).
2023 30 März
Heute im Deutschlandfunk: „Klanghorizonte“
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Deutschlandfunk, Klanghorizonte 30. März 2023 21.05 Uhr | 18 Comments
„DRIFTING ON MARGINS“
Lankum FALSE LANKUM (folk / drone / experimental)
THUNDER Stephan Micus (meditation / global)
SUSS SUSS (country ambient)
PSYCHOGEOGRAPHY Jon Hassell THE LIVING CITY (coffee coloured classical)
Brian Eno FOREVER VOICELESS (ambient / contemp.)
RARITIES Roger Eno (neo classical / ambient)
The Necks TRAVEL (where-am-i-music)
UNE AVENTURE DE VV Aksak Maboul (songspiel/ bricolage)
Benjamin Lew / Steven Brown: LA DOUXIÈME JOURNÉE (1982, avant exotica)
THEORY OF BECOMING Evgueni Alperine (find a label, good luck)
Paul St. Hilaire TIKIMAN VOL. 1 (dub)
including interview excerpts with Lankum,
Marc Hollander (Aksak Maboul), and
a passage from my 1990 Jon Hassell talk on
City: Works of Fiction
(the photo is from an area called, no kidding, „Little Africa“, on the
island of Sylt)
*
This piece, „Bamakou ou Ailleurs“, is from a surreal trip by Benjamin Lew and Steven Brown, from 1982. The album, „La Douxième Journée (la verbe, la parure, l’amour)“, a classic for the MADE TO MEASURE series will have a discreet appearance in „Klanghorizonte“. It has been recently reissued on CD and vinyl, and it is (and has always been) a stunner!
*
Working on this radio hour, I find myself more and more like a collagist Aksak-
Maboul-style. You can be sure to enter quite different soundscapes (seasides included) all different from one
another, but internally connected by story, mood, birdsong (some), and drifting on margins. Nearly at the end
I got that fine LP RARITIES from Deutsche Grammofon Gesellschaft, and Roger Eno wrote me some lines about the growing of this dreamlike composition, „Still Day“, full of yearning, drifting, and distant echoes of Classical European Neo-Romantic.
‘Still Day’ was born of a chordal sequence I wrote, a loose framework to be improvised over. At that time I was working with Violinist Rosie Toll whose improvisation we hear on this recording – though not played here by her…… I sent a rough recording-recorded on a ‚hand held’ device to Max Knoth who, on the prompting of Christian Badzura, transcribed and arranged this for unison strings. So what you now hear is the work of myself, Rosie, Max and Christian plus the musicians that played the transcription. Parts are added, uncertainty is encouraged and the end…well where does that happen? I like this how this very much how this process as through this the piece became exactly what I wished it to be – a thing not ‘designed’ by myself but one to be allowed to grow ‘organically’. There you go Michael. Roger and Out“
2023 28 März
Zehn Kaufempfehlungen (eine Playlist zum Anschauen)
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 6 Comments
„Vijay Iyer ist ein Pianist, Komponist und Bandleader, der sich in seiner Arbeit mit der klassischen Tradition, der Improvisation und der Rap-Avantgarde auseinandersetzt. Shahzad Ismaily ist der Besitzer des Studios Figure 8 in Brooklyn und ein erfahrener Multiinstrumentalist, der schon als Sideman für Lou Reed und Yoko Ono, Will Oldham und Laraaji gespielt hat. Der erste Auftritt des Trios war eine Live-Performance in New York. Vor Jahren. Sie verstanden sich auf Anhieb, und Aftab schwärmte später von diesem Auftritt: „Vijay und Shahzad waren so ineinander verstrickt, dass es unklar war, ob sie das taten, was ich tat, oder ich das, was sie taten. Wir waren wie ein Fischschwarm.“
So beschreibt Louis Pattison die Anfänge der Entstehung des Albums „Love In Exile“. Fürs Radio gibt es als Download einen Extra-Track in radiotauglicher Kürze. Aber diese Musik nimmt sich Zeit, und sie braucht sie auch beim Hören. Unmittelbar ist man nicht dort. Und weil es also mindestens das kürzeste Stück der CD hätte sein müssen, und das ist acht Minuten lang, habe ich – der einzige Grund, wegen des collagenartigen Ansatzes, in der keine Klangsprache zu lange verweilen soll – auf das Album verzichtet. Schade, in einer zweiten Stunde der „Klanghorizonte“ wäre es der „opener“ gewesen. Shadow Forces. 4 stars, a grower possibly.










