Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Gestern sind diese fantastischen Editionen überragender Remasterings einiger „klassischen Klassiker“ der Deutschen Grammofon Gesellschaft eingetroffen, sie haben die Nacht verkürzt und diese gefühlt 25. Liste für die einsame Insel nochmal aufgemischt. Denn da sammeln sich nicht einfach und automatisch alte Lieben und einstige „Horizont-Offenbarungen“, sondern Seelennahrung fürs Hier und Jetzt und Immerdar. Da muss ab und zu nachgelegt werden, if you know what I mean. See you on the desert island!

 

1) Brian Eno: On Land
2) Gustav Mahler: 5. Symphonie
(Szolti oder Karajan, your choice!)
3) Talk Talk: Laughing Stock
4) Robert Wyatt: Rock Bottom
5) Keith Jarrett: Bremen / Lausanne
6) John Coltrane: A Love Supreme
7) Don Cherry: Brown Rice
8) Julie Tippetts: Sunset Glow
9) Fire! Orchestra: Echoes
10) Nana Vasconcelos: Saudades
11) Igor Strawinsky: Le Sacre du Printemps (Abbado‘s version)*
12) Damon Albarn: Everyday Robots

 

*oh, my god: von der limitierten Auflage von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ habe ich das Exemplar „0001/2400“. Sollte die Armut kommen, wird das Teil bei Sotheby‘s versteigert. Im Ernst: fantastischer Sound. Wer eine Schwäche für dieses Werk hat, sollte sich Abbados Version in der neuen Remaster-Serie der DGG sofort besorgen. Im Juni bespreche ich hier beide Vinylausgaben von Mahler und Strawinsky in unserer Monatskolumne „From The Archives“.

 


It’s all a bit quick in the making, and deadlines are coming nearer, but, as I’ve been falling more and more in love with the music i’ve chosen (Robert Fripp would say, it chose me!), I contacted, or, better said, I’m about to contact Julie, Taiko, and Rickie. No matter, if I will hear from them via emails , Zoom, spoken word, or even nothing at all, nevermind, just writing these little letters is opening  some spaces in, and windmills of, my mind…

The following albums will find their place, and word of praise, inside my jazz hour oscillating between the wild and the blue, between cinemascope and intimacy. A mental note appreciated: Deutschlandfunk, May, 4, 9.05 p.m.

 

 

 


Fire! Orchestra: Echoes
B1: Niklas Wandt über das neue Album der Natural Information Society
Keith & Julie Tippett: Sound On Stone
Taiko Saito: Tears of a Cloud (solo vibraphone)
Rickie Lee Jones: Pieces of Treasure
Trio Tapestry:  Our Daily Bread
„Fuchstone Orchestra“ („teaser“ for DLF show & production)
B2: Michael Kuhlmann: über das 31. Leipziger Jazznachwuchsfestival
Fire! Orchestra: Echoes

 

„IT TAKES MORE THAN A WATSON, BUT LESS THAN A SHERLOCK!“

(graffiti, Angel Station, London)


Wie in einem Film, der mal wieder voller Zitate ist, geht der Schriftsteller an dem Café vorbei, in dem der junge Sartre und die junge Beauvoir oft sassen. Er hat sie dort gesehen, als die Welt noch durchweg schwarzweiss war. Geschichte grüsst ihn an jeder Ecke, aber er hat mehr Gefallen an den kleinen Wirbeln der immer neuen, immer wechselnden Gesichter, deren Vita nirgendwo nachlesbar ist. Ihn interessiert das Flüchtige, und der Zauber, wenn ein bruchstückhaftes gegenseitiges Wahrnehmen vier Augen auf einen Schlag aus dem Dämmer holt, und die Geschichte eines unbekannten Traums zu wittern ist, die Lieblingsplatte am Abend, das Weglegen eines Buches, in dem gerade Sidney Bechet ein Solo spielte, und, natürlich, die Liebe. Heute trägt er eine Papiertüte in der Hand, und eine Schallplatte, an der er einen Narren gefressen hat, weil sie so leicht ist, schwebend und tief. Er setzt sich mit einem Espresso neben seinen Stammkiosk, und hört  auf einmal aus dem Transistorradio eines vorbeifahrenden Autos den berühmtesten Song des Albums erschallen. Wir schreiben das Jahr 1979.

Nun, das wäre vielleicht zuviel verlangt, nach der Identität des durch das Quartier Latin streifenden Mannes zu fragen, und nach dem Namen der Schallplatte, die er bei sich trägt. Das war aber auch nur das Vorspiel. Hier kommen die drei Fragen. Wer sie alle drei auf einen Schlag in einem einzigen „comment“ richtig beantwortet, und jeder hat nur einen Versuch, bekommt die Schallplatte, die der Tagträumer in seiner Tüte trägt, geschenkt, als Cd allerdings, und noch dazu ein Buch des Flaneurs. Ich werde keine Zwischenkommentare abgeben, bis ein Gewinner feststeht. Deadline 22. April 14 Uhr…

 

1) Who’s this singer?

 

 

 


2) Who‘s that writer?


„Was die meisten Menschen Liebe nennen, besteht darin, sich eine Frau auszusuchen und sie zu heiraten. Sie suchen sie aus, ich schwöre, ich habe sie gesehen. Als ob man sich die Liebe aussuchen könnte, als ob sie nicht ein Blitz wäre, der einem die Knochen spaltet und einen mitten auf dem Hof gepfählt zurücklässt. Wahrscheinlich sagen sie, dass sie sie ausgesucht haben, weil sie sie lieben, ich glaube, das ist nur der Siteoppo. Beatrice wurde nicht ausgesucht, Juliet wurde nicht ausgesucht. Man sucht sich auch nicht den Regen aus, der einen bis auf die Haut durchnässt, wenn man aus einem Konzert kommt.“

 

3) What‘s the title of the book in which these lines are written?

 

„Ich spüre, dass eine natürliche Sprache geflüstert wird, die uns allen gemeinsam ist. Im Traum verstehe ich manchmal die Symbole, aber wenn ich aufwache, sind sie verschwunden. Ein Hauch von Tinte wird nicht an dieser Realität haften. Was habe ich gehört? Was haben sie gesagt? War es Musik? Ich habe sicherlich etwas gehört. Nach all diesen Jahrzehnten bleibt das Leben hartnäckig rätselhaft. Musik formt uns und verändert uns grundlegend. Wenn wir einmal zugehört haben, hören wir nicht mehr auf. Wir erholen uns nie von der Musik. Wir kehren immer wieder zurück zum Radio, zum Plattenladen, zum Schlafzimmer, wo die Mädchen den ganzen Tag Platten hören.“

2023 11 Apr.

Scheunentore

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Big Bands im Jazz waren nie so meine Sache, was bedeutet, dass die Ausnahmen von solch dezenter Zurückhaltung sehr interessant sind, im Rückblick. Als ich, statt im Kindergarten rumzutollen, daheim morgens auf meinem roten Sitzkissen neben dem Kohleofen WDR hörte, gehörte die Big Band von Kurt Edelhagen nicht gerade zu meinem Erweckungserlebnissen. Ich war 5, aber nicht doof. Mir fehlte das Feuer in den Saxofonen (smartass in action!). Die ersten orchestralen Highlights meiner jungen Jahre waren zwei, drei Platten von Gunter Hampels galaktischer Traumband und eine Aufführung von Gustav Mahlers Erster Symphonie im Dortmunder Stadttheater. Und dieser verrückte Don Ellis! Das tiefe Hören geht eigene Wege, und sollte sich nie systematisch an ikonischen Werken abarbeiten. Wenn Duke Ellington dich finden will, findet er dich. Und so kamen sie mit den Jahren, die alten und die neuen Klassiker. Der Fahrstuhl über den Berg, Anthonys „Creative Music Orchestra“. Wildes Breitband, ungebändigt, aus dem Abseits (leftfield), wer kennt schon „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble?! Irgendwann rief Karl Berger – ein Seelenverwandter von Don Cherry –  in die Runde: „lasst eure Ohren gross werden wie Scheunentore“ – und alle Jahre wieder liess ich diese Satzung nachts vom Stapel. Und nun, – holla, die Waldfee – taucht mal wieder so ein Feuerwerk auf. Die Saxofone brennen. Die Musik schiesst aus allen Rohren. Wqs ist die Steigerung von Knaller und Burner? Knallburner! Ein wilder Wurf, angezettelt von klugen Köpfen, und gewiss keine reine Instinktarbeit. Auch kein postmodernes „mind jogging“. Mats Gustafsson. Fire! Orchestra. „Echoes“. Rune Grammofon. Mixed by Jim O‘Rourke. UND ES ROCKT, BABY! Ohrwürmer? Sowieso! Nachdem mich die erste Cd des Doppelalbums quasi umgehauen hatte, dachte ich mir: wie kann es hier noch eine weitere „Hälfte“ geben, die Schweden müssen verrückt sein. Zuviel des Guten? Fehlanzeige!  Wer sich aufgrund meiner diskreten Empfehlung das Werk zulegt (die Vinyl-Variante umfasst drei Lps, schaut nach auf der Homepage von Rune Grammofon), wird die Antwort finden. Genial. Zwei Drittel volle Lotte, vier Vinylseiten – und dann: Fragmente pflücken, Tiefenentspannung im Showdown. En passant springt eine solitär tönende Berimbau auf die Bühne, das Echo trägt den „Nana“, Nana Vasconcelos, dessen Meisterwerk „Saudades“ (1980)  in diesen Tagen als überragende Vinyl-Edition von ECM auf den Markt gebracht wird. Und es macht Sinn. Ein anderes Echo befeuert Elvis. Genau den Elvis. Und Albert und der Hudson River sind auch nicht weit. Aber genug für heute, ich liste keine Echos für den Abspann. Man gehe am besten allein auf Schatzsuche. Wie war das noch mit den Ohren und den Scheunentoren!? Safe Journey!

 

 

      1. Nana Vasconcelos: Saudades (Lp)   
      2. Jon Hassell: The Living City (Lp)
      3. Pharoah Sanders: Live At Fabrik 1980 (Lp, Cd)
      4. Jon Hassell: Psychogeography (Lp)
      5. Movietone: Movietone (2-Lp, Dl)
      6. Neil S. Kvern. Doctor Dancing Mask (Lp)
      7. Alice Coltrane: Journey In Satchidananda (Lp)
      8. Eden Ahbez: Eden‘s Island (Lp, Cd)
      9. Joanna Brouk: Sounds Of  The Sea (Lp, Dl)
      10. Jacqueline Humbert & David Rosenboom: Daily Viewing
      11. Farid El Atrache: Nagham Fi Hayati (Lp)
      12. Bob Dylan: Time Out Of Mind (surround)

 

2023 11 Apr.

„Saudades“

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Ich weiss noch genau, wie und wo ich das Album „Saudades“ von Nana Vasconcelos erstmals gehört habe – und dann immer wieder hörte. Es war in den Wochen und Tagen vor der Ermordung John Lennons, ich war gerade in der Souterrainwohnung eines neuen Häuschens am Ausläufer des Hohen Bogens eingezogen, im „legendären“ Dorf Bergeinöden. Meine ersten beiden Bücher waren „Ripley Underground“ von Patricia Highsmith (eine Enttäuschung!) und Henry David Thoreaus „Walden“, eine Offenbarung. Zu den meditativen Strömungen von Thoreaus Erkundungen des Alleinseins in den Wäldern passte meine Umgebung im nördlichen Bayerischen Wald genauso gut wie Nana Vasconcelos‘ unendlich reiche Musik, die sich von jedem klar definierbaren Genre verabschiedet hatte. Ich hatte in jenem Jahrzehnte zwischen 1970 und 1980 fast jede ECM-Platte erworben, vieles per Jazz by Post, auch in meiner Zeit als Gruppentherapeut für Alkohol- und Medikamentenabhängige der Musikdealer meines Vertrauens. „Saudades“ war eine ideale Platte für die Stunden vor Mitternacht – häufiger liefen  damals im Herbst und Winter allein Brian Eno mit „Another Green World“, Television mit „Marquee Moon“, Neil Young mit „Comes A Time“, David Bowie mit „Low“ und die Talking Heads mit „Remain In Light“  – denn, natürlich, für einen „Townie“ wie mich war es wichtig, in der Einöde das Tanzen nicht zu verlernen. Lange tanzte ich allein, und später dann tanzten wir zu zweit! Ein knappes Jahr lang lebte ich einer Grauzone, in einem permanenten Rausch,  in einem Film, den Francois Truffaut gerne gedreht hätte. Er hätte das mit dem Happy End vielleicht hinbekommen. „Saudades“ heisst übrigens „Sehnsucht“. Come on, Eileen! Jedes Leben schreibt seinen ureigenen Soundtrack. 

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Testen Sie einfach die Pilotfolge. Also, zweiter Weltkrieg. Die Scheissnazis. Und dann ist da noch das künstlerische Zeug. Eine ganze Villa voller Künstler und Intellektueller – Max Ernst, Andre Breton, Hannah Arendt, Victor Serge – leben in Angst um ihr Leben und sind, weil Menschen nun mal in vielen Welten leben, auch in dunklen Zeiten, stets damit beschäftigt, sich zu erden, Auswege zu finden, die raren, schönen Momente auszukosten. Es ist ja auch die Zeit der Surrealisten, also ja, es gibt ein paar seltsame Partys. Das surrealistische Element zeigt sich auch in kleinen filmischen, experimentellen Vignetten, die durchgängig inszeniert werden, komplett mit den Spezialeffekten dieser Zeit. Auch der Abspann ist in diesem Stil gefilmt und erinnert jedes Mal daran, dass die Menschen in den 40er Jahren nicht nur im Zweiten Weltkrieg kämpften (als das US-Militär involviert wurde) oder weinend zu Hause warteten. Sie haben Kunst gemacht! Sie spielten herum! Sie, ja, sie knutschten! (Bei Max Ernst denke ich derzeit an das Fabelwesen Loplop aus der surrealen Abenteuermusik von Aksak Maboul und, unvergessen, an Markus Orths furiosen Roman „Max“. Wer „Belfast“ mochte, diesen wunderbaren kleinen Film über die Ära der „Troubles“ (aus der Perspektive eines Kindes, mit der Musik von Van Morrison), der kann bei „Transatlantic“ nicht fehlgehen.)

 

 

Look at the cover, and let’s talk psychogeography!

 

Gilles Peterson hat sich ja schon überall umgesehen und eben auch in den Archiven von Warner Music, und mich wundert nicht, dass er fü dig geworden ist bei diesem Album aus dem Jahr 1969, das er nun auf seinem Label Arc Records neu aufgelegt hat. Der Detroiter Jazz-Magus Yusuf Lateef war ein Multi-Instrumentalist und gehörte zu den Jazzern der späten fünfziger/frühen sechziger Jahre, die darauf bedacht waren, globale Einflüsse zu erforschen, während sie gleichzeitig ihre spirituelle Orientierung in das Geschehen einbrachten. Für seine Verhältnisse ist diese Scheibe ein ziemlich geradliniges Album, funky und treibend, mit großartigen Basslinien von Cecil McBee und Chuck Rainey. Die Musik ist, simpel gesagt, warm und unmittelbar, oft auch tanzbar. Wenn jemandem, der dies liest, keine so grosse Freude an dem Album hat, dann bitte melden! Ich habe es einmal bei einem Freund in London gehört, lang ist‘s her, und bin erst zu spät darauf gestossen, dass es nun  bei RSD gelistet war. Was ich über das Album lese, bringt gute Erinnerungen zurück.

 

 

Linda Fioretino is a hot shot in John Dahl‘s brilliant and quite low-budget thriller The Last Seduction (1993). A true amazon on the dark side of things, cold humour, cold heart, extremely manipulative and hot sex. The  company wanted a sexploitation movie, but what they got was an art movie with thrills and long goodbyes. A role model for assertive behaviour Linda surely was: if women forget about the sociopath aspect, she can really encourage boldness. I saw one of the „behind the scenes“-shootings: as everybody was preparing for a scene, Linda Fiorentino was just kissing young Bill Pullman. Really pressed her lips on his for quite a time. Out of the moment, just for fun. No instructions – by instinct only. She laughed. Impressive.

 

 

      1. Fire! Orchestra: Echoes   
      2. Matthew Herbert: The Horse   
      3. Arrroj Aftab / Vijay Iyer / Shazad Ismaly: Love In Exile
      4. The Necks: Travel
      5. Natural Information Society: Since Time Is Gravity
      6. Lana del Rey: Did you know…
      7. Mette Henriette: Drifting
      8. Aksak Maboul: Une Aventure de VV
      9. Lankum: False Lankum
      10. Seb Rochford & Kit Downes: A Short Diary
      11. Paul St. Hilaire: Tikiman Vol. 1
      12. Robert Forster: The Candle and The Flame

 


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